- Text: Arne Lieb
- Fotograf: Erik Weiss
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Mando Diao
Erwachsen abtanzen
Eine Viertelstunde fährt man vom Zentrum Stockholms immer tiefer in die gesichtslosen Gewerbegebiete in der südlichen Vorstadt. Dort angekommen ist man in der neuen Heimat von Mando Diao, an ihrem Rückzugsort, an dem – wenn man den Bandmitgliedern glauben mag – mindestens eine neue Ära der gemeinsamen Geschichte begonnen hat.
Auf den ersten Blick sieht man dort im Niemandsland allerdings nur ein unscheinbares gelbes Holzgebäude, das ein bisschen an ein Gartenhäuschen erinnert. Nebenan ist ein Trödelladen, wenige Meter weiter eine kleine Pizzeria. Dieses kleine gelbe Haus ist vielleicht der Schlüssel zum Verständnis des fünften Mando Diao-Albums ‘Give Me Fire‘. Hier hat die Band das letzte Jahr verbracht. Hier haben sich Mando Diao ein eigenes Studio eingerichtet und die Songs von ‘Give Me Fire‘ eingespielt. Das alles hat die Band in Eigenregie erledigt. Sogar die Isolierung der Wände haben die Musiker selbst übernommen. Und möglicherweise lag es an dem besonderen Geist dieses Hauses in der schwedischen Vorstadt, dass das neue nicht unbedingt das beste, aber das bislang mutigste und überraschendste Album von Mando Diao geworden ist.
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„Unser eigenes Studio aufzubauen, war einer der wichtigsten Schritte unserer Karriere“, sagt Schlagzeuger Samuel Giers. „In den letzten sechs Jahren hatten wir nicht einmal einen festen Proberaum.“ Sänger Björn Dixgård ergänzt: „Es war, als hätten wir das neue Album in unserem Wohnzimmer aufgenommen.“ Und Bassist Carl Johan Fogelklou, genannt C.J., schwärmt davon, wie entspannt der Arbeitsprozess war. „Wir kamen jeden Tag in den Proberaum, schütteten uns Kaffee in unsere Lieblingstassen, arbeiteten bis zum Abend und gingen nach Hause“.
Ein Blick ins Innere des Häuschens zeigt, dass nicht nur die Lieblingstassen der Musiker für wohlige Wohnlichkeit sorgen. Mando Diao haben ihr Haus vollgestopft mit Instrumenten, an den Wänden hängen Bilder, die Fans bei einem Wettbewerb von der Band gemalt haben. Der Ort sollte das Gegenteil von einem unpersönlichen Studio werden, erzählt Björn Dixgård. „Ich kam mir in Studios immer vor wie in einer Fabrik. Und man konnte die ganze Zeit spüren, wie das Geld weniger wurde.“
Im eigenen Haus konnte die Band ohne Stechuhr und unabhängig arbeiten. Das wurde noch dadurch begünstigt, dass Mando Diao am Anfang nicht einmal wussten, wo ihr neues Album erscheinen würde. Denn ihr Plattendeal lief nach dem letzten Werk ‘Never Seen The Light Of Day‘ aus. „Es hat befreiend gewirkt, nicht zu wissen, ob und wie die Platte veröffentlicht wird“, meint Samuel Giers. „Es war fast, als hätten wir ein Demo-Tape gemacht“. Eine inspirierende Situation, da sind sich die Bandmitglieder einig. „Wir hatten das Gefühl, alles versuchen zu können“, meint Björn Dixgård. Und C.J. glaubt, dass auf keinem anderen Album bisher so viel Mando Diao zu hören war: „Diesmal haben wir unsere ganz eigene Vision verwirklicht.“
Man hört den Songs die kreative Freiheit an, die bei ihrer Entstehung geherrscht hat. ‘Give Me Fire‘ ist spürbar getrieben von dem Wunsch, möglichst viel Neues auszuprobieren. Mando Diao haben ihren Sound für andere Einflüsse geöffnet. Das Ziel lautete dabei eindeutig: größtmögliche Vielfalt. Beim ersten Hören kann man da schon ordentlich ins Staunen geraten.
Nach dem rockigen Opener ‘Blue Lining, White Trenchcoat‘, kündigt sich an, dass diesmal einiges anders laufen wird als erwartet. Zu einem stampfenden Disco-Beat und mit einem „Dance“ skandierenden Background-Chor röhrt sich Björn Dixgård durch ‘Dance With Somebody‘, die erste Single-Auskopplung („Es sollte ein Song für die Massen sein“, erklärt er). Es folgt ‘Gloria‘, ein Stück mit dem Sound und der süßlichen Tragik des Souls – und, ja wirklich: Synthie-Geigen. Der nächste Song ‘High Heels‘ wird getrieben von einem slicken R‘n‘B-Groove. ‘Mean Street‘ wiederum ist ganz in den Sechzigern beheimatet und greift den Motown-Rhythmus von The Supremes auf.
