unclesally*s, dein Musik-Magazin für Punk, Rock, Indie, Alternative, Indierock mit vielen Interviews und Rezensionen

Bild: Green Day

Green Day
Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt


’Dookie’, ’Insomniac’, ’Nimrod’, ’Warning’ – allesamt Relikte aus einer anderen Zeitrechnung; längst verblasste Sterne einer entfernten Galaxie und seit ’American Idiot’ höchstens Fußnoten in der musikalischen Vita von Green Day – einer Band, die den Zeitgeist prägt wie keine zweite und die von nichts so sehr geprägt wurde wie von ihrer Heimat, der nordkalifornischen East Bay. Wir haben uns dort einmal umgesehen.

Plötzlich ist er da, dieser beißende Gestank. Er umhüllt die schwarzen Öltanks, die sich in die sattgrünen Hügel um ein Dorf namens Rodeo fressen wie Geschwüre; und er steigt auf aus den Schornsteinen, deren todbringender Auswurf die San Pablo Bay in gelb-goldenen Nebel taucht. Hier, keine 45 Minuten außerhalb der blitzblanken Straßen von San Francisco, ist die Krebsrate weit über Landesdurchschnitt, jeder Siebte lebt unterhalb der Armutsgrenze und ein Zug der Southern Pacific Railroad hat hier seit den Fünfzigerjahren nicht mehr gehalten. Rodeo ist ein Ort, in den man lieber nicht geboren wird.

Billie Joe Armstrong kehrt oft hierher zurück - zumindest in Gedanken. Aufgewachsen in Rodeo als das jüngste von sechs Geschwistern, als Sohn der in Oklahoma geborenen Serviererin Ollie und dem ’Safeway’-Trucks steuernden Hobby-Jazzer Andy Armstrong, lässt ihn seine Vergangenheit auch heute nicht ruhen. Nach 20 gemeinsamen Bandjahren mit seinem Jugendfreund Mike Dirnt (Bass) und Tré Cool (Schlagzeug) ist der Frontmann von Green Day noch immer tief verwachsen mit seinem proletarischen Kern, der ihm gleichermaßen als Quell der Inspiration und als Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln dient. Auch das neue, an den Jahrhunderterfolg von ’American Idiot’ anknüpfende Album ’21st Century Breakdown’ beginnt im gleichnamigen Song mit einer autobiographischen Zeitreise in die Heimat des glühenden Eddie Van Halen-Verehrers, der als letztgeborener Armstrong der erste war, der „rannte so schnell er konnte“. Wirklich weit kam er allerdings nicht.

Wer meint, am mit Stacheldraht verzierten Eingangstor zu den 880-Studios in Oakland eine Horde Armstrong-Lookalikes beiseite schieben zu müssen, um Einlass in die Kreativzentrale des im Punk verwurzelten Trios zu erhalten, der irrt. Trotz detailgenauer Anfahrtsskizze auf der Homepage des Aufnahmetempels campt hier kein Kid in der berechtigten Hoffnung, seine Helden zu treffen. Das hat seine guten Gründe. Der direkt am Highway 880 gelegene Studiobunker, in dessen hinterer Hälfte ein Großteil der Songs von sowohl ‘American Idiot‘ als auch ‘21st Century Breakdown‘ entstand, ist zwar nur wenige Blocks entfernt von der gutbürgerlichen Wohngegend der Bandmitglieder, befindet sich aber trotzdem in einer Welt, in der andere Gesetze gelten und Konflikte nur selten verbal gelöst werden. Und überhaupt: Wenn es in Amerika eine Krise gibt, dann traf sie die einst von vornehmlich portugiesisch-stämmiger Bevölkerung geprägte ’Jingle Town’ nicht nur zuerst, sondern mit voller Wucht: Hastig geparkte Autowracks stehen vor verlassenen oder verbarrikadierten Holzhäusern, die Straßen sind trotz des kalifornischen Kaiserwetters wie leergefegt, Geschäfte oder Bürogebäude gibt es nicht. Ein trügerischer Frieden umweht das Studio 880, ein Ort, vor dem jedes Green Day-Mitglied in den letzten drei Jahren mindestens einmal die Flucht ergriff.

