- Text: Caroline Frey
- Fotograf: John Niven
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John Niven
Seid lieb!
„Gott bewahre“ (oder schöner im Original: „The Second Coming“) heißt das neue Buch von John Niven. Diesmal allerdings geht es nur am Rande um die Abgründe der Musikindustrie („Kill Your Friends“) und gar nicht um Golf („Coma“) – sondern um Gott.
Der gönnt sich zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Woche Angelurlaub. Blöderweise entspricht ein Tag im Himmel exakt 57 Erdenjahren. Die gute Urlaubslaune ist also sofort dahin, als er bei seiner Rückkehr sieht, was die Menschheit in den letzten 400 Jahren mit seiner Erde so alles angestellt hat. Womit wir auch beim eigentlichen Thema des Buches wären: Wir - und alles, was es an uns so zu kritisieren gibt. Umweltverschmutzung, Kriege, Kommerzialisierung, Fanatismus, Globalisierung, moralischer Verfall, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Schwulenhass, Gier, Egoismus... Das alles gewürzt mit dem typischen John Niven-Humor.
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Die Bedenken auf den ersten Seiten, eine ewig kiffende und feiernde Himmelscrew sei vielleicht doch ein wenig platt – räumt das Buch mit seinen charmant-witzigen Ideen schnell beiseite. So bekam Moses einen Höllenärger, als er eigenmächtig und leicht profilneurotisch seine Zehn Gebote niederschrieb, um dem einen von Gott in Auftrag gegebenen „Seid lieb“ etwas mehr lyrischen Nachdruck zu verleihen. Apropos: es ist und bleibt nicht einfach, eine gute deutsche Entsprechung für das englische „fuck“ zu finden. Ein „verfickter Idiot“ ist eben noch lange kein „fucking idiot“ - auch deshalb sei an dieser Stelle die Originalausgabe empfohlen.
Gott beschließt also, dass etwas getan werden muss und schickt – na klar – Jesus, der es wieder einmal richten soll. Der landet als verkannter Musiker in New York, schart eine illustre Gruppe „Jünger“ oder vermeintlich „Gescheiterte“ um sich und hat im großen und ganzen eine gute Zeit. Nur zuhören will ihm der Rest der Menschheit lieber nicht. Die Mittel der Zielgruppe wählen ist die Devise, aus der eine Bewerbung bei einer Castingshow wird, bei der sich der Leser übrigens auch auf ein Wiedersehen mit Steven Stelfox freuen darf.
John Niven ist bester Laune, als er in Berlin bei Kaffee und Keksen über die Zukunft der Menschheit, seine Mama, Monty Python, Kiffen, The Clash und das schreibende Unterbewusste an sich redet:
Glaubst du an Gott?
Nein, ich bin Atheist. Aber das ist auch gar nicht so wichtig, denn das Buch ist ja keine Kritik an Gott oder Jesus, sondern vielmehr eine an dem, was die Menschen in Gottes Namen und sonst noch so an Mist anstellen.
Hast du dir trotzdem Sorgen gemacht, dass jemand komisch oder gar gefährlich auf das Buch reagieren könnte?
Nein, nicht wirklich. Ich denke, hier in Europa haben wir einen entspannten Umgang auch mit Kritik an sensiblen Themen. Ich glaube nicht, dass mich jetzt Christengruppen verfolgen werden. In Amerika könnte das allerdings schon wieder anders aussehen. Es gibt schon einen großen Unterschied zwischen mir und Salman Rushdie. Ich komme aus einem Kulturkreis, in dem Monty Python vor fast 40 Jahren „Das Leben des Brian“ schrieben (lacht).
Wie ist denn die Idee überhaupt entstanden?
Eigentlich sollte das Ganze ein Drehbuch werden. Ich merkte aber schnell, dass ich nie im Leben ein Studio finde, das so einen teuren Film macht. Also hab ich die Idee zurück in die Schublade gepackt. Als ich dann mal wieder in den Staaten unterwegs war, musste ich feststellen, dass dieses Land - obwohl Obama inzwischen im Weißen Haus eingezogen war - politisch immer weiter nach rechts rutscht. Besonders die religiöse Rechte glaubt, eine Art Besitzanspruch auf Gott und Jesus zu haben und begründet ihre krude Weltanschauung und den vermeintlichen Machtanspruch mit dem Willen Gottes. Nebenbei ein Gott, bei dem es vor allem um Bestrafung, Rache und Intoleranz geht. Wenn ich mir einen Gott vorstelle, würde genau das Gegenteil Sinn machen – also beschloss ich, darüber zu schreiben.
Wie viele Joints hast du geraucht, während du geschrieben hast?
