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Bild: myballoon
  • Text: David Siems Fotos: Erik Weiss
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myballoon
Lass dir keinen Scheiss andrehen!


Die Geschichte von Myballoon handelt von Größenwahn, Naivität, Arroganz, Kontrolle von außen, kommerziellem Sound, den USA, dem neuen Album 'Between Here And Away' und Burnouts. Und von der nackten Wahrheit, die eine junge Band mit derartiger Wucht erwischt hat, wie die Ohrfeige einer betrogenen Freundin. Was von den genannten Themen noch auf die Band zukommt, welche sie bereits hinter sich gelassen hat, und warum das alles auch mit WC-Reinigern zu tun hat, steht in diesem Artikel.


Der Ballon fliegt weiter. Während Berlin im Januar sein kaltes, trübes Gesicht zeigt, hängen Tom, Stoffel und Ben lässig in der Ecke eines Kreuzberger Cafés, bestellen am Nachmittag ihr erstes Bier und wirken erholt, als sei dieses verregnete Grau dort draußen vor den Fensterscheiben gar nicht existent. Als hätten wir bereits einen lauwarmen Sommerabend im Juli.


Bands und Musiker schwirren mir durch den Kopf, mit denen man Jahreszeiten assoziieren könnte, wie zum Beispiel die Counting Crows, die in ihrer Melancholie immer herbstlich wirken. Tom Waits, dessen Album 'Closing Time' nur im Winter vor dem Kamin zu voller Entfaltung kommt und Björk, deren leichtfüßige und luftige Melodien den Eindruck der ersten Blüte im Frühling hinterlassen. Und dann sind da noch Myballon, die dem Sommer 2000 das gaben, was ein Sommer braucht: den Sommerhit. 'DooDoo, DoopDoo/DooDoo, DoopDoo?? pfiff es durch die Gassen der Republik und 'On My Way', der herausragende Song aus dem Album 'Perfect View' machte Myballoon zu einer beispielhaften Sommerband. Gute Hookline, einfaches Englisch, schlicht gesagt: Ein erstklassiger Pop-Song zum Mitsingen. Die Band tourt damals bis zur Erschöpfung, spielt auf Dorffesten, läuft auf Dauerrotation bei MTViva und tritt bei der 'ZDF-Chartattack' auf. Ende 2000 stehen Myballoon trotz sehr guter Resonanzen vor einem Scherbenhaufen. Sänger Tom erinnert sich: 'Ich hatte zu diesem Zeitpunkt einen kompletten geistigen und körperlichen Burnout. Wir waren damals komplette Frischlinge und haben uns noch allen möglichen Scheiss erzählen lassen. In unserer Naivität haben wir ja auch alles gemacht, was uns aufgetragen wurde. Zum Beispiel sind wir für einen Tag in die USA geflogen, um dort eine Show zu spielen, sind aber am nächsten Tag gleich wieder nach Deutschland zurück gekommen, um hier im Fernsehen aufzutreten. Stell dir das mal vor, das ist völliger Schwachsinn, alleine der Strapazen wegen!' Komplett auf sich selbst fixiert leben Myballoon zu dieser Zeit dennoch ihren kleinen, gepflegten Rockstar-Traum. Aufmerksamkeit und Lob von überall her, doch die beim Interviewtermin auffällige Bescheidenheit der drei smarten Berliner schien ihnen ebenso zu entgleiten, wie Sänger Tom den Boden unter den Füßen verlor. Drummer Ben schmunzelt: 'Meine Güte, er hat damals so Diva-mäßige Dinge abgezogen, dass ich dachte, man kann ihn an Arroganz und Peinlichkeit nicht mehr überbieten', woraufhin der Angesprochene sogleich interveniert: 'Peinlichkeit - ein gutes Stichwort. Im Nachhinein sind mir einige Sachen ganz schön peinlich. Ich habe mich damals einfach komplett daneben benommen...'