„Ich bin mehr als 1.000 Mal durch diese Tür da vorne gegangen“, erklärt Mike Dirnt und zeigt auf die mit dem aktuellen Album-Graffiti-verzierte Eisenpforte, die Green Days heilige Hallen vom angrenzenden ’Gangland’ trennt. „Und glaube mir, ich hatte dabei nicht immer ein Pfeifen auf den Lippen.“ Ganz gut geknallt hat es hinter den mit unzähligen Green Day-Reliquien, ausrangierten Motorrädern und überdimensionalen Postern ihrer Helden zugestopften Studio-Kulissen. Uneingeschränkter Anführer der Liste der abrupten Abschiede aus dem 880 ist natürlich der „demokratisch ernannte Bandchef“ Billie Joe Armstrong, der mehr als einmal das gefährliche Gefühl hatte, seinen eigenen Ansprüchen nicht genügen zu können. Von Panik und Selbstkritik getrieben, feilte er an Texten und Arrangements so lange, bis sie fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt waren, stürmte genervt aus dem Studio und fing am nächsten Morgen wieder von vorne an. Mike und Tré blieb so nur die Rolle der Schlichter, der filternden und Mut zusprechenden Instanzen, deren Hauptaufgabe darin bestand, das Ideenpuzzle ihres Kollegen in halbwegs nachvollziehbare Bahnen zu lenken.

Armstrong trug spürbar schwer am Erbe von ’American Idiot’. Erst der spontane Ausflug mit dem Inkognito-Projekt Foxboro Hottubs im Sommer 2008 vermochte die Anspannung des verkrampften Trios zu lösen: „Das war in etwa so, als würdest du eine alte, verstaubte Karre mal wieder anwerfen und ihr ordentlich den Motor durchblasen“, erinnert sich das vierfache Hundeherrchen Dirnt. „Wir haben uns in dem Zimmer dort hinten eingeschlossen, elf Flaschen Rotwein gekillt und in einer Nacht alle Songs für das Foxboro Hottubs-Album geschrieben. Einfach so.“ Da nehmen wir’s mal nicht so genau und kaufen ihm das ab. „Außerdem“, glaubt Mike, „sind Green Day in vielerlei Hinsicht selbst das Problem“; der Band fehle das Talent, a) einen objektiven und analytischen Blick auf die eigene Vergangenheit zu werfen und b) einst verworfene Songideen zu reanimieren. Zu letzterem nötigte sie allerdings die für ’21st Century Breakdown’ engagierte Produzentenlegende Butch Vig (Nirvana und noch besser: Against Me!), der es wagte, so lange auf eine intensive Auseinandersetzung mit dem Song ’Horseshoes & Handgranades’ zu pochen, bis die Band schließlich einlenkte – und sich der Nebel aus Ziellosigkeit und Überforderung plötzlich lichtete: „Als das Lied irgendwann fertig war, hatte das eine ähnlich befreiende Wirkung wie damals ’American Idiot’“, erinnert sich Mike. „Wir hatten plötzlich wieder eine Richtung, und wir sind losgestürmt wie ausgehungerte Wölfe.“

Die anfangs rund 100 Songfragmente komprimierten Green Day unter aktiver Mithilfe ihres stresserprobten Produzenten Vig in 18 Songs, die Billie Joe in drei Kapitel unterteilte, um seinen Protagonisten Christian & Gloria eine möglichst abenteuerliche Reise durch den Untergang der Zivilisation zu ermöglichen. Im Gegensatz zu ’American Idiot’ verfolgt ’21st Century Breakdown’ aber keinen erkennbaren thematischen oder ausschließlich politischen Überbau, sondern pendelt zwischen Autobiographie, Systemkritik und Fiktion.

