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ROCKLEXIKON DER DDR


Eines der qualvollsten Nachschlagewerke in Sachen Rockmusik ist sicherlich das soeben erschienene 'Rocklexikon der DDR' von Schwarzkopf & Schwarzkopf Berlin. Lautstark verspricht der Verlag ein Lexikon 'der Bands, Interpreten, Sänger, Texter und Begriffe', das das 'Erinnerungsvermögen des Lesers aktivieren' soll, doch leider aktiviert das Buch beim Leser ganz andere Dinge, zum Beispiel den Drang wegzulaufen. Denn es ist grottenschlecht.
Aus mindestens drei Gründen.
Erstens: Statt den Lesern auf eine spannende musikalische Zeitreise zu schicken, packt Diplomdokumentar Götz Hintze seine Karteikarten aus und doziert akribisch, wer wann wem in der DDR die Baßgitarre in die Hand drückte. Drumherum strickt er inhaltsarme Abfolgen äußerer Geschehnisse, die er meist nur benennt und fast nie analysiert. Wenn Hintze doch mal ins Detail geht, kommt er entweder zu merkwürdigen Schlüssen (der Gesang von Keimzeit-Sänger Norbert Leisegang ist kaum als 'lasziv' zu bezeichnen), oder verfällt ins Kumpeldeutsch: der Text des Pankow-Songs Inge Pawelczik sei 'weiß Gott nicht gerade harmlos'. Himmelschreiend, wie Hintze die Affäre um den Engerling-Sänger Wolfram Bodag in einem einzigen absurden Satz abhandelt: '1986 wurde Engerling für einige Monate auf Eis gelegt, da Bodag bei Auseinandersetzungen mit der Polizei beide Hände gebrochen wurden'. Kein Wort über die Hintergründe. Man darf vermuten, dass der Autor sie nicht kennt. Doch auch mit Allgemeindiagnosen greift Hintze oft daneben: 'Regelmäßige Platzierungen in den DDR-Wertungssendungen verhalfen Electra zu einem vorderen Platz in der DDR-Rockgeschichte'. Hier beißt sich die Schlange in den Schwanz, denn es waren zunächst ja die Songs, die die Band nach oben brachten.
Zweitens: Statt individuelle Portraits zu erstellen, klebt der Autor seinen Objekten leere Etiketten an, was die Lektüre auf Dauer ungenießbar macht. Die Musik ist meist 'interessant'. Und die Musikanten? O-Ton Hintze: der 'führende Schlagerkomponist' (Arndt Bause), der 'führende Bluesinterpret' (Jürgen Kehrt), der 'führende Showmaster' (Wolfgang Lippert), die 'führende Gitarrenband' (BUTLERS), die 'führende Undergroundband' (MIXED PICKELS).
Zum mangelnden Differenzierungsvermögen des Autors treten drittens Probleme mit der deutschen Sprache. Neben eklatanten Rechtschreibfehlern, die ihm jeder Computer herausgefischt hätte, passieren dem Autor auch stilistische Missgriffe en masse. Die DDR-Beatbands wurden nicht 'ausgerottet', bei der NVA wurde nicht 'verweilt', CDs können keine 'vorderen Plätze in Plattenläden' belegen. Urkomisch Hintzes Statement über den Saxophonisten der Gruppe Lift: 'Till Patzer war in seiner Funktion als Bläser weiterhin unberührt.' Angelika Mann 'errang Popularität mit den auf ihren Leib geschriebenen Titeln'.
Lexika sind eigentlich erfreulich. Sie ordnen ein, zeigen Zusammenhänge, erzählen Anekdoten und, wenn sie richtig gut sind, erheitern sie durch geistvollen Witz. Hintzes Buch tut von allem nichts. An den Verlag geht die Frage, ob er es legitim findet, solch ein halbfertiges Werk in Druck zu geben und dafür auch noch Geld zu verlangen. Er sollte sich für künftige Projekte adäquate Autoren suchen. Und ein funktionierendes Rechtschreibprogramm.
Götz Hintze: 'Rocklexikon der DDR' 352 Seiten, 29.80 DM Schwarzkopf & Schwarzkopf 1999.


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