- Text: Frank Thießies Foto S. 48: Erik Weiss
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the donnas
Kiss The Donnas
Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus. Die Donnas hingegen sind aus Palo Alto, Kalifornien und scheissen gepflegt auf geschlechterspezifische Rock-Rollenmodelle und Cosmopolitan-Weisheiten dieser Art. Zehn Jahre Donnas und die Veröffentlichung von 'Spend The Night' geben dieser Tage genug Gründe zum Anstoßen, am Besten mit Dosenbier, denn Album Nummer fünf ist Party-Rock in seiner formschönsten Vollendung und die Band somit mittlerweile näher an Kiss und Mötley Crüe als an den Ramones. Aus dem Geiste großartigen Cockrocks wird hier sozusagen großartiger Crotchrock, der sogar vor der heiligen Männerdomäne des Gitarrensolos nicht zurückschreckt, denn Klampfine Donna R. braucht sich hinter ihrem Idol Space-Ace Frehley wirklich nicht länger zu verstecken.
Die gleiche musikalische Versiertheit und breitbeinige Chuzpe kann man natürlich auch dem Rest der Mädels bescheinigen, wie sich beim Gespräch mit Drum-Donna C. (aka Torry Castellano) und Bass-Donna F. (aka Maya Ford) herausstellen wird. Schon zu Beginn wird klar, wer von den beiden hier die Hosen an hat: Donna F. gibt sich im Gegensatz zur kleinen, zierlichen und ständig kichernden Donna C. - die vom teilweise tiefergelegten Niveau der folgenden Unterhaltung ab und an peinlich berührt wirkt - humorvoll kumpelhaft und zeigt sich an einem hochgeistig-qualifizierten, ernsthaften musikalischen Diskurs zunächst nicht wirklich interessiert.
Kein Wunder, denn als Ort für dieses Tete-a-tete wählte die für die Donnas zuständige Hamburger Plattenfirma den Saunatrakt(!) der 'Scandia Bar' aus, eine nette Kiez-Kneipe am südlichen Ende der Herbertstraße. Die Herbertstraße ist im Übrigen jene rund 100 Meter lange Meile, auf der Man(n) all das bekommt, was er will: Schnellen, sauberen Sex. Gegen Geld, versteht sich. Als die beiden Donnas davon in Kenntnis gesetzt werden, dass auf jener Straße absolutes Flanierverbot für Frauen gilt, bekundet insbesondere Donna F. sofort schelmisches Interesse daran, das Gesetz der verruchten Straße zu brechen, und die weltberühmte Bumsmeile einmal als Junge verkleidet etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht findet Frau F. beim nächsten Besuch auch die nötige Zeit, um ihren Plan in die Tat umzusetzen, ungefähr so, wie sie es bereits im aktuellen Video zur ersten Single 'Take It Off' eindrucksvoll bewiesen hat.
Auch dort übt die Band den optischen Rollentausch und sieht die Welt einmal aus der männlichen Perspektive. Womit wir im Übrigen auch schon beim einem weiteren wichtigen Frauen-Thema angekommen sind: dem Kapitel Klamotten. Denn Donna F. trägt während dieses Interviews und auch im Rahmen der abendlichen Liveshow modisch stil-, und deren Unbeliebtheit in unseren Gefilden bewusst, ein schmuckes T-Shirt ihrer Lieblingsband: den Scorpions - einfach nur um anderen Leuten damit auf den Sack zu gehen. Aber auch in kreativen Fashion-Fragen ist Mann bei der Frau an der richtigen Adresse. 'Ich habe schon ein Donnas-Shirt entworfen. Darauf ist jede von uns als Tier dargestellt: eine Giraffe, ein Frosch, ein Häschen und eine Katze. So ein Teil will ich auch als Sweatshirt für Benji von Good Charlotte machen. Wir sind Freunde geworden, nachdem wir ein paar Shows mit ihnen gespielt haben und haben Klamotten getauscht. Er macht ja diese 'Made'-Geschichten. Er soll bald einen von meinen Tier-Sweatern kriegen, und ich werde ihn auch dazu zwingen, das Teil zu tragen! Ich stehe total darauf, Sachen zu designen und möchte irgendwann mal meine eigene Männerkollektion rausbringen. 'Mafo' - Herrenbekleidung von Maya Ford. Da wird es dann diese Tarnanzug-Hosen geben, nur dass statt dieser kleinen Camouflage-Sprengsel große Penisse darauf sein werden. Außerdem werde ich noch ein paar T-Shirts machen, mit Sprüchen wie 'I love Scrotum' ('Ich liebe Sack') und 'Smegma Forever'.'
