- Text: Patrick Heidmann
- Erscheinungsdatum: ..02.09.2010
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Jay Baruchel
Der Hollywood-Lehrling
Wenn man Jay Baruchel zum Interview in einem dieser Luxushotels trifft, in denen die großen Filmstudios gerne mal die Presse-Events für ihre Blockbuster veranstalten, dann hat man ein ähnliches Gefühl, wie wenn man ihn auf der Leinwand sieht. Irgendwie wirkt der dürre Schlacks mit den eher unfrisierten Locken, der etwas nervigen Stimme und dem selbst im nüchternen Zustand ein bisschen bekifft aussehenden Blick so ganz anders, als die anderen um ihn herum. Beinahe ein wenig fehl am Platz.
Dabei ist der 1982 in Ottawa geborene und in Montreal aufgewachsene Kanadier eigentlich ein alter Hase im Showgeschäft. Als Teenager stand er in seiner Heimat erstmals für eine Fernsehserie vor der Kamera, nach der Schule zog es ihn dann Richtung Hollywood, wo er Nebenrollen in Filmen wie „Almost Famous“ oder Eastwoods „Million Dollar Baby“ übernahm und von Judd Apatow für die kurzlebige Kultshow „Undeclared“ (im deutschen TV: „American Campus – Reif für die Uni?“) entdeckt wurde.
Der Komödien-Experte gab Baruchel später auch eine Nebenrolle im Kinohit „Beim ersten Mal“, und tatsächlich ist es kein Zufall, dass sich die Karrieren der beiden ungefähr gleichzeitig auf Erfolgskurs stellten. Denn spätestens mit Apatows erfolgreichen Komödien etablierte sich plötzlich ein neues Männerbild in Hollywood: Wo lange Zeit nur auf Schönlinge wie Brad Pitt oder Josh Hartnett gesetzt wurde, entpuppten sich mit einem Mal rülpsende Riesenbabys als Leinwandhelden und untrainierte Nerds bekamen die schönsten Frauen ab. Wäre Baruchel also zehn Jahre früher vermutlich nicht über Auftritte in albernen Sitcoms hinausgekommen, engagierte man ihn nun – nach kleineren Parts in „Tropic Thunder“ oder „Nick & Norah“ – für Kino-Hauptrollen. „Ich freue mich riesig, dass man auch im Hollywood-Kino mittlerweile ganz normale Menschen zu Gesicht bekommt“, sagt er selbst im Gespräch. „Denn wenn wir ehrlich sind, sehen echte Menschen nun mal eher so aus wie ich als wie Vin Diesel.“
Noch geht der 28-Jährige, der auf Cola und Eishockey steht und seine Liebe zu Joy Division auch per T-Shirt kundtut, in seiner Funktion als neuer „leading man“ in Hollywood allerdings in die Lehre. Ähnlich also wie in seinem neuen Film „Duell der Magier“, seiner zweiten Hauptrolle nach der Romantikkomödie „Zu scharf um wahr zu sein“, in der er vor einigen Monaten – natürlich! – allen Macho-Konkurrenten die sexy Blondine vor der Nase wegschnappte. An der Seite von Nicolas Cage darf er sich nun aber immerhin zum ersten Mal als Weltenretter versuchen. Nach allerlei Zauberlehrling-Problemen mit außer Kontrolle geratenen Putzutensilien hat der Action-erprobte Kollege ihn nämlich irgendwann so weit, dass er finalen Showdown tatsächlich seine neu entdeckten magischen Fähigkeiten mit allerlei CGI-Effekten zum Einsatz bringen kann.
Ob auf Baruchel in Hollywood allerdings eine dauerhafte Festanstellung wartet, muss sich noch zeigen, schließlich kommt er bald in ein Alter, wo man nicht mehr ohne weiteres den verpeilten Langzeitstudenten spielen und trotzdem noch charmant wirken kann. „Mir ist schon klar, dass ich in Hollywood immer nur für einen ganz bestimmten Rollentyp engagiert werde“, spricht der unter anderem mit einem Ahornblatt tätowierte Patriot das Dilemma offen an. „Aber das stört mich nicht. Denn erstens könnte ich die Rollen ja ablehnen, wenn sie mir keinen Spaß machen würden. Und zweitens drehe ich fast genauso oft in Kanada, wo ich für ganz andere Parts besetzt werde. Filme wie ‘The Trotzky’ sieht nur außerhalb meiner Heimat kaum jemand.“
Ganz abgesehen davon arbeitet er ohnehin längst an einer Umschulung. Gemeinsam mit seinem langjährigen Kumpel Seth Rogen stellt er gerade die Komödie „Jay and Seth vs. The Apocalypse“ auf die Beine, die vielleicht noch in diesem Jahr gedreht werden könnte. Und schon im Herbst macht er sich auf nach Winnipeg, wo der Eishockey-Film „Goon“ entsteht, für den er das Drehbuch verfasste. Dass Jay Baruchel sich dort fehl am Platz fühlt, steht eher nicht zu befürchten.
Text: Patrick Heidmann
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