unclesally*s, dein Musik-Magazin für Punk, Rock, Indie, Alternative, Indierock mit vielen Interviews und Rezensionen

  • Text: Moritz Honert
  • Kommentar schreiben

h.r. giger
Der Vampir von der Alm


Ein geblümtes Sofa, dicke, helle Gardinen und hinter den Fenstern das schönste Postkartenpanorama der französischen Schweiz. Dieses Zimmer nahe des H.R. Giger-Museums im Chateau St.Germain, gelegen im Käse- und Touristenörtchen Gruyères, will so gar nicht zu dem Bild von Hans Ruedi Giger passen. Dem Mann, der seinen Ruhm mit düsteren biomechanischen Landschaften, Airbrushbildern voll von okkulten Thematiken und der Schöpfung des Alien für Ridley Scotts gleichnamigen Film begründete.
Alt ist er geworden. Das zu große, schwarze Hemd zur schwarzen Hose nach wie vor weit aufgeknöpft, den Blick auf seine weißbehaarte Brust freigebend, sitzt er müde auf dem Sofa. Der Blick verrät Erschöpfung. Er habe gestern zweimal Schlafmittel genommen und wache nun nicht mehr so recht auf, entschuldigt sich der 1940 in Chur geborene Künstler. Das mit den Interviews heute habe er schlicht und ergreifend vergessen. Die majestätische Kraft und Energie, die seinen Bildern und Skulpturen innewohnt, sucht man bei ihm vergebens. Heute umgibt ihn vielmehr eine leicht tapsige Hilflosigkeit, ähnlich der Erich Böhmes.
Dass er sich trotzdem dem ihn sichtlich belastenden Interviewansturm stellt, ist dem Umstand geschuldet, dass er Fragen zu seiner Rolle als Herausgeber der bei 'LPL Records' erscheinenden Hörbuchreihe 'H.R. Giger´s Vampirric' beantworten möchte. Bereits 2003 erschien unter gleichem Namen ein Sammelband mit 23 Vampirgeschichten im 'Festa Verlag', die H.R. Giger mit dem Verlagsleiter Frank Festa zusammenstellte. Eine Kooperation, die Lars Peter Lueg, Chef von 'LPL Records', nur natürlich findet. 'Ein gemeinsamer Freund brachte die zwei damals zusammen, denn beide sind große Freunde von Vampirgeschichten. Besonders Giger liest einfach alles und kennt so gut wie jeden Film über Vampire.' Momentan arbeiten die beiden an einer Fortsetzung, wobei sich Giger keinen Illusionen hingibt, was auch ein Grund für das Interesse an einer Zusammenarbeit mit ihm ist. 'Mit meinem Namen drauf konnte er es eben besser verkaufen. Es geht ja auch ums Geschäft', erklärt er lapidar mit seiner ruhigen, deutlich den Schweizer verratenden Stimme.
Von diesen Geschichten erscheinen nun einige, die den weiten Zeitraum zwischen 1887 und 1989 abdecken, als Hörbücher. Den Anfang machen 'Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts' von Thomas Ligotti, 'Der Vampyr' von Leonhard Stein, Karl Hans Strobels Geschichte 'Das Grabmal auf dem Père Lachaise' und 'Der Horla' aus der Feder des Franzosen Guy de Maupassant. 'Echte Literatur', wie Lueg stolz betont. Es lässt sich allerdings trotzdem nicht leugnen, dass sich mit der Zeit eine gewisse Abnutzung der Thematik bemerkbar macht. Denn auch wenn sich die Geschichten dem Thema auf unterschiedlichste Weise nähern, Ausgang und Geschehnisse sind durch das Sujet relativ fest vorgegeben und variieren, was ihre Auslegung angeht, nur minimal. 'Ich stelle mir die Frage, ob nicht alles Leben auf diesem Planeten letztlich ausbeutend und damit vampirisch ist. Saugen wir nicht alle einander aus und werden wiederum ausgesogen?', bringt Giger die symbolische Ebene der Geschichten auf den Punkt.
