- Text: Ben Dominik
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Gossip
Wichtig ist nur der Kontext
Beth Ditto hat eine laute Stimme. Gut so. Schließlich hat sie auch einiges zu sagen.
Dabei ist Beth auf den erster Blick vieler nur klein, dick und lesbisch. Nicht gerade die Lehrbuch-Voraussetzungen für eine Karriere als Mode- oder Rockstar. Trotzdem wird die Frontfrau von Gossip seit dem durchschlagenden Erfolg ihres dritten Albums ’Standing in The Way Of Control’ vom Musik- und Fashion-Business gleichermaßen hofiert. Gerade erst wurde sie von einem britischen Magazin zur Ikone unserer Generation gekrönt. Eine Auszeichnung, der sie alle Ehre macht. Hier schnell die Party des Modelabels Fendi aufgemischt, dort mit Kate Moss die neuesten Modetipps ausgetauscht, um am Abend mal eben Club und Publikum in Grund und Boden zu singen. Beth Ditto ist ein Phänomen. Das haben mittlerweile alle erkannt. Warum sie aber tatsächlich auch zum nachhaltigen Idol taugt, wird deutlich, wenn man ihr genau zuhört. Küsschen, Küsschen, Trubel und Glamour konnten dieser Frau anscheinend nichts anhaben.
Die Entscheidung ist daher schwierig: Politik, Mode, Menschenrechte, Gesellschaft, Musik. Mit Ditto will man über alles gleichzeitig reden. Man will ihr sagen, wie befreiend es ist, sie auf der Bühne zu sehen. Wie sehr man beim Hören ihrer Stimme - einer Mischung aus Aretha Franklin und Madonna - Gänsehaut bekommt und dass man es außerdem ganz toll findet, dass sie ihre ganz eigene Definition eines Models kreiert hat.
Um ihr neues Album ’Music For Men’ aufzunehmen, wandten sich Beth, Brace und Hannah vertrauensvoll an keinen Geringeren als Produzentenlegende Rick Rubin. Glaubt man der hörbaren Begeisterung in Beths Stimme, hat die so entstandene Zusammenarbeit nicht nur dem Ergebnis gut getan, sondern auch sonst einen bleibenden Eindruck hinterlassen: „Er ist großartig. Fast wie ein Magier. Sein ganzes Leben dreht sich um Musik. Rick weiß intuitiv, worauf es ankommt und wie was wann laufen muss. Eine unglaubliche Erfahrung.“ Dass die Platte zudem in den legendären Shangri-La Studios in Malibu aufgenommen wurde, sorgte zumindest bei Beth nicht für die zu erwartende Ehrfurcht. Die Frontröhre sah sich vor Ort eher mit hausgemachten Problemen konfrontiert: „Ich kann dir gar nicht sagen, wie schwer es war, in der Nähe des Studios einen Donut zu bekommen. Ich musste ziemlich lange suchen, bis ich endlich einen Donut-Laden fand.“ Zum Glück die einzigen Widrigkeiten, mit denen Beth während der Aufnahmen zu kämpfen hatte. Wie zum Beweis schreit sie uns schon im ersten Refrain des Openers ’2012’ ein beherztes „I’ve made it this far. Without you…“ entgegen.
Überhaupt macht ’Music For Men’ mit seiner für Gossip typischen frischen, direkten Art und der herrlich beiläufigen Post-Punk-Schnoddrigkeit nicht den Eindruck, unter großem Erfolgsdruck entstanden zu sein. Eine Vermutung, die Beth selbstbewusst bestätigt: „Nein, so ticken wir nicht. Da gab es keinen Druck. Wir haben uns ja insgesamt drei Jahre Zeit gelassen, hatten also auch nicht das Gefühl, irgendeinem Erfolg gerecht werden zu müssen. Wir wollten eine Platte aufnehmen, auf die wir stolz sein können. Und glaub mir, ich bin wirklich stolz auf diese Songs.“ Zu Recht. ’Music For Men’ ist die ehrliche, kompromisslose Weiterentwicklung einer Band, die jetzt schon größer ist als so mancher ihrer Einflüsse.
Aber was hat einen so starken und polarisierenden Menschen wie Beth persönlich geprägt? Punk und New-Wave? Die erste Liebe oder vielleicht der jetzige Erfolg? Weit gefehlt: „Meine Mutter spielt da schon immer eine große Rolle“, gesteht Beth freimütig. „Sie hat ihr Leben lang hart gearbeitet und es wurde nie gewürdigt. Nie hat sich irgendjemand bei ihr bedankt dafür, dass sie uns Kinder alleine aufgezogen hat. Niemand hat je zu ihr gesagt, wie cool das eigentlich ist. Sie hat sich 30 Jahre lang als Krankenschwester den Arsch abgearbeitet und sich um andere Menschen gekümmert. Sie hatte immer zu kämpfen, machte aber immer auch das Beste daraus. Das hat mich geprägt. Dafür bin ich ihr dankbar.“
Bei so viel Aufrichtigkeit stellt sich die Frage wie man als intelligenter und lautstarker Mensch den ständigen Wechsel aus Realität, Musik- und Modeszene unbeschadet bewältigt? „Ich bin immer die gleiche Person. Egal ob unter Leuten oder allein in meinem Zimmer. Das ist also kein Problem. Letztlich ist es mit der Mode wie mit der Kunst. Fashion People inspirieren mich. Außerdem liebe ich es, mich zu stylen. Und wenn du mich nach meiner Definition von ‘Schönheit‘ fragst, dann sage ich: Wichtig ist nur der Kontext.“
Text: Ben Dominik Foto: Lee Broomfield
Heimat: thegossipmusic.com
Eine für alle
Beth Ditto ist nicht nur die Sängerin des Post-Punk-Trios Gossip. Sie ist das neue Enfant Terrible der Mode- und Musikszene. Neben ihrer Position als frisch gewähltes Sprachrohr einer ganzen Generation, sieht man Beth auch gerne mal neben Karl Lagerfeld über den roten Teppich schreiten oder in der ersten Reihe einer Modenschau in Paris, Mailand oder New York. Kritiker mögen in Beth Ditto nur ein lautes, dickes Mädchen mit schlechten Manieren sehen. Für alle anderen, und das ist der Großteil, ist sie die personifizierte Erlösung von Magerwahn, Prüderie und Scheinheiligkeit.
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