- Text: Fabian Soethof
- Fotograf: Erik Weiss
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Kilians
Der Kühlschrank ist halbvoll
Sie ließen nichts anbrennen: Vor zwei Jahren galten die Kilians mit ihren schmissigen Garagen-Hymnen noch als vorlaute Wunderkinder des deutschen Indie-Rock. Überraschend geläutert kommt ihr ‘Kill The Kilians‘-Nachfolger ‘They Are Calling Your Name‘ um die Ecke. Folgen Taten auf Worte? Eine Fährtensuche.
Bahnhof Dinsklaken 13.00 Uhr
Ein wolkenverhangener Samstag. Die Züge fahren halbstündlich und in zwei Richtungen, entweder nach Wesel oder nach Duisburg. Fußballfans steigen ein, keiner aus. „Hauptbahnhof“ steht nirgends geschrieben, es gibt ja nur den einen. Alles wie immer, niemand landet zufällig in dieser durchschnittlichen Kleinstadt im nordöstlichen Speckgürtel des Ruhrpotts. Es sei denn, er oder sie ist zu Besuch oder wurde hier geboren. So wie Simon Den Hartog, Trademarkstimme und Songschreiber des Dinslakener Exportschlagers Kilians. Auf dem Bahnhofsvorplatz steht er, Wollmütze und Jacke ins Gesicht gezogen, den Rucksack umgeschnallt. Er könnte abreisen wollen, ist aber gerade angekommen. Aus Köln, mit der Bahn, er wohnt da jetzt, studiert SoWi oder ist zumindest eingeschrieben. „Zuviel Mathematik“. Den Sänger einer Rock-Band stellt man sich in seiner Heimat vermutlich anders vor, ein Rockstar-Leben nicht: Simon krächzt zur Begrüßung, mehr Ränder als Augen. Die Stimme hat er in der Stadt gelassen, dafür ein paar Kratzer, Rückenschmerzen und eine neue Geschichte im Gepäck: Vor zwei Tagen spielten die Kings Of Leon im Kölner Palladium. Die Kilians sind Fans und waren da, Simon berichtet vom Konzert. Und von zuviel Bier und Adrenalin. An mehr erinnert er sich kaum. Die Story, die er sich aus den Fetzen dieser Nacht zusammenreimt und nachher seinen Bandkollegen zum Besten geben wird, erzählt man besser nicht.
"Wenn das meine Mama erfährt..."
Die Touren, die Partys, das plötzliche Interesse an ihnen, die ihre Band genau wegen dieser Vorzüge und als Flucht aus der heimischen Langeweile gründen – das ging alles sehr schnell für Simon und die vier anderen Kilians - Michael „Mika“ Schürmann (Schlagzeug), Dominic Lorberg (Gitarre), Arne Schult (Gitarre) und Gordian Scholz (Bass). Zunächst gründen sie 2005 als lose Schulbekannte eine Band namens The Rivets und taufen sich noch vor den ersten Schulkonzerten in The Kilians um - nach dem Kilian in Carl Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick“. Simon ist zu dieser Zeit 16, die anderen Jungs kaum älter. Nur Gordian ist schon 23. Auf der „Eierwiese“, einem kaputten Stück Rasen gleich neben dem Gustav-Heinemann-Schulzentrum in Dinslaken, trifft man sich: Erst Fußball spielen. Dann rauchen, trinken, abhängen. Simon versucht sich damals noch am Schlagzeug, schreibt an einem solchen Abend mit einem Kumpel und einer Gitarre ‘Fight The Start‘, den ersten Song der Kilians. Dann türmen sich die Wendepunkte im Leben fünf Heranwachsender: Abitur, Führerschein, vier stürmische, vor abgeklärter Lässigkeit nur so strotzende Songs auf einer Demo-EP namens ’Fight The Start’ und ein jubelnder Empfänger namens Thees Uhlmann.
