unclesally*s, dein Musik-Magazin für Punk, Rock, Indie, Alternative, Indierock mit vielen Interviews und Rezensionen

  • Text: Florian Hayler Fotos: Erik Weiss
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turbonegro
Too tough to die


Lernt, die Dinge anders zu sehen. Legt eure Moral für fünf Minuten beiseite und begreift, was es heißt, ein guter Dieb zu sein. Trefft einen Mann, der für nix anderes gearbeitet hat für unser Wohl. Lest alles über das Einmaleins praktisch angewandter Heroinsucht und wie man sie gesponsert bekommt. Macht eine Ausbildung zum Leiter eines Walfangmuseums und bekommt Einblick in die Infrastruktur einer Pilgerstätte namens Lofoten. Werdet minderjährig Präsident, ohne gewählt zu werden. Gelangt mit Intelligenz zu Weltruhm und bezahlt einfach mit eurer guten Freundschaft. Träumt lieber Lügen und erfahrt zur Strafe die Wahrheit. Klaut bei euch selbst und verschenkt eure Armut ans Showbiz. Werdet wunschlos glücklich und nehmt euch kein Beispiel. Exit Alltag. Enter Turbonegro.


Oslo must be destroyed


Oslo hat während des Zweiten Weltkriegs nur eine einzige Bombe abbekommen. Seltsam, denn die Straßen dieser schönen und verschont gebliebenen norwegischen Hafenstadt gleichen denen Berlins (viele Bomben) und/oder Prags (wenig Bomben, dafür 40 Jahre Ostblock) wie ein Ei dem anderen, so auf den ersten Blick. Logisch gefolgert waren uns die Norweger also um einiges voraus, oder kennt ihr eine andere Stadt, in der schon vor dem Zweiten Weltkrieg Siebzigerjahre-Architektur verbaut wurde? Eben. In diese interessante Diskussion verwickeln wir übrigens auch unseren indischen Taxifahrer, der uns von unserem Hotel in der Brugata 7 ganz sanft in eine nette Osloer Altbaugegend kutschiert, wo das für diese Ausgabe anberaumte Fotoshooting stattfinden soll. Dem netten Chauffeur sind unsere Theorien egal, er war nur einmal in Deutschland, vor gut 15 Jahren, am Frankfurter Flughafen, und das auch nur für eine Nacht. Klar, dass er da nicht mitreden kann.
Wie einst in Berlin herrscht auch in dem weiß-getünchten Fotostudio eine Bombenstimmung: Einer nach dem anderen werden die Godfathers Of Deathpunk Pål Pot Pamparius (Gitarre), Rune Rebellion (Gitarre), Euroboy (Leadgitarre), Chris Summers (Drums), Happy Tom (Bass) und ihre Hoheit Hank Van Helvete (Gesang) vor den Schminkspiegel gebeten. In den gut 30 Quadratmetern dieses Osloer Studios spielt sich für ungeschulte Augen ein unglaubliches Szenario ab: Sechs extrem gut gelaunte, geschminkte und in punkto Posing hochprofessionelle Bandmitglieder, dazwischen zwei Fotografen, die leeren Verpackungen von gut 50 verschossene Filmen (à zehn Bilder), 24 leere Dosen (kein Pfand) Bier (ca. 4 Euro pro Stück) und Kette-rauchendes Stylisten-Personal. So eindrucksvoll und unnahbar die sechs in voller Montur aussehen, so unglaublich unspektakulär kommen Turbonegro nach fünf Stunden Arbeit in Zivil aus der Umkleide: Sneakers, Sweatshirts, die Haare zum Zopf gebunden, Windjacken. Genauso brav und unschuldig wie damals, als sie in Hamburg nach ihrem Image suchten und den Homo-Look fanden, in den dreckigen Straßen von St. Pauli...


