- Text: Caroline Frey
- Preis: 98 Euro
- ISBN: 978-3-89602-779-5
- Verlag: Anmerkung: Das Königreich Bhutan liegt zwischen Tibet und Indien. Als Tourist muss man pro Tag un
- Autor: Arzt ohne Grenzen
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Urlaub mit Farin
Mit Urlaub, oder dem, was man so gemeinhin darunter versteht, haben Farins Reisen ja eher weniger zu tun. Er will ?die ganze Welt sehen? und zwar nicht nur aus Fenstern schicker Hotels, sondern dort, wo die Menschen in dieser Welt so leben, sterben, atmen, lieben, hassen, essen, hungern, arbeiten oder eben auch kacken - und in Indien tun sie das mit Vorliebe und in Ermangelung sanitärer Anlagen, da wo sie eben gerade stehen, wenn sie müssen.
Das und vieles mehr lernen und lesen wir in Farins erstem Buch ?Indien und Bhutan?, das am 1. Oktober bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erscheint. Er nimmt uns darin mit auf eine Reise, lässt uns durch die Linse seiner Kamera gucken, um uns an seinem ganz persönlichen Blickwinkel teilhaben zu lassen. Dabei wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, das Ganze versteht sich nicht als Reise- oder Länderführer - es geht um die sechsmonatige Reise von Herrn Urlaub im Jahr 2005 bis 2006 - nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Herausgekommen ist ein dicker Wälzer mit über 700 Fotos, die Landschaften, Menschen, Stimmungen, Häuser, Tempel, Tiere und Blumen einfangen, gewürzt mit allerlei Lehrreichem in den Bildbeschreibungen und ganz persönlichen Anekdoten, von lustigen, traurigen, gefährlichen, spannenden und intensiven Begegnungen und Erlebnissen.
Farin, was war zuerst da: die Idee, die Flugbuchung oder die Kamera?
Also das war so: Ich war ja ein ganzes Jahr weg und zwar zuerst mit Schwesterchen in Afrika. Sie fotografiert richtig gut und richtig gerne. Ich habe immer mal probiert, aber als ich mir die Bilder dann auf dem Rechner anschaute, habe ich festgestellt, dass das noch nicht die Auflösung war, die ich gerne gehabt hätte. Daraufhin hat mir meine Schwester eine richtig gute Kamera empfohlen, und weil ich ja nun neureich bin, habe ich mir die dann auf dem Weg nach Indien in Singapur einfach gekauft. Ganz schön praktisch.
Wann genau entstand denn die Idee, daraus ein Buch werden zu lassen?
Das kam relativ schnell. Oder sagen wir es so: Es gab die Idee, es zu versuchen, und als ich die ersten 2.000-3.000 Bilder und einige Anekdoten zusammen hatte, konnte ich mir vorstellen, dass es gut genug wird. Als Rockstar bist du ja nicht wirklich fähig zur Selbstkritik. Du musst ja alles toll finden, denn wenn du Selbstzweifel hast, kannst du dich nie vor 10.000 Leute stellen und sagen: Und jetzt klatscht mal alle! Wenn du denkst, dass die das vielleicht gerade voll albern finden, dann funktioniert das nicht, dann bringst du das nicht überzeugend rüber. Mit dieser bedingten Fähigkeit zur Selbstkritik fand ich das Ganze also so gut, dass ich dachte, das kann man probieren. Aber den Verlag habe ich erst gesucht, als alles fertig war.
Dass es Indien und Bhutan wird, stand schon fest, weil du das Jahr schon durchgeplant hattest?
Ich wusste, dass ich nach Indien will. Dass es aber auch mit Bhutan klappt, und zwar so wie gewünscht, habe ich erst in Indien erfahren. Ich wollte nie so eine typische, geführte Touristentour machen. Ich wusste ungefähr, was die sehen und das ist schon schön, aber nicht viel. Aber dadurch, dass ich den Kontakt zu dem Lama gekriegt habe, der mir sein Land gezeigt hat, war das echt der Hammer!
Was reizt dich an diesem Fleckchen Erde?
So funktioniert das nicht bei mir. Ich will ja die ganze Welt sehen und zwar gründlich. Als ich das erste Mal in Indien war, hat mich die Spiritualität extrem verblüfft, die ist aber inzwischen so gut wie verschwunden. Ich habe sie glücklicherweise in Bhutan wieder gefunden. Wenn Indien eine Band wäre, würde man sagen: ?Die ist jetzt kommerziell geworden.? Es gibt natürlich immer noch Tempel und diese riesige religiöse Kultur. Der Jainismus ist mir als Religion so lustig erschienen, wie ich das noch nie erlebt habe. Die Jains können richtig feiern. Wenn du zu einem ihrer Tempel gehst, habe ich da wirklich so etwas wie - ich will nicht sagen eine Party - erlebt, aber es war auch nicht richtig weit weg davon. Ein Gesinge, Geklatsche und Gefreue und ein ?Komm?, jetzt mach du auch mit!?. Das war klasse!
Kennst du das Phänomen des Kulturschocks?
