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Bild: making streetart a threat again
  • Text: Daniel Sprenger Fotos: R.Piltz
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making streetart a threat again
Generation Copyshop geht auf die Straße


Willkommen im Spätkapitalismus! Werbung ist alles und alles ist Werbung; Kein Event ohne Sponsor, keine urbane Fläche ohne Display, keine U-Bahn ohne Bildschirme, kein T-Shirt ohne Logo, kein Film ohne Soundtrack auf heavy Rotation, kein Trickfilm ohne McDonalds-Merchandise, kein TV ohne Werbepause, keine Sendung ohne kostenpflichtige Quizhotline. Immer flächendeckend, immer neue Nischen erobernd, immer neue Monstren produzierend, immer am Zahn der Zeit, wenn es darum geht, mal wieder eine neue Subkultur zu vertilgen, um sie im harmlosen Popgewand als neuen Trend zu vermarkten.


'The Revolution will not be televised!'


Pustekuchen! Sie wird. Auch auf allen anderen bis dahin im öffentlichen Raum montierten Bildschirmen - denn wo alle hingucken, kann man auch ein Produkt platzieren: Präsentiert von Energiedrink XY! Dein MMS-Handy sagt dir, wo die Action ist! Der Titelsong wird von der neuesten 'total frechen' Girlband gesungen! Wähle Logo 1, Logo 2 oder Logopäde...! Ein solches Szenario ist in Zeiten von globaler Marketingpower durchaus wahrscheinlich, mit einem Haken natürlich: Wer glaubt noch an so etwas wie eine Revolution?! Schließlich haben die Konzerne den Kampf um die maximale Präsenz längst gewonnen und können sich in Ruhe neuen Marketingstrategien widmen. Deswegen ist Microsoft jetzt Clubbetreiber. Oder der neueste Clou einer Wodkamarke: Ein übergroßer Plattenspieler an einer Berliner Szene-Kreuzung lässt uns alle wissen wer am Kiez-Image mitprofitieren möchte - Absolut Friedrichshain - heißt das dann.


Doch was ist das? Genau daneben steht ein Baucontainer, auf der eine nicht gerade kleine Figur zu sehen ist. Sie ist aus Papier, penibel mit Hand ausgeschnitten, gekleistert und auch sie teilt uns etwas mit - Absolut Kaputt!
Gould, Urheber dieses Statements, ist einer von unzähligen Künstlern, die des Nachts an den Fassaden unserer Metropolen ihre Zeichen hinterlassen. Mit Fotokopien und Kleister, Spuckis, Sprühschablonen, aber vor allem mit Postern & Stickern. Diese semiotischen Gebilde entziehen sich häufig durch ihre Machart und Aussage dem klassischen Graffiti-Kontext, und deshalb auch der damit verbundenen Strafverfolgung (außer bei Schablonen natürlich!). Diese Kunst ist vergänglich und reproduziert sich unaufhörlich. Sie erlaubt komplexe politische und emotionale Statements (die alle, nicht nur die Macher ansprechen sollen) und Kommunikation unter den Künstlern.


Diese als StreetArt bekannte Praxis heißt auf Amtsdeutsch 'wildes Plakatieren', und wer dabei erwischt wird, wird meist aufgefordert, die angebrachten Arbeiten wieder zu entfernen. Diese halblegale Nische nutzen viele Künstler schon seit Jahren, um ihre Entwürfe unters Volk zu bringen. Unlängst wurden durch die Austellung 'Backjumps/The Live Issue' in Berlin-Kreuzberg nicht nur herausragende internationale Künstler wie Obey (NY), Swoon (NY) und Lokiss (Paris) geadelt. Mit Workshops und Stadtspaziergängen wurden auch die Basics vermittelt, um aus jedem Besucher einen potentiellen Straßenkünstler zu machen. Die Konsequenz: Immer mehr Künstler platzieren sich im städtischen Biotop! Wenn es so etwas wie statistische Erhebungen über StreetArt geben würde, würden sämtliche Parameter platzen, gefühlte Temperatur: Very hot! Das geht soweit, dass unter Künstlern Diskussionen darüber geführt werden, ob man mit einem Poster ein 'Tag' denn überhaupt 'crossen' darf - denn Spots werden allmählich rar und das, obwohl jene Kunst eigentlich überall platziert werden kann - gleichgültig ob in Hauseingängen, an Verkehrsschildern ... Diesen Vorteil versucht auch die werbende Welt zu nutzen und kreiert Sticker oder startet Kampagnen, die auf dem StreetArt-Appeal basieren ('It's just Porn Mum!'). Deshalb sind neue Strategien gefragt. Die Künstler Akim und Zasd beispielsweise montieren ihre dreidimensionalen Buchstabengebilde aus Holz und Styropor an Fassaden und in U-Bahn Tunnel. Graue Häuserwände werden immer mehr mit Wandfarbe und Pinsel vom Dach aus angegangen und Graffitis landen seit neuestem auf dem Bürgersteig.