Vielleicht ist das Album aber auch nur, wie Billie Joe es nennt, „eine Sammlung von Schnappschüssen aus den letzten dreieinhalb Jahren. Egal ob das nun politische Ereignisse waren oder wirtschaftliche und ökologische Katastrophen. Es gibt diesmal viele Facetten.“ So thematisiert Armstrong seinen ehrenamtlichen und von seiner umweltaktiven Frau Adrienne initiierten Einsatz im Katrina-verwüsteten New Orleans in einem Song namens ’Last Of The American Girls’, wundert sich über die Widersprüchlichkeit religiöser Prediger in ’East Jesus Nowhere’ und versetzt sich als Teil der ’Class Of 13’ in die Generation seines ältesten Sohns Joey, der im Jahr 2013 die Highschool beenden wird. All das verpackt Armstrong – inspiriert von Eddie Cochran, den Kinks, Doors, Meat Loafs ’Bat Out Of Hell’ und „einem halbwegs ausgeglichenen Familienleben“ - in ein stampfendes Sound-Konzept, das den mittlerweile schlecht sitzenden Punk-Anzug in die hinteren Regionen des Schranks verbannt und auf stadionfüllende Unterhaltung zielt. So wird ’21st Century Breakdown’ dominiert von Haken schlagenden Bombaststücken, die nur selten ohne Umwege im Ziel landen und Armstrongs neuer Vorliebe für Piano-Arrangements, Balladen und Midtempo-lastigen Hymnen ausreichend Platz einräumen. Es gibt nichts, was in der Schüssel von Milton Keynes besser funktionieren dürfte als das hier.

„Willkommen in MEINER Kirche“, erklärt der einst in Frankfurt/Main als Sohn eines Vietnam-Krieg-erfahrenen Hubschrauberpiloten geborene Frank Lloyd Wright III aka Tré Cool, und das Beste: „Man darf hier drin sogar kiffen.“ Tré hat nur einen kleinen Teil seiner Schlagzeugsammlung im 880-Probekomplex geparkt, „der Rest füllt eine Lagerhalle ein paar Meilen weiter“. Cool ist Sammler, das sieht man: Das obere Stockwerk der bandeigenen Studio-Bude gehört einzig und alleine dem Mann mit der lustigen Stimme, und es ist zugestopft mit Dutzenden Snare-Drums jedweder Größe und Farbe, die bei der kleinsten Erschütterung vibrieren wie eine Armee Dildos. Als jüngste Neuzugänge in seiner Sammlung hat Tré diverse südamerikanische Percussion-Instrumente, die er aus Brasilien und Kuba nicht nur ins heimische Oakland karrte, sondern zuvor einem ausgiebigen Praxistest unterzog: „Zwei Wochen spielte ich jeden Tag vier bis fünf Stunden auf Kongas und Bongos, bis ich den Rhythmus beherrschte. Ich hatte einen guten Lehrer, der wohnte irgendwo in den Bergen um Havanna, und ich trampte jeden Tag zu ihm raus, trank Espresso mit Rum und übte mein Instrument. Fast so wie früher“, schwärmt der Hobbyjäger, der gerne in den Redwoods auf illegale Pirsch geht und heute auf seinem Schlagzeugschemel sitzt wie ein König im Thronsaal, umgeben von seinen scheppernden Untertanen.

Wie oft hat Billie Joe dieses Gebäude Hals über Kopf verlassen?
Cool: Ich habe nicht mitgezählt. Ihm hat diese Platte auf jeden Fall einiges abverlangt. Jeden Song hat er auseinandergepflückt und jedes Wort dreimal umgedreht. Du musst dir das so vorstellen: In Billies Gehirn rotierten in den letzten drei Jahren alle Songs von „21st Century Breakdown“ gleichzeitig über verschieden laute Stereoanlagen – das ist echte Folter.
Armstrong: Mein Hauptproblem war, dass ich mich ständig hinterfragt habe. Ich wollte meinen Ambitionen einfach gerecht werden.
Dirnt: Manchmal fühlten wir uns wie Mike Tyson: Wir haben mit „American Idiot“ so ziemlich alle Gegner ausgeknockt. Die einzigen, denen wir noch die Fresse polieren konnten, waren wir selbst. Klar, dass das weh tut.