Gute Kenntnisse der männlichen Anatomie und körperspezifischer Eigentümlichkeiten haben sich im Rockbiz bisher immer als hilfreich herausgestellt, doch drängt sich die Frage auf, ob man solch subtile Botschaften wirklich mit und auf stolzgeschwellter Brust proklamieren sollte. 'Ja, ich weiß, Kuppenkäse ist schon ziemlich eklig. Aber es ist doch lustig, so etwas zu entwerfen und die Leute dazu zu bringen, es zu tragen. Für die Mädel-Kollektion will ich ein Shirt, auf dem 'je suis un homme' ('ich bin ein Mann') steht. Ach ja, und dann habe ich noch diese Idee für Ponchos mit Cheeseburgern darauf.' Klingt super, und erinnert irgendwie an Dönerteller Versace, aber das nur am Rande. In ihrer kreativen Wallung eröffnet uns Bass-Donna dann weiterhin, dass sie in ihrer Freizeit gerne Bilder von Richard Nixon malt, die später auch noch ihren Weg auf das ein oder andere Shirt finden sollen. Die Faszination, die dabei von good old 'Dick' Nixon ausgeht, ist hierbei aber nicht in erster Linie eine politische. Vielmehr sieht Donna F., als selbsternannte Präsidentin der Donnas, die Gemeinsamkeiten, dass sie beide einen Haufen schlimme Sachen gemacht haben und ihres Amtes enthoben wurden. Während diverse Statements zur Bandpolitik nun auch die sich bis hierhin höflich zurückhaltende Drum-Donna mit ein paar einschränkend-relativierenden Äußerungen auf den Plan rufen, kommt Donna F. zu dem Schluss, dass sie vielleicht doch nicht die Republikanerin in der demokratisch geführten Band ist. 'Ich bin wohl eher ein schräger Demokrat. Ich bin wie Bill Clinton: Ich kriege blow-jobs, rauche Pot und spiele Saxophon.'
Nachdem das also geklärt wäre, konzentrieren wir uns auf das Geschäftliche und damit zunächst auf das neue Album 'Spend The Night'. Wie bereits auf dem Vorgängeralbum 'Turn 21' wird auf 'Spend The Night' deutlich, dass sich die vier Damen parallel zum Erwachsenwerden vor allem auch musikalisch immer weiter in Richtung reinen, knallharten Rock entwickeln und die Naivität und den Punk der frühen Tage beinahe zwangsläufig links liegen lassen. Spätestens mit diesem Album und Songs wie 'It's On The Rocks' oder 'Not The One' sind die Donnas endgültig im riffigen Heavy-Rock angekommen: 'Völlig richtig', erklärt Donna C., von der man bei einer Liveshow nicht viel mehr zu sehen bekommt als ihre im Rhythmus auf- und abhüpfenden Seitenzöpfe. 'Wir wollten schon immer eine Rockband sein. Aber anfangs war das einfach nicht möglich, denn erstens waren wir unglaublich schlecht an unseren Instrumenten und zweitens hatten wir auch nicht das dazu nötige Equipment. Wir klangen anfangs noch nach einer ziemlich lausigen Garagenpunk-Combo.'
Mittlerweile beherrschen die Damen nicht nur ihre Instrumente, sondern haben auch in punkto Songwriting einige Körbchengrößen zugelegt. Demnach klingt auch das neue Album nach traditionsreichen Einflüssen wie Runaways, Girlschool, den üblichen Verdächtigen wie Kiss, AC/DC oder jüngstem Skandinavischen Sleaze-Rock wie beispielsweise dem der Hellacopters, nur wesentlich kantiger. Wie Letztgenannte auch haben sich die Donnas mit dem Wechsel zum Majorlabel die nötige Zeit gelassen, um als etablierter Act mit eigenem Sound und eigenem Stil auf das nächst höhere Level gepusht zu werden, ohne ihre Identität nur ansatzweise in Frage zu stellen. In den USA veröffentlichten die Donnas 'Spend The Night' bereits vor einem guten halben Jahr via 'Atlantic' und mit 'Eastwest' scheint auch hierzulande der richtige Partner gefunden zu sein. Donna F. versichert, dass die neuen Vertragspartner den Damen die Möglichkeit, geben, die Liga zu wechseln, nicht aber die Sportart: 'Wir haben über die Jahre hinweg immer Angebote bekommen, bei denen uns die Leute erzählen wollten, wie wir unsere Songs zu schreiben hätten', erklärt Mrs. C. 'Das waren echt erschreckende Verträge, weil wir von vornherein wussten, dass sie uns jegliche Kontrolle entreißen würden und in einen hirnlosen Pop-Act verwandeln würden. Einmal wollte ein Label, dass wir direkt nach dem Konzert den Vertrag unterschreiben und sie haben sich aus diesem Anlass vorher ernsthaft erkundigt, wer denn die besoffenste Donna an diesem Abend ist. Das ist so dumm, wir würden doch nie etwas ohne unsere Anwälte unterschreiben. Für das neue Album war uns wichtig, dass uns unsere Partner sympathisch sind und dass sie uns und unsere Art verstehen. Wir haben jetzt genau das erreicht, was wir wollten. Wir haben zwei Videos draußen, ein Album mit geilem Sound, und unsere Songs laufen sogar im Radio.'
