- Text: Florian Hayler
- Fotograf: Gary Copeland
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Rock’n’Roll Reiseführer
Amerika Obskur mit Mike Wiebe (RIVERBOAT GAMBLERS)
Mike Wiebe hat ein inniges Verhältnis zu amerikanischen Club-Bühnen. Seit rund zehn Jahren holt sich der rastlose Frontmann der Punk-Formation Riverboat Gamblers neue Fleischwunden an schlecht vernuteten Nägeln, im Weg rumstehenden Betonpfosten oder schlampig entsorgten Bierflaschen. Was in Amerika sonst noch weh tut, erklärt uns Mike in einem Reiseführer der besonderen Art.
Mike, in Amerika nehmen Eltern ihre Kinder auch mal an die Leine. Hast du so etwas schon einmal gesehen?
Das habe ich. In Iowa. Anfangs empfand ich das als erniedrigend und grausam, aber dann fiel mir auf, dass es im Fall dieses minderjährigen Teufels echt angebracht war. Dem hätte man zusätzlich noch einen Maulkorb anlegen müssen.
Amerika ist bekannt für seine kulinarische Vielfalt. In welcher Gegend wird besonders „experimentell“ gekocht?
Eine Mahlzeit bei McDonald’s ist immer ein Abenteuer. Wir hatten auf dem Weg von Oklahoma nach Kansas mal wieder keine Zeit für eine anständige Rast und mussten am McDrive vorbei - ich habe heute noch das Gefühl, einen Klumpen Kohle im Magen zu haben. Eine Empfehlung habe ich dennoch: Wenn ihr in Seattle seid, geht zu „Moshi Moshi Sushi“ (5324 Ballard Ave NW). Dort gibt’s nicht nur Spitzenessen, sondern auch einen Mojito-ähnlichen, „stimulierenden“ Drink, von dem man pro Tag lediglich EINEN bestellen sollte. Das habe ich allerdings zu spät erfahren. Ich war den ganzen Abend high, es war großartig.
In welchem US-Bundesstaat sieht man die Auswirkungen des Fast Food am deutlichsten?
In Wisconsin. Nur damit das klar ist: Ich liebe Wisconsin, den “Käse Staat”, wie er auch gerne genannt wird, aber dort gibt es eindeutig die meisten großen, starken, adipösen Menschen, die in Trainingshosen die Fleischtheken im Wal-Mart plündern. Die sind aber alle ziemlich cool.
Gibt es etwas, das man selbst an Menschen aus dem Bible Belt lieb gewinnen könnte?
Das Leben im Bible Belt ist so unfassbar langweilig und restriktiv, dass die Kids bei unseren Shows meistens völlig auskreisen. Das ist natürlich gut – für uns. Allerdings merkt man auch, wie sehr das Internet diese Städte verändert. Mit einem Klick bist du heute auch als Einwohner von Tulsa bei den größten Konzerten dabei.
In welcher Gegend kann man gut mit Mormonen abhängen?
Bei uns in Texas zum Beispiel. Man erkennt einen Mormonen meist daran, dass er EXTREM freundlich ist. Deshalb fällt es mir auch schwer, mich über sie lustig zu machen – obwohl sie einige echt seltsame Rituale haben: Sie tragen zum Beispiel Ganzkörperunterwäsche aus Baumwolle, das so genannte „heilige Garment“. Außerdem glauben sie, dass Gott nahe des Planeten Kolob lebt. Als Nicht-Mormone darf man solche Dinge eigentlich gar nicht wissen, also plaudert mit einem Missionar nie über seine Unterwäsche. Da flippt er aus!
Interessant. Und wo in Amerika ist das wahre „Silicon Valley“ – wo trifft man die meisten Silikonopfer?
Entweder in Huntington Beach, Kalifornien, oder außerhalb von Dallas, in den Reichenenklaven um Plano, Denton und Fort Worth. Dort gibt es nichts außer Einkaufszentren und Schönheitsfarmen, in denen die Hausfrauen das Geld ihrer Männer gegen Brustimplantate, Botoxlippen und Make-Up tauschen.
Verschlägt es euch als eine Glücksspiel liebende Band eher nach Las Vegas oder nach Atlantic City?
Wir mögen die alte, dreckige Schule des Zockens und spielen deshalb nur in Reno, Nevada. Die Stadt will gar nicht so grell und glamourös sein wie Vegas; den Leuten dort ist egal, vor welcher Kulisse sie ihr Geld verlieren.
Text: Florian Hayler
Heimat: riverboatgamblers.com
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