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Bild: Berlinale 2010 - Neukölln Unlimited
  • Text: Daniel Schieferdecker
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Berlinale 2010 - Neukölln Unlimited

Berlinale 2010. Wir sind dabei.
Die 60. Berlinale. Sie hat begonnen. Jedoch nicht mit einem cineastischen Knall, sondern ziemlich gemächlich. Von einem filmischen Feuerwerk war der Eröffnungsfilm „Tuan Yuan“ nämlich so weit entfernt wie Bushido von einem Oscar.

Überspringen wir dieses Thema also ganz dezent und widmen uns lieber einem Film, den man sich schon mal vormerken sollte: „Neukölln Unlimited“. Ein Dokumentarfilm, in dem die drei Kinder einer libanesischen Familie ein Jahr mit der Kamera begleitet wurden, um ihren tagtäglichen Kampf um behördliche Anerkennung zu zeigen.


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Mit Lial und Hassan haben wir gesprochen:

Wie sind die Filmemacher auch euch aufmerksam geworden?
Hassan: Mein Bruder Maradona und ich haben damals im Jugendclub „Manege“ trainiert und bei einer Veranstaltung, die ich dort organisiert habe, war der Regisseur Agostino Imondi zugegen und hat sich das angesehen. Er hatte bereits überlegt, einen Film über Jugendliche in Neukölln zu machen, weil zu der Zeit gerade die Rütli-Schule durch sämtliche Medien ging. Agostino hat dann zuerst Maradona angesprochen, aber dann nach und nach auch immer mehr über unsere Lebensgeschichte erfahren und dann die Idee gehabt, einen Film darüber zu drehen. Er sagt heute auch, dass er ganz viel Glück gehabt hat, uns getroffen zu haben und in Verbindung mit dem Tanzen etwas zum Thema ‚Abschiebung’ machen zu können.

Habt ihr sofort zugesagt oder habt ihr lange überlegt? Schließlich gebt ihr darin auch sehr viel Persönliches preis.
Hassan: Wir haben zu der Zeit sowieso schon sehr viel Medienarbeit gemacht, um auf diese Weise gegen die Abschiebung zu kämpfen. Ich war zum Beispiel in der TAZ und auch bei Frontal21 im ZDF. Wir haben total viel gemacht, aber es hat leider überhaupt nichts gebracht. Deswegen war ich auch erst skeptisch, habe mich dann aber dazu entschlossen, noch ein letztes Mal mit dem Thema groß in die Medien zu treten.

Der ganze Film wirkt sehr authentisch, auch in Diskussionssituationen, in denen natürlich die Kamera dabei war. Wie schwierig ist es unter solchen Voraussetzungen, man selbst zu sein?
Hassan: Nach einer gewissen Zeit gewöhnt man sich an die Kamera und schämt sich nicht mehr, vor ihr bestimmte Sachen preiszugeben, zumal das gesamte Team irgendwann auch zu Freunden herangewachsen ist, das einen eh kennt. Die sind aber auch sehr behutsam mit allem umgegangen und hätten nichts in den Film gepackt, was wir dort nicht hätten haben wollen.

Das medial kreierte Klischee von jugendlichen Migrantenkindern aus Neukölln umfasst häufig Kriminalität, Gewalt und eine Antihaltung gegenüber der deutschen Kultur. Ihr liefert ein perfektes Gegenbeispiel dafür.
Hassan: Eine Intention des Films ist die, den bestehenden Vorurteilen etwas entgegenzusetzen. Es gibt jedoch viele Familien wie unsere, die sich in der Gesellschaft engagieren und für ihre Rechte kämpfen, aber dennoch von der Politik verstoßen werden. Über uns wurde häufig geschrieben, wir seien ein Paradebeispiel für gelungene Integration. Mit dem Film wollen wir den Menschen Mut machen, denen es ähnlich geht wie uns.

Im Film gibt es ein Aufeinandertreffen mit Innensenator Körtig, bei dem er sich eher widerwillig auf eine Diskussion mit euch einlässt. Hat das Gespräch dennoch etwas an eurer Situation verändert?
Hassan: Eigentlich nicht. Er hat zwar einen Brief geschrieben, in dem er mir eine Aufenthaltsgenehmigung zugesichert hat, wenn ich mein Studium begonnen habe, aber was bringt mir das, wenn der Rest meiner Familie abgeschoben wird?
Lial: Ich verstehe auch deren Kriterien nicht, nach denen entschieden wird, wer in Deutschland bleiben darf und wer nicht. Wir haben eine Ausbildung, verdienen unser Geld, haben keine Vorstrafen und werden abgeschoben. Andere Familien tun nichts, sind kriminell und dürfen hier bleiben. Das ist doch nicht fair.

Wie ist es euch trotz all der Probleme gelungen, euren Weg zu finden? Dem Neukölln-Klischee zufolge wird euch eine kriminelle Laufbahn ja eigentlich mit in die Wiege gelegt.
Hassan: Unsere Eltern waren stets tolle Vorbilder für uns. Die sind nach Deutschland gekommen, wurden von der Gesellschaft verstoßen, aber haben sich dennoch mit legalen Mitteln etwas aufgebaut. Erst wenn die Eltern sich aufgeben, tun ihre Kinder es ihnen gleich. Aber unsere Eltern haben immer gekämpft.
Lial: Wir haben von ihnen auch stets den nötigen Freiraum bekommen. Wir konnten uns ausprobieren, was besonders für mich als arabisches Mädchen, keine Selbstverständlichkeit ist. Unsere Eltern haben uns immer vertraut und in allem unterstützt. Wir konnten selbst den Weg wählen, den wir einschlagen wollen. Und weil unsere Eltern in dieser Hinsicht den richtigen Weg gegangen sind, sind wir ihnen gefolgt.

Meint ihr, dass dieser Film an eurer Situation oder der von anderen Familien in vergleichbarer Situation etwas veändern kann?
Lial: Schwer zu sagen. Wir hoffen es zumindest. Herr Körting ist zur Premiere am Samstag auf jeden Fall eingeladen.

Interview: Daniel Schieferdecker


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