- Text: Martin Erfurt Fotos: Erik Weiss
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sepultura
Fight the past
Muss sich eine Band immer wieder an dem messen lassen, wofür ihr Name in der Vergangenheit stand? Oder sollte man ihnen besonders nach essenziellen Line-Up-Wechseln die gleichen Chancen einräumen, als würden sie gerade erst das Licht der Welt erblicken? Was bedeutet es, eine Kult-Band der Neunziger im Jahr 2003 zu sein?
Sepultura. Die 'Third World Posse'. Sie haben wie nur wenige Bands dem Metal-Geschehen der Neunziger ihren Stempel aufgedrückt. Von einer zunächst belächelten, Matten tragenden Death Metal-Kapelle mit Homebase Belo Horizonte im Südosten Brasiliens, zum Musik-Export Nummer Eins mit entsprechendem Exoten-Bonus dauerte es nur wenige Jahre. 'Beneath The Remains' (1989) gilt als Meilenstein im Thrash-Metal und steht bei Fans in der Worship-Corner gleich neben Slayers 'Reign In Blood'. 'Arise' (1991) als Extrem-Metal-Chart-Album übertraf sämtliche Erwartungen und setzte neue Maßstäbe in Sachen Verkaufszahlen von harter Musik. 'Chaos A.D.' und 'Roots' können als Paradebeispiele gesehen werden, wie sich eine Band neu definiert, weiterentwickelt und gleichzeitig einem Genre neue Impulse geben kann.
Max Cavalera (Gitarre), Igor Cavalera (Drums), Paulo Jr. (Bass) und Andreas Kisser (Gitarre) heißen die Mitglieder von Sepultura anno 1996, als 'Roots' als richtungsweisendes Metal-Album abgefeiert wird. Ein Streit um die Weiterführung des Deals mit Max´ Ehefrau, die sich um das Management kümmert, führt zum Absturz nach dem Höhenflug. Ein Teil der Geschichte endet hier, also dort, wo ein anderer erst beginnt. Max verlässt die Band und gründet Soulfly. Über ihr Label 'Roadrunner' knüpfen die drei verbliebenen Sepultura-Mitglieder Kontakt zu Derrick Green, einem New York-Hardcore-Shouter, der als neuer Frontmann akquiriert wird. Zu ersetzen ist ein Metal-Visionär, Chef-Agitator und Sympathieträger. Mission Impossible? Green übernimmt.
Es folgen 'Against' und 'Nation' als Veröffentlichungen im neuen Line-Up. Respektbekundungen gehen Hand in Hand mit vernichtender Kritik. Nach dem Weggang vom überpräsenten Frontmann lebt die Band, die den Namen beibehält, mit einem schweren Erbe und versucht, den Erwartungen gerecht zu werden. Soulfly klingen mittlerweile so, wie Sepultura jetzt ohne die folgenschweren Ereignisse klingen könnten. Sepultura selbst haben ein anderes Gesicht. Die Karten sind seit dem Split neu gemischt. Es bleibt der Name, der die Öffentlichkeit von einem kompletten Wertungs-Systemreset abhält und es der Band immer schwer macht.
Derrick und Paulo Xisto sind diejenigen, die im Zuge des Promotionstermins Mitte April sämtliche Fragen beantworten dürfen. Paulo, der neuerdings nicht mehr den Zusatz 'Jr.' trägt, rülpst sich durch die vor uns liegende halbe Stunde. Liegt wohl an seiner leeren Cola. Derrick dreht derweil sorgfältig seine Löckchen.
'Roorback'. Das ist die Neue. Brutaler Name. 13 Mal Bestandsaufnahme 'where Sepultura's at in 2003'. Die Eckdaten: Experimentier-Anteil pegelt gen Null, eher eine straightforward-Herangehensweise; moderne, schnörkellose Produktion vom Mischpultkaptän Steve Evetts. Das Ergebnis von diesmal 'nur' sieben Studio-Wochen klingt laut Derrick wie folgt: 'Ich denke, in 'Roorback' sind Elemente aller vorhergegangenen Alben eingeflossen. Wir wollten mit dieser Platte etwas machen, das sehr 'basic' ist. Mit 'Nation' erkundeten wir eine ganze Menge verschiedener musikalischer Aspekte. Wir haben uns sozusagen ausgetobt. Dieses Mal wollten wir etwas erschaffen, das total in die andere Richtung geht, aber trotzdem eine Herausforderung darstellt. Ein reduziertes Album einzuspielen ist schön und gut, aber es wirklich interessant zu machen, ist gar nicht so leicht. Wir haben uns darauf konzentriert, bei den Songs wirklich auf den Punkt zu kommen und es einfach fließen zu lassen', fasst der Frontmann den Entstehungprozess von 'Roorback' zusammen. Eines Albums mit durchaus auch starken Momenten, das aber trotzdem nicht die Zweifel zerstreut, schon gar nicht Grenzen sprengen kann und die Band auch garantiert nicht schlagartig zurück in den Olymp katapultiert.