Kein Wunder, dass selbst erfahrenen Street-Artists bei soviel Innovation die Spucke wegbleibt. Wie groß die Gemeinde mittlerweile ist, kann man unter anderem auf der holländischen Seite www.stickernation.net sehen. Hier kann man sich über das Ausmaß urbaner Wucherungen ein imposantes Bild verschaffen und kommt dann eventuell zu der Frage, wer oder was eigentlich hinter dieser massiven Bewegung steckt?!
Das WER lässt sich dabei natürlich genauso schwierig beantworten wie das WARUM. Die Postgraffiti-Generation lässt sich schwer über einen Kamm scheren. War HipHop früher einmal das Zentrum dieser Kunstform, so werden immer mehr auch ganz andere Einflüsse deutlich. Es gibt Individualisten und Weltverbesserer, Teenies und Anarchos, Sinnfreies existiert friedlich neben dem politisch Anspruchsvollen. Gemein ist allen der scheinbar selbstverständliche Drang, im öffentlichen Raum zu publizieren. Eine Praxis, die uns von der Werbebranche tagtäglich vorgemacht wird.


Somit könnte man also fast von einer natürlichen Reaktion des Menschen auf seine mit Konsumaufforderungen gepflasterten Umwelt sprechen. Das gute daran - Techniken, Material und Möglichkeiten sind im Überfluss vorhanden, um es zu tun. Demnach wundert es auch nicht, dass sich nicht nur ein geringer Teil von StreetArt vor allem einem Thema widmet: Identität und Urbanität.
So plakatiert der Künstler namens Bild: 'Beware of your Image, Be an Image'. Es gibt Freiflächen, auf denen jeder aufgefordert ist, den Satz 'Hello, my image is?' selbst zu vervollständigen. In eine ähnliche Kategorie fallen Sätze wie 'Sei du selbst, sonst ist es ein anderer' oder 'The system works, because you work!' Jedoch knüpfen diese Künstler bewusst oder unbewusst auch noch an ganz andere Traditionen an, die im Graffiti Kontext gerne ignoriert werden: Kommunikationsguerilla, Adbusting und die gute alte Situationistische Internationale (SI).


Wie StreetArt uns alle retten kann - Young Urban Guerilla


Erstmals tauchte die SI Ende der Sechzigerjahre in Frankreich während der Maiunruhen auf. Die zahlreichen politischen Kernthesen dieser Bewegung sollen hier jedoch nicht Thema sein. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die erstmalige Auflehnung gegen die Codes in einer Gesellschaft und der damit inszenierte Dialog. Daraus kann man vereinfacht die Frage ableiten: Wie wehrt man sich effektiv gegen die einseitige Kommunikation von oben? Die Antwort sah die SI unter anderem in der 'Entführung' des öffentlichen Raums, dem 'Detourrnement' (Zweckentfremdung). Mithilfe von Sprühdosen wurden Slogans wie 'Ne travaillez jamais' in Paris gestreut. Auffällig war auch die Technik der Entfremdung populärer Motive wie etwa Comics mit inhaltlich veränderten Sprechblasen. Ziel war es, mit den geraubten Zeichen ein Loch in die Konsens-Halluzination der Massen zu reißen - ein Verfahren, das später mit dem Adbusting zur Höchstform reifen sollte.
Vorrangig in den USA praktiziert, wurden Werbeplakate erstmals direkte Angriffsziele von künstlerischen Eingriffen. Logos bekannter Marken wurden verzerrt und durch neue Slogans so verschoben (z.B. Camel > Cancer), dass im besten Fall die zweifelhaften Machenschaften der Konzerne deutlich wurden und der Verbraucher sich die Frage stellte: Was kaufe ich da eigentlich? Solche Strategien behandelt ausführlich das 'Handbuch der Kommunikationsguerilla' von L. Blissett und S. Brünzels. Zugegebenermaßen nicht der aktuellste Buchtipp, doch immer noch empfehlenswertes Nachschlagewerk, um sich einen Überblick über die bunte Welt des Fakes und seiner Wirkungsweisen in der medialen Umwelt zu verschaffen.


Don't Believe The Hype!


Es mag ein bisschen idealistisch erscheinen, all dies mit dem Phänomen StreetArt zu verknüpfen. Doch finden sich gerade hier immer mehr Ansätze und Bezüge in den unterschiedlichsten Arbeiten und Formaten. Um den Berliner Künstler Nomad zu zitieren: 'Da geht was!' Die immense Größenordnung der Aktiven ist Indiz genug für ein allgemeines Bedürfnis nach Veränderung, sei es auch nur die Veränderung des öffentlichen Raums. Durch das vermehrte vorkommen von StreetArt in den Medien mag manch einer versucht sein, von einem Hype zu sprechen. Dabei sollte man aber eines nicht vergessen: der Vorgang des Nachts mit Kleister, Stift oder Schablone umherzuziehen, um Tags drauf diverse Menschen mit dem Ergebnis zu konfrontieren, impliziert die Reflektion des eigenen Handelns weit mehr, als jede Konsumhandlung es je könnte. Somit wird StreetArt nicht vom Mainstream aufgesogen, vielmehr infiltriert es ihn, um hoffentlich mehr und mehr Menschen anzustecken, ihre Ideen spontan und unmittelbar zu verwirklichen. Support Personal Publishing! Am besten auf Werbeflächen! Auf dass es wieder schöner werde.
Möge der Kleister mit euch sein!


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