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zwan
Don't You. Forget About Me


Da kommen sie also alle wieder hervorgekrochen - jene verdienten Veteranen der Alternative Rock-Revolution der frühen Neunzigerjahre. Pearl Jam liefern ihr zugänglichstes Album seit langem ab und geben sogar Interviews, Dave Grohl brilliert gleich an mehreren Fronten, während Cobain noch aus dem Grab heraus Titelseiten und Charts dominiert und auch die 'Sound Against The Machine' Arbeitsgemeinschaft namens Audioslave mit einem Album um die Ecke kommt, das so wohl niemand erwartet hätte. Wer fehlt? Genau, Billy Corgan, der einstige Frontmann der in die ewigen Jagdgründe abgetauchten Smashing Pumpkins. Nun, hier ist er...


Nach der vermeintlichen Wachablösung durch NewMetal/NeoGrunge haben Medien und Fans die Altvorderen also wieder lieb, und auch die Nachgewachsenen wollen mal hören, wer denn ihre Helden von Creed oder Nickelback beeinflusst hat. Da will natürlich auch Billy Corgan nicht abseits stehen. Bereits kurz nach dem Ende der Smashing Pumpkins hatte er verkündet, sich nicht etwa auf sein wohl verdientes Altenteil zurückziehen zu wollen, sondern vielmehr eine neue Band zu gründen, die 'völlig anders' als die Pumpkins klingen sollte. Und nun liegt das Debüt seiner 'neuen' Band Zwan vor, die doch zu zwei Fünfteln die alte ist, da auch Pumpkins-Drummer Jimmi Chamberlin dem Line-Up angehört. Das Album heißt 'Mary Star The Sea', das Warten hat ein Ende.


Past


Chicago 1989. Eben hat sich für den jungen Gitarristen und Sänger William Corgan ein Traum erfüllt: Die erste Single der von ihm gegründeten, noch unbekannten Band namens Smashing Pumpkins, wird auf dem Label 'Limited Potential' erscheinen. Für die Aufnahmen dieser Single hatte der junge Mann einen zünftigen Familienkrach riskiert, ging für die Session doch die komplette Ausbildungsversicherung drauf, die seine Oma für ihn abgeschlossen hatte. Ein Collegebesuch war aber in den Plänen Corgans ohnehin nie vorgesehen, denn ihm war schon immer klar gewesen, dass er es mit der Musik versuchen und möglichst größer als die Beatles werden wollte. Und jetzt ist da tatsächlich jemand, der diese Musik veröffentlichen will.


Ein Jahr später - die Pumpkins haben sich mittlerweile in und um Chicago etabliert - soll der Single dann ein Album folgen. Damit dieses auch ein Erfolg wird, muss ein geeigneter Produzent her. Corgans Wunschkandidat ist Matt Quigley, seines Zeichens Bassist der lokalen Grunge-Heroen Skunk, die Corgan bewundert. Bei einem Skunk-Konzert in New Jersey fasst er sich ein Herz und bittet Quigley um eine Zusammenarbeit, der jedoch lehnt dankend ab.


Seinen Frust über die Absage lässt Billy nach der Show bei Skunk-Gitarrist Matt Sweeney ab, mit dem er sich anfreundet. Eine schicksalsträchtige Begegnung: Zunächst versichern Corgan und Sweeney einander, immer dann gemeinsam zu jammen, wenn sie zur gleichen Zeit in Chicago sind. Zwei Jahre später wird daraus der Schwur, irgendwann einmal eine neue Band zu gründen.


Ein Versprechen, das zehn Jahre später unter veränderten Vorzeichen eingelöst wird: Corgan hat mit den Smashing Pumpkins eine internationale Karriere hinter sich, sein alter Kumpel Sweeney ist auch mit seiner neuen Band Chavez nicht über den Status eines Geheimtipps hinaus gekommen. Geblieben ist der Wunsch, miteinander Musik zu machen, und so begeben sich die beiden auf die Suche nach geeigneten Musikern für ihr 'Baby', das den Namen Zwan tragen soll. Mit Corgans altem Spezi Jimmy Chamberlin und dem verdienten Untergrundhelden David Pajo (Ex-Slint, Gitarre) wird man fündig. Komplettiert wird das Line-Up schließlich durch Bassistin Paz Lenchantin, die schon bei Maynard James Keenans (Tool) Seitenprojekt A Perfect Circle aufgefallen ist. Corgans Faible für Bassistinnen ist also geblieben. Ansonsten haben wir es bei Zwan mit einem konkreten Drei Gitarren-Brett zu tun.