(lacht) Das Lustige ist, dass ich kein Cannabis rauchen kann. Wenn ich nur einmal ziehe, falle ich entweder in Ohnmacht oder bin einfach zu nichts mehr zu gebrauchen. Die Idee habe ich von dem amerikanischen Komiker Bill Hicks, der die Geschichte erzählte, dass Gott die Republikaner erschaffen musste, als er feststellte, dass er das Marihuana auf der Erde vergessen hatte. Dieser so genannte War Of Drugs und das damit verbundene Marihuana-Verbot ist auch eine einzige Farce. Es gibt für mich keinen ersichtlichen Grund, warum Alkohol und Tabak erlaubt sind, Gras aber verboten ist. Ich fand die Idee sehr lustig, dass Gott, der ja auch diese Pflanze erschaffen hat, und die komplette Himmelbelegschaft ganz gerne mal einen kiffen. Auch wenn ich es nicht vertrage, kenne ich einige Menschen, die von früh bis spät kiffen und ganz hervorragend funktionieren.
Wie schwer war es, einen Moment in der Zeitgeschichte zu finden, an dem Gott in seinen Urlaub aufbrechen kann?
Das war tatsächlich gar nicht so einfach, denn um ehrlich zu sein, war auch die Renaissance eine ziemlich blutige und dunkle Epoche, aber sie war eben auch das Ende des noch viel dunkleren Mittelalters und der Beginn der Neuzeit mit hellen Köpfen wie da Vinci, Shakespeare, Dante, Erasmus von Rotterdam – um nur einige zu nennen. Natürlich war auch damals lange nicht alles gut, aber es ging mir ja vor allem auch darum zu verdeutlichen, in welcher kurzen Zeitspanne wir diesen Planeten vor allem ökologisch immer weiter kaputt machen.
Glaubst du persönlich, dass die Menschheit eine Zukunft hat?
Ja, ich bin ein sehr optimistischer Mensch. Ich bin kein Zyniker, aber ich liebe schwarzen Humor. Natürlich macht es einen manchmal irre, wenn man sich den ganzen Schwachsinn in der Welt anguckt, aber genau deshalb muss man eben etwas tun. Es mag kindisch sein, aber ich habe das Gefühl, aufstehen zu müssen und zumindest kund zu tun, dass ich nicht einverstanden bin. Ich bin in der glücklichen Position, schreiben zu können und dafür auch noch bezahlt zu werden – sonst wäre ich vermutlich so ein Typ mit einem Schild um den Hals, der die Autos anschreit.
Glaubst du, dass dieses Buch etwas verändern kann?
Ich habe ein paar Briefe und E-Mails bekommen, die mich sehr gerührt haben. Jemand schrieb, dass das Buch ihn die Dinge hat anders sehen lassen. Die meisten meiner Leser sind relativ jung und wenn ich es schaffe, deren Denkhorizont auch nur ein klitzekleines bisschen zu erweitern, habe ich doch schon viel erreicht. Als ich 15 oder 16 war, waren The Clash meine Religion, sie haben mich gelehrt, die Welt in einem anderen und sicher auch politischeren Licht zu sehen. Ich habe Joe Strummer ein paar Mal getroffen und er sagte immer, dass all diese Leute auf ihn zukommen und ihm erzählen, wie er ihr Leben verändert hat. Ich denke, dass auch Musik und gerade so eine Band durchaus in der Lage ist, etwas zu bewegen. Das ist doch toll.
Apropos Musik: Bevor „Kill Your Friends“ die Bestsellerlisten stürmte, wurde es von 18 Verlagen abgelehnt. Hast du dich in dieser Zeit ein bisschen so gefühlt wie Coldplay oder Muse als sie vor deinem Label-Schreibtisch saßen?
(lacht) Nicht ganz, denn ich habe eine sehr gute Agentin, die an mich geglaubt hat. Jeder, der ein Buch schreibt, hat diesen Moment, in dem er daran zweifelt, ob seine Buchstaben da draußen irgendjemanden interessieren. Ich hatte fast zwei Jahre jeden Tag geschrieben und ich wusste, dass es keine Garantie und wahrscheinlich nicht mal eine Möglichkeit gibt, das Buch überhaupt zu veröffentlichen. Jedes Jahr gibt es circa zwei Millionen unveröffentlichte Manuskripte, die Wahrscheinlichkeit zu scheitern war also sehr, sehr groß. Und selbst wenn das Wunder passiert, dass sich ein Verlag findet, der das Buch herausbringt, so verkaufen um die 90% weniger als 5.000 Exemplare. Es ist also schon sehr vergleichbar mit dem Musikbusiness.
Entwickeln deine Figuren eine Art Eigenleben?