Gelesen werden die Erzählungen von bekannten Stimmen wie Helmut Krauss, David Nathan, Lutz Riedel und Torsten Michaelis, der hier seinen Hörbucheinstand gibt. Und auch Giger selbst bereichert die Aufnahmen mit Kommentaren und Einleitungen, was jedoch erst einige Überzeugungsarbeit seitens der Verlagsleitung erforderte.
'Ich höre meine Stimme einfach nicht gerne', erklärt er. 'Aber die Idee, Hörbücher zu machen, gefiel mir. Beim Autofahren sind sie ideal, um mich in eine Geschichte hineinzuversetzen. Aber auch sonst lasse ich sie gerne laufen, wenn ich etwas tue, bei dem das Gehirn nicht gebraucht wird, beim Signieren z.B.', sagt er und lacht. 'Auch früher waren meine schönsten Stunden die, in denen meine Mama mir die Geschichte 'Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen' vorlas.'
Er sagt wirklich Mama. Und wie er das sagt und in Erinnerung schwelgt, scheint einmal mehr diese kindliche, fast naive Faszination aus seinen Augen. Es ist der gleiche unschuldige Enthusiasmus, mit dem er auch über die erotischen Aspekte in seinen Werken und im Vampirismus redet. 'Schon als Jugendlicher war ich fasziniert von allem, was mit Erotik zu tun hatte. Das ist ja eine Welt, die man nicht kennt, nicht versteht und die ein Geheimnis umgibt', erzählt er und fast erwartet man, dass er gleich in die Hände klatscht. 'Auch der Vorgang der Blutentnahme ist doch ein sehr erotischer. Da werden z.B. die Zähne lang, wie ein Penis hart wird.'
Bei dieser ausgesprochenen Faszination für Vampire verwundert es, dass für das Artwork der CDs mit der 1976 entstandenen Skulptur 'Emblem For A Secret Society' ausgerechnet ein Werk ausgewählt wurde, das überhaupt nichts mit der Thematik zu tun hat. Gäbe es doch im Schaffen Gigers mehr als nur eine Arbeit, die sich explizit mit diesem Mythos auseinander setzt. 'Für mich symbolisiert das einfach 'Achtung', 'Obacht'', erklärt Giger. 'Es hat ja auch die Form eines Achtung-Verkehrsschildes.
Weniger auskunftsfreudig wird er jedoch, spricht man ihn auf künftige Projekte an. Über Dinge, die das Planungsstadium noch nicht verlassen haben, redet er nicht gerne. 'Sonst muss ich nachher immer allen erklären, warum irgendwas nicht geklappt hat', formuliert er seine Bedenken. Allerdings wird, wenn man zwischen den Zeilen liest, eine neue kreative Phase kaum vermeidlich sein. 'Früher habe ich mich von meinen Alpträumen kuriert, indem ich sie gemalt habe', antwortet er auf die Frage, was ihn früher inspirierte. 'Ich wusste vorher auch nicht, dass das funktioniert. In letzter Zeit träume ich wieder schlecht und hatte einen Traum, in dem ich in einem Loch stecken bleibe', gesteht er ernsthaft besorgt. 'Ich werde sehen, wie sich das entwickelt. Ich hoffe nicht, dass das mit den klaustrophobischen Träumen wieder anfängt, das wäre nicht so gut.'




Am 16. September startet in Paris eine große H.R. Giger-Retrospektive. Für die Dauer von sechs Monaten werden im Musée Halle Saint-Pierre Plastiken und Bilder aller Schaffensperioden zu sehen sein.


ANZEIGE







...zurück


Du musst eingeloggt sein,
um Kommentare schreiben zu können.


Passwort vergessen?
Registrierung

Kontakt -  Impressum -  Mediadaten -  Abo ·  nach oben