- Text: Yessica Yeti
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Der Polizeistaat
Ich habe noch nie eine Bank überfallen. Die Anzahl der von mir brutal mit Buntstiften bemalten Kleinkinder geht gegen Null und auch beim Thema Gewalt gegen Frauen sehe ich mich eher als Opfer. Ich habe nie einem Hamster widerliche Taschenspielertricks beigebracht oder Haustiere zu Straftaten angehalten. Ich klaue keine Büromaterialien, fälsche keine Gemälde aus dem 16. Jahrhundert und fahre nur selten freihändig Fahrrad. Trotzdem: Immer wenn ich einen Polizisten sehe, habe ich ein schlechtes Gewissen. Sofort!
Wir essen unseren Spinat nicht auf, gehen mit nassen Haaren raus und ohne Zähneputzen ins Bett. Wir sind Alltags-Anarchisten! Aber sobald uns etwas Uniformiertes mit Kelle aus unserem Leben an den Straßenrand winkt, buckeln wir, geben das innerste unseres Kofferraums frei und entschuldigen uns für alles, was wir nie gemacht haben. Plötzlich sind wir Sklaven der Sklaven der Legislative! Hält uns ein Staatsbeamter im Frischluftdienst ein Röhrchen hin, blasen wir rein. Wie viel bereitwillig vollzogener Oralverkehr könnte es in den Schlafzimmern dieser Welt geben, würden Sextherapeuten mehr Polizeiuniformen statt Gesprächstherapien verschreiben?! Aber darum soll es hier nicht gehen.
Durch die Augen eines Polizisten sieht die Welt aus wie der pastellfarbene Hippie-LSD-Trip eines Vierjährigen. Niemand tut etwas Böses. Niemand schreit, niemand haut, niemand nimmt Drogen oder zieht jemandem an den Haaren. Da, wo sonst mit 80 Sachen durch Spielstraßen gerast und Frauen verprügelt werden, tanzen rosafarbene Glücksbärchies und Elfen auf schneeweißen Einhörnern Ringelrein, sobald ein Polizeibeamter in der Nähe auftaucht. Polizisten wird kein Gras verkauft, sie werden nicht beklaut, besprayt oder umetikettiert. Niemand überfällt eine Pommesbude, in der der lange Arm des Gesetzes gerade von der Arbeit pausierend in Frittiertem steckt. Keiner gräbt Polizistinnen an, füllt sie ab und erzählt ihnen etwas von Augen und Sternen, um sie dann halb ohnmächtig an der Dienst-Mütze ins Bett zu zerren. Von den traurigen Balz-Ritualen paarungswilliger Männer wissen sie nichts. Nicht mal in der U-Haft wurde jemals eine Polizistin gefragt, „ob sie öfter hier sei“. Der Polizeistaat ist eine Kindertagesstätte, in der alle brav sind – aber eben leider nur an dem Tag, wo der Polizist zu Besuch kommt!
Wären wir Gott oder Google-Earth, dann könnten wir die Welt von oben sehen – sehen, wie jede Polizeiwache, jedes Polizeifahrzeug und jeder ihrer Insassen um sich herum einen rosafarbenen Aura-Lichtkranz des Friedens und der Glückseligkeit trägt und wie alles, was sich im Bannkreis dieses Mantels bewegt, erfüllt ist von Ruhe und innerer Sicherheit. Wie fluoreszierende Zuckerwattewolken tanzen Polizisten schwerelos über die Erde. So sieht das aus!
Gestern stand in der Zeitung, die Lieblings-TV-Serien von Polizisten seien “Toto & Harry“.und “Tatort“. Na, dann werden sie ja bald wissen, wie es im Leben wirklich zugeht. Mhhmm. Schade eigentlich!
Yessica Yeti
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