Der Tomte-Sänger sorgt für den nötigen Hype, nimmt die Kilians unter seine Fittiche und ins Vorprogramm seiner ‘Buchstaben Über Der Stadt‘-Tour. Von dort an geht alles noch schneller. Uhlmanns Label ‘Grand Hotel Van Cleef‘ sieht bei sich nicht die notwendigen Kapazitäten, die Kilians seien für Größeres bestimmt. Milchkannen bespielen sie nur kurz, entern erst Festivals auf dem Busdach eines Energydrink-Herstellers und unterschreiben im Anschluss an ihre erste Toursaison einen Plattenvertrag bei ‘Universal‘. Schnell muss es gehen, der Auftrieb soll nicht abebben. Ihr ungestümes, juveniles Debüt ‘Kill The Kilians‘ mutet an wie ein zusammengezimmerter Schnellschuss aus erprobten Hits und neuen, durch die Bank schmissigen Songs – so fängt das Album diese Sturm-und-Drang-Phase auf, die sowohl die Band als auch das Umfeld dominiert. All das geschieht im Jahr 2007; die Presse bemüht Uhlmanns Hype-Vokabular, und kommt an naheliegenden Verweisen auf The Strokes, Mando Diao, die grassierende Retro- und Garagen-Rock-Welle und besonders die Herkunft und das Alter der Kilians – das „The“ im Namen haben sie mittlerweile gestrichen - nicht vorbei. Klar, die Vergleiche könnten schlechter sein, die ihnen zukommende Aufmerksamkeit auch. Und Simon relativiert zufrieden: „Die Eigenständigkeit wurde uns trotz aller Strokes-Verweise nie abgesprochen.“ Direkt oder indirekt aber sind sich in ihren fragwürdigen Respektsbekundungen alle einig: „Gut - für eine deutsche und so junge Band...“
"I´m so proud of my hometown" (Hometown)
Eben darin aber liegt Fluch und Segen für die Kilians. Natürlich wird man einerseits keiner Band gerecht, wenn man sie auf ihre Herkunft und ihr Alter reduziert. Andererseits wäre ‘Kill The Kilians‘, wären seine Urheber Mitte 30 und aus New York, zwar immer noch ein Sammelbecken für Ohrwürmer – aber gleichzeitig nicht mehr als eine Fußnote des Indie-Rock der Nullerjahre. Wenn nun aber fünf Jungs aus einem bis dato unbefleckten Ort der Pop-Geschichte auf Anhieb so ein Debüt raushauen, zwei Jahre später ein lupenreines Radio-Pop-Album namens ‘They Are Calling Your Name‘ nachlegen und im Opener „I’m so proud of my hometown“ singen, darf und muss man schon mal genauer hinsehen.
Auf dem Gelände des Gasthofs ‘Zum Grunewald‘, an einer Landstraße draußen in Oberlohberg, versteckt sich das Hauptquartier der Kilians. Die Zeche in Lohberg steht schon lange still. Mikas Vater betreibt das alte Hotel und hat der Band in einer ausgedienten Scheune Platz für einen Proberaum verschafft, eine Viertelstunde Autofahrt vom Bahnhof entfernt. „Wenn ein Ort in Dinslaken Bedeutung für uns hat, dann der hier“, kommentieren die Jungs ihr karges Domizil und das Lieblings-Sujet der Journalisten. Mika selbst wohnt noch im Anbau seiner Eltern, will später studieren. Für alle aber gilt: Band first. Dominic wohnt um die Ecke, will vielleicht zum Wintersemester ein Studium beginnen. Gordian schiebt in Bochum seine Diplomarbeit in Psychologie vor sich her, Arne wohnt in Hünxe und ist an der Uni Duisburg-Essen eingeschrieben. Und Simon macht Köln und sich selbst unsicher, wenn gerade mal keine Tour ansteht. Er fasst das so zusammen: „2007 haben wir jeden dritten Tag ein Konzert gespielt. Zu jedem gehört ein Tag Nachbereitung. Macht: Zwei Drittel des Jahres unterwegs, ein Drittel frei.“ „So eine Band ist auch ein Arbeitsverhältnis“, sagt Dominic. „Drei Wochen Spontanurlaub oder mal den Jakobsweg gehen – no way. Wir müssen abrufbar sein.“