So sprunghaft geht es weiter. Durch die ganze Platte zieht sich das Spiel mit unverkennbaren und unerwarteten Anleihen aus dem umfangreichen Katalog der Pop-Geschichte. Nicht alle stilistischen Ausflüge leuchten ein, manche Songs wie die Sechs-Minuten-Ballade ‘Crystal‘ mit Kirchenorgel und Vogelgezwitscher gehen daneben. Aber das Album hat trotz aller stilistischer Offenheit einen roten Faden, weil die Band auf ihre Stärken vertraut: So ist ‘Give Me Fire‘ auch ein tanzbares und energiegeladenes Rock-Album. Kurz vor Schluss lässt Gustaf Norén bei ’You Got Nothing On Me‘ sogar noch zu einem schwer an Deep Purple erinnernden Hard-Rock-Riff seinen Aggressionen freien Lauf.
Solche Experimente sind nicht unbedingt das, wofür Mando Diao in der Vergangenheit standen. Bekannt wurden die Schweden, die ihren Namen einem Traum von Björn Dixgård entnommen haben, mit einem ungeschliffen klingenden Mix aus Garagen-Rock und Brit-Pop und ihrem Debüt ’Bring ’Em In‘ (2002). Das entstand, ebenfalls in Eigenregie, im Keller ihres damaligen Keyboarders in ihrer Heimat Borlänge, einer kleinen, 40.000 Einwohner zählenden Stadt drei Stunden nördlich von Stockholm. Der Sound der Band passte zum damaligen Zeitgeist, der von Bands wie The Strokes und The Hives geprägt wurde. Mando Diao bekamen einen Plattendeal und profilierten sich in der Folge als exzellente Liveband. Mit einem Lederjacken-Outfit, das an die Beatles der Vor-Pilzkopf-Phase erinnerte, spielten sie sich quer durch Europa und Japan.
Trotz ausgedehnter Touren hatten sie die Arbeitsdisziplin, drei Jahre lang jeweils einen Tonträger nachzulegen. Mit ‘Hurricane Bar‘ wuchs 2004 der Bekanntheitsgrad. Ein Jahr später folgte ‘Ode To Ochrasy‘. Hier brachten die Schweden den Sound, mit dem sie bekannt wurden, endgültig auf den Punkt. ‘Ode To Ochrasy‘ bildete den Höhepunkt und für die Band offenbar zugleich einen Abschluss. Mit ‘Never Seen The Light Of Day‘ folgte 2006 ein Album, das deutlich geprägt war von dem Wunsch, sich weiterzuentwickeln und auf dem die Band sogar Elemente nordischer Folklore in ihre Musik zu integrieren suchte.
Es folgte ein Jahr Pause – die erste, die sich die Band seit langem gönnte. Und nun ‘Give Me Fire‘. Das Album klingt wie ein Neustart, eine Entwicklung in eine ganz andere Richtung als sein Vorgänger. Das liegt sicher auch daran, wer die Band jeweils bei den Aufnahmen begleitet hat. ‘Never Seen The Light Of Day‘, mit dem die Bandmitglieder im Nachhinein nicht sehr glücklich scheinen, wurde produziert von Björn Olsson, dem Gitarristen der schwedischen Rock-Band Soundtrack Of Our Lives. Dieses Mal suchten sich Mando Diao einen Produzenten mit einem völlig anderen musikalischen Background. Und auch das ist eine Erklärung, warum dieses Album so anders klingt als die bisherigen Tonträger von Mando Diao.
‘Give Me Fire‘ wurde produziert von Salla, einem Mitglied des schwedischen Produzententeams The Salazar Brothers. Der wurde als Teil der Gruppe The Latin Kings bekannt und ist in Schweden ein gefeierter HipHop-Musiker, zu dessen Fans auch Mando Diao-Keyboarder Mats Björke gehört. „HipHop ist das beste, was in der schwedischen Musik seit dem Punk passiert ist“, schwärmt er. „Salla und sein Bruder Masse sind Migrantenkinder aus den armen Vorstädten. Sie erzählen in ihrer Musik, wie es dort wirklich ist.“
Ein HipHop-Musiker als Produzent? Das ist eine überraschende Wahl. Und eine mit großen Auswirkungen, wie die Band erzählt. Salla war bei den Aufnahmen zugegen und hatte starken Einfluss auf die Entstehung von ‘Give Me Fire‘. „Er hat uns zugehört und dann Vorschläge gemacht“, erzählt C.J. „Wir wollten auf dem Album einen Retro-Sound mit modernem Touch. Und das ist genau das, was die HipHop-Musiker tun: Sie nehmen alte Musik und lassen sie modern klingen.“
Vor allem die große Vinyl-Sammlung ihres Produzenten hat das Album beeinflusst. Salla brachte Mando Diao in Kontakt mit vielen Meilensteinen von Sechziger- und Siebziger-Soul und -Disco. „Er weiß viel über Musik, weil er sie für seine Samples benutzt“, erzählt Mats Björke. „Dadurch hat er uns auf Ideen für Sounds und Arrangements gebracht.“ Björn Dixgård betont, dass Salla besonders bei der Suche nach guten Grooves geholfen habe. „Es sollte ein tanzbares Album werden. Und dafür war er genau der Richtige.“.
