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GEDANKENSPLITTER
WIEVIEL POP VERTRÄGT PUNKROCK?


Liebe Leute, heute möchte ich mal die Diskussion vom Zaun brechen, in wie weit man denn eine alles aufweichende Strömung wie den Pop im PunkRock zulassen sollte. Dazu möchte ich mit einem vergleichenden Besispiel einsteigen: Pop in den Charts. Wie oft hört man von gipfelstürmenden Bands, sie hätten nix mit Politik zu tun und wollten ihren in den Verkaufshitparaden gewonnenen Einfluss auf die Käufer nicht ausspielen, um bloß niemanden zu beeinflussen oder gar aufzuwecken. So kommt es, dass Künstler, die auf hochpolitischen Empfängen, High Society-Aufläufen und insgesamt großen Bühnen auftreten, jede Art von Statement vermeiden. Bloß keine Unruhe verbreiten, hossa. Ein Pups darf mal rausrutschen oder auch ein saublöder Song, aber das Bekennen von Farbe ist doch tunlichst zu verkneifen. So kommt es, dass Schwachmaten wie Sting, REM, George Michael oder U2 immer noch im Rampenlicht stehen und sinnentleerte Teenietruppen wie DESTINY'S CHILD, NO ANGELS und die SPICE GIRLS-Überbleibsel Millionenheere von verdummten Kids locken, wie einst der Fänger von Hameln seine Ratten. Nun, ist ja auch alles halb so schlimm, sollen sich die ganzen Dumpfbacken doch alle gegenseitig poppen, denn wenn man sich ein wenig schlau macht und den Zirkus hinterfragt, kann man über das Theater eh nur noch herzhaft lachen. Nun ist es Tatsache, dass dieser böse, hohle Pop auch über vormals radikale und sehr eigensinnige Musikstile wie Techno, HipHop und auch unsere letzte Bastion PunkRock zukriecht. Hört Euch mal im Freundeskreis um, wieviele Leute denn auch, 'nur so mal aus Spaß' regelmäßig Top Ten-Scheisse kaufen. Wie viele ganz spontan irgendeinen noch so dummen Chartstampfer an der Anfangsmelodie erkennen, sogar noch stolz grinsen und sich den passenden Klingelton aufs Handy laden. Gebongt, ab dafür, sind ja schließlich auch irgendwo liebgewonnene Freunde, mit denen man es zu tun hat, da lacht man gerne mit. Doch bekommt die Sache eine ganz andere Dynamik, wenn mir in letzter Zeit vermehrt ein paar C&A-Kunden auf der Straße begegnen, die vor ein paar Wochen noch ganz anders aussahen, schicker, so insgesamt, und jetzt PunkRocker sind, rein optisch, nicht im Kopf. Aber wenn ich das einst als vertrottelter Kleinstadtjunge auf der Suche nach meiner Nische, nach Abgrenzung und Individualität richtig verstanden habe, dann bot mir die Art meiner Kleidung und die Frisur meiner Haare auch einen innerlichen Abstand zum Mainstream, ein ganz natürlicher Vorgang, eine Erfahrung, wie sie tausendfach erlebt wird, und millionenfach eben auch nicht. Auch wenn man sein verqueres Denken nicht nach außen trägt, so hat man sich doch irgendwann und irgendwo einen alternativen Status erkämpft. Sei es durch die gewahrte Distanz zu seinem bürgerlichen Umfeld, durch politisches- und Selbst-Bewusstsein, durch Alternativen, durch Anders-Sein, oder durch Musik. Ein Song, ein Riff, eine Stimme, eine Band, das war der einfachste Weg in die Individualität, meist fernab von Chartmusik. Man kennt das: Plötzlich gibt es die Band, die man für sich entdeckt hat, die, die keiner der Freunde kennt, MEINE Helden, meine Identifikation, meine Vorbilder. Nicht Mami und Papi, nicht deren Auto, nicht die Platten meiner großen Schwester und auch nicht der Sommerurlaub in Spanien. Gefühlte Musik, Emotion, Glücksgefühle, klingt simpel, ist für den Einzelnen jedoch prägend und in nicht wenigen Fällen wegweisende und entscheidende Instanz für die Ausbildung eines eigenen, individuellen Charakters. Mal ehrlich, kratzt man sich dann nicht vermehrt am Kopf, wenn einem da jemand durchgestylt und im Boutique-Shirt mit AC/DC-Aufdruck entgegenstolziert kommt, und du kannst ihm an der Nasenspitze ablesen, dass der nicht einmal im Leben einen Rockschuppen von Innen gesehen hat, geschweige denn die zwei magischen Finger in die Luft zu heben weiß, oder gar auch nur eine einzige eigene AC/DC-Platte überhaupt zu Hause stehen hat, oder auch nur einen einzigen SEX PISTOLS-Song auswendig kann, nur den Titel ... na? Eben. Denen nimmt man die innerliche Revolte blind ab, hihi. Aber man darf ihm/ihr nicht böse sein, denn mittlerweile gibt es verdammt viele, nach außen hin scheinbar punkrockige, untergrundige, Modeläden, die - und da gibt's nix zu deuteln - solche Klamotten anbieten, obwohl sie im Herzen gar keine punkrockigen Läden sind. Diesen Profittempeln ist es doch egal, wer oder was da nun im Schaufenster hängt. 'Klar haben wir auch Buffalos, aber wenn ich die einen Tipp geben darf, probier's mal mit den Bikerboots hier ...' Nützliche Ratschläge aus erster Hand, da sagt man nicht nein, auch wenn man weiß, dass der Laden hier im vergangenen Jahr noch Techno-Höschen verschachert hat, oder irgendwas anderes, und im nächsten ist man wieder auf einem anderen Trip, ist ja schließlich Mode, die kommt und geht ... Aber was sich momentan in den großen Schaufenstern einschlägiger Ketten und mittiger Trendboutiquen so tummelt, das ist die sehr angesagte Punkerfashion und manchmal gehe ich da auch rein und gucke mir das an. Könnte ja was cooles dabei sein, was originales, aus den Lagern gekramte 70er Jahre DEAD BOYS-Shirts oder alte Promopins von den HEARTBREAKERS. Fehlanzeige. Auf Nachfrage bei der Belegschaft erntet man dann ungläubiges Schulterzucken ob der genannten Bands und die Szeneläden-Bertreiber wenden sich dann nach freundlicher Absage auch gerne den 'trendbewussten' Kunden zu, um sie zunächst als 'Punkrocker' einzukleiden und im Anschluss mit den hippsten Partytipps aus dem Flyer zu versorgen. Danach huscht die teuer und hip gedresste Big Eden-Elite noch kurz zu Udo Walz, um sich den Mohawk schneidern zu lassen, und nebenbei noch schnell die Bunte durchzublättern. Meist samstags, kurz vor Vier. Danach noch flugs die Domestos-Hose von Peek & Cloppenburg abgreifen und dann ab zu H&M, da sind die Sicherheitsnadeln schon aufgenäht. Shoppingmall-PunkRock anno 2001, Big Business strikes back und lässt Musik und Lebensgefühl der Einfachheit halber beiseite. Gekaufte Individualität und Rebellion von der Stange hat ein Haltbarkeitsdatum: Den Montag, wenn man sich wieder um halb Neun hinter den Schreibtisch klemmen muss, um die neuesten Börsenkurse in Bares umzuwandeln. Schließlich ist bald wieder Samstag ... und Punk ist (uns) teuer.
(elpogo@gmx.net/blitzbrat@gmx.de)


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