Do your own fucking research


Ich denke, wir dürfen die ersten sieben Jahre der Turbokarriere semiguten Gewissens ausblenden (selbst wenn einige behaupten, sie hätten während dieser Zeit die Skandinavische-Kick-Ass-Rock-Bewegung losgetreten, aus Versehen), sofern der Präsident der Turbojugend St. Pauli, der Herr Goldschmitt, nix dagegen hat. Immerhin hat der hauptberuflich für das 'Bitzcore'-Label verantwortliche Mittdreißiger den zwischen 1989 und 1996 auf lumpige 7' und 12' gepressten Krach noch einmal auf eigene Kosten wiederveröffentlicht. Damals, nach dem Split, als die Turbonegro-Flamme noch so erbärmlich im Wind zuckte wie ein frisch gehängter Deserteur. El Presidente, wie ihn seine untertänige Turbojugend nennt, wird uns im weiteren Verlauf dieser Geschichte im Übrigen noch öfter begegnen.
Genau betrachtet machten sich Turbonegro aus nur drei Gründen unsterblich: Den Gitarrenriffs von Euroboy, dem Homo-Image/Denim-Look supported by Levi S. (später gesponsert) und zwei Alben (na gut, vier Gründe): 'Ass Cobra' von 1996, dem ersten Fake-Gay-Rock-Konzeptalbum mit Südkurven-Hymnen wie 'Denim Denom' oder 'I Got Erection' und dem Klassiker 'Apocalypse Dudes', veröffentlicht im Frühjahr 1998, dem Jahr, als die Welt noch in Ordnung war, zumindest bis zum 7. Dezember, dem Tag als Turbonegro implodierten. Denn während die Jungs zwischen Frühjahr und Herbst die Erfolgs-Welle gekonnt und genüsslich absurften, verlieren sie im Zuge der plötzlich weltweit grassierenden Turbomania hübsch den Überblick. Sänger Hank Van Helvete wirft gen Ende der zum Album gehörigen 'Darkness Forever'-Tour täglich eine Extraportion Painkiller, um seinen halbgaren State Of Mind wenigstens einigermaßen im Gleichgewicht zu halten, und kann nur noch auf Heroin durchschlafen. Die Folge: Er führte das Doppelleben eines anonymen Junkies bei Tag und des Rockstars bei Nacht, eine gefährliche Kombination, die ihn am Tag nach Nikolaus in die Notaufnahme einer Mailänder Klapse befördert. Mit an Bord des Krankenwagens: Happy Tom, der in Milano eigentlich in aller Ruhe nach 'some fancy clothes' shoppen wollte. Außerdem brauchte er einen 'motherfucking haircut, cos I was starting to look fucked up'. Er sah nicht nur so aus, er war es auch. Eigentlich waren sie es alle. Und sauer dazu. Auf Hank.


Nach dem Split ist vor dem Split


Solche Schicksale in drei, vier Sätzen abzuhandeln, ist schon dreist, oder? Ich meine, wir reden hier von Heroinsucht, dem Split einer Band auf dem Zenith (unter damaligen Maßstäben) ihrer Karriere und über persönliche und zwischenmenschliche Schicksale, von den Emotionen ganz zu schweigen. Und warum geht das so locker? Weil Turbonegro heute, vier und fast genau ein halbes Jahr später, mit dem nötigen Abstand und weitgehend nüchtern (das Bier, s.o.) die Dinge in aller Ruhe 'Paroli laufen lassen' können. Außerdem sind sie berühmter als je zuvor, irgendwie.
Es ist Abend, und wir treffen die sechs zivil gedressten Turbos in der 'Opera-Suite' des Osloer Grand Hotel wieder. Feinstes Ambiente, Samt, Kitsch, der ganze Luxus-Plunder. Ballkleider, Ballerinaschuhe und auch hier: Bier, aus Flaschen. Hank weist darauf hin, dass norwegische Eltern ihre Kinder bevorzugt in diesem, dem besten Hotel am Platz einquartieren, für die Hochzeitsnacht, if you know what I mean. Auch Hank hat hier übernachtet, vor ein paar Jahren, 'but I'm divorced now'. Oh. Womöglich ging es seiner Ehemaligen ähnlich wie Hanks Bandkollegen, denn wie zuvor angerissen machte insbesondere Happy Tom den Sänger für das Ende der Turbo-Karriere verantwortlich. Anfangs: 'Manchmal fiel es mir schwer zu verstehen, dass Hanks Heroinsucht eine Krankheit ist und nicht etwas, das er freiwillig macht, um sich zuzudröhnen und 'ne gute Zeit zu haben. Manchmal dachte ich, er ginge absichtlich verantwortungs- und respektlos mit seinen Freunden um. Ich war also ziemlich sauer auf den Sack, denn wäre es nach mir gegangen, dann hätten wir einfach weiter gemacht. Aber heute weiß ich, dass das auch nicht gesund gewesen wäre. Weder für Hank, noch für uns...'


