- Text: Florian Hayler
- Fotograf: Erik Weiss
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Rancid
Domino Day
Im Gegensatz zu ihren Kumpels von Green Day haben Rancid stets kompromisslos an den straßenerprobten Idealen festgehalten und den eigenen Trademark-Sound aus Punk, Ska und Reggae nie in ein stadiontaugliches Konzept gegossen. Eine Eigenschaft, die sie mit ihren Freunden aus einstigen „Gilman Street“-Tagen jedoch teilen, ist die räumliche und emotionale Nähe zur gemeinsamen Heimat - was spürbar auf das neue Album „Let The Dominoes Fall“ abfärbte.
Nicht nur das Video zur ersten Single „Last One To Die“ ist eine Hommage an die East Bay und die Orte, mit denen Rancid ihre eigene, turbulente Bandgeschichte verknüpfen. Auch das siebte Studioalbum der schwer tätowierten Vollblut-Punks atmet den Spirit und die salzige Luft der Bucht von San Francisco, patriotisch und emotional vertont in neuen Hymnen wie ’East Bay Nights’. Rancid-Frontmann Tim Armstrong ist zwar vor einigen Jahren aus beruflichen Gründen in den ’Silverlake’-District von Los Angeles umgesiedelt, um dort mit seinem Label ’Hellcat Records’ Untermieter im ’Epitaph’-Hauptquartier von Bad Religion-Gitarrist Brett Gurewitz zu werden - in jüngster Zeit verschlug es den 42-Jährigen jedoch vermehrt zurück an die ihm so vertraute Telegraph Avenue in Berkeley. Gründe dafür gab es reichlich: So kümmerte sich Tim zunächst um seinen in der US-Army tätigen Bruder, mit dem er sich seit dessen Rückkehr aus dem Irak ein Haus teilt - gleich um die Ecke von den Eltern, dem Ehepaar Armstrong. Darüber hinaus trieb es Tim zurück in die Nachbarschaft von seinem Sandkastenkumpel Matt Freeman, nachdem dieser positiv auf Lungenkrebs getestet und ins Krankenhaus verlegt worden war. Für Rancid bedeutete die Diagnose ihres Bassisten eine nicht absehbare, von Hoffen, Bangen und Beten begleitete Auszeit, die Armstrong dazu nutzte, sein Soloalbum „A Poet’s Life“ aufzunehmen. Nachdem bei Freeman lediglich ein abnorm großer, aber ungefährlicher Tumor festgestellt worden war, konnten Rancid wieder durchstarten – zunächst live, später im Studio. Als Neuzugang in ihren betagten Reihen begrüßte der verschworene Dreier den blutjungen Schlagzeuger Brandon Steineckert, Sohn einer Mormonen-Familie und ehemaliges Mitglied von The Used, der Gründungsmitglied Brett Reed an den Drums ersetzte. Angezählt, aber nicht ausgeknockt von den Ereignissen wurde „Let The Dominoes Fall“ zu einem positiven, geerdeten und mit dem uneingeschränkten Glauben an das eigene Glück gesegneten Album. Wir sprachen mit Tim Armstrong und Co-Sänger und Gitarrist Lars Frederiksen über das was war, und die daraus gezogenen Konsequenzen.
Tim, Lars, was war eure erste Reaktion, als ihr erfahren habt, dass Matt nicht an Lungenkrebs erkrankt, sondern „lediglich“ ein paar Zellen mutiert waren?
Lars: Totale Erleichterung. Ich meine, seine Krankheit hätte das Ende der Band bedeuten können und im schlimmsten Fall dazu geführt, dass wir ein Mitglied unserer Familie verlieren. Von daher ist uns natürlich ein Stein vom Herzen gefallen.
Tim: Matt selbst hat bereits im Krankenhaus Pläne für die Zeit nach seiner Entlassung geschmiedet; er wollte unbedingt sofort auf Tour. Das haben wir dann auch gemacht.
Lars: Das Gute an Rancid ist: Wir brauchen kein Album, keine Presse und keinen überdimensionalen Apparat, um auf Tour gehen zu können. Wir schmeißen einfach die Verstärker auf einen Truck und fahren los.
Hatten Matts Gesundheitsprobleme Auswirkungen auf euren eigenen Lebensstil? Habt ihr alle spontan mit dem Rauchen aufgehört?
Lars: Das nicht, aber wir achten im Grunde schon sehr auf uns.
Tim: Die Gesundheit kommt zuerst, alles andere muss hintenanstehen. Ich glaube, dass uns Matts Krankenhausaufenthalt noch enger zusammengeschweißt hat – wenn das überhaupt noch möglich war. Ich meine, ich kenne den Typen seit meinem sechsten Lebensjahr, ich spiele seit 22 Jahren mit ihm in einer Band, er ist wie mein Bruder.
Apropos Bruder. Ein “Familienmitglied” wurde neulich ausgetauscht: Euer Schlagzeuger Brett Reed verließ die Band und wurde durch Brandon Steineckert ersetzt. Wie kam es dazu?