Einmal formiert, spielt die junge Band in der Folgezeit verschiedene Club-Gigs und stellt dann und wann die ein oder andere Arbeitsprobe ins Netz - 'Songs', die das Bild einer 'band in progress' bieten, und noch nicht wirklich klar machen, wohin die Reise gehen sollte.
Present


Um zu vermeiden, dass das am 12. Februar erscheinende Zwan-Debüt bereits vor diesem Termin als Download auf den Festplatten der darbenden Pumpkins-Gemeinde erscheint, verschickt die Plattenfirma keine Vorab-Kopien. Die interessierte Journaille - neben mir nur eine Kollegin von der Frankfurter Rundschau - wird zur 'exklusiven pre-listening session' geladen.


Im betont zweckmäßig-nüchtern gehaltenen, von italienischen Designer-Möbeln dominierten Interieur, versucht der Opener 'Lyric' auf der - zu kleinen - Kompakt-Anlage seine Wirkung zu entfalten. Der Song ist ein sehr melodiöser 4/4-Shuffle-Bastard, der an die Pumpkins der 'Gish'-Phase erinnert. Weiter geht es mit dem - abermals sehr eingängigen - Midtempo-Rocker 'Settle Down', inklusive Achtzigerjahre-Hardrock-Gitarren-Solo am Ende - aber das darf man ja jetzt wieder. In 'Declarations Of Faith' singt Corgan eine seiner sehnsuchtsvoll melancholischen Linien über stehende Akkorde, die von finsteren Drum-Rolls untermauert sind. Die erste Single 'Honestly' ist ein gefälliger Midtempo-Lovesong, auf den mit 'El Sol' die interessanteste Nummer des Albums folgt. Völlig untypisch wünscht sich Melancholiker Corgan zu einem nur geringfügig variierten, treibenden Gitarren-Lick 'a little sunshine to butter my toast'. Insgesamt 14 Songs sind auf 'Mary Star The Sea' enthalten, die meisten klassische Rocker, aber auch drei Balladen. Höhepunkt soll wohl das 14-minütige(!) 'Jesus I/Mary Star Of The Sea' sein. Der Song ist ein etwas uninspiriert wirkender, mit endlosen Jam-Parts versehener Blues, den die Band live wahlweise mit Sequenzen aus Bob Marleys 'Exodus' oder 'Waiting For The Man' von Velvet Underground anreichert, ehe man auf der Zielgeraden in einen eruptiven, an Van Morrisons 'Gloria' erinnernden Vollgas-Part einstimmt. Das ist dann - wie übrigens große Teile des Albums - die reine Siebziger-Schweinerock-Schule. Zwischen den Strophen bleibt so immer noch genug Platz für das gute alte 'Ladies and Gentlemen, on guitar, from Los Angeles, California: Mr. bla bla bla...'


Textlich fällt auf, dass dem alten Grantler Corgan der Neustart gut zu bekommen scheint: Nicht ganz so introspektiv und schicksalsschwanger wie zu früheren Zeiten lässt sich der Meister vor allem über Liebesfreud und -leid aus.


Musikalisch ist der sturm- und drangvolle, unbekümmerte Ansatz, der die Smashing Pumpkins zumindest am Anfang ausmachte, einer sehr viel strukturierter und disziplinierter wirkenden Herangehensweise gewichen. Ein Umstand, der wahrscheinlich der Tatsache geschuldet ist, dass eine Band mit drei Gitarren nun einmal Struktur braucht, um nicht im Lärm zu ersticken. Im Ergebnis heißt das aber auch mehr konventioneller Rock (früher hätte man Hardrock gesagt) - wenn auch auf hohem Niveau und mit guten Songs - und weniger Indie-Attitüde.


Auf gar keinen Fall aber sind Zwan etwas 'völlig anderes als die Smashing Pumpkins'. Gut, Corgans Stimme ist immer noch eine, die man nur hassen oder lieben kann. Mit dieser Stimme würde wahrscheinlich selbst ein Ambient/Trance-Album nach den Pumpkins klingen.


Doch so dominant Corgan auch sein mag, dieses Album trägt auch deutlich die Handschrift Chamberlins. Mit dem Drummer, der auf den Pumpkins-Alben 'Gish' und 'Siamese Dream' noch mit Corgan für das Songwriting verantwortlich zeichnete und dessen Fehlen auf dem 98er 'Ava Adore' Hauptursache für die von vielen Kritikern bemängelte, kalte Aura der Platte war, mit diesem Jimmi Chamberlin hat Corgan den idealen Counterpart für seine schwelgerischen Kompositionen gefunden. Sein fast jazziges, kraftvoll-percussives Spiel dient nie dem reinen Selbstzweck, sondern gibt den Songs genau das, was sie brauchen. Keine Frage: Der verlorene Sohn Chamberlin, mit dem nach seinen Heroin-Eskapaden kaum noch einer gerechnet hatte, spielt hier in der Form seines Lebens.