Ja, irgendwie schon. Steven Stelfox zum Beispiel sollte in dem neuen Buch eigentlich nur einen ganz kurzen Cameo-Auftritt haben. Aber wenn der einmal loslegt, ist er gar nicht so einfach zu stoppen (lacht). Ich bin inzwischen überzeugt, dass man die wichtigen Dinge mit dem Unterbewusstsein schreibt. Die besten Ideen kommen einem nicht am Schreibtisch, sondern unter der Dusche oder beim Autofahren. Das Unterbewusstsein macht eigentlich die grundlegende Schreibarbeit, das Bewusstsein steigt ein, wenn man editiert. Ich habe ein paar Jahre gebraucht, bis ich das akzeptiert habe. Mein erster Entwurf ist oft ganz fürchterlich und ich würde ihn niemandem zeigen, der vierte Entwurf fängt dann langsam an gut zu werden. Es braucht allerdings auch eine höllische Disziplin, nach der 400. Seite einmal tief durchzuatmen und sich wieder mit Seite Eins zu beschäftigen – und das vier-, fünf- oder auch sechsmal hintereinander.
Das Buch ist deiner Mutter gewidmet – hat es ihr gefallen?
Sie mag es. Sie hat alle meine Bücher bis auf „Kill Your Friends“ gelesen, weil ich ihr gesagt habe, sie soll es besser nicht tun. Sie hat es zwar auch zu Hause, behauptet aber, es tatsächlich nicht gelesen zu haben – ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob ich ihr das glauben soll (lacht). Es war lange überfällig, ihr ein Buch zu widmen und das nächste dreht sich unter anderem um eine sehr rachsüchtige Mutter - ziemlich unpassend, ihr das zu widmen.
Du arbeitest also schon am nächsten Buch?
Das ist schon fertig.
Hörst du jemals auf zu schreiben und machst eine Pause?
Nein (grinst). Ich habe ja sehr spät angefangen – mit 34 hab ich meine erste Geschichte geschrieben. Ich hatte zehn Jahre lang sehr viel Spaß in der Musikindustrie, aber manchmal denke ich, ich hätte früher anfangen sollen. Als ich mit „Kill Your Friends“ dann tatsächlich Erfolg hatte, konnte ich es gar nicht glauben, dass ich so ein Glückspilz sein sollte und hatte ein bisschen Angst, dass mir das wieder genommen wird - also habe ich lieber schnell weiter geschrieben.
Wenn das so weitergeht, können wir uns also noch auf viele Bücher freuen. „Gott bewahre“ gibt es für die, die sich lieber vorlesen lassen, übrigens auch als Hörbuch. Und allen die auf Vorlesen, „live“ und bestimmt jede Menge Spaß stehen, seien die folgenden Lesungen mit John Niven und Bernd Begemann wärmstens ans Herz gelegt:
John Niven - Zur Person
John Niven wird 1968 in Ayrshire im Südwesten Schottlands geboren. Er studiert Englische Literatur an der Universität Glasgow und spielt Gitarre in einer Band namens „The Wishing Stones“. Nach der Uni landet er durch einen Freund zunächst bei einem Indie-Label in Glasgow. Kein Geld, viel Spaß und jede Menge Kontakte später bekommt er ein Jobangebot vom Major-Label Polygram. Nach einem Einstieg im Marketing, wird er erst A&R und dann Senior Product Manager. Er nimmt Mogwai und Travis unter Vertrag, Coldplay und Muse lehnt er ab.
2002 wird ihm das alles so viel zu viel, dass er die Musikindustrie verlässt und anfängt, Artikel für diverse Magazine zu schreiben. 2006 erscheint sein erstes Buch, die Novelle „Music from Big Pink“, 2008 wird sein Roman „Kill Your Friends“, eine bitterböse und rabenschwarze Satire auf die Musikindustrie, ein internationaler Bestseller. 2009 gelingt ihm mit „Coma“ - einer kruden Familiengeschichte rund um das Thema Golf - ein weiterer Erfolg.
Geschrieben wird in seiner Gartenlaube in Buckinghamshire: zwischen dem Frühstück und dem Mittagessen, also von neun bis eins, arbeitet er an seinem aktuellen Buch, Nachmittags sind dann die Drehbücher oder Artikel an der Reihe - es gibt da einen sehr schönen in der Daily Mail zu den Remastered Alben der Beatles und einen nicht weniger kritischen im The Independent zum Tode Michael Jacksons.
John Niven liest...
21.09.2011 Berlin
22.9.2011 Kiel
23.9.2011 Hamburg (Reeperbahn Festival)
24.9.2011 Hannover
25.9.2011 Düsseldorf
27.9.2011 Frankfurt
28.9.2011 Heidelberg
29.9.2011 München
30.9.2011 Augsburg
1.10.2011 Tübingen
2.10.2011 Stuttgart
4.10.2011 Nürnberg
5.10.2011 Würzburg
Heimat: randomhouse.de
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