- Text: Yessica Yeti
Das Red Bull Tourbus-Festival auf der Fête de la Musique
Nachwuchsautoren berichten
Ein Fest, ein Bus und jede Menge Menschen und Menschen und Menschen und...
Alleine vor dem Red Bull Tourbus standen am 21. Juni im Berliner Mauerpark 15.000 Leute um sich im Rahmen der Fête de la Musique bespielen zu lassen.
Die Bands: Marteria & The Band Of Brothers, ZPYZ, Kissogram, Mediengruppe Telekommander, Warren Suicide und Jazzanova Live (feat. Paul Randolph) .
Selbst ein Platzregen, der beim Headliner Jazzanova einsetzte, konnte der grandiosen Stimmung keinen Abbruch tun – das Publikum feierte im Regen weiter und ließ die Band erst nach zwei Zugaben vom Busdach.
Im Rahmen des Tourbus-Festifals strateten unclesally*s, Red Bull und die Deutsche Jugendpresse e.V. einen Aufruf an Nachwuchsjournalisten an einem kurzen Workshop teilzunehmen, bei dennen Abschluss sie die Möglichkeit bekamen, die Bands des Festivals zu Interviewen.
Hier die ambitionierten Ergebnisse:
KISSOGRAM
DIE MACHT DES ROTEN ARMBANDS
Es ist der 21. Juni 2009. Die fünfzehnte Fête de la Musique mit 15.000 Gästen – ich bin eine von ihnen und habe ihnen doch eines voraus: Ein kleines Accessoire macht den Unterschied. Das kleine rote Plastikarmband an meinem linken Handgelenk verschafft mir ungehinderten Zugang in den sorgfältig umzäunten und bewachten VIP-Bereich. Ich bin eine von 14 jungen Musikjournalisten, die heute hinter den Red Bull-Tourbus im Mauerpark schauen dürfen und so den Bands auf Augenhöhe begegnen können. Ein weißer Pavillon steht in diesem VIP-Bereich. Ich mache es mir schon mal auf einem der schick, aber schlicht designten weißen Sessel bequem. Meinen Notizblock lege ich erst einmal auf den Tisch, das Aufnahmegerät behalte ich in der Hand. Ich bereite mich auf mein Interview vor, das ich gleich führen werde. Zwei große junge Männer schlendern gelassen Richtung Pavillon.
Sie steuern direkt auf mich zu. Einer der Jungs trägt den Scheitel rechts, der andere links. Der eine trägt eine dunkelbraune Brille zum blauen Hemd, der andere über seiner weißen Bluse ein braunes Jacket. Sie stellen sich höflich vor, setzen sich zu uns: Jonas Poppe und Sebastian Dassé, das also ist die Band Kissogram, eine Berliner Indie-Institution, die schon mit Franz Ferdinand durch Russland getourt ist.
Kissogramme waren in den Achtzigerjahren die Bravo-Extras mit Kussautogrammen von den Stars und Sternchen am Pop-Himmel. In England versteht man unter Kissogrammen eine durch einen Kuss übermittelte Grußbotschaft. Jonas Poppe und Sebastian Dassé bieten ihrem Publikum allerdings weit mehr, als ein paar dahingeworfene Kussmünder. Ihre Musik setzt auf einen gelungenen Mix aus New Wave und Rock – hervorragend geeignet sowohl für den Kneipentisch als auch für den Dancefloor oder einfach zum aufmerksamen Zuhören. Die klugen Texte ihres neuen Albums „Rubber&Meat“, beschreiben nämlich sehr gekonnt und wortspielerisch die Absurditäten des Lebens. Texter Jonas Poppe erzählt provokant-poetisch Geschichten aus der Berliner Szene und dem weltweiten Tagesgeschehen – etwa von der Arbeit in einer Fleischfabrik und von seinem Unmut gegenüber der Luxusprobleme von Menschen, denen es weit besser geht. Oder die Geschichte von einem jungen Soldaten, der dem Kriegsgeschehen zuerst enthusiastisch entgegengeht und dann dem Ratatata der Maschinengewehre und dem Hahahaha – dem Weinen um ihn herum – entflieht (The Deserter).
