unclesally*s, dein Musik-Magazin für Punk, Rock, Indie, Alternative, Indierock mit vielen Interviews und Rezensionen

Bild: GEDANKENSPLITTER

GEDANKENSPLITTER
MAY THE SWELL BE WITH YOU...


... so steht es jedenfalls in der Innenseite meines Neoprenanzugs, und ich werde fast ein wenig melancholisch, wenn ich ihn so abgespült in der Dusche aufgehangen sehe, schniff. Möge die Strömung mit dir sein, ein fast Jedi Ritter-mäßiger Wunsch unter den Mitgliedern einer verdammt verschworenen Gemeinschaft mit Prinzipien, Idealen, eigenen Träumen, Regeln, Werten und allem drumherum. Surfen (und ich meine hier echtes, wahres Wellenreiten und nicht dieses hohle, snobistische Windsurfen oder gar Wakeboarding) ist Religion, selbst wenn ich persönlich nur bäuchlings auf meinem Boogieboard die Wellen beackere, die mir meine aufrecht stehenden Brüder und Schwestern übrig gelassen haben. Doch hat man erstmal Blut (oder besser: Salzwasser) geleckt, egal ob auf Surf- oder Bodybrett, wird die anfangs noch schmerzhafte und mit viel Lehrgeld zu bezahlende Passion verflucht schnell zur Sucht. Ich kenne Leute, ja sogar enge Freunde von mir, die sich für ein neues Board in Schulden gestürzt haben, und sich mit der bloßen Anschaffung selber unter Druck setzen, den Arsch öfters als nur ein-, zweimal im Jahr von der Couch zu hieven, um dem Investment gerecht zu werden. Wie schnell überlässt man das gute Stück der perfekten Zimmeroptik oder surft nur noch heroisch in der Badewanne, um sich vor weiteren Blasen, Ganzkörpermuskelkater, Abschürfungen, Prellungen, Brüchen, Trommelfellrissen und Haiattacken zu drücken. Pussie-Ausreden! Es gibt nix, was mehr PunkRock ist, als so richtig amtlich von einer Sechs- bis Zehnfußwelle durchgewixt zu werden, gleich morgens zum Frühstück. Waschmaschine galore, dagegen sind die ganzen neuen Extrem-Fun-Vehikels auf dem Jahrmarkt 'ne Bummelbahn! Das Gefühl, vor lauter Erschöpfung und Luftholen die morgendlichen Cornflakes im Hals aufsteigen zu spüren, ist einfach unschlagbar! Wie klein man sich plötzlich fühlt in diesem unberechenbaren Element namens Ozean. Man denkt, man hat einige hundert Märker für den Flug bezahlt, dann noch die Unterkunft, eventuell das Mietauto und zudem das ganze verdammte Equipment, huui scheisse, dafür hätte ich mir auch einen flotten Sportwagen kaufen können. Na dann sollte mir das Meer zumindest wohl gesonnen sein und mich als seinen Meister ansehen ... aber nix da, du Arschloch! Alles, was du bekommst, ist ordentlich auf die Fresse, du Miststück! Denn das Meer lässt sich nicht zähmen, voraussagen oder gar genüsslich zureiten. Du verwöhntes Stück Zivilisationsscheisse bekommst höchstens links und rechts eine rein, und das im Minutentakt, dass Dir fast die Luft wegbleibt und du am liebsten an den Strand zurückpaddeln würdest. Aber das geht nicht, denn die Strömung hat Dich längst abgetrieben, wenn nicht aufs offene Meer raus, dann zumindest in Richtung der Felsklippen und Riffe. Schöne Aussichten für einen selbst gewollten, vollbezahlten Urlaub, nicht wahr?! Nun, so fragt Ihr euch sicher, liebe Freunde, was zieht den passionierten Wellenreiter denn wirklich immer wieder raus zum Wasserschlucken? Ganz einfach: der Moment, in dem man die Welle anpaddelt, dieser Augenblick des puren Adrenalinakicks, das Timing, das endlich mal stimmt, das Stehen, die perfekte Positionierung der Füße, das Mitspielen der Welle, die Sonne im Gesicht, die über sich schließende Röhre, die Kontrolle über das Board, die respektvoll in die Höhe gereckten drei Finger ('Hang loose!') der Mitsurfer, der Applaus der drallen Mädels am Strand, der zu unterzeichnende Vertrag ... Interessant wird es dann aber erst, wenn dir die einheimischen Fischer nach Verlassen des Wassers stolz ihren Fang zur Schau stellen: ein paar Haie, in deren Mägen du und dein teures Brett locker zusammen Platz hätten ... 'Und', so einer der Fischer, 'die Mengen an 15 bis 20 ausgewachsenen Killerhaien würde man jeden Tag locker aus dem Wasser unweit des Surfspots fischen, ohne die Anzahl wirklich zu dezimieren ...' Mahlzeit.
Jungs und Mädels, Surfen ist wie das Skaten nur die logische und mechanische Umsetzung des PunkRock, ja, es ist Religion! Wie keine andere Leidenschaft (außer Sex vielleicht) symbolisiert es das LEBEN, ist gekennzeichnet durch Ups & Downs, viel Kampf und Strapazen, um am Ende den Kniff rauszuhaben und mal eine gute Welle bis zum Strand zu reiten. Doch schon der nächste Ritt kann dich wieder völlig vom Brett fegen, also immer Obacht, Kollege! Wellen kommen jeden Tag genug rein, die Kunst ist nur, die richtige für sich zu erwischen. Selbstüberschätzung kann dich hier schon mal ordentlich Salzwasser schlucken lassen. Doch auch dann sollte man nicht müde werden, es immer wieder zu versuchen, so wie im wahren Leben, das ja zwangsläufig auch seine Narben hinterlässt. Das Schöne an dem Ganzen ist, hinterher noch bei einem Bierchen oder gepflegten Rotwein in den Sonnenuntergang reinzuchillen und zu wissen, dass man gerade von seinen Glaubensbrüdern und -schwestern (sprich: Familie) umgeben ist. Man muss gar nicht viel reden, jeder weiß, was geht... Und so wache ich gut angetrunken unter der laufenden Dusche neben meinem Neoprenanzug auf, hicks ... alles nur geträumt? May the swell be with you, too. (steven-elpogo@gmx.net)


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