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Bild: Wilhelma
  • Text: Yessica Yeti
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Wilhelma


Fast alle in Deutschland lebenden Tiere sind vorbestraft. Sie leben in Gefangenschaft. Die resozialisierenden Grundsäulen des staatlichen Strafvollzugs sind die Zoologischen Gärten. Hier soll, ähnlich wie in Kindergärten, aus unmotiviert herumlungerndem Gesocks, aufrecht gehende Staatsbürger gemacht werden.

Der Zoo in Stuttgart heißt Wilhelma. Eine der Pflegerinnen in der Wilhelma heißt Bea. Bea kommt aus Schwaben und spricht schwäbisch. Nicht nur mit ihren ebenfalls schwäbelnden Kollegen, sondern auch mit den Tieren. Alle Tiere in der Wilhelma schwäbeln! Kein einziges Tier kann Hochdeutsch. Ein Gnu aus dem Stuttgarter Zoo kann niemals und nirgendwohin ausgewildert werden. Es gibt keinen einzigen afrikanischen Staat, in dem schwäbisch gesprochen wird. Haubenlanguren, Okapis und alle anderen Bewohner und Angestellte der Wilhelma können Baden-Württemberg niemals verlassen. Nirgends auf der Erde gibt es schwäbelnde Nilpferde oder Helmhokkos, und weder indische Elefanten noch Sumatra-Tiger werden mit ihrem behämmerten Dialekt jemals wieder Freunde finden, wenn sie mal in ihre alte Heimat zurückkehren. Auch in der BRD engt diese tragische Missbildung den Lebensraum ihrer Opfer stark ein. Fast so, als würde man nur die Tanzsprache der Bienen können. Schwäbisch isch dr hardnäggigschde Dialekd dr Weld. Auch mit viel üben lässt sich dieser Sprachfehler nicht verbergen oder rückbilden. Ähnlich, als hätte man Spätzle ins Gesicht tätowiert. Die armen Tiere in der Wilhelma: Unschuldige Mundartgenossen, wehrlose Opfer mit dem Stigma einer vom Aussterben vergessenen Bauernsprache.

Da träumt die Panzernashornkuh Sani von ein bisschen Wellness-Urlaub im lichtdurchfluteten 650-Kubikmeter-Pool bei den Duisburger Orinoko-Delfinen. Doch sie weiß, verstümmelt mit einem Dialekt in dem es keinen Dativ gibt, und in dem Hot Dogs "Weggaschlubbfr" und Pommes "Grombiraschniddz" heißen, braucht sie bei der Bahnauskunft erst gar nicht anzurufen. Sie ist isoliert.

Setz einen nacktrasierten Bär aus dem Kölner Zoo an einer Autobahnraststätte aus. Nach einer Woche hat er eine neue Kolonie mit zwei konkurrierenden Brauereien, einer florierenden Furzkissenfabrik und einem eigenen Tanz gegründet. Setz ein schwäbisches Känguru daneben und es wird nach fünf Tagen ohne soziale Kontakte verhungert sein. Erstens weiß die Dame vom Auto-Grill weder was Knöpfle noch was Eilauf noch was Schäufele ist, und zweitens zahlt das gebeutelte Tier im Leben keine 12 Euro für einen Grillteller.

Zwei Freunde von mir haben den ehemaligen Hund von Gerhard Müller-Vorfelder aus dem Stuttgarter Tierheim geholt. Nach vier Wochen brachten sie ihn wieder zurück. Sie haben ihn einfach nicht verstanden. Wuffle.

Yessica Yeti


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