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Bombs over europe


Es ist ein Phänomen: In den USA fuhren Godsmack für ihren Beitrag zum 'The Scorpion King'-Soundtrack zwei Grammy-Nominierungen ein, das solchermaßen geehrte 'I Stand Alone' avancierte zum meistgespielten Rocksong in 2002 und die Kopien des zweiten Albums 'Awake' rissen die Kids der Bande um Sänger Sully Erna aus den Händen wie Taschentücher zur Grippeepidemie: Sechs Millionen bis dato verkaufte Exemplare sprechen eine deutliche Sprache. Dass nun auch der frisch veröffentlichte dritte Streich 'Faceless' von Null auf Eins in die Charts einsteigen wird, scheint bei der beeindruckenden Zahl von einer Million Vorbestellungen nur noch eine reine Formsache zu sein. All dies gilt wohlgemerkt nur für 'Gods Own Country', hierzulande hat die Band mit ihrem klassischen, Alice In Chains-infizierten Hardrock außerhalb der Metalgemeinde noch nicht viele Punkte sammeln können...


Und damit ist also das 'alte Europa' das erklärte Ziel der in diesen Tagen startenden Großoffensive: 'Wir sind gekommen, weil wir es diesmal wirklich wissen wollen', erklärt Sänger, Gitarrist und uneingeschränkter Godsmack-Chef Sully Erna. 'Insbesondere Deutschland und England wollen wir knacken, weil das die wichtigsten Märkte sind. Jeder hier soll die Möglichkeit bekommen uns kennenzulernen. Dafür wollen wir alles tun...' Neben Erna haben sich auch die weiteren - von den Strapazen eines langen Promotiontages sichtlich gezeichneten - Mitglieder der Band in die gemütlichen Lehnstühle gefläzt: Bassist Robbie Merril ist 'der George Harrison bei Godsmack' - er wird in den folgenden 50 Minuten kein Wort sagen. Gitarrist Tony Rombolla qualifiziert sich bei seinen seltenen Kommentaren durch seine kehlige Stimme zum optimalen Mafiakiller für den nächsten Tarantino-Streifen - und eröffnet sich so ungeahnte Karriereoptionen, falls es mit der Musik eines Tages nicht mehr klappen sollte. Der einzige, der außer dem unerwartet kleinen und mit Augenwinkel-Knasttattoo versehenen Sully Erna wirklich aktiv am Gespräch teilnimmt, ist Drummer Shannon Larkin. Ein hagerer - und sehr sympathischer - Street-Rocker, Typ Los Angeles, Sunset-Strip, circa 1989. Larkin hat 'auf ungefähr 16 verschiedenen Platten' so unterschiedlicher Künstler wie Ugly Kid Joe, Amen und Kings-X mitgewirkt, von denen 'Faceless' - man ahnt es - natürlich 'die Beste' ist.