Ratatatata und Hahahaha - Auf einen Musikstil möchten sich Kissogram allerdings nicht festlegen. „Für unsere Musik muss erst noch ein sexy Begriff erfunden werden“, so Sebastian Dassé. Im Allgemeinen lassen sich die beiden von Rock, New Wave und Elektro inspirieren. Aber auch orientalische Einflüsse färben die Klanggebilde der Band. Vor allem Jonas interessiert sich dafür, zum Beispiel für „Rembetiko“. Rembetiko ist ein Musikstil mit griechisch- orientalischen Einflüssen aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren, zu dem man heute in Athener Clubs tanzt.
„Es geht uns aber nicht darum, alles mögliche zu finden, was sich dann zu einem Stil zusammenbauen lässt. Wenn wir Songs aufnehmen, hören wir extra wenig Musik, um uns von zu vielen Einflüssen fernzuhalten. Außerdem ist es nicht nur so, dass wir uns ausschließlich von Melodien inspirieren lassen. Auch unsere persönliche Stimmungslage nimmt sehr viel Einfluss auf unseren Stil. Wenn wir zum Beispiel in einer Krise stecken, schreiben wir ganz anders, als wenn uns langweilig ist oder ganz gut geht“, erklärt Jonas Poppe. „Wenn ich betrunken in meinem Zimmer kauere, schreibe ich auch Musik. Wir wollen unseren eigenen Stil erst finden. Wie man das Ergebnis bisher nennt, ist egal“
Als ich mich von den beiden verabschiede, bin ich wesentlich schlauer. Ich habe die beiden kennen gelernt. Jedenfalls besser, als ich es durch ausführliche Recherche gekonnt hätte. Jetzt weiß ich sogar, dass Jonas Poppe eine Vorliebe für den dänischen Landschaftsmaler Vilhelm Hammershoi hat und das Sebastian Dassé für The Dirty Projektors eine Indie-Rock-Band aus New York schwärmt. Es ist ein gutes Gefühl, später beim Konzert von Kissogram mitten in der Menge vor dem Tourbus zu tanzen und zu wissen, welche Augenfarbe Jonas Poppe und Sebastian Dassé haben: braun und grün. Ich glaube, ich wusste an diesem Abend mehr als alle anderen um mich herum.
Und alles wegen einem roten Armband.
Text: Margret Hahn
WARREN SUICIDE
ANREGEN STATT BEDIENEN
Das Kunstprojekt von den Berliner Musikern Cherie (Gesang und Visuals) und Nackt (Gesang und Gitarre) entstand 2003. Damals noch als Trio mit dem Musiker Fremdkörper gestartet, ist das Elektro-Ensemble jetzt nur noch zu zweit - wäre da nicht: Warren Suicide selbst, diese Comicfigur, die Cherie damals aufs Papier brachte und die sich seitdem zu einem ganzen Warren-Kosmos aus schwarz-weißen Figuren mit riesigen kindlichen Augen und piranha-haften Mündern ausgewachsen hat und untrennbar mit den Musikern verbunden ist.
Ihre Tourneen durch die USA und Europa waren so erfolgreich, dass sich inzwischen sogar Bands wie Placebo, Die Happy oder Dúné von ihnen remixen lassen. Ihre Konzerte bestreiten sie mit wechselnden Gastmusikern und greifen dabei – ganz im Sinne des Kollektivs – auf befreundete und gleichgesinnte Musiker zurück.
Am 21. Juni haben sie im Rahmen der Fête de la Musique in Berlin auf dem Red Bull Tour Bus im Mauerpark gespielt und sich vor ihrem Auftritt die Zeit für ein Interview genommen.
Ihr seid durch eure Musik schon viel rumgekommen. Würdet Ihr euch als Berliner Band beschreiben?
Nackt: Durch und durch. Natürlich. Da wohnen wir. Unsere Haupteinflüsse sind Bands und Musiker aus Berlin. Wir versuchen auch immer wieder klarzustellen, dass wir der Stadt viel Inspiration zu verdanken haben. Durch die Reisen haben wir aber immer wieder anderen Input bekommen und wollen auch ein bisschen was von dieser „Draußensicht“ importieren, so dass das Teil der Berliner Szene wird.