Initialzündung für „American Idiot“ war seinerzeit das Bedürfnis, ein politisches Statement abzugeben – in Form einer „Punk-Oper“. Was war diesmal euer Motor?
Cool: Billie und ich waren bei der Taufe vom Kind eines Freundes, und der Priester hat nur Scheiße erzählt: Man solle immer schön das Maul halten; eben das tun, was einem gesagt wird und so. Ich hatte vorher einen Joint geraucht und mich bepisst vor Lachen - vor allem, als er am Ende der Messe den Arm hob und sagte: „Ach übrigens, gespendet wird da vorne.“ Am nächsten Tag kam Billie ins Studio und meinte nur: „Check this out...“
Armstrong: Der Kirchenbesuch war aber nur Inspirationsquelle für „East Jesus Nowhere“ und nicht unbedingt der entscheidende Funke. Es spielen unterschiedliche Dinge eine wichtige Rolle: Oakland, Detroit, Ozeane und Wasser im Allgemeinen. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ich das Surfen angefangen habe.

Hättet ihr nicht ein „normales“ Album machen und euch ein erneutes, wenn auch loses „Konzeptalbum“ sparen können?
Cool: Es gab tatsächlich ein paar Leute, die sagten: „Hey, geht doch zurück zu euren Wurzeln, orientiert euch mal wieder an ‘Dookie‘!“ Ich habe noch nie etwas Dümmeres gehört.
Armstrong: Der Unterschied zwischen unserem „ersten“ Durchbruch mit „Dookie“ und dem jüngsten Erfolg mit „American Idiot“ ist der, dass wir diesmal dafür bereit waren. „Dookie“ hat uns damals einfach überfordert und völlig verunsichert, also wollten wir das Ding so schnell wie möglich begraben. Uns ist es damals mit „Insomniac“ nicht gelungen, den Vorgänger zu toppen, und das durfte uns diesmal nicht passieren. Wir wussten, dass uns „American Idiot“ einen zweiten Frühling beschert hat, und um den zu erhalten, mussten wir uns ganz schön strecken.

Billie, eine letzte Frage: Ein Wort wie „asphyxiating“ in dem Song „American Eulogy“ – hast du so was in deinem Wortschatz oder musstest du das nachschlagen?
Armstrong: Das Wort kannte ich ausnahmsweise. Es bedeutet so viel wie „an der eigenen Kotze ersticken“. Aber ich hole mir meine Reime tatsächlich manchmal im Fremdwörterlexikon, woher soll ich sie auch sonst kennen?! Ich war halt nicht lang genug auf der Schule...
Anna stammt aus Rodeo und sie kehrt gerne an den Ort ihrer Jugend zurück - zumindest in Gedanken. Wahrscheinlich würde man sie auch ohne die Worte „my brother plays in the band“ sofort als eine Armstrong erkennen - schon alleine wegen der großen, lustig durch die Gegend kullernden Augen. Anna steht an die Wand einer Pizza-Bude in San Francisco gelehnt und wartet darauf, dass ihr Bruder im angrenzenden ’DNA Club’ die ersten Akkorde von ’21st Century Breakdown’ anstimmt, um die neuen Songs vor einer Handvoll Augenzeugen live zu testen. „Wenn du mir damals erzählt hättest, dass ich heute hier stehe...“, lacht Anna und erinnert sich an den Tag, als sie den jüngsten Armstrong zu einem Konzert der Replacements mitschleifte; an den Moment, als sie erstmals ihre Hüsker Dü-Platten vermisste und an all die Abende, als sie Billie und seine Kumpels in den ’924 Gilman’-Schuppen nach Berkeley fahren oder wahlweise in der Morgendämmerung an der ’Christie Road’ einsammeln musste. Zwischen den Ereignissen liegen mehr als 20 Jahre, Abermillionen verkaufter Green Day-Alben, zwei Fan-Generationen, unzählige Höhenflüge, schmerzende Nackenschläge, neu gegründete Familien und eine Karriere, die trotz allem Bombast noch immer auf einem fußt: der Liebe zu den drei Akkorden. Nimm das, Eddie.

Text: Florian Hayler
Fotos: Erik Weiss
Heimat: greenday.com
Auf sallys.net: sally*sTV!
Mit Green Day in den 880 Studios


ANZEIGE







...zurück



Kontakt -  Impressum -  Mediadaten -  Abo ·  nach oben