Nachdem sich das Jahr 2000 als erfolgreich aber bitter herausstellte, verpassen Myballoon dem 'Affenzirkus' (O-Ton: Tom) den vorzeitigen Todesstoß: Sie kündigen bei ihrem Label 'Turbobeat', aus Furcht vor einer niemals ruhenden Medien- und Promotionmaschinerie in die sie eingespannt sind. Doch der Schuss geht nach hinten los: Die Anwälte beider Parteien bearbeiten sich länger als erwartet und bei ersten Sessions im Studio sind Myballoon vor das Problem gestellt, wem denn jetzt rein rechtlich die neu aufgenommenen Songs gehören. Aufnahmen werden gestartet, wieder abgebrochen, einstweilige Verfügungen werden befürchtet und zwischendurch alles komplett auf Eis gelegt. Wahrlich kein vor Kreativität und Inspiration überquellender Zeitpunkt. Finanziell langsam aber sicher ausgeschöpft, versuchen die drei jungen Männer sich wieder mit ihrem realen Berliner Alltag zu arrangieren. Ben landet dabei in einer Promotionfirma für WC-Reiniger: 'Dass dies kein cooler Job war, wusste ich von Anfang an. Krass ist natürlich, wenn du da rumstehst, den Leuten etwas verkaufen willst, in Gedanken aber auf der Bühne bist.' Seine Augen fangen zu leuchten an, als er in positiveren Erinnerungen schwelgt. Seine Gedanken schweifen ab und plötzlich erzählt er vom Konzert im berüchtigten 'Whiskey A GoGo', einem heruntergerockten Kultclub in Los Angeles. 'Dass ich mir in zehn Jahren davon nichts kaufen kann, ist mir auch klar. Aber es ist schon ein ziemlich cooles Gefühl, wenn du auf dem Sunset Boulevard stehst und den Namen deiner Band in Leuchtbuchstaben siehst.'


Zurück in die Gegenwart. Die Odyssee hat ein Ende, das neue Album 'Between Here And Away' ist trotz anderthalb Jahren des Zweifelns, des Grübelns und der Unsicherheit in den Startlöchern. Über verschiedene Produktionsvorgänge in verschiedenen deutschen Städten aufgenommen, sicherte sich diesmal 'Gun-Records' die Rechte, jenes Plattenlabel, das auch Bands wie Guano Apes, HIM, Paradise Lost und Backyard Babies betreut. Bassist Stoffel wagt zögerlich einen Blick in die Zukunft: 'Natürlich wissen wir, dass erst zum Schluss abgerechnet wird und dass der ganze Affenzirkus jetzt wieder von vorne losgeht. Aber mit Affenzirkus meinen wir eigentlich nur das Business. Wir wollen in erster Linie wieder so viel wie möglich live spielen, um die Leute zu erreichen. Den ganzen anderen Kram, wie Fernsehauftritte, wie wir uns gegenüber den Medien verhalten sollen und sonstige bizarre Geschichten, das sind Dinge, von denen wir uns nicht mehr negativ beeinflussen lassen werden. Mittlerweile sehen wir uns und unser Umfeld viel reflektierter und überlegen erst einmal, ob wir da oder dort zusagen.' Und dann lachen plötzlich alle und Tom ruft in die Runde: 'Auf jeden Fall rennen wir nicht mehr so verstrahlt durch die Gegend und lassen uns jeden Scheiss andrehen!'


Die erste Single aus 'Between Here And Away' trägt den passenden Titel 'Trust No One' und es könnte keine besseres Statement im Myballoon-Kontext geben. Der Dialog zwischen zwei Freunden wird durch die Euphorie des einen und dem Realitätsbewusstsein des anderen bestimmt. 'Traue niemanden' scheint sich als neues Band-Credo anzubieten, seine kauzige Konnotation ist aber wahrscheinlich nur als Form des Selbstschutzes zu verstehen, die Myballoon ein wenig misstrauischer und vorsichtiger gegenüber dem Musikbusiness gemacht haben. Das Video zu dem Song wurde auf opulente Weise in Kapstadt gedreht, wenn Myballoon auf einem fahrenden Zug spielen, während die von sich selbst dargestellten Doppelgänger aufspringen, durch die verschiedenen Abteile laufen und den sieben Todsünden begegnen. Ein durchaus bizarrer Clip, das zur Interpretation einlädt und auch die Band ein wenig stutzig macht. Stoffel: 'Das Video ist in ziemlich vielen verschiedenen Köpfen entstanden und deshalb wirkt der Plot ein wenig vielschichtig. Aber es war aufregend, weil wir mit Karabinerhaken auf dem Dach befestigt wurden, während unten ein paar Crewmitglieder, die schon bei 'Crocodile Dundee' dabei waren, den Weg von den vielen Ästen freisägen mussten.'


