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GEDANKENSPLITTER
KRIEG & MEDIEN


Der Anschlag auf das World Trade Center und das Pentagon war nicht nur der grausamste Vernichtungsakt, der die westliche Welt seit dem zweiten Weltkrieg erschütterte, sondern auch das spektakulärste Medienereignis seit der Mondlandung. Schon der Einschlag der ersten Maschine wurde zufällig von einem französischen Dokumentarteam gefilmt, musste aber umgehend dem FBI ausgehändigt werden. Ein großer Teil der Bilder - nicht alles - wurde zur Veröffentlichung freigegeben und ging in tausendfachen Ausstrahlungen um die Welt.
Während ich das hier schreibe - am 20. September - läuft die Diskussion um die Authentizität der Bilder jubelnder Palästinenser nach dem Terroranschlag, die CNN um die ganze Welt schickte, auf Hochtouren. Aktueller Stand der Dinge ist, dass die Bilder wohl authentisch sind, zumindest nicht von 1991, wie ursprünglich von einem mexikanischen Studenten behauptet und über das Internet in Umlauf gebracht. Dagegen spricht u.a., dass in dem Film ein Auto zu sehen ist, dessen Baujahr auf frühestens 1995 zu datieren ist.
Die Diskussion beleuchtet die Rolle der Medien im Krieg, aber auch in dem Zustand, den wir in der 'westlichen Welt' als Frieden empfinden. Neben der Frage der Echtheit ist dabei auch die Auswahl dessen, was wir als Nachrichten vorgesetzt bekommen, entscheidend dafür, wie wir die Welt sehen. Und zwar nicht nur wir 'hier unten', sondern selbstverständlich auch die Politiker und Entscheidungsträger in aller Welt. Denn dass die sich nicht auf das verlassen können, was ihnen ihre Nachrichtendienste vorsetzen, ist nicht erst nach den jüngsten Terrorakten offensichtlich.
So hat sich denn für die Mitglieder unserer Generation - was so nach 1970 das Licht der Welt erblickt hat - die Welt bisher vereinfacht gesehen so dargestellt: Die Durchsetzung der Grundwerte der westlichen Welt - Freiheit, Demokratie und Menschenrechte im weiteren Sinne - steht im Mittelpunkt der Politik der USA, der Vereinten Nationen und der NATO. Die Feinde der westlichen Welt sind die Staaten und Gruppierungen, die das nicht verstehen wollen - bis zum Ende der achtziger Jahre die Sowjetunion und die Mitglieder des Warschauer Paktes, seit den Neunziger Jahren Schurkenstaaten wie der Irak, mit terroristischen Methoden kämpfende Völker wie die Palästinenser und die Kurden, islamische Fundamentalisten generell sowie terroristische Gruppierungen um Bin Laden u.ä.
Der Krieg gegen diese Länder und Völker ist also der Kampf um das Gute schlechthin. Bilder aufgehetzter Bartträger und vermummter Frauen, die amerikanische Flaggen verbrennen, belegen das und erschweren selbst den Unvoreingenommenen, ihre tolerante Sichtweise zu bewahren.
Was wir nicht sehen, kann ich euch nicht aufzählen, weil ich es nicht gesehen habe. Gelesen habe ich aber z.B. erst kürzlich, dass es im Irak nahezu täglich zu Angriffen amerikanischer Kampfflugzeuge gegen Flugabwehrstellungen u.a. kommt. Was mir vorher nicht bewusst war. Für die Leute dort herrscht Krieg gegen die USA, während wir glauben, dass die nur darauf warten, endlich von der despotischen Herrschaft Saddam Husseins befreit zu werden. Tun sie aber nicht, da auch der in der Lage ist, die Nachrichten so auszuwählen, dass seinem Volk die USA als Aggressor dargestellt werden.
Doch nicht nur die Nicht-Veröffentlichung von Informationen, auch die Veröffentlichung und Verbreitung stellt eine Ausübung von Macht dar, die weit über das hinaus geht, was durch Ansprachen von Regierungschefs und politischen Kommentaren erreicht wird. Die schnelle Entscheidung des FBI, die Bilder der Katastrophe zu verbreiten, hat durch das bisher höchstens in Endzeit-Filmen dargestellte Infernalische eine beispiellose Solidarisierung mit den Opfern und den USA bewirkt und Bündnispartner veranlasst, 'uneingeschränkte Solidarität' sofort zu beteuern. Alles andere wäre angesichts der Bilder moralisch nicht zu rechtfertigen gewesen - etwa, dass die Bekämpfung des Terrorismus in erster Linie ein gesellschaftliches und kein sicherheitstechnisches Problem darstellt.
Die Ausstrahlung der schon oben erwähnten, wohl authentischen Bilder von ca. 15 (!) jubelnden Palästinensern sorgte dann auf der anderen Seite für die prompte Bedienung eines Feindbildes und die Kanalisierung der Aggressionen in Richtung Islamische Welt. Jeder Widerspruch gegen Bush's Sprüche von einem jahrelangen Krieg ist in der Nähe des Hochverrats anzusiedeln, und von einem Freund weiß ich, dass selbst eher weltoffene, linksorientierte junge Amerikaner von nichts anderem als Rache und Vergeltung reden.
Durch Rache und Vergeltung wird der Terrorismus nicht beendet werden. Ein Krieg, der Schuldige und Unschuldige trifft, wird die Polarisierung und Extremisierung weiter fördern. Für jeden getöteten Terroristen werden Hunderte bis dahin grundsätzlich Gewaltbereite in den bewaffneten Kampf ziehen. Nur, wenn den Terroristen der Rückhalt in der Gesellschaft genommen wird und sie so in ihrem Kampf isoliert werden, besteht Eine Hoffnung auf Eindämmung der Gewalt. Und um ihnen diesen Rückhalt zu nehmen, ist es notwendig, sich mit den Hintergründen auseinander zu setzen, die dazu führen, dass sich weite Teile der islamischen Gesellschaften subjektiv ausgebeutet, unterdrückt oder bestenfalls durch die westliche Welt bevormundet sehen. Und darauf einzugehen.
Nur das kann der Sinn der Worte 'Wir sind eine Welt' sein, die unser Bundeskanzler schon kurz nach dem Anschlag äußerte. Womit er allerdings nur Europa und die Amerikaner meinte.


Für Frieden und Toleranz,
Elmrock


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