'Faceless': 47 Minuten und 17 Sekunden geballtes Traditionsbewusstsein ohne NuMetal-Zugeständnisse: Keine Samples, keine Raps - einfach 'nur' guter alter Metal, irgendwo zwischen Alice In Chains und Metallica. 'Wir sind mit Bands wie Aerosmith, Black Sabbath und Led Zeppelin aufgewachsen', benennt Sully das Einmaleins des Hardrock-Erbes. 'Diesen Wurzeln haben wir uns mit dem neuen Album ein ganzes Stück angenähert.'
Gleichwohl er deren Verdienste um eine Modernisierung der harten Gitarrenmusik durchaus anerkennt, scheint Sullys Meinung von den Innovatoren des Metal auch nicht allzu hoch zu sein: 'Einerseits finde ich es wichtig, dass es Leute gibt, die experimentieren. Andererseits denke ich aber, dass sich diese ganze NuMetal-Geschichte auch schon wieder erledigt hat und es zurück zum reinen Rock geht. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass nun unsere Zeit gekommen ist: Just four rockin' instruments, it's very simple. Wir werden Linkin Park mit unserer neuen Platte so den Arsch aufreißen, dass sie sich wünschen werden, sie hätten nie begonnen, Musik zu machen, sondern wären stattdessen lieber Gebrauchtwagenhändler geworden.' Understatement sieht anders aus.
Zumindest für eine Rückkehr zur reinen Rocklehre sprechen auch - wenngleich auf anderem Terrain - die Erfolge der sogenannten 'The-Bands'. Von denen hat Sully jedoch eine noch dezidiertere Meinung: 'Keine dieser Bands wird den Test der Zeit bestehen', versichert er mit sichtlich angewiderter Mine, 'thank fucking God! I fucking hate that shit anyway, The Hives or The Vines, I fucking hate them. They're so fucking unintelligent!' Ein echter Sonnenschein, dieser Sully.
Zurück also zu Godsmacks eigenem Beitrag zur Reanimation der alten Tante Rock: Es ist viel geschrieben worden über das erste, selbstbetitelte Album, für dessen Produktion ein Freund der Band mit 2.500 Dollar aushilft - und Sully und Co. im Anschluss prompt auf Rückzahlung eines weitaus höheren Betrages verklagt, als sich der große Erfolg einstellt. Diese und andere Klippen umschifft die Band geschickt: Nicht an einem schnellen Übernachterfolg interessiert, wählen sie den klassischen Weg über die lokalen Radiostationen, die kleinen Clubs, und hat dabei 'definitiv nie Angst vor harter Arbeit' gehabt. Arbeit, die sich auszahlt: Anscheinend gibt es im Sommer 1999 eine Menge Kids, die die Hochzeit von Metallica nicht mehr erlebt haben, die aber mit HipHop und NuMetal schlicht nichts anfangen können. Diese Jungspunde sorgen für vier Millionen verkaufte Exemplare des Debüts. Derart gestärkt machen sich die aus der Heimat von Aerosmith stammenden Godsmack an die Eroberung des alten Kontinents - und ähnlich wie bei der Bostoner Riffschmiede in den Siebzigern ist diesem Unterfangen zunächst wenig Erfolg beschieden. Durch Umstrukturierungen bei 'Universal' wird 'Godsmack' schlicht nicht beworben und geht so in der Veröffentlichungsflut unter. Mit dem Zweitwerk kann anno 2000 immerhin ein Achtungserfolg bei der Kritik verbucht werden, Schwerpunkt bleibt jedoch die Heimat, wo 'Awake' bis zur Erschöpfung betourt wird, so dass sich die Band eine dringend benötigte, beinahe einjährige Auszeit nimmt: '2002 haben wir praktisch nichts gemacht. Es war dank der Terrorattacken ohnehin keine gute Zeit, und außerdem waren wir völlig fertig von den vorigen vier Jahren on the road.' Das folgende Jahr nutzt Sully, um zwei der drei Lebensaufgaben eines Mannes zu erfüllen: Der frisch erworbene Reichtum wird in ein Haus investiert, und dann reicht die Zeit auch noch, um 'gemeinsam mit meiner Freundin eine Tochter zu zeugen'. Irgendwann jedoch - Sully war des Windelwechselns und der dauernden Streitereien mit den Handwerkern wohl überdrüssig geworden - schreibt er das oben erwähnte 'I Stand Alone' und merkt, 'dass es an der Zeit war, die Band wieder zusammenzubringen'.