Bevor die Männer mit den Aufnahmen zu 'Roorback' begannen, widmeten sie sich als 'warm up' sozusagen zunächst einer Reihe von Coverversionen. Als Limited Edition erscheint der Output mit der sogenannten 'Revolusongs-EP', die zusätzlich jene sieben Neuinterpretationen enthält. 'Wir hatten einfach Lust darauf', erläutert Derrick den banalen Hintergrund und erklärt: 'Wir wollten uns mit damit auf die bevorstehenden Aufnahmen zum neuen Album einstimmen und dachten, es wäre eine coole Idee, Bands zu covern, von denen man nicht unbedingt erwarten würde, dass sie uns beeinflusst haben. Eben etwas anderes als das typische 'Metalband covert Metalband'- Ding. Wir suchten Bands aus, die die Art und Weise, wie wir Musik hören, revolutionierten. Ein Muss waren natürlich Hellhammer und Exodus, weil sie mit die ersten Heavy-Bands waren, die uns beeindruckten. Harte Gitarren und Craziness mussten aber nicht unbedingt mit im Spiel sein. Es ging uns um die Einstellung der Bands. Wie bei Massive Attack. Ihre Attitüde ist sehr heavy und cool, und ich liebe es, wie sie klingen', so Derrick.
Coverversionen können so interessant wie destruktiv ausfallen. Die Gefahr, sich die Finger zu verbrennen, gibt es bei solchen Unterfangen als Bonus. Einen Song zu reproduzieren, wie er schon existiert, erscheint überflüssig. Sich an 'Angel' von Massive Attack heranzuwagen, ist kühn. Das Resultat dürftig. Außerdem werden Interpretationen von Songs von Jane's Addiction, Devo und Public Enemy angeboten. Zu U2s 'Bullet The Blue Sky' hat die Band ein Video gedreht. Derrick rennt. 'Das Video reflektiert die Lyrics, die definitiv ausschlaggebend dafür waren, den Song zu covern. Ich renne quasi vor all den Krankheiten der Gesellschaft davon, vor dem Krieg, den Verbrechen, dem Hass', um am Ende des Clips als Quasi-Befreiung von einem Hochhaus zu springen. Politische Belange zu thematisieren war von jeher ein Bestandteil des bandeigenen Selbstverständnisses. Schließlich sei es laut Derrick 'doch unmöglich, nicht politisch zu sein und sich dem politischen Geschehen zu entziehen. Um zu wissen, was wirklich abgeht, ist es wichtig, sich zu informieren, was sich weltweit so tut und sich nicht auf große Nachrichtenlieferanten wie etwa CNN zu konzentrieren. Das Internet ist dafür hervorragend geeignet, denn der Austausch mit verschiedensten Leuten aus aller Herren Länder ist die beste Möglichkeit, sich allumfassend einen Eindruck zu verschaffen.'
Sepultura und 'Roadrunner'. Die mehr als zehn Jahre währende Ehe zwischen Band und dem Metal-Label-Flaggschiff, der Company für den gut verkäuflichen zeitgemäßen Metal, ist geschieden. Seit 1989 'Beneath The Remains' beim holländischen Partner erschien, ging es lange bergauf. 'Wir hatten die Option, für 'Roadrunner' ein weiteres Album zu machen', erklärt Derrick, 'aber wir entschieden uns dagegen. Ich denke, das war auch richtig. Wir waren so lange bei ihnen unter Vertrag und waren der Meinung, es sei nun an der Zeit, sich weiterzubewegen. Wir hatten genug von den eingefahrenen Strukturen und brauchten außerdem frisches Blut, neue Ideen, neue Energie. Was uns mit anderen Leuten leichter zu realisieren erschien. Leute, die nicht diese ganze Vergangenheit haben.' Vom Label fallengelassen? 'Primär war es unsere Entscheidung, aber sie gaben ziemlich leidenschaftlos ihr ok. Es war kein Problem, aus dem Vertrag rauszukommen', bemüht sich Derrick um Klärung. Das Verhalten des Labels betreffend kann man nun Mutmaßungen anstellen. Niemand wird wohl eine Band gehen lassen, von der in der Company noch viel erwartet wird. Vermutungen, dass es sich bei der Trennung um einen indirekten 'Drop' handelt, machen da schnell die Runde.
