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Festival-Rückblick
Neue Wege für Berliner Filme


Berlin ist überall und nirgends – das könnte das heimliche Motto der siebten Ausgabe von „Achtung Berlin!“ gewesen sein. Der „New Berlin Film Award“, wie sich das Filmfestival im Untertitel nennt, hatte es sich auch diesmal zur Aufgabe gemacht, Berlin-Brandenburg als Film – und vor allem auch Produktionslandschaft zu präsentieren. „Bei uns geht es nicht nur darum, dass der Dreh in Berlin stattgefunden haben muss“, sagt Festivalleiter Sebastian Brose, „sondern auch, dass die Stadt als Standort für Produktion und Postproduktion attraktiv ist.“ Die Hauptstadt, das zeigen die Filme des diesjährigen „Achtung Berlin!“ -Festivals, ist zu einer Metapher für neue Wege im und zum deutschen Film geworden und richtet sich lieber im Subtext ein. Längst haben Schwerpunkte wie etwa Integration oder die Suche nach neuen Lebensentwürfe die Hauptrolle übernommen.
Und wenn die Stadt doch einmal im Vordergrund steht, dann geschieht das beispielsweise wie in Peter Jeschkes Kurzfilm „Love Love Yeah“ in schnellen Schnitten zu lauten Technobeats: Tom und sein bester Freund verbringen den Berliner Sommer mit ausgiebigen Clubtouren und anschließendem Ausnüchtern am Spreeufer. Als klar wird, dass Tom unwissentlich im Rausch der Nacht mit der Freundin seines Freundes geschlafen hat, distanziert er sich von den beiden, ohne das Geheimnis zu lüften. Mit nahen, intensiven Einstellungen und dem einzigen titelgebenden Song wird in nur zehn Minuten das laute, schnelle Berlin erzählt: Die weltbekannte Clubkultur entlang des Friedrichshainer Spreeufers, mitsamt ihrer eingeschworenen Belegschaft aus hippen twenty somethings, die zusammen mit Partydrogen und flüchtigen Bekanntschaften für den Augenblick lebt.
Nach neuen Lebensentwürfen sucht hingegen die in Berlin lebende Familie des jungen Deutsch-Türken Luk in Ayse Polats Wettbewerbs-Beitrag „Luks Glück“. Nachdem die Familie als Tipp-Gemeinschaft im Lotto gewonnen hat, zerstreitet sie sich über die Frage, wie das Geld am besten einzusetzen sei. Im Mittelpunkt steht dabei der tolpatschige Verlierer Luk und sein heimlicher Wunsch, eine CD mit türkischer Popmusik in Istanbul zu produzieren. Doch der Plan seines Vaters sieht eine sofortige Rückkehr in die Heimat vor, samt Kauf eines Luxushotels in Kappadokien. Dem Film, der bei den Hofer Filmtagen 2010 den Förderpreis der großen Jury für den besten Schnitt gewann, gelingt es, mehrere Erzählebenen gleichzeitig zu bedienen: Vordergründig erzählt die Tragikkomödie von einer nach außen hin vollkommen integrierten türkische Familie in Deutschland und ihrer heimlichen Träume in der Türkei zu leben. Die eigentliche Stärke des Films liegt aber in der schauspielerischen Kraft des Schweizers René Vaziri. Er spielt den einsamen, selbstmordgefährdeten Luk, der mit hängenden Schultern und schloddriger Jeans seinem persönlichem Zusammenbruch entgegen schlurft und dabei um ein Haar die begehrte Sängerin Gül vergrault. Vaziris Interpretation des kiffenden Nerds mit verstecktem künstlerischem Potential ist so überzeugend, dass man hofft, ihn nicht im nächsten Tatort wieder in der gleichen Rolle zu sehen.


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Um seine persönliche Integration in ein Leben ohne Selbstvorwürfe und Zweifel ringt auch Robert Stadlober in „Der Mann, der über Autos sprang“. Die etwas sperrige Geschichte um einen entflohenen Psychiatrie-Insassen, der den kranken Vater seines verstorbenen Freundes retten will, in dem er mit einer Wanderung durch Deutschland Energie freisetzt, brauchte sechs Jahre, um genügend Fördergelder zusammen zu bekommen. Dann gewann Regisseur Nick Baker-Montey im Januar den Max Ophüls-Preis für das beste Drehbuch und wurde auch im Vorfeld von „Achtung Berlin!“ als Favorit gehandelt. Dabei schreddert die bildgewaltige Story immer wieder knapp an einer esoterischen Messiasgeschichte vorbei, der platinblonde Robert Stadlober als braungebrannter Irrer wirkt mit seinem Gerede von der Freiheit des Geistes und der Kraft der Gedanken in fast jeder Einstellung unfreiwillig komisch. Dass man den Film trotzdem ernst nimmt, liegt an den puristisch eingesetzten Dialogen und den atemberaubenden Landschaftsaufnahmen von Eva Fleig, die denn auch den Preis für die beste Kamera gewann.
„Für die Filmszene im Raum Berlin-Brandenburg sind wir mittlerweile richtungsweisend“, sagt Sebastian Brose selbstbewusst, wenn er über sein Festival spricht. Die stetig steigenden Zuschauerzahlen mögen ihm dabei recht gegeben haben. Achtung Berlin! hat auch dieses Jahr seinen Rang als drittgrößtes Berliner Zuschauerfestival neben dem Giganten Berlinale und dem Kurzfilmfestival Interfilm weiter ausgebaut.

Text: Cosima Grohmann


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