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Bild: placebo
  • Text: Florian Hayler
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placebo
New found glory


Nun hat die dreckige 30 auch Placebo-Frontmann Brian Molko am Nacken gepackt und er fühlt sich trotzdem so ausgeglichen wie nie zuvor. Mit sichtlich guter Laune und sprachlicher Eleganz reflektiert Molko die Karriere seiner Band, die Drogen- und Sex-Eskapaden der exzessiven Vergangenheit und die neu gewonnene Verantwortung gegenüber seinen Kollegen, seinen Fans und vor allem gegenüber sich selbst. Im siebten Jahr nach 'Nancy Boy' ist das Londoner Trio heute da angelangt, wo es sich selbst am wenigsten vermutet hätte: In der schwierigen Position einer bedeutenden Rockband. And now let's talk business.


Nett hier. Anders als noch im vergangenen Mai, als sich Brian Molkos rund 100 Quadratmeter weites Loft recht spärlich möbliert zeigte und sich die an den Backsteinwänden gestapelten CD-Türme gefährlich nach links beugten. Im frühen Januar 2003 hat sich einiges geändert: ein Sofa hat den Weg in die 3. Etage des von außen fensterlosen Fabrikgebäudes gefunden, Brian ist stolzer Besitzer einer Pinball-Machine und die CDs mussten einer Armada von Glückwunschkarten weichen, die er anlässlich seines 30. Geburtstags zugesteckt bekam. Das am Ende des Lofts gelegene Ministudio war seinerzeit weitgehend verwaist, heute sind sämtliche Instrumente verkabelt, CD-Rohlinge zieren den Boden des Homestudio-Podests und Vorab-Kopien des neuen Albums 'Sleeping With Ghosts' inklusive der Rough-Mixe der B-Seiten-Sessions liegen auf dem 16-Spur-Mixer. Brian blättert durch die gut drei Dutzend Fotos des kürzlich beendeten Studioaufenthalts, kommentiert jeden Schnappschuss mit zahlreichen Anekdoten und entkorkt nebenbei die erste Flasche Weißwein. 'Ready?'


Haunted by the ghosts


'Sleeping With Ghosts' ist nach dem selbstbetitelten Debüt, dem 98er 'Without You I'm Nothing' und dem 2000er 'Black Market Music' nicht nur das vierte Album von Brian Molko, Stefan Olsdal und Steve Hewitt, sondern auch deren selbsternanntes Masterpiece. Brian weist darauf hin, dass die Band noch nie so ungezwungen und locker wie im Falle des neuen Albums an die gemeinsame Arbeit gegangen sei, und dementsprechend leichtfüßig und entspannt klingt auch das Ergebnis. Die unter der Regie von Jim Abyss eingespielten zwölf Tracks des neuen Placebo-Werks sind Ausdruck eines unerschütterlichen Band- und Produzentengefüges, und gemeinsam arbeitete sich die Sound-AG durch das neue Material. Jeder der drei Placebo-Brüder brachte seine individuellen Ideen in die Songs ein, umgesetzt wurden sämtliche Ansprüche aber von allen gemeinsam. Call them the Arthouse Mafia: ''Sleeping With Ghosts' ist das Ergebnis aus den gemeinsamen Erfahrungen der vergangenen sieben Jahre und dem, was wir in dieser Zeit als Musiker und Produzenten gelernt haben', sagt Brian. 'Insbesondere Stefan hat sich auf diesem Album als Songwriter selbst gefunden, er schrieb drei Stücke fast im Alleingang und hat somit ein neues Kapitel in unserer Karriere aufgeschlagen. Ich bin wirklich stolz auf ihn und froh, mit so einem begnadeten Musiker in einer Band sein zu dürfen.'
Nicht zuletzt Stefan ist es auch zu verdanken, dass 'Sleeping With Ghosts' entgegen aller verfrühten Mutmaßungen zu dem wurde, was die einen erhofft - die anderen nicht erwartet haben: Eine wegweisende Rockplatte. Olsdal schrieb drei der Uptempo-Nummern des neuen Albums, namentlich 'This Picture', 'Plasticine' sowie die erste Single 'The Bitter End'. Ob und in wieweit das Gitarre/Bass/Drums-Gespann synthetisch aufpoliert wurde, ist hier nicht Thema. Fakt ist, dass das Grundgerüst, die Basis der Stücke, immer organischer Natur ist. Besonders hervorgehoben seien dabei der Opener 'Bulletproof Cupid' (ein Drei-Akkorde-Instrumental aus Punk und Noise), 'Plasticine' und 'Second Sight', dem eingängigsten und Placebo-typischsten Stück der Platte. 'Placebo sind eine Rockband, und wir werden es auch immer bleiben', erklärt Molko, zieht eine Lights aus der Schachtel und entzündet sie an einer Kerze. 'Egal, wie weit wir uns im Rockkontext aus dem Fenster lehnen, wir werden immer unserer Basis treu bleiben und auch weiterhin zu dritt in einem Raum spielen, mit drei Instrumenten und dabei magische Momente erzeugen. Wir legen Wert darauf, dass unsere Musik von uns handelt, von Stefan, Steve und mir, von diesen drei Personen. Das ist das, was uns den Kick gibt. Von daher sind wir auch immun gegenüber jeglichen künstlerischen Statements und solch kalkulierten Risiken wie sie beispielsweise Radiohead mit 'Kid A' oder 'Amnesiac' eingegangen sind. Es wäre entgegen unserer Natur, derart bewusst obskure Alben aufzunehmen. Es gibt zwar auch auf jedem Placebo-Album diesen einen Song, der die Grenzen unseres Schaffens auslotet, aber es ist eben nur einer! Im Falle von 'Black Market Music' war das 'Spite & Malice', heute ist es 'Something Rotten'. Unser Ziel war es, ein bedeutendes Album aufzunehmen, eines, das die Identität von Placebo als Gitarrenband intakt hält, ohne gegenwärtige elektronische Einflüsse zu ignorieren.'


