unclesally*s, dein Musik-Magazin für Punk, Rock, Indie, Alternative, Indierock mit vielen Interviews und Rezensionen

GEDANKENSPLITTER
MAJORFIRMEN, VERBRECHER & VERLIERER


Sitzt man Samstagabend in Deutschland zur Primetime vor der Glotze, dann ist es ganz normal, das eine oder andere, spektakuläre Eigentor bewundern zu können, schließlich haben wir unser 'Ran' und damit den kommentierten, allumfassenden Fußballwahnsinn wieder. Doch auch sonntags konnte man in Form von 'Popstars' nun ein paar Wochen hintereinander mit weit offenem Mund ein (alb-)traumhaftes Bilderbucheigentor bestaunen, in dessen Entstehen quasi die ganze eigene Mannschaft ausgedribbelt, dem (Geschmacks-)Torwart ein Tritt in die Eier versetzt und letztlich anscheinend unwissend ins eigene Gehäuse eingelocht wurde. Gooooooooooaaaaaaalllll!!!! And the loser is: Die Musik- und Plattenindustrie itself.
Um diese sportweltentliehene Bildersprache zu erläutern, muss ich etwas weiter ausholen ... Manch einer hat sich in den zurückliegenden Monaten oder gar Jahren sicher gefragt, warum CDs und Platten so verdammt teuer geworden sind. Iss ja ganz legitim so 'ne Frage, doch wenn mir die Leute jeden Tag und jede Woche dann im Laden in den Ohren liegen, ich sei ein Abzocker und dreister Preistreiber, dann bedarf es wohl doch mal einer kleinen Infostunde. Also, icke bin als Tonträger-Einzelhändler nicht nur Lustobjekt in der Frauenwelt sowie soziale Anlaufstation für allgemein verhaltensgestörte Zeitgenossen, sondern auch das allerletzte Puzzleteil in der Kette von Zubringern, die den Weg einer CD vom Presswerk in den Laden säumen. So eine CD kostet heutzutage in der Produktion nur wenige Pfennige (das weiß wohl die ganze 'Sendung Mit Der Maus'-Nation), doch bis diese erstmal im Regal steht, haut natürlich jeder Pupshans (sorry Hans!) seinen Arbeitslohn und Unkosten drauf. Das ist einfachste BWL-Preiskalkulation und hat bis vor Kurzem auch noch Sinn gemacht, als Platten noch bis 20 Mark und CDs maximal 30 Mark gekostet haben. Doch dann verspürte die internationale Plattenindustrie plötzlich ungeheure Blähungen und schiss im Akkordtempo die Welt mit unterdurchschnittlichen, unterbelichteten neuen Acts zu, die gerade mal die Überlebensdauer einer einzigen Veröffentlichung besitzen. Kapital wird von diesen riesigen Firmen nur noch für die schnelle Mark investiert, anstatt auf Dauer und Qualität zu setzen. So kommt es, dass wir uns heute (zum Glück) kaum noch an die Namen der tollen 'Big Brother'-Dumpfbacken erinnern können, die noch vor einem Jahr die Charts anführten, aber trotzdem weiterhin penetrant mit Neuentdeckungen vom Reißbrett aus dem Hause 'Popstars' zugeballert werden. Diese Scheisse muss natürlich ordentlich Werbung bekommen, um nicht gleich wieder sang- und klanglos unterzugehen, schließlich hat 'RTL2' mit freundlicher Unterstützung der Majorfirmen ja schon im Vorfeld ein irres Geld in das ganze Auswahlbrimborium gesteckt. Man kennt es ja aus den Horrorfilmen: ein künstlicher Hybrid aus dem Labor kostet viel mehr Geld und Mühen, am Leben zu halten, als ein richtiges Lebewesen, das auf sich selbst aufpassen kann. Es ist zwar in Deutschland mittlerweile supereinfach, ein auf den Massengeschmack abgestimmtes Produkt zu entwerfen und in die offenen Konsummäuler der Nation zu werfen, diesem dann aber noch Leben, Qualität und eine längere Überlebensdauer einzuhauchen, scheint unmöglich. Früher musste man erstmal rund 200.000 Einheiten verkaufen, um eventuell die Charts anzuführen, heute reichen schon 50.000 CDs für die Nummer 1 aus, denn das Publikum kauft einfach weniger, so dass die Firmen auf einem ganz schön hohen Berg von Scheisse sitzen bleiben.
Die Industrie lässt dabei nix aus, um an den Geldbeutel des Verbrauchers zu kommen, und bedient sich nun fast schon krimineller Tricks. Dass die Preise für den Einzelhandel ohne Begründung angezogen werden und damit viele kleine Läden, die mit der Preispolitik der großen nicht mithalten können, dichtmachen, ist eine Sache. In den Fällen der GORILLAZ oder der STROKES konnte man sogar erleben, dass die Platten bei den ersten hohen Chartnotierungen in Deutschland über Nacht vom Markt genommen und nochmal mit einem höheren Preis an den Einzelhandel rausgegeben wurden. Sobald diese Haie merken, dass bei einer Kuh etwas zu holen ist, wird gemolken, bis das Euter wund und leer ist. Zudem werden, und ich spreche hier aus Erfahrung, dem kleinen Handel die Pistole auf die Brust gesetzt, d.h. wer nicht mitspielt und sich in großen Mengen auch Schrott von den Plattenfirmen andrehen lässt, der bekommt beim nächsten Mal auch keine Prozente. Wir befinden uns hier gerade in einer ganz bösen, eskalierenden Spirale, Kollegen: auf der einen Seite müssen immer mehr kleine Läden mit speziellem Programm schließen, weil sie der Konkurrenz und Kaufkraft der großen Ketten nicht gewachsen sind und auch von der Industrie nicht mit fairen Deals unterstützt werden. Auf der anderen Seite stellen sich die großen Läden aber auch nur noch kurzlebige Scheisse in die Regale, die sich schnell und effektiv drehen muss, damit der Rubel rollt. Ich denke, das wird zum Weihnachtsgeschäft ordentlich knallen. To be continued ... steven-elpogo@gmx.net


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