unclesally*s, dein Musik-Magazin für Punk, Rock, Indie, Alternative, Indierock mit vielen Interviews und Rezensionen

Bild: Von Rüpeln, Raupen und Runzeln
  • Text: Cornelis Hähnel
  • Kommentar schreiben

Von Rüpeln, Raupen und Runzeln


Bei der großen Eröffnungsgala sagte Jury-Mitglied Renée Zellweger (die – bösen Zungen zufolge – noch kurz vorher für eine Stippvisite beim Plastinator Gunther van Hagens vorbeigeschaut hat), sie freue sich auf zehn Tage mit spannenden Filmen, die irgendwie „anders“ seien. Da hatte sie wohl gestern am Wettbewerb ihre reinste Freude gehabt.

Neben dem freudig aufgenommenen „Der Räuber“ von Benjamin Heisenberg (siehe auch das Interview vom 15.2. mit Hauptdarstellerin Franziska Weisz hier im Blog) zeigte sich Norwegens Beitrag „A Somewhat Gentle Man“ als humorvolles Glanzstück.


ANZEIGE





Regisseur Hans Petter Moland inszeniert seine Geschichte über einen Mann, der nach 12 Jahren Knast wieder zurück in seine alten sozialen Strukturen finden will, ebenso trocken wie komisch. So wie die Landschaft Norwegens durch karge Schönheit geprägt ist, überzeugt „A Somewhat Gentle Man“ durch schrägen und knarzigen Humor in passender Tristesse. Da wird schon mal eine Verursacherin von einem Auffahrunfall ohne mit der Wimper zu zucken in die Mülltonne geworfen und 2-Minuten-Pflicht-Sex mit Jesus-Rufen zu polnischem Fernsehprogramm praktiziert. Eine Ansammlung von abwegigen Einfällen, wunderbar verschrobenen Personen und getrieben von einer ordentlichen Portion schwarzen Humors ist der Film vielleicht zwar kein Preisanwärter, aber definitiv einer der unterhaltsamsten Beiträge des Festivals bislang.

Ganz und gar nicht komisch, aber trotzdem irgendwie bizarr, präsentierte sich der japanische Wettbewerbsfilm „Caterpillar“ in dem die Regie-Legende und der leidenschaftliche Trainingsanzugträger Koji Wakamatsu den Zuschauer ins Japan von 1940 entführt. Während des zweiten chinesisch-japanischen Krieges kehrt Lieutenant Kurokawa in sein Heimatdorf zurück. In einer Schlacht hat Kurokawa Arme und Beine verloren, sein Gesicht ist schwer verbrannt. Seine Frau steht unter dem Druck der Gesellschaft, ihren schwer entstellten Ehemann zu pflegen, schließlich bedeutet die Fürsorge des Kriegsveteranen einen Akt der Vaterlandehre. Wakamatsu entwickelt in seinem Drama ein perfides Machtspiel zwischen den beiden Eheleuten, das ebenso berührt wie verwirrt. Mit intensiver Drastik ist der Film ein Psychogramm einer familiären Hierarchie und ein Kommentar zu den Folgen des Krieges, die sich auch fernab des Schlachtfelds manifestieren. Ein ebenso verstörend wie beeindruckend radikaler Antikriegsfilm. Da sollte doch Frau Zellweger oft genug gedacht haben: „Oh, wonderful, it’s so different!“


...zurück


Du musst eingeloggt sein,
um Kommentare schreiben zu können.


Passwort vergessen?
Registrierung

Kontakt -  Impressum -  Mediadaten -  Abo ·  nach oben