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Bild: such a surge

such a surge
Immer noch gegen den Strom


Trends hinterherzulaufen war noch nie die Sache von Such A Surge. Seit der Bandgründung 1992 verfolgen die Braunschweiger konsequent ihren eigenen Weg, lassen sich bei ihren Songs nicht reinreden und geben einen Scheiss darauf, ob sie mit ihrer Musik in gerade populäre Hypes hineinpassen oder nicht. Vielleicht ist genau das der Grund, warum die Band bis heute nichts von ihrer Relevanz eingebüßt hat und die neue Surge-Platte 'Rotlicht' schon jetzt eines der wegweisenden Alben 2003 darstellt.


Die Kritiker der Band werden natürlich auch diesmal wieder sagen 'Surge? Die kenne ich - die machen doch sowieso immer dasselbe'. Wie unberechtigt derartige Äußerungen aber sind, weiß jeder, der sich etwas genauer mit dem musikalischen Schaffen der Jungs auseinandergesetzt hat. Bot das Debütalbum 'Under Pressure' (1995) noch tanzflächenkompatible, harte Mitsing- und Hüpf-Nummern, die dafür sorgten, dass das damals noch junge Genre Crossover auch mit deutschen Texten seine Anerkennung fand, war schon das darauf folgende 'Agoraphobic Notes' (1996) eine Überraschung: immens intensive und aggressive Songs, eine düstere Stimmung und eine breite Stilvielfalt, die bis auf weiteres eines der Markenzeichen der Band bleiben sollte. Hier konnten wütende Gitarren-Nummern neben relaxten HipHop-Tracks stehen, ohne dass man auch nur an einer Stelle nicht erkannt hätte, dass ein und dieselbe Band am Werk ist. Die beiden folgenden Platten 'Was Besonderes' (1998) und 'Der Surge Effekt' (2000) hingegen ließen immer mehr Pop-Einflüsse zu, waren geprägt von einem sehr cleanen Sound und brachten massives Airplay auch im Mainstream-Radio mit sich - Songs wie 'Jetzt Ist Gut' konnte man, mit ein bisschen Glück, auf einmal sogar im täglichen Radio-Programm zwischen Britney Spears und Madonna hören. Trotz markanter Wiedererkennungsmerkmale wie dem charakteristischen HipHop- und Schrei-Gesang der Frontmänner Michel Begeame und Oliver Schneider differenzierte man den eigenen Sound über die Jahre immer weiter aus, keine neue Platte klang genau so wie ihr Vorgänger.


Dann war allerdings erst mal Schluss mit Surge, die Band nahm sich eine Auszeit von drei Jahren, in der man einerseits mit dem Hardcore-Projekt Pain In The Ass kräftig die Sau rausließ, in der einige Bandmitglieder aber auch eigene, neue Projekte starteten. Drummer Antek Rudo prügelte ungehemmt in der Death'n'Roll-Band Revolver drauf los, Gitarrist Dennis Graef bewies seine virtuosen Fähigkeiten bei Ausflügen ins Jazz-Genre und Sänger Oliver ging seiner Vorliebe für HipHop mit Originalton nach. Abgesehen vom im vergangenen Jahr zum zehnjährigen Bandjubiläum erschienenen Best Of-Album war es also für längere Zeit ruhig geworden um die einstigen Wegbereiter des deutschen Crossover. Wer nun 'Rotlicht' hört, weiß aber schon beim ersten Durchlauf: Das war nur die Ruhe vor dem Sturm. Das Album geht teilweise vollkommen neue Wege - und ist doch die Essenz von dem, was die Band seit ihrem Bestehen ausgemacht hat. Such A Surge besinnen sich auf die Härte und düstere Atmosphäre früherer Tage und kombinieren diese mit den im Laufe der Zeit immer weiter entwickelten technischen Fähigkeiten, ohne dabei den Blick für eingängige Refrains und schöne Melodien zu verlieren.


Vor allem aber fällt die Homogenität der Platte auf - große Stilbrüche sind nicht auszumachen. 'Dafür ist vor allem der Aufnahmeprozess der Platte verantwortlich', erklärt Antek. 'Wir haben ja alle Songs im Studio innerhalb sehr kurzer Zeit geschrieben, 80 Prozent der Musik sind in zwei Wochen entstanden, so dass alles wie aus einem Guss klingt.'