Euer erstes Album „The Hello“ wurde 2006 bei Fume Records, einem englischen Label veröffentlicht. Euer zweites Album „Requiem For A Missing Link“ erschien 2008 beim Berliner Label Shitkatapult. Wie ist es euch in England ergangen und wie kam es zu dem Wechsel zurück nach Berlin?
Cherie: Es war sehr schön in England. Fume Records ist ein kleines Label und mit viel Leidenschaft bei der Sache. Und es war schön, mit diesen Leuten nach Amerika zu fahren oder woanders hin. Aber genauso ist es schön, wieder hier in Berlin zu Hause zu sein und neue Sachen zu entdecken, die ich vorher nicht kannte.
Nackt: Es war eine super aufregende Zeit. Auf einmal haben wir beim Glastonbury Festival gespielt oder bei der BBC. Aber langfristig ist total viel Energie von dieser „Fernbeziehung“ aufgesaugt worden. Ich glaube, ich bin ein ganz witziger Typ – aber da fiel es mir durch das Englische sehr schwer, mich auszudrücken. Und bei Shitkatapult ist das anders. Da kannst du genau das sagen, was du willst und es wird auch verstanden. Wir haben vielleicht kein ganz so aggressives Tempo bei den Jungs, aber wissen, dass wir dafür etwas Langjähriges haben.
Cherie, du entwirfst die Illustrationen für Warren Suicide. Was du da machst, wirkt schon alles ziemlich düster. Ist das, weil unsere Welt selbst so düster ist?
Cherie: Ich habe mal eine Zeit lang gedacht, dass ich die Realität widerspiegele, nur auf meine eigene Art, so wie ich sie sehe. Aber ich glaube, das stimmt überhaupt nicht mehr. Es ist eine bestimmte Art, die Realität zu interpretieren. Aber die ist nicht so. Sie erscheint düster, aber das ist ein Prozess, den man durchmacht, um dann wieder das Licht zu erkennen.
Nackt: Dieser ganze Warren-Kosmos ist einfach unsere idealisierte Form von Utopie. Und nicht eine Utopie von „Wie wäre die Welt?“, sondern „Wie hat man mit dieser Welt umzugehen?“.
Ihr beschreibt euch selber als „art experience“ und „artist collective“. Da denkt man schnell mal an so eine verstiegene Künstler-Geschichte. Aber eure Live-Show wirkt gar nicht verkopft, sondern sehr lebendig, sehr expressiv und nicht sehr durchgeplant. Es scheint so, als wolltet ihr bei den Leuten, die eure Musik hören, Bewusstsein auf der Ebene des Gefühls wecken.
Cherie: Ja. Das ist nichts Kopfmäßiges. Kein Konzept. Das ist pure Gefühlssache. Warren löst im Allgemeinen etwas aus. Sehr viel Wut und Verzweiflung und Fragen.
Nackt: Auch musikalisch liegt die Aufgabe von Warren eher darin, anstoßen und anregen als bedienen zu wollen. Und wir machen viel „Bum Bum“. So was wie Velvet Underground oder The Doors, die dich einfach physisch packen. Und dann bist du bereit für die Message.
Text: Deborah Volk
JAZZANOVA
EIN BISSCHEN INSPIRATION, EIN BISSCHEN ZUFALL UND EINE BRISE JAZZ
Electrobeats und Jazz passen nicht zusammen. Das ist wie Chili und Schokolade. Oder wie Schnee im Sommer. Wer so denkt, der irrt!
Zwischen Regenschirmen und Bierflaschen spielte sich die Berliner Band Jazzanova mit ihrer typischen Mischung aus Soul, Jazz und HipHop-Beats in die Herzen der tanzfreudigen Menge.
Stefan Leisering, Produzent der Band gibt Auskunft über ebendiese Musikmischung. Ein Interview über seine künstlerischen Ursprünge, Inspirationsquellen und das Besondere am Liveauftritt.
Wie kamen Sie zur Musik?
