- Text: Cornelis Hähnel
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Berlinale 2009
Glückliche Perverse
Das Forum ist so etwas wie der Seismograph des jungen Kinos. Hier kann man die originellsten, streitbarsten und dynamischsten Filme der ganzen Berlinale sehen. Hier ein paar vorläufige kompromisslose Höhepunkte.
Beim ehemaligen japanischen Experimentalfilmer Sono Sion, der bereits 2006 im Forum seinen Kindesmissbrauch-Thriller „Strange Circus“ präsentierte, lässt sich wieder seine künstlerische Herkunft erahnen. Mit fast vier Stunden ist sein Mammutwerk „Love Exposure“ vielleicht nicht nur der längste Film im diesjährigen Programm, sondern auch einer der interessantesten.
Der herzensgute Yu sehnt sich nach der Aufmerksamkeit seines Vaters, einem katholischen Priester. Einzig während der Beichte finden die beiden zusammen, doch Yus Leben ist moralisch unbedenklich. So beschließt er, den Weg der Sünde einzuschlagen um so seinem Vater näher zu kommen. Er übt sich in der heimlichen Höschen-Fotografie und wird damit zum Idol der Perversen. Doch dann verliebt er sich in die männerhassende Yoko, die ihn an die Jungfrau Maria erinnert, die einzige Frau, die ihm eine Erektion beschert. Doch Yoko fühlt sich zu der mysteriösen Miss Scorpion hingezogen, ohne zu ahnen, das Yu hinter der Maskerade steckt. Und als Yoko dann in den Fängen einer rücksichtslosen Sekte ist wird Yu gezwungen, in der Pornoindustrie zu arbeiten, um sie wiederzusehen. Klingt wild? Ist in Wirklichkeit noch viel wilder. Mit barocker Opulenz rast der Film nur so durch die Minuten und lässt aufgrund der grandiosen Erzähllust und vielen absurden Einfällen keine Sekunde Langeweile aufkommen. Katholizismus und Perversion in grandioser inniger Umarmung, ein wirkliches Highlight bislang.
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Das genaue Gegenteil, aber nicht weniger spannend, ist die schwedische Produktion „Man tänker sitt“ („Burrowing“) von Henrik Hellström und Fredrik Wenzel. In nur 76 Minuten decken die beiden in ihrem Debüt die komplizierten Kleinfamilienverhältnisse und die darunter brodelnden Spannungen auf. Ein elfjähriger Junge schaut auf das Leben der Nachbarschaft und erkundet langsam deren innere Erschütterungen. In kargen und sperrig elegischen Bildern blickt der Film tief in den Abgrund hinter der oberflächlichen Idylle und verbreitet ganz schleichend ein intensives Unwohlsein.
Von interfamiliären Konflikte erzählt auch die Tragikomödie „Cea mai fericita fata din lume“ („The Happiest Girl in the World“). Das Teenager-Pummel Delia hat beim Preisausschreiben eines Saftherstellers ein Auto und einen Auftritt in deren Werbespot gewonnen. Völlig aufgeregt fährt sie mit ihren Eltern nach Bukarest und muss dort feststellen, wie anstrengend so ein Drehtag sein kann. Denn nicht nur, dass sie in jedem Take eine halbe Flasche Saft trinken muss, auch der Satz: „Ich bin das glücklichste Mädchen der Welt“ kommt ihr nach einem heftigen Streit mit der Mutter immer schwerer über ihre Lippen.
Auf den ersten Blick ist der Film des Rumänen Radu Jude nur eine kleine Episode, die einen Sommertag in der Großstadt erzählt, doch dahinter steckt eine präzise Miniatur-Studie über Wünsche und Träume und der gegenteiligen sozialen Realität. Denn trotz aller Leichtigkeit und klugem Witz ist immer eine leise Tragik und unerfüllte Sehnsucht zu spüren, die den Film zu mehr als einer Abrechnung mit der Scheinwelt der Konsumwelt macht.
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