Zudem dürfte die relaxte Atmosphäre während der Aufnahmen ihr übriges getan haben - das von der Band im Spätsommer 2002 bezogene Kölner Heartbeat-Studio, untergebracht im Keller eines geräumigen Wohnhauses und am ruhigen Stadtrand gelegen, bot den optimalen Rahmen für entspannte Sessions mit regelmäßigen Grill-Pausen und Videoabenden. Gleichzeitig war durch die ständige Möglichkeit zum Jammen und Aufnehmen aber auch ein viel konzentrierteres Arbeiten möglich: 'Der Songwritingprozess an sich war ein ganz anderer, viel geballter und zielstrebiger, so dass zwischen den einzelnen Songs kaum Zeit verging', so Olli. 'Wir haben uns aber auch völlig frei gemacht von dem Gedanken, dass man nach zwei ähnlichen Stücken mit demselben Groove etwas ganz anderes machen muss, so wie wir es früher bei den Arbeiten zu einer neuen Platte immer getan haben. Man sieht das ja ganz drastisch am Beispiel des 'Surge Effekt', wo sich Stücke wie 'Black Flat Pill' und 'Wenn Du Fällst' gegenüberstehen - wenn jemand, der Surge nicht kennt, diese Stücke hintereinander zum Beispiel auf einer Party hört, würde er nicht denken, dass da dieselbe Band am Werk ist, sondern dass wohl eine Compilation eingelegt wurde. Bei 'Rotlicht' hingegen merkt man, dass die ganze Zeit dieselben Leute die Musik machen.'


Und man merkt auch, dass diese fünf Leute, die da Musik machen, unglaublich gut miteinander harmonieren - nach fast zwölf Jahren Bandgeschichte etwas nicht unbedingt selbstverständliches. Such A Surge sind trotz all der gemeinsamen Erlebnisse und zurückliegenden Erfolge keine reine Arbeitsgemeinschaft geworden, sondern bilden einen ähnlich geschlossenen und engen Freundeskreis wie zu Zeiten der Bandgründung: 'Wir sind eben Leute, die sich wegen der Musik zoffen, und nicht auf Grund irgendwelcher zwischenmenschlicher Differenzen', erklärt Antek. 'Innerhalb vieler anderer Bands bekommen die Mitglieder mit der Zeit persönliche Probleme untereinander, bei uns ist das aber eigentlich nie der Fall. Und ich denke auch, dass selbst wenn Surge eines Tages nicht mehr existieren sollten, wir uns immer noch regelmäßig treffen werden, zusammen abhängen oder was essen gehen.' Und wer die Band beobachtet, weiß, dass dies kein leeres Phrasengedresche ist. Egal, ob beim von den Jungs eigentlich gehassten Foto-Shooting für diesen Artikel oder beim anschließenden Interview im italienischen Stammrestaurant, ständig werden untereinander Witze gemacht, produktive Diskussionen geführt, oder es wird ganz einfach und locker miteinander gequatscht. Es muss schon was heißen, wenn sich eine Band nach all den Jahren immer noch so viel zu sagen hat. Die meisten Ehepaare halten es nicht mal halb so lange miteinander aus und würden nach dieser Zeit auch längst kein so harmonisches Bild wie die Gemeinschaft Such A Surge abgeben.


Sorgt bereits die auch aus dieser persönlichen Nähe resultierende Geschlossenheit der Musik für ein intensiveres Hörgefühl als es bei früheren Platten der Fall war, sind vor allem die weitaus stärker autobiografisch geprägten Texte mit dafür verantwortlich, eine noch intimere, aber teilweise auch zum Zerbersten gespannte Atmosphäre zu erzeugen: 'Mir ist eigentlich erst im Nachhinein, beim Durchhören der Platte, aufgefallen, dass die Texte thematisch viel mehr davon handeln, was in mir passiert, und nicht, was um mich herum geschieht. Ein Song wie 'Fremdkörper' beschäftigt sich beispielsweise mit der Rebellion gegen sich selbst, und nicht mit der Rebellion gegen das eigene Umfeld. Ich denke, ich habe auf den früheren Platten zwar nicht alles, aber schon ziemlich viel über meine Meinung zur Gesellschaft gesagt, und mir ist es wichtig, mich nicht zu wiederholen oder irgendwas von mir zu geben, dem ich selber keine Relevanz beimesse', erklärt Olli und fügt hinzu: 'Natürlich hat aber auch hier eine Rolle gespielt, das alles sehr schnell ging. Das Texten war zeitlich ebenfalls sehr geballt, ich habe die ersten Skizzen gehört und die Musik hat mir praktisch schon gesagt, was ich dazu zu singen habe.' Für die von Michel gesungenen und geschriebenen Texte gilt ähnliches - zwar hält er sich mit Aussagen zu den einzelnen Songs seiner recht ruhigen Art entsprechend beim Interview eher zurück, wer Titel wie 'So Viele Fragen' aufmerksam verfolgt, merkt aber schnell, dass hier jemand sehr viel von seiner inneren Gefühlswelt preisgibt.