Mein musikalisches Elternhaus hatte großen Einfluss auf mich. Schon früh hörte ich die alten 60´s und Blues-Rock-Platten meines Vaters. Außerdem war ich in den ersten zwei Schuljahren Sänger im Knabenchor.
Auf eurer neuen Platte „Of All The Things“ finden sich ganz unterschiedliche Musikstile: Jazz, Soul und HipHop. In welche Musikkategorie würden Sie sich selbst einordnen?
Ich finde Musik in zehn oder mehr verschiedene Musikstile einzuteilen verkehrt. Es ist doch viel wichtiger, die größte mögliche Kategorie zu finden. Wir kommen aus dem Jazz- und Soulfeld und setzten unterschiedliche Schwerpunkte. So werden auf einigen Stücken die Soulstimmen betont und bei anderen Werken die HipHop-Beats in den Vordergrund gestellt.
Sie haben einmal gesagt: ‚Es interessiert nicht was für ein Hipness Faktor ein bestimmtes Musikgenre hat’. Wirklich?
Ja! Es kommt auf die Emotionen an - das ist das Wichtigste! Und Einzigartigkeit, wir wollen ‚unique’ sein. Dies liegt im Fokus und natürlich darf auch der Spaßfaktor nicht zu kurz kommen. Reine Hipness-Berechnung ist somit fehl am Platz
Woher kommen die Emotionen, die Ideen für Ihre Stücke?
Oftmals sind es Prozesse. Auch hier gilt: Berechnung ist nicht alles. Mal steht eine Idee im Vordergrund, mal ein Instrumentalstück, und dann wird überlegt, mit welchem Musiker wir zusammen arbeiten könnten. So kommen auch die verschiedenen Stimmen zu Stande. All unsere Reisen trugen natürlich auch zu unserem Facettenreichtum bei. In fernen Ländern haben wir uns immer wieder neu inspirieren lassen. Manchmal helfen uns aber auch einfach die glücklichen Umstände.
Zum Beispiel?
Einmal besuchte uns ein Bassist in unserem Berliner Studio. Er entdeckte in unserer sehr umfangreichen Plattensammlung eine alte Siebzigerjahre Platte des Musikers David Freeman, der heute an der UdK unterrichtet. Gemeinsam hatten wir dann die Idee der Zusammenarbeit. Für mich waren die Musiker, die in den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren ihre großen Erfolge und Auftritte hatten, unerreichbar. Aber ich erkannte, dass man nur den Schritt wagen muss und auf die Künstler zugehen kann. So sind auch andere große Projekte entstanden und in Zukunft hoffen wir auch auf solche Zusammenarbeiten.
Ihr macht nicht nur Musik im Studio, ihr tretet auch auf. Warum?
Es ist eine Erweiterung, ein anderer Teil uns so zu präsentieren. Das Tolle am Auftreten sind die unmittelbaren Reaktionen des Publikums und die damit verbundenen emotionalen Momente. Das gemeinsame Interagieren ist etwas Besonderes. Als Produzent arbeite ich hauptsächlich im Studio und stehe erst seit einiger Zeit wieder mit der Band auf der Bühne. Meine ersten Auftritte waren aufregend und sehr motivierend! Aber ich muss nicht von einem fantastischen Gig zum nächsten reisen. Ich kann auch ruhige Minuten genießen.
Text: Sophie Schwintowski
MATERIA
ES WIRD EINEN KNALL GEBEN
Der Berliner Rapper Marteria/Marsimoto spricht über seine Vergangenheit, seine Band und seine Zukunftsvisionen.
Du bist heute als erster Künstler bei der Fête de la Musique auf dem Red-Bull-Tourbus aufgetreten. Was bedeuten solche Festivals für dich?
Es sind viele Leute da gewesen, die einen nicht kennen, weil sie grundlegend einfach einen anderen Musikgeschmack haben. So kann ich auch neue Fans von meinem Sound überzeugen. Das ist sehr wichtig! Wenn ich in Clubs spiele, kommt immer die gleiche Fan-Base. Das ist schön, aber so können wir nicht größer werden.
Du hast gerade die Bedeutung und Wichtigkeit der Festivals angesprochen.
