- Text: Yessica Yeti
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Terminal E
Ein kleiner Junge kniet auf dem Boden einer mäßig belebten Wartehalle eines mäßig beliebten Flughafens in Berlin. Der Fahrer seines Spielzeugautos scheint Autist zu sein. Er fährt immer nur hin und her und hin und her.
Wie ein besessener Horrorfilm-Zahnarzt mit einer Laubsäge zerrt der Junge den Wagen über den Boden vor und zurück und vor und zurück und singt dabei auf die Melodie von „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“, den Text: „Mama Mama Mama Mama. Mama Mama MAAAA. Mama Mama MAAAA...„ Dabei schraubt sich seine unwirkliche Koboldstimme langsam in immer kreischendere Höhenlagen, bis es am Ende in einer gewaltigen akustischen Eruption aus ihm herausbrüllt: „…KOMMT AUS WESTDEUTSCHLAND!“
Poltergeist? Carrie? The Ring? Nein: Flughafen Berlin Tegel. Terminal E.
Ich versuche, den Terminal E zu meiden. Er liegt am Arsch des Flughafens, ist sauhässlich und ich sage es ganz ehrlich: Ich habe Angst vor ihm. Irgendetwas geht da vor. Immer, wenn ich da bin, passieren seltsame Dinge. Deshalb habe ich Angst. Angst vor Terminal E.
Meine Freunde kümmert das nicht. Sie landen gerne dort und werden auch gerne abgeholt. Also packe ich mir ein paar umgedrehte Kreuze in die Tasche, hänge mir etwas Knoblauch um, und hole ab, was abgeholt werden muss. Am Terminal mische ich mich unters Volk. Heute ist es belebt. Kein singender Junge in Sicht. Ich beobachte, wie die Ankommenden ihren Abholern in die Arme fallen. Eine junge Frau hat sich ihren Nachnamen auf den Koffer sticken lassen. Samsonite. Praktisch! Sie begrüßt ein kleines Mädchen, drückt ihre Mutter oder Tante und umarmt dann den neben mir stehenden Mann, der wahrscheinlich ihr Opa ist. Dann breitet sie ihre Arme aus, spitzt ihre Lippen zum Kuss und greift …MICH?! Oh Gott. Sie denkt, sie würde mich kennen! Offensichtlich stehe ich zu nah bei ihrer Familie. Oder ich bewege mich irgendwie blutsverwandt. Auf jeden Fall will sie mich küssen. Und weil ich „Fremde küssen“ in der Schule nicht hatte, weiß ich nicht, was ich tun soll. Also denkt mein Körper kurz ohne mich nach und schreit: „ICH KENNE DIE NICHT!“, und zeigt dabei auf die ebenso entsetzten Opa, Tante und Kind.
Seit diesem Tag SITZE ich, wenn ich jemandem am Terminal E abhole. Ich habe eine Ecke gefunden, in der man alles sehen kann, aber nicht gesehen und geküsst wird. Ich habe immer eine Zeitschrift in der Hand, die ich hochreißen kann, wenn sich jemand meinem Gesicht nähert. Heute bekomme ich Besuch aus Wien. Eine Frau mit Echtfell-Kapuze wartet nervös auf ihren Liebsten. Ungeduldig tippelt sie auf und ab. Als sie der Sicherheitszone kurz ihr Profil zuwendet, kommt er. Er sieht sie sofort und strahlt. Er geht auf sie zu, greift sie von der Seite und drückt sie an sich. Sie strahlt zurück, wendet sich ihm zu und küsst die feuchten Lippen eines Mannes, ...den sie noch NIE in ihrem Leben gesehen hat! Ein kurzer Schrei. Entsetzen. Dann springt sie weg.
Doof. Das hätte ich ihr natürlich auch vorher sagen können!
Yessica Yeti
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