- Text: Florian Hayler
- Fotograf: Dustin Rabin
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Billy Talent
Eine Frage der Perspektive
Mit dem Erfolg ist das so ein Ding. Erst lässt er ewig auf sich warten und später wird man nur noch an ihm gemessen. Das nennt man wohl Ironie des Schicksals.
Kein Problem für Billy Talent, die als anatomisches Wunder auch mit Anfang 30 noch wachsen – manchmal sogar über sich hinaus. Im Jahr 16 nach Bandgründung sind der in Montreal geborene Ben Kowalewicz (Gesang) und seine Highschool-Freunde Aaron Solowoniuk (Schlagzeug), Jon Gallant (Bass) und Ian D’Sa (Gitarre & Mastermind) noch immer eine eingeschworene Gang, die ihren späten Durchbruch mit jedem Atemzug genießt. Nach zehn gemeinsamen Jahren in einer Band namens Pezz, der taktisch klugen Umbenennung in Billy Talent und zwei abgefeierten Hit-Alben namens ‘Billy Talent I‘ und ‘Billy Talent II‘ legt der kanadische Vierer nun nach. Der Titel der neuen Platte (wer hätte das für möglich gehalten?!): ‘Billy Talent III‘! Ein im tiefsten Inneren der Bandmitglieder auf Spurensuche gehender Rock-Brocken, der nicht auf den schnellen K.O. zielt, sondern langsam und mit bleischwerem Nachdruck im Ziel landet.
Als die vier in ihrer Heimat Toronto fest verwurzelten Bandmitglieder Mitte Mai in der Billy Talent-Hochburg Deutschland aufschlagen, gilt es noch an ein paar letzten Details zu schrauben: Das Artwork für ‘BT III‘ ist noch nicht komplett, hinter den Kulissen wird noch mit der finalen Tracklist jongliert und trotzdem schafft es die Band, zwischen Interviews, Geheimkonzerten, Fotoshootings und flugs anberaumten Fan-Treffen halbwegs den Überblick zu behalten.
Und schon wieder „kein Problem“, wie der mit einer beneidenswerten Betonfrise in Bügeleisenform gesegnete Ian bemerkt: „Wir arbeiten gerne viel und hart. Billy Talent sind nicht gut darin, sich mal ‘frei zu nehmen‘.“
Entsprechend akribisch, detailverliebt und zeitaufwändig gestalteten sich die Aufnahmen zu ‘BT III‘, einem Album, das Frontmann Ben als „the least concept record of all time“ bezeichnet und das nach Wunsch der Plattenfirma gerne früher hätte erscheinen dürfen, allerdings bestünde das Werk dann wahrscheinlich nicht aus Songs, sondern „einer Sammlung von 30-sekündigen Klingeltönen“.
Was hat jeder einzelne von euch zu „Billy Talent III“ beigetragen – wo spürt man eure individuelle Handschrift?
Jon: Wenn man nach dem Hören das Gefühl hat, soeben von einem Panzer überfahren worden zu sein, dann ist das mein Verdienst: Mein Bass killt.
Ian: Ich war die ganze Zeit im Kontrollraum und habe darauf geachtet, dass unsere Songs zeitlos klingen. Dass man sie auch in zehn Jahren noch gut hören kann.
Ben: Ich habe sehr an meiner Stimme gearbeitet. Man könnte so sagen: Ich traue mir mehr zu und bin bereit, verschiedene Facetten zuzulassen. Ich schreie einfach nicht mehr so viel.
Aaron: Ich hatte den härtesten Job von allen. Ich musste mir einen Albumtitel überlegen…
Lustig, dieser Aaron. Dabei hat er tatsächlich den härtesten Job in der Band. Der Pokerfan muss als Vater einer sechsjährigen Tochter nämlich nicht nur Familien- und Bandleben miteinander in Einklang bringen, sondern als an Multipler Sklerose Leidender auch sehr auf Ernährung und ausreichend Schlaf achten. Das erfordert Disziplin und Mitdenken bei sowohl Band als auch Umfeld, schließlich soll Aaron auch in Zukunft problemlos die allabendliche Rhythmusmaschine anwerfen können, damit Hymnen wie ‘Red Flag‘, ‘Try Honesty‘ oder die neue Single ‘Rusted From The Rain‘ weiterhin für ordentlich Wellengang im Moshpit sorgen.
Apropos. Natürlich sind auch die neuen Songs auf ‘Billy Talent III‘ auf ausreichend Durchdrehzahl gestrickt, allerdings reduzierten Billy Talent den Anteil von Punk und Geschwindigkeit zugunsten einer zusätzlichen Schicht Groove. „Das war eine ganz bewusste Entscheidung“, erklärt Ian. „Wir wollten unseren Trademark-Sound natürlich nicht aufgeben, haben aber trotzdem versucht, uns anderweitig zu orientieren. Wir haben unsere Vorliebe für Frühneunziger-Bands und deren Alben wiederentdeckt: Jane’s Addiction, Soundgarden, Rage Against The Machine. Das hat deutlich auf unser Album abgefärbt.“
Ähnlicher Meinung ist auch Ben, der seine Abende zu Hause am liebsten mit Freunden, Freundin und geselligem Kochen verbringt: „Wir sind jetzt 33, 34 Jahre alt und die Hälfte unseres Lebens gemeinsam in dieser Band. Ich würde sagen, wir altern in Würde, wie ein guter Wein. Und auch unser neues Album sollte man behandeln wie einen edlen Tropfen: Entkorkt es mit Bedacht und lasst es erst einen Moment atmen. Erst danach entfaltet sich sein volles Bouquet.“
Text: Florian Hayler
Foto: Dustin Rabin
Foto Fans: Jan Windszus
Heimat: billytalent.com
Auf sallys.net: sally*sTV!
Kreuzverhör mit Aaron, Ian, Ben & Jon
Billy Talent Special im Radio
unclesally*s Nightflight
9. auf 10.7., 0.00 Uhr live auf Fritz und fritz.de
Billy Talent I-III –
die Richterskala
So unterschiedlich die einzelnen Bandmitglieder von Billy Talent auch über ihr Album I urteilen, so einig sind sie sich über die Qualität ihrer zweiten und dritten Longplayer. Auf einer Skala von eins (übel) bis fünf (perfekt) bewerten Aaron, Ian, Jon und Ben ihr bisheriges Lebenswerk wie folgt:
Billy Talent I
Aaron: Vier.
Ian: Drei.
Jon: Fünf.
Ben: Drei.
Billy Talent II
Alle: Vier.
Billy Talent III
Alle: Fünf!
LIVE: YOUR ARMY, SPITCHILD
20.03.2010
MotorClub @ Magnet Club - LIVE: YOUR ARMY, SPITCHILD - LIVE: YOUR ARMY, SPITCHILD