Wenn sich, nach zweimaligem Hören von 'Mary Star The Sea', auch ein abschließendes Urteil verbietet, stellt sich doch eine Frage: Wenn mit Zwan keine wesentliche musikalische Richtungsänderung erfolgt, warum haben sich die Smashing Pumpkins dann überhaupt aufgelöst? Um das zu verstehen, ist ein Blick zurück unumgänglich.
History


Im 'Cabaret Metro' fing alles an, und dort schloss sich auch der Kreis: In dem Chicagoer Club spielten die Smashing Pumpkins am 5. Oktober 1988 ihr erstes und am 2. Dezember 2000 das letzte Konzert.


Dazwischen lagen 25 Millionen verkaufte Platten, weltweit ausverkaufte Tourneen, sowie stete Chart-Präsenz. Aber auch: Der Drogentod des Tour-Keyboarders Jonathan Melvoin 1996, der damit verbundene Rausschmiss von Schlagzeuger und Junkie Jimmi Chamberlin (der Melvoin angefixt haben soll). Außerdem der Ausstieg von Bassistin D'Arcy Wretzky, das Scheitern ihrer Beziehung zu Gitarrist James Iha sowie ein Nervenzusammenbruch von Corgan selbst.


Keine Frage, es muss höllisch anstrengend gewesen sein, in dieser Band zu spielen. Drei Leute, die von Anfang an mehr Arbeitsgemeinschaft als Band waren und die von dem fast krankhaft ehrgeizigen Corgan mit manischer Besessenheit angetrieben wurden. Das daraus resultierende Bandgefühl beschrieb D'Arcy einmal als 'vergleichbar mit der Situation, mit drei Leuten gleichzeitig verheiratet zu sein, mit denen du normalerweise nicht einmal gemeinsam ausgehen würdest'.


Dass die Smashing Pumpkins trotz der Spannungen musikalische Höchstleistungen vollbrachten, liegt vielleicht gerade in der besonderen Chemie der Gruppe begründet, ist aber vor allem dem Genie und der Disziplin des unbestrittenen Chefs Corgan zu verdanken. Immerhin hielt das Zweckbündnis zwölf Jahre. Das Scheitern von Corgans ambitioniertestem Projekt, dem als Doppel-CD angelegten Konzeptalbum 'Machina The Machines Of God', war nur der letzte Akt, denn die Trennung war bereits ein Jahr vorher beschlossene Sache. Der natural born Nörgler Corgan war nicht mehr zufrieden mit der Motivation der anderen. Weder die Hereinnahme von Melissa Auf Der Maur (Ex-Hole) nach D'Arcys Ausstieg, noch die Heimkehr des wieder genesenen Chamberlin konnten neue Impulse geben. So zwiespältig die ganze Karriere der Pumpkins verlaufen ist, empfanden alle Beteiligten auch den Abschied: Neben ehrlich empfundener Trauer war da vor allem auch Erleichterung.


Future


Das macht verständlich, warum sich Corgan in ersten Interviews so euphorisch zu Zwan äußert. Noch einmal völlig unbelastet, mit frischen Leuten von vorne anfangen zu können, ist wohl das, was er sich am meisten gewünscht hat. Zumal Billy bei Zwan auch nicht die ganze Verantwortung alleine schultert. Um dem Wiederaufkommen der früher gängigen Gerüchte, die Smashing Pumpkins seien eigentlich Corgan solo plus Erfüllungsgehilfen gewesen, vorzubeugen, lässt der Kahlkopf jetzt keine Gelegenheit aus, um zu betonen, dass es sich bei Zwan um eine Band mit fünf gleichberechtigten Musikern handelt. So erklärte er dem Online-Mag 'Viceland.Com', dass 'wir immer in einer Band spielen wollten, in der kein Mitglied austauschbar und das Gesamte größer als die Einzelteile ist. Als wir anfingen, wussten wir, dass wir nicht schlecht sein konnten. Hört euch Chamberlins Drums an, der Mann ist die Schönheit im Wahnsinn. Wir müssen gute Musik machen, das ist alles, was wir können'. Ob dem so ist, davon kann man sich auf der Deutschland-Tour der Band im Februar überzeugen. Die ersten Konzerte in den USA wurden von der dortigen Kritik jedenfalls begeistert aufgenommen. Ein ausführliches Zwan-Interview erscheint in der März-Ausgabe des unclesally*s.






Billy Corgan/Smashing Pumpkins/Zwan Diskografie
The Smashing Pumpkins (1989)
Moon (1989)
Eye (1989)
Gish (1991)
Siamese Dream (1993)
Pisces Iscariot (1994)
Mellon Collie And The Infinite Sadness (1995)
The Aeroplane Flies High (1996)
Billy Corgan: The Guitars That Rule The World/ Volume 2: Smell The Fuzz Compilation (1996)
Billy Corgan: Ransom - Original Motion Picture Soundtrack (1996)
Adore (1998)
Machina - The Machines Of God (2000)
Live At Cabaret Metro 10-5-88 (2000.12.02)
Machina II - The Friends And Enemies Of Modern Music (2000.12.05)
Greatest Hits (2001)
Greatest Hits With Judas O (2001)
Mary Star The Sea (2003)


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