Die Texte sind dabei diesmal allesamt in deutsch verfasst, auf englisch- oder französischsprachige Songs wird verzichtet - allerdings nicht bewusst, sondern 'weil es sich einfach so ergeben hat'. Auch das ist ein typisches Charakteristikum für Surge - wenig wird geplant oder mit besonderen Hintergedanken verfolgt, vieles ergibt sich einfach so, sei es der Sound der Platte, die Ausrichtung der Texte, oder auch der Name 'Rotlicht'. Könnte man den Albumtitel etwa als guten Überbegriff für die düstere, geladene und kurz vor der Explosion stehende Grundstimmung der Platte deuten, ist er letztlich doch 'nur ein schöner Titel, der Wärme symbolisiert, ansonsten aber für möglichst viele Interpretationen offen ist', so Bassist und Band-Manager Axel Horn. 'Uns allen hat der Titel gefallen, es steckt aber keine tiefe symbolische Bedeutung dahinter.'


Im Gespräch über die Platte merkt man der Band deutlich an, wie gespannt sie jetzt nach dem überaus guten Aufnahmeprozess auf die Reaktionen ist, die 'Rotlicht' hervorbringen wird - sowohl was die alten Fans, als auch was mögliche neue Hörer angeht. 'Ich denke schon, dass die neue Platte das Potenzial hat, neue Leute zu interessieren', sagt Antek. 'Aber ich frage mich auch, ob die sich überhaupt für Surge interessieren und nicht schon eine feste Meinung über uns haben, uns also gar keine Chance geben.' Wie eingangs erwähnt, ist schließlich die Gruppe derer, die ein vorgefertigtes Bild der Braunschweiger haben und nicht an einer weiteren Beschäftigung mit der Band interessiert sind, alles andere als klein. Und leider gehören da auch diverse Medien dazu - so verlautete bereits aus dem Umfeld der großen Clip-Kanäle MTV und Viva, dass man an Surge wenig bis kein Interesse habe und dementsprechend auch Videos der Band nicht spielen will - man müsse den Zuschauern schließlich entweder trendgerechte Musik oder frische Gesichter bieten. Somit wird die Band also dafür bestraft, dass sie sich selbst immer treu geblieben ist, statt plötzlich von Snowboards zu singen oder sich mit abgehalfterten Ex-Dancefloor-Ikonen der Marke Turbo B zu billigem Crossover-Schund hinreißen zu lassen.


Aber Such A Surge wären nicht Such A Surge, wenn sie nicht einerseits unbeeindruckt davon konsequent ihren eigenen Weg weitergehen und andererseits natürlich eine Möglichkeit finden würden, ihren Fans trotzdem auch visuell einiges zu bieten. Axel klärt auf: 'Wir werden das Album in zwei Versionen veröffentlichen. Neben der normalen CD wird es auch eine etwas teurere Variante mit Bonus-DVD geben, und auf dieser DVD werden sämtliche Videoclips vertreten sein, die wir oder unsere Nebenprojekte je aufgezeichnet haben - insgesamt also über 20 Videos.' Dass sich darunter dann auch das eine oder andere verwackelte Schmankerl aus den frühen Tagen der Band befinden wird, versteht sich von selbst. Und natürlich wird man auch weiterhin Videos produzieren - die wird man allem Anschein nach zwar nicht auf den gängigen Berieselungs-Kanälen zu sehen bekommen, dank Internet können sich Fans die neuen Werke aber jederzeit auf der Band-Homepage betrachten.


Aber Video hin oder her - 'Rotlicht' ist zu gut, als dass nicht auch die breite Öffentlichkeit Notiz von der Platte nehmen müsste. Das Album hat das Potenzial, zur Konsensscheibe 2003 in Sachen alternativer und harter Gitarrenmusik aus Deutschland zu werden. Wäre ja schließlich nicht das erste Mal, dass sich Such A Surge am Ende trotz aller Widrigkeiten durchsetzen. Es lohnt sich immer noch, seinen eigenen Weg zu gehen.


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