Produzent durfte auch ganze Songs nach seinen Vorstellungen bearbeiten. So war ‘High Heels‘ von Sänger und Gitarrist Gustaf Norén, der sich schon länger für HipHop begeistert, eigentlich als langsamer Blues geschrieben. Erst als die Band Salla fragte, was er daraus machen würde, kam ein deutlich durch R‘n‘B geprägter Song heraus. Zur Begeisterung von Mando Diao. „Ich finde es cool, einen so anderen Sound auf der Platte zu haben“, meint C.J. Es war das Arbeitskonzept des Albums, viel auszuprobieren. „Wir haben nicht verabredet, wie das Album klingen soll“, sagt C.J. „Wir haben einfach aufgenommen und das ist dabei herausgekommen.“
Mit ansteckender Begeisterung reden Mando Diao auch beim Interviewtermin in Berlin über die Aufnahmen zu ‘Give Me Fire‘. Die Schweden sind jetzt Mitte 20 und über die Jahre routinierte Profis in der Selbstpräsentation geworden. Vorbei die Zeit, als sie gefürchtet waren für spätpubertären Größenwahn und überhebliches Gequatsche. Wir treffen auf freundliche und gelassene Gesprächspartner. Nur selten blitzt noch ein bisschen Rockstar-Attitüde auf, etwa, wenn Björn Dixgård verkündet: „Ich vergleiche unsere Alben nicht. Ich weiß, dass sie alle gut sind“. Oder wenn die Musiker in der dritten Person über ihre Band reden: „Mando Diao folgen ihrem Herzen“, heißt es dann, oder „Mando Diao machen Musik für die Menschen“.
Man hat trotzdem das Gefühl, dass die Band inzwischen über ein gesundes und echtes Selbstvertrauen verfügt. Das hilft auch, den Reaktionen auf das Album gelassen entgegen zu sehen. „Wir wollen niemandem gefallen“, sagt C.J. „Ich denke, die Leute respektieren es, wenn man sich entwickelt.“
Kein Zweifel: Mando Diao sind erwachsen geworden. Sie selbst beurteilen das sehr positiv. „Wir sind ausgeglichener, aber auch ernster“, meint C.J. „Wir nehmen unsere Musik nun wirklich ernst.“ Schlagzeuger Samuel Giers erzählt, dass der Umgang in der Band davon profitiert hat. „Wir sind freundlicher zueinander. Als wir jünger waren, wollte jeder mit dem Kopf durch die Wand. Mittlerweile haben wir uns besser kennen gelernt.“ So ganz geheuer scheinen Björn Dixgård solche Aussagen allerdings nicht zu sein. „Wir können immer noch sehr kindisch sein“, stellt er klar. „Und wir fühlen uns wie 16, wenn wir abends ausgehen.“
Zum Erwachsenwerden gehört auch, dass jeder seine eigene Rolle in der Band gefunden hat. Die beiden Sänger und Gitarristen Björn Dixgård und Gustaf Norén schreiben wie gehabt in freundlichem Wettbewerb die Songs; vom neuen Album hat jeder etwa die Hälfte verfasst. C.J. und Mats Björke haben sich in die Tücken der Recording-Technik eingearbeitet. Sie schwärmen von den teuren deutschen Mikrofonen, die sie für das Band-Studio angeschafft haben und waren für den technischen Teil der Album-Produktion mitverantwortlich. Und Samuel Giers? Der denkt einen Moment nach. „Ich spiele Schlagzeug“, antwortet er dann. Und fügt hinzu: „Und ich sage, wenn mir ein Song nicht gefällt.“
Samuel ist der Nachdenkliche in der Band und kleidet die Entwicklung von Mando Diao in schöne Worte, aus denen fast schon etwas Ungläubigkeit spricht: „Du wachst morgens auf, guckst in den Spiegel und denkst, dass du dich niemals änderst. Und dann blickst du zwei Jahre zurück und stellst fest, dass du älter geworden bist. So geht es uns mit unserer Musik.“
Text: Arne Lieb, Christine Stiller
Fotos: Erik Weiss, Oliver Schümers
Heimat: mandodiao.com
Auf sallys.net: sally*sTV! Zu Hause bei Mando Diao
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18.02.2012
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