Für die Aufnahmen von 'Faceless' zieht sich die Band nach Miami zurück, um dem 'täglichen Ärger mit Freunden und Familie zu entgehen' und sich so ganz auf die Arbeit konzentrieren zu können. Das sonnige Klima Floridas hat offensichtlich einen so positiven Einfluss auf die kreativen Antennen Sullys, dass sich 'Unmengen von Material ansammeln'. An diesem Punkt setzt die Aufgabe der restlichen Godsmack-Mitglieder ein: 'Die anderen haben eine sehr wichtige Funktion als Filter für meine Songideen', erklärt Sully. 'Sie helfen mir, die guten Ideen von den schlechten zu trennen und aus all den vielen groben Skizzen fertige Songs zu machen.' Songs, die abermals das patentierte Godsmack-Erfolgsrezept der ersten beiden Alben verfolgen, aber dennoch auf eine musikalische Weiterentwicklung der Band und vor allem auch von Sully als Sänger hinweisen: Seine stark an Layne Staley von Alice In Chains erinnernden Gesangslinien sind deutlich melodiöser als früher und werden meist mit Metallica-Stakkato-Gitarren im tiefen D-tuning untermalt. Dass die Band dabei keineswegs so gesichtslos ist, wie der Titel des Albums suggeriert, liegt an den gereiften kompositorischen Fähigkeiten Ernas. Einzig in den Refrains haben Godsmack eine ärgerliche Tendenz zu testosteronen Mitgröhl-Chören. Gen Ende des Albums gibt es mit dem tribal-esquen 'The Awakening' und der percussiv untermalten Ballade 'Serenity' die Möglichkeit, nach 45-minütigem Gebolze ein wenig Luft zu holen und dabei eine andere Seite der Boston-Four kennenzulernen: 'Zu 'Serenety' inspirierte mich die Biographie von Neil Peart, dem Drummer von Rush. Der Typ hat ein paar dermaßen krasse Sachen mitgemacht, dass es schier unglaublich ist, dass er das alles überlebt hat. 'The Awakening' ist nur als eine Art 'Hoursdeuvre' für 'Serenety' gedacht' und ist neben dem durch einen Wes Craven-Film inspirierten 'Voodoo' der einzige Titel auf 'Faceless', dessen Text sich nicht explizit mit der Person Sully Erna befasst.


Wie schon auf den Vorgängeralben sind es abermals in erster Linie die dunklen, destruktiven Facetten seiner Persönlichkeit, die textlich auf Songs wie 'Releasing The Demons' und 'Dead And Broken' abgehandelt werden. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen im musikalischen Kontext wirkt für Erna dabei wie eine Therapie: 'Über diese Dinge zu schreiben, hilft mir, meine Dämonen auszutreiben. Das ist es auch, worum es für mich bei der Musik geht: Musik ist Energie, nicht nur Klang. Sie findet mehr auf der gefühlsmäßigen Ebene statt. Man sagt zwar, dass man Musik 'hört', aber eigentlich fühlen wir sie doch eher, besonders wenn es Songs sind, mit denen wir eine gewisse Erinnerung verbinden. Das Gefühl, das man dann empfindet, kann man nicht beschreiben, aber ich denke, dass Musik dir einen direkten Zugang zu deiner Seele verschafft.' Die therapeutische Wirkung des Songwritings macht sich laut Erna dadurch bemerkbar, dass 'die neuen Songs zwar von sehr negativen Dingen handeln, aber alle ein versöhnliches Ende haben'.




Ist es nicht vor dem Hintergrund der extrem privilegierten Situation eines Mannes, der durch die Ausübung dessen, was er am liebsten tut, zu Ruhm und Ansehen gekommen ist, sowieso etwas komisch - und ergo für den Hörer unglaubwürdig - noch vom Hass auf die Gesellschaft und sich selbst zu singen und sich so ein nicht gerade authentisches Outsider-Image zu kreieren? Eine Problematik, die Sully durchaus erkennt: 'Ich bin nicht sehr gut darin, mir selbst gegebene Versprechen zu halten, aber eines habe ich mir immer geschworen: Mir selbst gegenüber so aufrichtig zu sein wie nur irgend möglich. Die Dinge, über die ich auf der ersten Platte gesungen habe, entsprachen genau meiner damaligen Gefühlslage. Mein ganzes Leben hatte ich diese destruktiven Emotionen unterdrückt, und erst als ich anfing, Musik zu machen, sprudelte alles nur so aus mir heraus. Aber heute fühle ich mich nicht mehr so und es ist mir egal, wenn die Leute sagen: 'Oh, er ist nicht mehr so wütend wie früher.' Ich bin froh, nicht mehr voller Wut und Hass zu sein! Es gibt zwar immer noch Situationen, in denen diese Gefühle eine Rolle spielen, nur geht es dann nicht mehr um die Gesellschaft oder meine Eltern, sondern um ganz andere Leute: 'I Fucking Hate You' ist beispielsweise an die Handwerker adressiert, die mein Haus gebaut haben. Sie haben eine gehörige Portion Scheisse angerichtet und versucht, mich über den Tisch zu ziehen. Das Ganze zog sich über ein Jahr hin, es war ein einziger Albtraum. Das sind die Dinge, mit denen ich mich heute beschäftige. Aber ich halte all meine Texte so allgemein, dass sie jeder auf seine eigene Situation beziehen kann. Wenn es für mich in 'I Fucking Hate You' also um eine Bande von debilen Monteuren geht, denkt ein anderer bei dem Song vielleicht an seine Ex-Freundin, die er erwischt hat, als sie einem anderen Typen den Schwanz lutscht.'