Was hast du heute bei deinem Auftritt anders gemacht?
Eine ganz krasse Veränderung ist natürlich, dass ich jetzt eine Band habe. Heute sind wir praktisch zum ersten Mal mit einer richtigen Band aufgetreten – das ist im HipHop-Bereich nicht gängig. Doch es ist schwieriger und sehr viel aufregender, weil man von so vielen anderen Menschen abhängig ist.
Du bist in Rostock aufgewachsen. Wieso hast du dich dazu entschieden Berliner zu werden?
Meine Eltern und meine Geschwister kommen aus Berlin. Meine Mutter ist kurz bevor ich geboren bin nach Rostock gezogen, weil sie dort eine Stelle als Lehrerin bekommen hat. Doch für mich war es schon mit zwölf Jahren klar, dass ich zurück nach Berlin gehen werde. Ich habe alle Ferien hier verbracht und die Stadt ist für mich multikulturell, international. Ich habe ja mal in New York und Paris gewohnt und da habe ich gemerkt, dass jede coole Großstadt von dem Vibe der Zugezogenen lebt. In New York gibt es Chinatown und Little Italy. In Berlin leben zum Beispiel sehr viele Araber und Russen. Das ist Multikulti! So muss es sein und deswegen ist es schön in Berlin zu wohnen.
In New York wurdest du als Model entdeckt. Wäre das auch heute noch eine Job-Alternative für dich?
Niemals werde ich das wieder machen. Es steht auch gar nicht zur Debatte: Ich sehe mittlerweile einfach scheiße aus. Mit Achtzehn hatte ich einen Sixpack und war dünn. Wenn dann so ein Typ kommt und dir verspricht, dass du als Model schnell Millionär werden kannst, dann machst du es. Doch dann siehst du, dass es kein gutes Business ist: voller Intrigen, falscher Menschen und vieler Drogen. Aber die Erfahrungen mitzunehmen, die Welt zu sehen, überall zu leben, verschiedene Jobs zu machen - das war auf jeden Fall geil. Ich glaube, dass ich dadurch in kurzer Zeit gedanklich reifer geworden bin.
Hat dich New York im Hinblick auf deine Rapper-Karriere geprägt?
Ja, auf jeden Fall. Ich habe mit vierzehn angefangen zu rappen und wenn du in New York in der U-Bahn sitzt und aus dem Fenster guckst, dann schreibst du drei Textbücher voll. Der Grundstein für das ganze professionelle Rap-Ding wurde dort gelegt.
Du hast gesagt, das „Modelbiz“ ist falsch, ist das „Rapbiz“ nicht auch unauthentisch?
Es ist für mich kein Problem, Gangster-Rap oder ähnliches zu hören, wenn die Leute wirklich aus so einem Umfeld kommen. In gewissen Ecken Berlins ist das der Fall. Doch es gibt Idioten, die einfach nur auf den Zug aufspringen. Deshalb feiere ich nur noch wenige richtig ab. Früher kamen immer wieder neue Styles: die „Beginner“- oder „RAG“-Alben haben mich oft total geflasht.
Glaubst du an die Zukunft des Deutsch-Rap?
Ja klar, ich sage ja nicht, dass alles scheiße ist. Es gibt coole Rapper: Newcomer wie Morlockk Dilemma, Casper, Tua und Kaas. Die talentierten Leute sind da! Nur ist es nicht mehr so einfach, Musik zu verkaufen, wenn sie auch frei heruntergeladen werden kann. Das ist schade. Aber es wird immer auch Rap als Jugendkultur geben.
Was würdest du einem talentierten jungen Rapper mit auf den Weg geben, so dass er später auch Erfolg haben kann?
Ich glaube, das absolute Geheimnis, um einen Hit und große Musik zu machen, ist: Zwischenwörter vermeiden! Deswegen darf man kein „ein bisschen“ oder „vielleicht“ schreiben. Rap muss groß sein! Jedes Wort, das man schreibt, muss groß sein. Rap muss ehrlich sein und er darf keine Schwächen zeigen. Er darf Schwächen haben, aber das Wort darf nicht die Schwäche zeigen. Du darfst niemals sagen: „Mir geht es schlecht, ich bin heut‘ nicht gut drauf“. Du musst sagen: „Alles ist geil, ich geh’ raus, das Wetter ist geil, doch Scheiße, ich habe keine Kohle!“. Du musst große Bilder erzeugen. Die Leute müssen einen Satz von dir hören und ein Bild vor sich sehen.