Nicht zu vergessen die größeren Tourneen, die jetzt ins Haus stehen, wie Donna C. bemerkt: 'Wir haben heute Angebote, die wir vorher nie bekommen hätten. Wir spielen diesen Sommer bei 'Lollapalooza', das ist so cool, weil es ein reines Rockfest ist. Die haben uns angeboten, auf der Hauptbühne zu spielen, was wahrscheinlich nicht passiert wäre, wenn wir bei unserem alten Label geblieben wären.' Dass Erfolgs- und Popularitätsschübe nicht nur positive Begleiterscheinungen mit sich bringen, ist aber auch den Donnas nicht entgangen. Im Gegenteil, davon können sie sogar ein Lied singen: 'Bei der letzten Tour kamen diese ganzen Leute aus unserer damaligen Highschool zum Konzert und wollten mit uns abhängen und einen drauf machen. Für die haben wir den Song 'You Wanna Get Me High' geschrieben. Diese Leute sind so blöde, sie denken, wir wären die dicksten Freunde, nur weil wir auf derselben Schule waren. Das ist lächerlich. Wir hatten uns damals nichts zu sagen und wollen jetzt erst recht nichts mit denen zu tun haben.' Und Donna C. ergänzt: 'Manche von denen waren in der Highschool richtig gemein zu uns, und jetzt tun sie so, als ob wir damals ständig gemeinsam rumgehangen hätten.' Rückhalt finden die Donnas in solchen Situationen immer bei sich selbst und im Kreise ihrer familiären Crew, denn auch eine Frauenband kann sich als 'Gang' verstehen. Einer für alle, alle für einen. Wie sieht's aber mit anderen Mädels aus, die nicht Mitglied im Club sind - gibt es da so etwas wie Konkurrenzdenken? 'Es kommen Girls zu unseren Konzerten, die uns hassen und uns böse Blicke zuwerfen, weil ihr Freund auf uns steht. Aber der Großteil der Frauen mag uns, insbesondere für die Songs, die wir übers Schlussmachen mit Jungs schreiben. Wir hassen alle zusammen die Männer und schreiben jetzt nicht ständig darüber, dass wir auch manche Mädels hassen. Eigentlich wetteifern wir mit jedem!'
So bleibt natürlich der alte Geschlechterkampf in all seinen Facetten Hauptinspirationsquelle für die Songs der Donnas, auch wenn man ihnen bei der textlichen Aufarbeitung dieses ewigen Themas eine gewisse Originalität in punkto unverblümter Schnoddrigkeit durchaus zu Gute halten muss. Denn auch hier sind die Donnas mal wieder gar nicht so 'ladylike' wie der Großteil ihrer musikalischen Konkurenten/-innen. 'Wir schreiben viele Songs über Jungs, aber es sind immer unterschiedliche Jungs und demnach auch unterschiedliche Situationen und Trennungen mit unterschiedlichen Gefühlen. Manchmal schreibe ich auch über Sachen die bei einem Date passieren, die sind ja auch immer verschieden', erklärt Donna F. Aus unerklärlichen Gründen ist es den vier bisher aber nicht gelungen, sich mindestens einmal aus Versehen parallel in denselben Typen zu verknallen. Dafür seien ihre Geschmäcker schlicht 'zu verschieden' wie Donna F. betont und quasi als Beweis ein Polaroid ihres aktuellen Boyfriend aus der Brieftasche pult. 'Hier. Ist der nicht süß?! Er hat zwar eine Glatze und Brusthaare, aber er ist ein verdammt netter Junge.' Irgendwie hat der Kerl auf dem Foto was von Dirk Bach, nur in jung...