Zwei Stunden und eine Currywurst später. Die Kilians flanieren durch ihre Stadt. Fußgängerzone, Marktplatz, Kirche, Einzelhandel, Dorfkneipen. Schon oft sollten sie erzählen, was sie hier geprägt hat. Sie spielen das leidige Spiel mit. Besser in Erinnerungen über Proberäume und Besäufnisse schwelgen als gar nichts zu sagen. Mitnehmen was kommt, wie auf Tour. Simon, dieser Johnny Borrell des deutschen Indie-Rock, gibt auch abseits der Bühne die Rampensau, sprach eben noch zwei türkische Jugendliche an der Ecke an, was sie an ihrer Stadt so geil finden. „Meine Homies“, antwortet einer. In anderen Worten sagen das auch die Kilians. Aber mit der Musik habe das nichts zu tun. Womit denn dann? „In diesem Hamburg-Song von Tomte singt Thees, dass die Stadt ihn zum Mann gemacht hat. Das möchte ich über Dinslaken nicht so sagen!“, sagt Simon. „Aber es hat mich geformt. Meine alten Freunde sind hier, meine Familie. Darum geht es doch nach der Schule: Die Leute gehen weg, wollen raus, verabschieden sich. ‘Hometown‘ sagt: Ich bin nicht stolz auf Dinslaken, weil es Dinslaken ist. Ich bin kein Lokalpatriot. Aber ich bin hier groß geworden. Niemand muss stolz auf seine Herkunft sein. Verleugnen aber kann man sie auch nicht.“
Und nach uns U2
„Ficken? Tackern!“ Drei Wochen vorher, Berlin. Promotag. Die Kilians fläzen sich in der sterilen Interviewlounge im achten Stock ihrer Plattenfirma. Gute Aussicht, hier über den Dächern der Stadt. Den spätpubertierenden Schlachtplan, den einer der Kilians an das Whiteboard gemarkert hat und der an der Kreidetafel im Proberaum auch als Arbeitstitel für ihr neues Albums herhält, müssen Außenstehende nicht verstehen. So läuft das mit gruppeninternen Running-Gags, und die Kilians haben einige davon am Start. „Ach, das hat sich irgendwann verselbständigt“, kichert die eine Hälfte der Band, während die anderen sich die erste von unzähligen Zigaretten der kommenden Stunde drehen. Simon ist auch hier Rädelsführer, Interviewanlass ist ‘They Are Calling Your Name‘, das zweite Album der Kilians. Den jetzigen Titel kann die Band selbst nicht eindeutig erklären, auch der habe sich irgendwann verselbständigt. Im Gespräch geht es aber vor allem um das Tourleben und was es mit einer Band anstellt, die in einer vergleichsweise ereignisarmen Kleinstadt aufgewachsen ist. Arne bestätigt: „Auf unserer ersten Tour mit Tomte haben wir jeden Kühlschrank leergemacht.“
Simon: Anfangs haben wir das durchgezogen: 100% auf der Bühne, 100% dahinter. Das kommt auch immer noch vor, wenn wir zuviel Zeit haben, zu früh mit dem Trinken anfangen, uns selbst abfeiern und ich Schwachsinn daherrede. Das macht der Körper aber nicht ewig mit. Ich kann mich nicht mehr jeden Tag darüber freuen, dass es Freibier gibt. Die Band ist auch der Job.
Da geht es dir ähnlich wie Thees, eurem prominenten und mutmaßlichen Entdecker.
Arne: Ach, Thees hat uns sicher nicht geschadet. Aber er ist ja auch kein Meinungsführer, kein Noel Gallagher oder so.
Simon: Abseits unseres Dinslakener Umfelds war er einer der ersten, der uns Selbstvertrauen zugesprochen hat. Wir hatten Glück, dass uns jemand die Türen geöffnet hat. Den Rest aber machen wir selbst, auch in Zukunft.