In deine Musik fließen viele verschieden Musikstile ein. Woher beziehst du deine Inspiration?
Wir orientieren uns viel an England. Ich höre sehr viel Grime, Garage und Dubstep. Deshalb sind wir sehr von Leuten wie Dizzee Rascal oder M.I.A., von brasilianischen und von elektronischen Sounds beeinflusst. Deswegen feiern die Leute, die Marteria oder Marsimoto hören, auch ganz viel anderes Zeug.
Wie würdest du die Leute beschreiben, die euch hören?
Es sind auf jeden Fall sehr offene und definitiv keine dummen Menschen. Ich will es vermeiden, dass dumme Leute unsere Musik hören und uns feiern. Aber man muss zugeben, dass das erste Album ein „Kiffer-Album“ war. Doch Jan Delay oder Peter Fox haben uns trotzdem mit auf Tour genommen. Sie mochten unsere Musik, weil sie intelligent und sinnvoll war und ist.
Wenn du sagst, deine erste Platte sei ein „Kiffer-Album“: Hast du jetzt deinen eigenen Weg gefunden, nachdem du bei deinem ersten Album viel mit Porno-Rappern wie Orgi 69 zusammengearbeitet hast?
Orgi war der Erste, der mich in Berlin aufgenommen hat. Er hat mir das erste Release und die ersten Studioaufnahmen ermöglicht. Er ist ein sehr guter Freund von mir und du darfst nie vergessen, wer etwas für dich getan hat, wer dir den Weg geebnet hat. Deshalb werde ich immer Songs mit ihm machen. Zum Glück habe ich zwei Persönlichkeiten: Marsimoto darf alles.
Was darf man von deinem nächsten Album erwarten?
Ich nehme mein Album mit den Produzenten auf, die das komplette Peter Fox „Stadtaffe“ -Album gemacht haben. Also wird es ein absolutes Wahnsinnsding, bei dem jedes Wort Wahnsinn ist. Deshalb dauert es auch sehr lange, es aufzunehmen. Nächstes Jahr wird es einen richtigen Knall geben! Doch das geht nicht so auf die Schnelle, dafür braucht man Zeit.
Text: Pierre Koumou-Okandze
MEDIENGRUPPE TELEKOMMANDER
VIELLEICHT BLEIBEN WIR AUF DER STRECKE
Kurz vor ihrem Konzert bei der diesjährigen „Fête de la musique“ finden sich die Mediengruppe Telekommander zu einem kurzen Interview hinter der Bühne ein. Wir wollen über vieles reden: ihr neues Album, ihre Einstellung zur Musik und Politik und warum die Angepassten am Ende auf der Strecke bleiben. Lediglich zehn Minuten haben wir Zeit. Danach geht es schon zum Aufbau. Nun gut. Einer muss ja in Führung gehen...
Ihr habt seit neustem einen Schlagzeuger. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen zu engagieren?
Gerald: Wir wollten ein Album machen, dass ein bisschen punkiger angelegt ist und bei dem das Schlagzeug mehr in den Vordergrund rückt. Bei der zweiten Platte haben wir schon mal mit einem Schlagzeuger gearbeitet, es dann aber als Sample verwendet und mit den elektronischen Sounds vermischt. Und dieses Mal wollten wir das Schlagzeug richtig in den Vordergrund stellen.
War das Ziel dabei auch durch das Schlagzeug eine weitere, noch treibendere Kraft zu bekommen?
Gerald: Es war eigentlich eine Frage der Dynamik. Wir wollten live so eine Dynamik entfalten, die wir vorher in der Form noch nicht hatten. Unser Playback war bislang immer relativ statisch.
Spiegelt sich diese neue Dynamik auch in der Reaktion des Publikums wider?
