- Text: Timo Richard
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Vom Mixtape zur Playlist
Make Me A Mixtape That Makes Me Yours (The Promise Ring)
Vor knapp einem Jahrhundert bemerkte der Kulturkritiker Walter Benjamin in seinem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ recht treffend, dass durch die maschinelle Vervielfältigung Kunstwerke ihrer „Aura“, ihres kultischen Charakters beraubt werden.
Als meine Schwester 72 Jahre später ein simples Chrome-90-Tape mit der einfachen Aufschrift „Sommer-Mix“ achtlos auf der Hutablage ihres Polos der sengenden Sonne aussetzte, wurde Benjamins These eindeutig widerlegt. Die am Ende des Tages zu einem Plastikmeteoriten verkrumpelte Kassette hätte zuvor milliardenfach reproduziert werden können und doch wäre jede Kopie nur ein schwacher Abglanz dessen gewesen, was der „Sommer-Mix“ eigentlich bedeutete, denn er war das Kernstück eines ausgeklügelten Masterplans, das Herz einer Angebeteten zu gewinnen. Zweieinhalb Nächte hatte ich mir, eingeklemmt zwischen Doppeltapedeck, CD-Player, Videorekorder und einem nicht unerheblichen Vorrat Dosen-Leichtbier das Hirn zermartert, Übergänge zurechtgeschnitten, Filmzitate herausgesucht und die Finger wund gespult, nur um endlich im Besitz der perfekten musikalischen Botschaft zu sein. Sie sollte nicht nur von meinem außergewöhnlich guten Musikgeschmack künden oder meinen eigentlich nicht vorhandenen Coolness-Quotienten erhöhen, vor allem sollte sie mir die Bürde des Sprechens abnehmen, denn diese Fähigkeit ging mir in schöner Regelmäßigkeit abhanden, sobald ich der Dame, für die die Botschaft bestimmt war, ansichtig wurde. Die Botschaft hat die Auserwählte nie erreicht, sie landete im Ascheneimer und ich fand mich in Gesellschaft der nächsten Palette Leichtbier auf dem Boden meines Zimmers wieder.
Musik kann komplizierte Sachverhalte sehr einfach zusammenfassen. Eine nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellte Liste von Liedern kann dem Empfänger dieser musikalischen Botschaft nicht nur eine Menge „Ähs“, „Öhs“ und „Ich-weiß-nicht-wie-ich- sagen-solls“ ersparen, sie kann dem Zuhörer vielleicht sogar mehr vermitteln, als es Plattitüden wie „Ich find dich echt gut, Gundula“ oder „Wir sind ab heute getrennte Leute, Gundula“ können. Wo Sprache als Medium versagt, findet Musik meist doch noch den richtigen Ton. Das allerdings hängt mit der Auswahl der Lieder zusammen.
Kassettenkinder, wie ich eines bin, neigen dazu, über digitalisierte Musik zu denken wie Walter Benjamin über Kunstpostkarten. Wir raunen uns zu, dass die Zerlegung in Bits und Bytes dem Kunstwerk Mixtape seine Aura, seinen kultischen Wert raube. Internet-Playlists seien nur ein Mode-Accessoire, weil sie veröffentlicht und für niemand bestimmten gemacht wurden. Das ist eigentlich nur blödes Geseier, denn mit etwas Mühe könnten wir ebenso schöne, durchdachte und einzigartige CD-Compilations brennen oder ein 90-minütiges MP3 durchs Netz in den virtuellen Briefkasten der Dame unseres Herzens, unseres blöden Erzfeinds oder unserer nervenden Kundenberater jagen. Analog, digital, scheißegal: Es kommt nicht auf die Form, sondern auf den Gedanken an, wenn man versucht, das Medium Musik für sich zu nutzen. Wir können Justin Timberlake, Lemmy Kilmister und David Bowie für uns alle Plattitüden und poetischen Verse sprechen lassen, auf die wir selbst nie gekommen wären. Und digitalisierte Mixtapes schmelzen auch nicht so schnell im Polo.
Text: Timo Richard
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18.02.2012
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