Tim: Nur um das klarzustellen: Wir haben den Drummer nicht „getauscht“! Brett wollte sich anderen Dingen widmen, mehr Zeit mit der Familie verbringen. Auch für Brett gilt das Gleiche wie für Matt: Was immer du tun musst, um glücklich und gesund zu sein - wir unterstützen dich dabei.
Lars: Brett schlug sogar einige Leute vor, die für ihn übernehmen sollten, aber wir hatten das Gefühl, dass Brandon am besten zu uns passt. Wir kannten ihn schon seit seiner Zeit bei The Used, haben oft miteinander abgehangen und ihn als coolen, zuverlässigen Typen kennen gelernt.
Tim: Ich hatte bei Brandon das gleiche Gefühl wie damals, als Lars zur Band stieß: Da ist diese Energie, diese chemische Reaktion, die sich in Freundschaft verwandelt.
Zurück zum Album. Auf “Let The Dominoes Fall” gibt es neben den „regulären“ Songs auch sämtliche Lieder in einer Akustikversion. Warum das?
Tim: Wir schreiben traditionell alle Stücke auf der Akustikgitarre, das war schon früher bei Operation Ivy so. In letzter Zeit kam seitens der Fans häufiger die Bitte, doch mal eine Akustikplatte zu veröffentlichen, und hier ist sie.
In euren sozial- und gesellschaftskritischen Momenten erinnert die Akustik-Version des Albums an Singer/Songwriter wie Billy Bragg.
Lars: Eines der wiederkehrenden Themen auf „Dominoes“ ist definitiv der derzeitige Zustand der amerikanischen Mittel- und Arbeiterklasse. Obwohl wir schon 2007 an dem Album zu arbeiten begonnen haben, hat uns das Thema des Underdogs, der es zu etwas bringen will, einfach nicht losgelassen. Das liegt an unserer eigenen Geschichte, aber auch an der unserer Familienmitglieder und Freunde.
Ihr seid eine der erfolgreichsten Punk-Bands aller Zeiten, fühlt ihr euch denn den Außenseitern noch immer so verbunden wie einst?
Tim: Natürlich! Nicht zuletzt ist das einer der Gründe, warum ich ’Hellcat’ gegründet habe: Ich will jungen, hungrigen Bands die Chance geben, aus ihrer Garage und den Hinterhöfen raus zu kommen, so wie mir damals „Gilman“ die Möglichkeit dazu geboten hat. Es gibt doch nichts Schöneres, als eine Horde Halbwüchsiger auf ihre Instrumente einprügeln zu sehen.
Billie Joe Armstrong von Green Day glaubt, dass ihn seine glückliche Ehe davor bewahrt, auch mit 37 noch über unerfüllte Liebe zu singen. Tim ist 42, und mehr als die Hälfte der neuen Songs handelt von Frauen.
Tim: Schreib mal bitte in deinem Heft: „Tim Armstrong ist Single!“
Und ist Tim Armstrong glücklich dabei?
Tim: Das ist er.
Das ist schön, denn euer letztes Album „Indestructible“ war in weiten Teilen geprägt von deinem Kummer und Schmerz ob deiner Trennung von Brody Dalle. Das scheint ja überwunden...
Tim: Klar, Mann, das ist doch schon sechs Jahre her! Man kennt das ja: Die ersten sechs Monate nach der Trennung ist man traurig, dann verliebt man sich neu, trennt sich wieder und so weiter. Mein Soloalbum „A Poet’s Life“ erschien vier Jahre nach „Indestructible“, hat zehn Songs und alle handeln von Frauen. Den Rest kannst du dir ausrechnen.
Letzte Frage, Tim. In eurem neuen Video trägst du eine schwarze Hornbrille. Ist das ein ironisches Accessoire oder sind die Augen mittlerweile doch so schlecht?
Tim: Ich habe das gleiche Modell noch mal in grün. Mir gefallen meine Brillen. Ich finde, ich sehe damit intellektueller aus.
Text: Florian Hayler
Fotos: Erik Weiss
Heimat: rancidrancid.com
Operation Ivy/Green Day/Rancid - im zeitraffer
1988 “Hectic”-EP (Operation Ivy)
1989 “Energy” (Operation Ivy)
1990 „1039/Smoothed Out Slappy Hours“ (Green Day)
1992 “Kerplunk” (Green Day)
1993 “Rancid” (Rancid)
1994 “Dookie” (Green Day), “Let’s Go” (Rancid)
1995 “Insomniac” (Green Day), “…And Out Come The Wolves” (Rancid)
1997 “Nimrod” (Green Day)
1998 “Life Won’t Wait” (Rancid)
2000 “Warning” (Green Day), “Rancid V” (Rancid)
2003 “Indestructible” (Rancid)
2004 “American Idiot” (Green Day)
2009 “21st Century Breakdown” (Green Day),
“Let The Dominoes Fall” (Rancid)
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