Something left to prove


Placebo haben heute keinerlei Anlass mehr, Gerüchte zu streuen, ihr Privatleben und/oder sexuelle Vorlieben in aller Öffentlichkeit zur Schau zu tragen oder sich die Birne wegzusniefen. Been there, seen that, done it. Verwirrung stiften war gestern, heute gibt es wichtigeres. 'Ich glaube, wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir uns nicht mehr über unser Image definieren müssen', erklärt Brian. 'Ich schminke mich noch immer, aber ich bin nicht mehr der gruftige Transvestit wie anno 1998. Einfach deshalb, weil ich mich nicht mehr so fühle. Ich bin wesentlich ausgeglichener und 'Sleeping With Ghosts' ist Ausdruck einer gewissen Lebensfreude, einer positiven Sicht der Dinge, die in dieser geballten Form weder auf 'Without You I'm Nothing' noch auf 'Black Market Music' existierte. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir nicht noch diverse Leichen im Keller haben. Noch sind wir nicht völlig genesen...' Einige der noch umtriebigen Geister werden auf 'Sleeping With Ghosts' beim Namen genannt, so sind drei der auf dem neuen Album enthaltenen Stücke überarbeitete Versionen von Songs, die bereits zu 'Black Market Music'-Zeiten entstanden. Der Grund, warum Placebo an diesen Songs ('Protect Me From What I Want', 'I'll Be Yours', 'Second Sight') festhielten, erklärt Brian wie folgt: 'In der Zeit, als die Songs entstanden, hatte ich gerade eine schmerzhafte Trennung hinter mir und für mein weiteres Leben war es wichtig, das in diesen Stücken zu verarbeiten. Ich denke, das ist mir gelungen, denn mir geht's mittlerweile blendend. Schau mich an...'