Da sich beim Hören von 'Faceless' immer wieder der Vergleich mit Alice In Chains aufdrängt und auch der Bandname 'Godsmack' einem der Songs der Grunge-Heroen entliehen ist, liegt die Frage nah, was Sully beim Tode Staleys im vergangenen Jahr empfunden hat. 'Ich liebe Layne, aber eine große Überraschung war sein Tod nicht. Man hat seit Jahren damit gerechnet. Alle hatten ihn bereits abgeschrieben, da er sich schon lange aus der Musikszene zurückgezogen hatte und all diese Drogen nahm.' Hat die Band seinerzeit über eine Namensänderung nachgedacht? Schließlich war es letztlich 'Godsmack' (Ami-Slang für besonders gutes Heroin), das Staley seinerzeit ins Jenseits beförderte und somit als eine Glorifizierung harter Drogen verstanden werden könnte. Hier haben Erna und Konsorten aber ohnehin eine andere Lesart: 'Der Name ist auf ein Erlebnis zurückzuführen, das ich mit unserem Drummer hatte. Einen Tag vor einem Fototermin zog ich ihn auf, weil er ein großes Herpes-Geschwür am Mund hatte, und am nächsten Tag hatte ich dann selber eines. Es geht um Karma, ein 'Godsmack' als ein Fingerzeig Gottes, der dich auf ein Fehlverhalten deinerseits hinweisen soll, und nicht um die Verherrlichung einer Droge.'


Es liegt eine gewisse Ambivalenz in der Person von Sully Erna: Einerseits ein kluger und sensibler Gesprächspartner mit halbwegs gehaltvollen Statements, bemüht er sich andererseits sehr, anhand eines herzhaft prolligen 'fuck this and fuck that, too'-Slogans seine Bikerehre wieder herzustellen, damit ihn auch ja keiner für weich hält. Die chauvinistische Seite seiner Persönlichkeit kommt besonders zum Tragen, als er - auf die Außenpolitik von George W. angesprochen - nicht nur die Meinung vertritt, dass 'ein Angriff auf den Irak die richtige Reaktion auf die terroristischen Attacken gegen uns ist', sondern sich auch noch das - jegliche Zwischentöne negierende - Bush-Wort vom'`Mit uns oder gegen uns' zu eigen macht. Ernas kleine 'politische Analyse' gipfelt in dem Kommentar, die Kriegsgegner würden 'schon sehen, was sie von ihrer Haltung haben, wenn sie erst alle in irakische Konzentrationslager interniert werden'.
Dass die Gleichung Rock = automatisch politisch links nicht immer aufgeht, wissen wir ja schon, seit Ted Nugent zum prominenten Fürsprecher der 'NRA' avancierte. Eine solch halsstarrige Redneck-Atittude, wie sie unser Freund Sully Erna hier verbreitet, ist dennoch kaum minder erschreckend.
Weitaus erfreulicher als des Sängers politische Ansichten, ist die Tatsache, dass 'Faceless' weltweit zu einem Preis von knapp unter zehn Dollar vertrieben werden soll: 'Es sind die hohen CD-Preise, die den Kids einen illegalen Download schmackhaft machen, und das kann ich sogar verstehen', zeigt sich Erna mit der chronisch finanzschwachen Zielgruppe solidarisch. Derart im Wettbewerbsvorteil dürfte es ja dann auch endlich mit dem ersehnten Erfolg in Europa klappen (selbst wenn 'Faceless' bei uns 'nur' 17.99 Euro kostet...).


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