Klar, aber das habe ich alles mit 17, 18 oder 19 hinter mich gebracht. Man entwickelt dann so Mechanismen. Stell dir vor, du kommst aus dieser Welt und landest wie ich irgendwo in Tunesien, damals noch mit einem Schiff. Stell dir vor dir streckt jemand seine Stumpen entgegen, weil er leprakrank ist. Du bist 18 und hast so was noch nie gesehen. Du weißt zwar, dass es existiert, aber ich war damals einfach nur geschockt. Als Kind sagst du dir dann ?Das kann so nicht weitergehen, ich muss etwas tun?, und irgendwann stellst du fest, dass du recht wenig tun kannst, als Individuum. Wie viele Leute von uns sind wirklich Mutter Theresa? Ich persönlich beruhige mein Gewissen mit großen Geldspenden, das ist immer das Einfachste. Auch jetzt bei diesem Buchprojekt wird mein Honorar komplett an die ?Ärzte ohne Grenzen? gespendet. Ärzte musste sein... (lacht) Mittlerweile akzeptiere ich, dass es diese anderen Welten gibt und bin eigentlich nur neugierig, wie die Menschen in ihnen leben und überleben.
Aber in deinen Beschreibungen der Fotos beziehst du mit den Informationen, die du z.B. über gesellschaftspolitische Zusammenhänge gibst, ja schon auch Stellung...
Logisch beziehe ich Stellung, aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit Fakten, mit denen die Leute selber drauf kommen können, dass da was schief läuft - aber es gibt immer auch wieder Begegnungen, die selbst mir hartgesottenem Typen echt das Herz gebrochen haben.
Nervt die Einsamkeit nicht manchmal auch? Da sieht man die schönsten Sachen und kann keinem sagen: ?Guck mal, wie schön!? oder so...
Dafür hatte ich doch diesmal die Kamera dabei. Und du musst dir auch überlegen, was du dafür aufgibst. Wenn du zu zweit irgendwo aus dem Auto steigst und deutsch sprichst, dann hast du sofort eine Mauer um dich herum. Die hast du nicht, wenn du zwar als Geist auftrittst, aber alleine. Du bist keine Bedrohung, wehrlos, du bist einfach etwas Seltsames, und dann kommen die Menschen auf dich zu. Dann gibt es noch die ?Pipi-Problematik? - zwei Menschen müssen nie synchron auf?s Klo. Zwei Wochen ist das kein Problem, aber ein halbes Jahr lang - da wirst du irre. Es geht ja auch nicht nur um?s Pinkeln, sondern der eine will weiter, der andere noch bleiben oder umgekehrt. Es gibt wenige Menschen, mit denen man zusammen auf eine extreme Reise gehen kann - ich kenne ein paar, aber dieses Mal war ich alleine mit meinem Geländewagen unterwegs. Ich reise auch tatsächlich gerne alleine.
Wie ist das mit der Angst - es gab ja Situationen...
Wenn einem der Diesel einfriert oder man im Sand stecken bleibt, das sind ja eher die harmloseren Situationen. Außerdem war das ja meine eigene Blödheit.
Aber es gab auch eine Art Fast-Überfall...
Ja, das war das Schlimmste, was mir jemals mit Menschen passiert ist. Das Bedrohlichste auf dieser Reise war ein ziemlich heftiger Unfall, dem ich wirklich nur um Haaresbreite ausgewichen bin und über den ich auch nichts im Buch geschrieben habe. Dann überlegst du schon, wie knapp das manchmal so ist. Der Überfall war wirklich übel und zwar so übel, dass ich mir vorgenommen habe, auf die nächste Hardcore-Reise ein Profi-Pfefferspray mitzunehmen. Ich wollte das eigentlich nie machen, ich wollte immer so akzeptiert werden, aber das hat mir jetzt echt zu denken gegeben.
Hat sich dein Menschenbild durch die ganzen unterschiedlichen Menschen, Kulturen und Lebensentwürfe, die du so kennen gelernt hast, verändert?
Sagen wir so: Ich glaube nicht mehr so uneingeschränkt an das Gute im Menschen wie noch mit 16. Aber die positive Sache ist, dass ich gesehen habe, unter welchen Bedingungen Menschen überleben können und das hätte ich mir niemals träumen lassen. Und nicht nur überleben, sondern offenbar auch noch eine gewisse Art von Fröhlichkeit entwickeln können. Wenn ich in der Situation wäre, würde ich den ganzen Tag nur heulen und mir die Pulsadern aufschneiden. Eine andere gute Nachricht ist, wie unglaublich selbstlos und hilfsbereit der größte Teil der Menschen ist. Das habe ich ja nicht nur in Indien, sondern beispielsweise auch in Afrika erlebt. Wenn die Scheiße am größten ist, dann kommen wirklich Leute aus dem Nichts und helfen dir und die wollen hinterher auch keine Kohle, sondern die helfen dir, weil ein Mensch in Not ist. Das ist toll!
Ist dir das ?Buchschreiben? schwer gefallen?
Ich bin ja seit Jahren an dieses Drei-Minuten-Format gewöhnt. Gib? mir ein Thema und ich mache dir einen Drei-Minuten-Text, der sich auch noch reimt. Eine zusammenhängende Story über das ganze Buch hinweg, hätte ich nicht hingekriegt. Vor den Büchern, die ich lese, habe ich so viel Respekt, dass ich so gut hätte sein wollen und das hätte ich nicht geschafft und damit wäre es ein fürchterlicher Krampf geworden. Aber diese ?Szenen? waren gut überschau- und machbar. Ich glaube aber, dass man sich da so hochhangeln kann. Wer weiß, vielleicht sind in ?Unterwegs 3? dann nur noch drei Bilder...
Apropos - ?Unterwegs 1? ist ja ?ne Ansage, oder?
Ja klar. Das ist ein Statement: Leute, kooft dit, dann jibt?s mehr!
Limitierte, handsignierte Exemplare können auch unter www.farin-urlaub.de bestellt werden.
Foto: Erik Weiss
Heimat: schwarzkopf-schwarzkopf.de
Heimat: farin-urlaub.de
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