Die Tage unmittelbar nach der Auflösung verbringen Turbonegro in Hamburg bei Jürgen Goldschmitt, der zunächst nur eines will: Die Rechte am Backkatalog der Band, man weiß ja nie: 'Happy Tom wollte es zu diesem Zeitpunkt noch mit einem neuen Sänger probieren', erinnert sich Goldschmitt. 'Aber kaum einen Monat später, nach der letzten Show (18. Dezember 1998, Oslo - Mars) sagte er: 'Aus Schluss, vorbei, ich will nie wieder das Wort Reunion hören, mach' mit unserem Scheiss, was du willst!'' Der Präsident lässt sich so etwas nicht zweimal sagen. Ich meine, der Mann hat es bis heute erfolgreich vermieden, sich einer echten 'Wahl' zu stellen, so wie sich das für eine vermeintlich demokratisch strukturierte Vereinigung gehören würde. Ergo: Die Turbojugend ist eine Diktatur, wenn auch eine freundliche.
Während sich Happy Tom und der Präsident also über das Turbo-Erbe einigen, ist Hank bereits auf dem Weg zu den Lofoten, einer Inselgruppe im Nordwesten Norwegens, um sich im Kreis der Familie wieder zu akklimatisieren und via Methadon die Sucht zu überwinden, was auch gelingt. Hank findet einen Job als Leiter des dortigen Walfangmuseums. Ein passender Job für ihn, schließlich war sein Großvater einst ein berühmter norwegischer Walfänger, und außerdem kommen 'im Sommer sehr viele deutsche Touristen in das Museum', mit denen er gerne schnackt und die ihn manchmal sogar erkennen. 'Aber', so Hank, 'vor allem hat mir gefallen, dass die Deutschen im Vergleich zu früher nicht mehr mit Panzern, sondern mit Wohnwagen und Videokameras anreisten'. So so. Schicken wir diesem doch ein Statement von Happy Tom hinterher: 'Hank is a smart guy, and he's aware of the fact that he's a mild case of schizophrenic. But if you're stupid and schizophrenic, it's hard.' Hat er Glück mit seinen Genen, der Hank.


Meanwhile, back at the Reeperbahn


Zwei Jahre arbeitet Goldschmitt an der Reunion, so nebenbei, trotz des von Happy Tom ausgesprochene 'Verbots'. 'Als wir die Queens im Boot hatten, wusste ich, dass es klappen könnte', sagt Goldschmitt und meint damit den Track, den die Queens Of The Stone Age für den anno 2001 erschienenen Turbonegro-Tributesampler 'Alpha Motherfuckers' einspielten: 'Back To Dungaree High' von, natürlich, 'Apocalypse Dudes'. 'Ich wusste, dass ich Turbonegro nur wieder zusammenkriege, wenn ich ein paar namhafte Bands für das Album am Start habe. Das hat auch geklappt: Bela B., Supersuckers, Zeke... Nur für diesen Queens-Track habe ich fast ein komplettes Jahr gebraucht! Es war grausam, dieser ganze Business-Kram... ich hätte fast aufgegeben.' Der Sampler erscheint im Sommer 2001. Mit Folgen: 'Eine Woche nach der Veröffentlichung des Albums riefen sämtliche Majorlabels bei mir an, um zu fragen, wohin sie denn ihre Angebote an Turbonegro schicken dürften', erinnert sich Goldschmitt. 'Daraufhin schrieb ich Happy Tom folgende Mail: 'Tom, ich weiß, du willst nix mehr von einer Reunion hören, aber bevor du mich eines Tages ausschimpfst, weil ich dir diese Anfragen nicht weitergeleitet habe, hier sind sie.' Er schrieb nur zurück: 'How much do they offer?', und da wusste ich: Es geht.'


