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Bild: Charlotte Roche
  • Text: Timo Richard
  • Verlag: Piper
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Charlotte Roche
Schoßgebete


"Gesellschaftliche Debatten" werden ja meist von denen an den Haaren herbeigezogen, die mit dem Thema der Debatte nichts zu tun haben. Heterosexuelle diskutieren über Homosexuelle, Erwachsene über Jugendliche, Äpfel über Birnen. Ob Charlotte Roches zweites Buch "Schoßgebete" in den Feuilletons und Sendeanstalten ähnlich intensiv durchgehechelt werden wird, wie ihr Debüt "Feuchtgebiete" wird sich herausstellen. Instanzen, die sich für den Fortgang von Debatten verantwortlich fühlen (Bild, Alice Schwarzer, die Mütter vom Prenzlauer Berg), arbeiten sicher schon daran. Roche trägt ihren Teil dazu bei und liefert Steilvorlagen en masse, schreibt explizit über Sexpraktiken, Pornographie und Darmparasiten, ihre Protagonistin Elisabeth Kiehl ist die Karikatur einer Zwangsneurose. Der Wille zum Tabubruch ist spürbar, aber Roche hat eigentlich ein anderes Thema. Denn "Schoßgebete" besteht nur zu minimalen Anteilen aus gesellschaftlichem Sprengstoff und zu großen aus Selbstverständlichkeiten. Wenn Roche ihre gnadenlos verspannte Frau Kiehler in atemlosem inneren Monolog drei erzählte Tage lang durch ein Labyrinth aus Sex, Neurosen und Biogemüse treibt, werden vor allem Gewissheiten für Mittdreißiger bestätigt: Ein Leben, das die Anforderungen von Gesellschaft, Partner, sich selbst und den Kindern gleichermaßen berücksichtigen soll, ist komplex und oft sehr anstrengend. Man macht viele bescheuerte Sachen, um so ein Konstrukt aufrecht zu erhalten. Der Neuigkeitswert von "Schoßgebete" hält sich für Leser, die sich in einer ähnlichen Lebenssituation wie die Hauptfigur – und damit immer auch ein bisschen die Autorin – befinden, in Grenzen. Mittfünziger werden das sicher zum Anlass nehmen, um eine gesellschaftliche Debatte über Feminismus, Moral und Werte auszurufen. Beste Voraussetzungen für Charlotte Roche, in langen Diskussionen zur Stimme ihrer Generation erklärt zu werden, wenn da nicht die im Buch zentralen Passagen über den Unfalltod von Elisabeths Geschwistern wären. Hier geht die Allgemeingültigkeit von "Schoßgebete" in Ausstellung des persönlichen Leids über und Roche rotzt mit einer ähnlich entgrenzten Offenheit wie in "Feuchtgebiete" Persönliches durch den "Literatur"-Fleischwolf. Ob sich jemand trauen wird über diesen Teil des Buches zu debattieren?


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