Im Gegensatz zu früher sind die Songs auf 'Sleeping With Ghosts' nicht mehr nur therapeutisches Mittel, um Brians innere Konflikte mit seinen eigenen Komplexen zu lösen oder zerbrochene Beziehungen zu verarbeiten. Neu ist, dass Placebo nicht nur sich oder ihren Umgang mit Freund, Freundin und/oder Familie in Frage stellen, sondern vor allem ihren Status als Band. Im siebten Jahr nach dem Debüt ist der Name Placebo ein allgemein anerkanntes Trademark, das für die eingeschworene Fangemeinde Religion, für den Mainstream kurzweilige Unterhaltung bedeutet. Dessen sind sich die drei sehr bewusst: 'Placebo waren und sind eine Band von Außenseitern für Außenseiter, auch wenn wir vom Mainstream akzeptiert werden. Ich finde das sehr sexy, es ist ein gutes Gefühl, in beiden Lagern Staub aufzuwirbeln. Was uns allerdings mehr beschäftigt, ist die Frage, ob und inwieweit die Musik von Placebo noch immer relevant ist', erklärt Brian und nutzt die durch dieses Statement entstandene Denkpause, um eine weitere Flasche Weißwein zu öffnen. 'Es überrascht mich immer wieder, dass wir tatsächlich andere Bands beeinflusst haben. Als wir 1997 mit 'Nancy Boy' unseren ersten Hit hatten, hätte ich das nie für möglich gehalten. In meinen Augen waren Sonic Youth Götter and that was it. Ich bin der Meinung, dass Bands, die so lange dabei sind wie wir, ab einem gewissen Zeitpunkt ihre Existenzberechtigung in einer sich verändernden Musiklandschaft neu definieren müssen. Sprich: Was haben wir zu bieten, heute, sieben Jahre nachdem wir unseren ersten Hit hatten? Warum veröffentlichen wir ein neues Album? Dieser Frage mussten wir uns stellen und als Antwort eine Platte abliefern, die interessant, individuell und ehrlich ist. Wäre uns das nicht gelungen, könnte man uns zu Recht vorwerfen, dass wir heute nur noch die Bands kopieren, die wir einst beeinflusst haben. Und das wäre... bitter.'


Auch mit dieser Emotion, der Angst, den Peak des eigenen Schaffens bereits überschritten zu haben, wollten sich Placebo auf 'Sleeping With Ghosts' konfrontieren. 'Centrefolds', ein von Olsdal bereits seit einiger Zeit mitgeschlepptes Pianostück, setzt sich konkret mit der Vergänglichkeit des Ruhms auseinander: 'Diesen Song schrieb ich aus der Perspektive eines 'Has Beens', einer tief gefallenen Legende, die sich damit abfinden muss, nicht mehr begehrt zu sein. Ein Gefühl, das ich zwar so nicht kenne, das mich aber dennoch jeden Tag beschäftigt. Ich bin jetzt 30, die Mehrheit der Künstler liefert ihre beste Arbeit in den Zwanzigern ab: Jimi Hendrix, Lou Reed, die Liste ist endlos. Auch wir sind in unseren Twens sehr erfolgreich gewesen und haben beeindruckende Alben abgeliefert, und plötzlich werden wir paranoid und fragen uns: Sind wir noch relevant? Ist unsere Meinung noch wichtig? Insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass es uns eigentlich recht gut geht. Schau dich um: Ich habe 'ne nette Wohnung, eine schöne Frau, mir geht es wunderbar. Und genau das stelle ich in Frage, denn vielleicht ist dieser Lifestyle gleichbedeutend damit, dass ich meine Wut verliere, den Willen zu rebellieren, und damit womöglich sogar meine Relevanz. Ich kam zu dem Schluss, dass diese Gefahr nicht besteht, denn ich lebe in London und nicht mit zwei Hunden und zwei Blagen auf dem Land. Noch nicht...'


Auch wenn die Zeichen der Zeit nicht spurlos an ihm vorüber gezogen sind, ist Brian noch weit davon entfernt, sich zur Ruhe zu setzen und sich einen Bauch anzutrainieren. Im Gegenteil. Noch nie war er so körper- und geistesbewusst wie heute, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass er ein Hangover nicht mehr so leicht wegsteckt wie noch vor ein paar Monaten: 'That's right, und das hat vor allem zwei Gründe', holt er aus, streckt seinen Kopf erneut Richtung Kerze, und flüstert: 'Erstens kann dein Körper mit 30 Alkohol und Drogen nicht mehr so leicht verarbeiten wie mit 20, und zweitens ist es unglaublich langweilig geworden, sich mit irgendwelchen Substanzen den Kopf zuzudröhnen. Wenn du dir zehn Jahre am Stück alles gibst, was du in die Hände kriegst, verliert das Zeug irgendwann seinen Reiz. Es gab eine Zeit, in der ich ein echtes Problem hatte, wenn kein Alkohol in der Nähe war. Heute habe ich ein Problem, wenn ich nicht fünf Mal pro Woche ins Fitness-Studio komme, um ein bisschen Kondition zu tanken. Aber weißt du was? Manchmal bekomme ich einen ähnlichen Kick beim Radeln wie früher mit 'ner Nase Koks, nur dass der Spaß nicht so lange anhält...'


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