Can't buy me Deathpunk, Baby


Das hat alles nix mit Geld zu tun. Könnt ihr glauben. Auch wenn das jetzt wegen des Präsidenten-Zitats ein paar Zeilen nördlich schwer rechtzufertigen ist. Aber: Turbonegro hielten trotz des Säbelrasselns seitens der Plattenfirmen den Ball eng am Fuß. Kein Übermut, keine unüberlegten Career-Moves ins Too Much Too Soon-Ländle, kein Schmusischmusi mit den 'cocksucking A&Rs'. Dafür sind Turbonegro zu schlau. Und zu erfahren. Und: zu reich. Denn erstens hatte keiner der sechs nach dem Ende der Karriere ernsthaft Probleme, einen gut dotierten Job zu finden, und zweitens hätte die Band - wäre sie scharf auf Poker - bereits 1998 einen Deal einfahren können, mit dem sie ein für alle mal ausgesorgt hätte. Nur das mit dem Split, das hätten sie sich dann sparen müssen: 'It's funny', sagt Hank und er hat dabei diesen seltsam deutsch/polnischen Flüster-Akzent, von dem man nicht weiß, ob er zum Kunstobjekt Hank Van Helvete gehört oder zum Norweger Hans Erik Dyvik Husby?! 'Plötzlich wirft man uns vor, wir hätten diese Reunion generalstabsmäßig in Szene gesetzt, unseren eigenen Mythos augeschlachtet und verkauft. Nun, wir wären klug genug für so etwas, zugegeben. Aber wir haben nie etwas geplant. Im Gegenteil. Wir haben bisher so ziemlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte, von der Auflösung mal abgesehen. Und heute werden wir misstrauisch beäugt, nur weil wir uns nicht wie totale Mongos benehmen. Keiner der Leute da draußen will glauben, dass wir die Band ohne Hintergedanken wieder ins Leben rufen, aber so ist es. Ich sage dir: Wir sind eine der wenigen wirklich ehrlichen Bands die es noch gibt, denn wir nehmen unsere Masken ab, wenn wir von der Bühne kommen.' Nutzen wir diesen uneingeschränkten Blick auf Turbonegro unmasked, ohne Make-Up, ohne Hut, Helm und Denim, um festzustellen, dass Hank anno 2003 gut, gesund und erholt aussieht. Seine weißhäutige und schwarz behaarte Kugelplautze ist unter einem halbaufgeknöpften Hemd verstaut, seine Augen sind wach und die Finger vergräbt er im soeben gelieferten Sushi. Hank war und ist das Zünglein an der Waage, derjenige, dessen Zustand untrennbar mit dem Schicksal der gesamten Band verknüpft ist, auch und vor allem heute, nach der Reunion. Dementsprechend vorsichtig lassen es Turbonegro angehen. Die sechs wollen, dass diese ihre Band funktioniert. Vor allem Hank, das 'Showbiz-Monster' (Happy Tom), will das - aber nicht um jeden Preis. 'Hanks Zustand hatte sich stabilisiert', erläutert Euroboy die Grundvoraussetzung der Reunion. 'Im Frühjahr 2002 waren wir uns soweit einig, dass wir es erneut versuchen wollen. Wir vertrösteten die Labels, indem wir ihnen erklärten: 'Passt auf, wir spielen drei Festivals im Sommer, und sollten wir besser klingen als früher, dann werden wir eure Angebote etwas genauer studieren und vielleicht eine neue Platte aufnehmen. Bei zwei der drei Festivals spielten wir besser als früher. Der Rest ist Geschichte.'


Die Leather


Schon mal versucht, einen Klassiker zu toppen? Genau, geht nicht (außer vielleicht bei U2). Das werden auch Social Distortion noch merken, wenn sie irgendwann mal mit einem Nachfolger zu 'White Light' um die Ecke biegen müssen. Turbonegro haben es immerhin gewagt, ihrem Klassiker überhaupt ein neues Album folgen zu lassen, und nun gilt es für uns, dabei - erneut - folgendes zu bedenken: Turbonegro sind unsterblich, und zwar aus (diesmal) fünf Gründen: den Gitarrenriffs von Euroboy, dem Homo-Image/Denim-Look (noch immer gesponsert) und drei Alben. Die 'Leather' inklusive.
Noch etwas: Der Unterschied zwischen einem Klassiker und einem guten Album ist die Anzahl der Hits. Und über deren Anzahl entscheidet nicht die Band, sondern der Hörer, also ihr, ich, wir. Demnach hatte 'Apocalypse Dudes' derer acht, oder neun - je nachdem, ob man darauf steht, dass eine Band ihre Analverkehr- und Pizza/Pasta-Texte über ein paar geklaute Riffs reimt, um es mal simpel auszudrücken. Hätte man also locker zwei Platten draus machen können. Die 'Leather', wie die Turbojugend das neue Album taufte, kommt im Gegensatz dazu vermeintlich nur huckepack den Berg hoch, und hat - im Vergleich zur 'Dudes' - fünf sofort zu ortende Highlights weniger. Nur: Dürfen wir die 'Leather' einfach mir nix dir nix mit der 'Dudes' vergleichen? Antwort: Jein. Deshalb zitieren wir Goldschmitt mit der Aussage, ein Vergleich 'wäre unfair, weil die 'Dudes' einer der Meilensteine in der Rockgeschichte überhaupt ist', und ernennen 'Scandinavian Leather' hiermit zur zweitbesten Turbo-Scheibe, weil sie zwar weit hinter 'Apocalypse Dudes', aber dafür weit vor 'Ass Cobra' ins Ziel kommt. Und wenn man als zusätzlichen Qualitäts-Maßstab die jüngsten Outputs von einstigen Weggefährten wie beispielweise den Hellacopters heranziehen möchte, dann ist auch die 'Leather' - natürlich easily - ein Klassiker - wegen der Hits. Ein weiterer Klassiker von einer Band ohne Masterplan, aber mit der nötigen Portion Intelligenz. Noch ein Wort zum Titel: 'Scandinavian Leather' ist - wie Hank eindrucksvoll und wortlos mit einem Kniff in seinen linken Nippel klarstellt - schlicht nackte Haut. Nothing outrocks Denim. Nothing outrocks Turbonegro. Nothin outrocks Deathpunk. Wir verstehen.


Fuck The World.


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