Vor vier Jahren habt ihr noch in der Schulaula gespielt, heute als Vorband von Mando Diao oder den Babyshambles. Hebt man da ab?
Simon: Mir geht’s nicht darum, wer nach uns spielt, sondern um unsere Show. Da könnten auch U2 nach uns kommen. Ich freue mich darüber, denke aber eher: „Geil, dann haben wir ein volles Haus und können abliefern.“ Außerdem sind solche Shows ja nicht die Regel, am nächsten Abend spielen wir dann wieder auf einem Münsteraner Hinterhof. Und das genauso gerne.
Solche Shows dürften nach ‘They Are Calling Your Name‘ weniger werden. Die neun neuen, zwischen Tour und Studio im vergangenen Herbst geschriebenen Songs klingen so retro, wie es anlässlich des Debüts immer hieß. Verzerrte Gitarren und Uptempo-Hits wie ‘Fight The Start‘ oder die zweite Single ‘When Will I Ever Get Home‘ sucht man vergebens. Es dominieren von der Akustikgitarre ausgehende Songwriterstücke, die Simon zuletzt mit Simon Frontzek, dem neuen Tomte-Keyboarder, unter dem Tourmotto „Simon & Simon“ ausprobiert hat. Er selbst beschreibt den geläuterten Sound so: „Wir haben die Songs im Proberaum geschrieben. Wenn sie dort funktionieren, dann tun sie es auch im Club und im Stadion. So sollte die Platte klingen. Der Sound ist klarer, der Gesang nimmt einen anderen Wert ein. Es klingt nach Kilians.“ Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, ginge die Karriere der Kilians hernach rückwärts Richtung Schuppen. Um als alternative Boygroup positioniert zu werden, sind die Jungs zu verschlafen und zu versoffen. Das Label aber hat trotzdem vorgesorgt: Als Radioversion wurde die fluffige Frühlingssingle ‘Said And Done‘ mit Streichern beladen, das Video wurde in den Bergen Spaniens gedreht und inszeniert die Kilians als pathetische Rock-Band, die sie nicht sind.
Dominic: Wir müssen uns eingestehen, dass das Label mehr Ahnung hat, wie Dinge funktionieren. Aber wir sagen sofort nein, wenn uns Entscheidungen komplett widersprechen, finden einen Kompromiss oder kippen es. Wir versuchen, uns treu zu bleiben.
Simon: Wegen der Streicher gab es Streit. Klar sollte man so etwas einmal aufnehmen, aber dort hörte man uns als Band nicht mehr so raus, fanden wir. An dem Punkt hatten wir uns aber bereits eingestanden, ‘Said And Done‘ als Single auskoppeln zu wollen. Deshalb zwei Versionen. Wenn uns über die Radioversion Leute kennenlernen, stelle ich das nicht weiter in Frage, dann ist die Sache abgehakt. Denn involviert waren wir immer. Und Streit ist immer konstruktiv.
Simon, Arne, Dominic, Gordian und Mika einte nicht der unbedingte Wille zur Musik, würden sie ihre gegenwärtigen Chancen nicht nutzen – Nebenschauplätze inklusive. Aber sie nehmen alles, was da kommen mag, mit offenen Armen auf und finden gemeinsam mit ihrem Publikum zu der angemessenen musikalischen Spielfläche, kurzum: Die Kilians werden mit sich selbst erwachsen. Aber auch das können die Jungs viel pointierter sagen:
In einem Wort: Was bedeuten für euch die Kilians?
Gordian: Die Kilians sind mein Leben im Moment.
Simon: Ein Wort!
Mika: Alltag.
Arne: Ungeschminkt.
Dominic: Geile Zeit.
Simon: Ehe!
Text: Fabian Soethof, Fotos: Erik Weiss
Fotos Dinslaken: Fabian Soethof
Heimat: the-kilians.de
Auf sallys.net: sally*sTV! Schön, schöner, Dinslaken
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