Gerald: Zur Reaktion des Publikums kann ich noch nicht wirklich viel sagen, da wir unseren Schlagzeuger erst zwei Mal bei Live-Auftritten dabei hatten. Aber besonders bei dem Gig im Festsaal Kreuzberg sind die Funken übergesprungen.
Schafft das Schlagzeug auf der Bühne auch mehr Variationsmöglichkeiten, weil ihr nicht mehr so sehr an die Statik des Computers gebunden seid?
Gerald: Ja, sicher. Das war einer der Gründe, wieso wir damit angefangen haben. Es geht uns immer sehr um den Live-Effekt.
Beim Titelsong zu eurem Album „Einer Muss In Führung gehen“ hat man das Gefühl, eure Musik gehe noch mehr in Richtung Punk
Florian: Sicher findet man Punk-Elemente, aber auch noch die alte elektronisch Essenz und tanzbare Stücke. Zudem haben wir noch mehr experimentiert als früher. Es sind dann auch Sachen dabei, die Krautrock beeinflusst oder die ein bisschen spaciger sind. Dann gibt es Sachen, die reine Bandstücke sind, wo einfach Typen zusammen Musik machen.
Wie sahen die Aufnahmen zu eurem neuen Album aus?
Gerald: Das Songwriting läuft bei uns eigentlich immer gleich ab, nur die Aufnahmeprozesse haben sich unterschieden, das heißt die Ausarbeitung der Tracks und der Umgang mit dem Klang, den man dann aufzeichnet.
Wie lange habt ihr euch für das Album Zeit genommen?
Gerald: Ach lange...
Florian: Wir haben uns bewusst lange Zeit genommen. Wir haben davor alle zwei Jahre ein Album gemacht und dann mehr oder weniger noch ein Jahr drangehängt, weil wir letztes Jahr noch sehr viel auf Tour waren. Deswegen hat das aktive Schreiben schon neun Monate in Anspruch genommen.
Wer muss eurer Meinung nach „in Führung gehen“?
Gerald: Das ist die Frage... In unseren texten machen wir uns über die Angepasstheit der Leute lustig. Und der Song „Einer Muss In Führung“ gehen ist eigentlich das perfekte Beispiel dafür.
Und wer bleibt dann „auf der Strecke“?
Gerald: Alle anderen.
Also die Angepassten?
Gerald: Ich weiß es nicht. Vielleicht bleiben wir auf der Strecke.
Florian: Das ist ja das wichtige bei den Mediengruppe-Texten, dass sie Bilder erzeugen sollen. Das war auch früher immer schon so, dass du Wortspiele hast und Bilder. Das unterscheidet uns auch vom Punk, wo es ja immer klare harte Fronten gibt. Für uns ist es zeitgemäßer oder moderner, auf eindeutige schwarz-weiß Sicht zu verzichten. Stattdessen bieten wir einen Eklektizismus, der sich aus vielem zusammensetzt.
Für viele Fans seid ihr eine klare Protestband, eine Politik-Band des 21. Jahrhunderts.
Florian: Es gab nie so eine politische Idee hinter der Band. Es ging immer um Konzertsituationen, um Musik und das Erleben von Musik. Es ging uns nie darum, das Ganze in eine politische Richtung zu drücken. Aber das passiert wohl automatisch, wenn man mit entsprechenden Worten spielt. Es ging aber nie darum, die Stimme einer Generation zu werden, wie man das bei anderen Liedermachern manchmal hört. Die Musik und die Konzerte standen und stehen bei uns absolut im Vordergrund.
Manchmal wird man ja aber auch unfreiwillig zu so einer „Stimme einer Generation“. Wenn euch jemand auffordern würde, für viel Geld den Song zu schreiben, der diese junge Generation in Zeiten der Finanz- und Bildungskrise irgendwie zusammen schweißt. Was könnte ein solcher für einen Titel haben?
Gerald: Wir haben genau so was gerade abgelehnt, als wir eine ähnliche Anfrage von einer Partei bekommen haben. Das machen wir nicht.
Florian: Das ist eben nicht, was wir wollen. Ich weiß auch gar nicht, ob wir das könnten, weil wir über das schreiben, was uns unmittelbar persönlich betrifft . So was ist einfach momentan nicht in unseren Köpfen. Für uns wäre das irre schwer, solche Auftragsarbeit zu machen.
