- Text: Torsten Hempelt
- Fotograf: Sight Of Sound
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Dinosaur jr. vs. Lemonheads
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Es begab sich aber zu der Zeit, dass laute Gitarren, lange Haare und eine gewisse Schluffigkeit en vogue waren. Die Rede ist von den frühen bis mittleren Neunzigern - deren Beginn, das Jahr 1991, die daran nicht ganz unschuldigen Sonic Youth in ihrem Tour-Video als „The Year Punk Broke“ feierten. Nur: Ob der Punk damit seinen Durch- oder Zusammenbruch erlebt, bleibt offen. Fakt ist: Nirvana sind ’ne große Nummer, die mächtig Wellen macht. Das bleibt nicht ohne Folgen, und um bei der maritimen Metapher zu verweilen: Auf der Welle surfen viele andere Bands (bis heute); manche gehen unter (inklusive der Wellenverursacher), andere schwimmen gegen den Strom - und wieder andere lassen sich treiben.
Zu Prachtexemplaren letzterer Kajüte gehören zwei Bands aus dem Osten der USA - die möglicherweise beide ihre Lässigkeit daher nehmen, dass sie schon eine ganze Weile vor dem großen „Alternative“-Knall im kalten Wasser paddelten. 1984 gründen J Mascis, Lou Barlow und Murph in Amherst, Massachusetts, Dinosaur jr., mit dem Ziel, „ohrenzerfetzende Country-Musik“ zu machen. Zwei Jahre drauf folgen in Boston Evan Dando und die Lemonheads, die - wie der Name schon verrät - bittersüßen Indie-Pop im Schilde führen. Ein weiteres Jahr später kommt es zur ersten Begegnung der zwei so ulkigen wie unterschiedlichen Band-Cheffes Mascis und Dando, deren Wege sich im Laufe der nächsten knapp anderthalb Jahrzehnte irgendwie immer mehr verwursteln werden.
So auch im Jahr 2009: Nicht nur, dass ihre jeweils neuen Alben ’Varshons’ (Lemonheads) und ’Farm’ (die andern) am selben Tag (in den USA - in Deutschland mit einer Woche Abstand) erscheinen; auch ihre beiden Schöpfer sind höchstselbst in Deutschland erschienen, um allerhand Fragen über sich ergehen zu lassen. In diesem unserem Falle auch über den jeweils anderen. Leider „verfehlten“ sich der Brünette und der Ergraute zwar um einen Tag bzw. eine Stadt (Mascis fand sich nach einem Übernachtflug übernächtigt und dennoch irgendwie frisch am Montag in Hamburg ein, während Dando am Dienstag kurioserweise in Js zweiter Heimat Berlin dem nicht ganz so nachvollziehbaren Schlafmangel anheim fiel), dennoch aber hatten sie die eine oder andere Anmerkung und -ekdote zum Pendant parat. Dazu mehr auf der folgenden Doppelseite, hier zunächst noch ein paar semi-trockene Fakten.
’Farm’ ist ein merkwürdiges Album - ist es doch das zweite seit der Zusammenraufung der einst als unkittbar überworfen geltenden Originalbesetzung von Dinosaur jr. im Jahr 2004. Da aber seitdem besagte Zwistigkeiten und ihre Erledigung schon zur Genüge durchgehechelt wurden, darf an dieser Stelle einfach mal tief Luft geholt werden - um anschließend das sonnige Gefühl der Freude zuzulassen: Die können wirklich wieder bzw. endlich miteinander. Musik machen, natürlich. Aber anscheinend auch reden und Spaß haben (an dieser Stelle sei auf das schöne Roll- und Radsport-Video zur Single ’Over It’ hingewiesen). Mitte 40 und dann doch irgendwie weise.
Evan Dando ist eine Idee jünger (42) und steht ein wenig alleine da. Zumindest hat‘s mit ihm (oder andersrum: er) noch keine Band-Besetzung über mehrere Jahre ausgehalten. Macht aber nix: „Ich möchte inzwischen ohnehin mehr alleine auf Tour gehen. Es macht mir nicht mehr so viel Spaß, in einer Band zu spielen. Solo kann man machen, was man will - kann spontan entscheiden, welche Songs man spielen möchte. Das kann allerdings nach einer Weile auch langweilig werden... Die Abwechslung macht‘s wohl.“ Und so hat der gute Dando zur Abwechslung mal das Heft aus der Hand gegeben, nämlich in die von Buddy Gibby Haynes. Der ist nicht nur ein echter Butthole Surfer, sondern auch der Produzent des neuen Lemonheads-Albums ’Varshons’. Darauf sind nicht nur Kate Moss und Liv Tyler als Gastsängerinnen, sondern auch ausschließlich Coverversionen zu hören - ausgesucht von Haynes. „Ein Album voll mit meinen eigenen Lieblingssongs - das wäre langweilig, und möglicherweise sogar in die Hose gegangen. Stattdessen suchte Gibby Songs aus, die ich teilweise nicht mal besonders mochte.“ Darunter auch das von Ex-4 Non Blondes-Sängerin Linda Perry geschriebene und von Christina Aguilera zum Hit gemachte ’Beautiful’.
Cover-Songs, könnte man unken, waren ja schon immer eine ziemlich sichere und auch wichtige Bank für die Lemonheads - man denke nur an ’Mrs. Robinson’. Dem Simon & Garfunkel-Cover verdankten sie schließlich ihren Durchbruch - mit dem Resultat, dass Evan selbst den Song mehr oder weniger aus seinem Gedächtnis verbannen möchte. Ein Problem, das J wohl nicht so schnell bekommen dürfte: „Ich habe nie besonders viel Wert drauf gelegt, anderer Leute Songs nachzuspielen - so wie viele Leute die Ambition haben, ’Stairway To Heaven‘ spielen zu können. Ich wollte lieber eigene Songs und eine Band haben.“
Text: Torsten Hempelt
Foto J Mascis: Sight Of Sound, Foto Evan Dando: Rosa Merk
Heimat: dinosaurjr.com / thelemonheads.net
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