In Bezug auf ihr privates Liebes- und Leidesleben mussten die beiden schon öfter die schmerzhafte Erfahrung machen, dass insbesondere das unstete Leben als Rockstar seine Tribute fordert: 'Torry und ich sind beide immer für ein paar Jahre lang Single. Wir brauchen für sowas unsere Zeit.' Dem kann Donna C. nur zustimmen: 'Es ist immer hart, mit jemanden Schluss zu machen, aber wir sind so viel unterwegs, dass es von vornherein auf eine Trennung hinausläuft. Es ist ja schon schwer genug, überhaupt jemanden kennen zu lernen. Selbst mit Jungs aus anderen Bands, die eigentlich Verständnis dafür haben sollten, was man so durchmacht, läuft es nicht. Sie werden entweder eifersüchtig oder entpuppen sich als noch viel schlimmere Typen als irgendwelche normalen Jungs.' Bevor nun der Eindruck entsteht, die Mädels würden sich - wie so manche männliche Kollegen - vom Frischfleisch und Freiwild 'on the road' ernähren, räumt Donna F. alle Groupiegerüchte unmissverständlich aus dem Weg. 'Wenn ich auf Tour irgendeinen süßen Typen sehe, mach' ich schon mal mit ihm rum. Aber nicht länger als fünf Minuten - und es wird nur geknutscht. Wir sind ja keine Schlampen.' Natürlich nicht, aber lammfromm wäre wahrscheinlich auch nicht die richtige Beschreibung, zumindest nicht für Miss F., die dann doch hier und da gerne mal die Rampensau gibt. 'Ich habe immer irgendwelchen Ärger am Hacken. Letztens bin ich sogar bei unserer eigenen Record Release-Party in New York rausgeflogen. Ich war ein wenig besoffen, habe rumgetanzt und diese riesigen Bilder, die dort hingen, von der Wand genommen. Die Rausschmeißer haben nur gebrüllt, dass die Teile 2.000 Dollar pro Stück kosten und sie mich vor die Tür setzten, wenn ich damit nicht aufhöre. Ich habe ihnen daraufhin nur meinen Schwanzlutscher-Tanz vorgeführt, 'fuck you!' gebrüllt und dann war es Zeit zu gehen. Die Party war sowieso lahm. Beim Rausgehen habe ich noch eins der blöden Bilder auf die Couch geschmissen, bin in unseren Bus gestiegen, habe Pizza bestellt und habe dann mit zwei Jungs rumgemacht.'
Wie gesagt, gängigen Klischeevorstellungen über geschlechterspezifisches Verhalten passen bei den Donnas nicht so ganz ins Bild, auch wenn sie Promiskuitäts- und Prollqualitäten maskuliner Leitbilder niemals ganz erfüllen, geschweige denn überflügeln könnten. Dafür sind sie ja schließlich auch Mädchen. Aber wenn für andere die Maxime 'dicke Hose' gelten mag, dann kann man hier wohlwollend von 'dicker Bluse' sprechen, denn in einer durchgestylten Plastikpuppen-Musikwelt unter dem scheinheiligen Gebot der Anorexie sind Ponchos mit Cheeseburgern und der Eier(-stock)-Rock der Donnas die willkommene und befreiende Ausnahme. Sollte es weiter so gut für die vier Damen laufen, dann können sie sich hoffentlich auch bald ihre größten Träume erfüllen. Donna F. wünscht sich 'einen Privatjet, einen Swimming-Pool in der Form eines Thunderbird und einen Dolorian, das Auto aus 'Zurück in die Zukunft'', während Torry aka Donna C. ein wenig romantischer veranlagt ist, etwas weniger in-die-Fresse-materiell. Die zierliche Schlagzeugerin wünscht sich neben einem großen Wagen mit Chauffeur vor allem 'ein Haus in Sizilien. Wir sind mal für einen Gig dort gewesen und es sah dort sehr nett aus. Ich möchte am Strand leben. Außerdem könnte ich mich dann mit der Mafia anfreunden.' Doch bis dahin werden die vier diese Form von halbseidener Unterstützung auf ihrem Eroberungszug wahrscheinlich gar nicht mehr benötigen, denn mittlerweile dürfte eines klar geworden sein: It's gonna be a Donna summer.
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