Text: Sebastian van Vugt
Mittsommernachtstänze im Mauerpark
Stetig, wie die Tage länger werden bis zur längsten Nacht des Jahres, die in Berlin schon zum 15. Mal im Zeichen der „Fete de la Musique“ stand, so steigerte sich auch die Tanzlust der Menge vor dem Red Bull Tourbus kontinuierlich von Mau bis Radau. Thale Peschel schildert ihre Beobachtungen.
„Bisher ist es noch etwas leer, aber das wird sich in wenigen Stunden ändern. Ist doch super hier, oder?“ Ein Mann so um die dreißig grinst mir fröhlich entgegen, ohne dabei seine meditativ anmutenden, weit ausholenden Tanzbewegungen zu unterbrechen. Es ist der 21. Juni in Berlin, also Musik in der ganzen Stadt, für alle Leute und natürlich auch im Mauerpark.
Der Mann behält Recht. Gegen Nachmittag ist kaum ein Fleckchen mehr auf den Treppen oder im Gras mehr frei, geschweige denn vor dem großen Red Bull Tourbus, auf dem heute Jazzanova, die Mediengruppe Telekommander, Kissogram, Spyz, Marteria und Warren Suicide ihre Kunst darbieten werden. Die meisten Zuschauer gehen es eher gemütlich an, trinken Bier und begutachten das Geschehen lieber vom Hang aus, als vor der Bühne zu tanzen. Man kann den Sommer spüren, obwohl sich immer mal wieder Wolken vor die Sonne schieben. Die Leute, die weiter in den Park strömen, sind alle leicht bekleidet und voller guter Laune. Doch vor allem sind sie eines: bereit, die längste Nacht des Jahres zu feiern, denn ab morgen werden die Tage wieder kürzer.
Nach und nach bewegen sich dann doch einige Besucher von ihren Sitzplätzen hinunter - zum Stehen, Sehen und Tanzen vor der rollenden Bühne. Der Tänzer von vorhin ist nicht mehr alleine. Langsam traut sich auch die jüngere Fraktion heran und wagt erste Tanzversuche. Viel Haut glänzt im Sonnenlicht, manche bereits gerötet und gebräunt, die andere sieht mehr nach Winter aus, weiß und sonnendurstig. Es riecht nach verbrannten Rostbratwürstchen und warmem Bier, das sich langsam zu unseren Füßen im Sand ausbreitet. Endlich Live-Musik. Materia spielt, Up-Beat-HipHop, durchaus tanzbar, aber die Bewegungen bleiben verhalten. Ein bisschen Fußwippen und manchmal erste rhythmische Bewegungen, doch mehr nicht.
Erst als ZPYZ auf die Bühne springen, und eine Mischung aus Electronica, HipHop und Rock zum Besten geben, die einfach verlangt, getanzt zu werden, kommt Bewegung in die Masse und steigert sich. Ein Paar Stunden später endlich, nach dem Auftritt der gitarrenlastigen Keyboard-Combo Kissogram – seit Kurzem mit Schlagzeuger unterwegs – sind alle so begeistert, dass sogar ein rosa Teddy auf die Bühne fliegt. Die Luft flirrt jetzt um die erhitzen Leiber, die ihre verschwitzen, verklebten und mehr oder weniger modischen T-Shirts aneinander reiben, was man in diesem Moment aber nicht als unangenehm empfindet. Auch die eine oder andere Schweißbrise verträgt man gern. Alles wartet nur noch auf die Mediengruppe Telekommander.
Als diese auf die Bühne kommen, fangen alle an zu pfeifen und zu klatschen. Nach den ersten Liedern flippen erste Jugendliche in den vorderen Reihen aus und fangen an zu pogen. Die Stimmung ist endgültig gelöst und alle geben sich den elektronischen Klängen der Musik hin. Die Sonne ist weg, doch es ist immer noch hell. Wie gesagt, es ist Sommer und die längste Nacht des Jahres. Und die ist zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht vorbei.
Text: Thale Peschel
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