Welche Hürden Myballoon in naher Zukunft werden nehmen müssen, bleibt offen. Der vorwiegend glatten Produktion des Debüts 'Perfect View', folgt mit 'Between Here And Away' ein deutlich komplexeres Album. Zwar spielt die Band nach wie vor mit Pop gezuckerte Rockmusik, jedoch wirkt ein Großteil der Songs nicht so aufdringlich und überproduziert, sondern roh und melancholisch. Sänger Tom hat zudem eine sehr beeindruckende Entwicklung zu einem der besten Sänger deutscher Bands gemacht und erinnert in vielen Momenten an Peter Gabriel oder an Daniel Johns von Silverchair. Diese Mannigfaltigkeit fällt auch auf dem gesamten Sound der Platte zurück, die mit 'Set Me Free' wuchtig beginnt, bei 'Twenty-One' in einen Singer/Songwriter-Sound eintaucht, in 'Nobody Down' beim Metal auf eine Tasse Tee vorbei schaut, um schließlich mit 'My Love Say' in den Noise-Pop-Hafen einzulaufen. So divers 'Between Here And Away' auch klingen mag, bewahren sich Myballoon auf allen Songs eine gewisse Pop-Affinität, sowie Glaubwürdigkeit.


Gesprächsbedarf gibt es aber dennoch auf Grund eines Satzes, mit dem Myballoon in ihrer Presseinfo zitiert werden: 'Wir machen einen kommerziellen Sound, aber wir sind nie billig und platt.' Tom erklärt diese Aussage folgendermaßen: 'Live sind wir eine Rockband, aber wenn du die Songs zu Hause auf dem Sofa anhörst, merkst du, dass wir eher Pop sind. 'Kommerziell' heißt nun mal, Platten zu verkaufen, und das wollen wir natürlich auch. Mir wäre es selbstverständlich lieber, wenn wir in einem Umfeld wie Slut, Readymade oder Miles, die ich übrigens liebe, erwähnt würden. Aber wir wollen versuchen, mehr Platten als die genannten Bands zu verkaufen, damit wir auch eine Weile davon leben können.'


Dass Myballoon neben Guano Apes vom Sound her die wahrscheinlich amerikanischste der kommerziell ambitionierten Bands sind, führt auch zu der Frage, inwiefern die USA als potenzieller Markt gelten. Bei dem Thema winken Tom, Stoffel und Ben jedoch gleich ab. Da die amerikanische Musikindustrie in sehr starker Form auf sich selber fokussiert und konzentriert ist, schaffen es nicht einmal Größen wie Robbie Williams, achtbare Erfolge zu feiern. Dabei hätten Myballoon durchaus nichts dagegen, wieder in die USA zu fliegen. Ben: 'Hier sind die Zuschauer meist ziemlich schüchtern nach unseren Konzerten. Die trinken erst einmal ein Bier, kommen dann irgendwann auf uns zu und fragen vorsichtig etwas. Als wir in den USA gespielt haben, traten uns die Leute viel offener entgegen und sagten uns gleich nachdem wir von der Bühne kamen, wie cool sie die Show fanden.'


Auf dem Weg nach Hause vom Interview wuseln kleine, untersetzte Männer in viel zu großen Jacken durch die Cafes in Kreuzberg und versuchen, kitschige Spielzeughandys unters Volk zu bringen. Ein paar Meter weiter warten dubiose Vermittler für eine Mobilfunkfirma auf meine Unterschrift auf ihrem Formular und ein Obsthändler verkauft grüne Orangen. Ich gehe durch den kalten Regen, ziehe die Jacke noch etwas enger, damit es nicht reinregnet und denke: 'Lass dir keinen Scheiss andrehen...' Währenddessen sitzen Myballoon schon im warmen Zuhause und schmieden vor dem Kamin Pläne, wie sie ihre Weisheiten in weitere schöne Taten umsetzen können.


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