Endlich raus aus dem Schatten der Vergangenheit zu kommen, ist immer noch eine unbewältigte Aufgabe. Mit dem Attribut der einflussreichsten Metal-Band der Neunzigerjahre auf dem Rücken lebt es sich eben nicht gänzlich unbeschwert. 'Es gibt definitiv Leute, die ständig in der Vergangenheit rumrühren und sich daran klammern', glaubt Derrick. 'Das können sie, wenn sie wollen. Den Vergleich mit Max wird es, was mich angeht, wohl immer geben. Für mich ist es aber wichtig, dass ich meine Sache so mache, wie ich es für richtig halte. Ich denke, dass die Leute auch sehen, dass ich nicht versuche, Max zu imitieren, dass ich versuche, meinen eigenen Stil in die Band einzubringen. Ich fühle mich gut dabei und heute auch wesentlich besser als noch vor einigen Jahren, als ich gerade eingestiegen war. Das war irgendwie verrückt damals. Ich kannte die Musik, aber ich war niemals vorher Teil der Band. Als wir loslegten und auf Tour gingen, wurde mir die Tragweite erst richtig bewusst. Anfangs war es schwierig, aber das Touren half. Wir brauchten diesen rauhen Start, um dann Stück für Stück zu wachsen, um uns den Respekt zu verdienen', sagt Derrick zur ständig präsenten Problematik auch nach zwei Alben vielfach noch als 'der Neue' zu gelten. Wehmut der 'alten Zeiten' wegen macht sich bei Paulo nicht breit: 'Ich mag die alten Sachen immer noch. Ich glaube, dass jede Platte ihre eigene Identität besitzt. Ich trauere dem Erfolg von damals nicht nach. Das waren turbulente Zeiten. Wir waren eine so junge Band. Wir haben jetzt das Zeug, mehr zu erreichen. Wir haben mehr Kontrolle, und wenn du wie wir ein gutes Team im Rücken hast, das an dich und an deine Musik glaubt, dann stehen auch die Chancen gut. Wir können noch mehr.' Selbstvertrauen fast flüsternd artikuliert.
Rühren wir noch etwas mehr in der Vergangenheit. Max und Igor, ein zerstrittenes Brüderpaar, das nunmehr seit fast sieben Jahren gänzlich getrennte Wege geht ? so einen Sachverhalt kann man nur als tragisch bezeichnen. Fragen nach Max sind im Interview nicht gerade beliebt. Der Promoter verzieht schon mal im Vorfeld prophylaktisch das Gesicht und bittet, auf solche Fragen doch besser zu verzichten. 'Igor und Max haben keinen Kontakt', lautet die knappe Antwort von Paulo. Pause. 'Sie haben seit dem Zeitpunkt, an dem Max die Band verlassen hat, nicht mehr miteinander gesprochen. Ihre einzige kommunikative Schnittstelle ist ihre Mutter.' So weit, so schlecht. Kein Klimawechsel in Sicht.
10. April 2003. Frostiges Aprilwetter auch in Berlin. Brasilianer frieren. Seit zwei Jahren lebt nun auch Derrick in Brasilien, wie der Rest der Band in Sao Paulo, dem 15 Millionen-Einwohner Moloch. 'Ich liebe es, in Brasilien zu leben. Es ist total anders und trotzdem das Gleiche. Wenn Freunde mich besuchen, sagen sie oft, Sao Paolo sei wie New York City.' Für das Fotoshooting will wegen der Temperaturen keiner der Band nach draußen. Der wirkliche Sprung ins kalte Wasser folgt sowieso noch am Abend, denn die Vampir-Metaller Cradle Of Filth zu supporten, kann man nicht gerade als Heimspiel für Sepultura ansehen. Von den Brasilianern wird angeraten, man solle doch ja genug Knoblauch zum Gig mitbringen. Selbstschutz. Derrick: 'Ich mag es, mit unterschiedlichen Bands zu spielen. Ist doch eine Herausforderung. Speziell dann, wenn man vor Leuten spielt, die die Band vielleicht noch nie gehört haben. Du weißt nie, ob du nicht mit diesem Gig eine Person für dich neu gewinnen kannst.' Das Publikum, das am Abend überwiegend antritt, um die Düster-Band zu sehen, trägt weiß bepinselte Gesichter. Trotz aller guten Hoffnungen und einem vor physischer Kraft nur so strotzendem Derrick fällt der Beifall für die Brasilianer nicht gerade überschwänglich aus. Nach einer Zugabe verlangt das Publikum nicht. Ob es an der Performance liegt, die die Band zwar einigermaßen fit, aber dennoch nicht auf ihrem obersten Leistungsniveau zeigt, oder einfach am Desinteresse des Publikums, bleibt offen.
Allen Widrigkeiten zum Trotz verdienen Sepultura nicht nur auf Grund ihres Durchhaltevermögens Anerkennung. Auch in Krisenzeiten nicht auf das schnellste Pferd zu setzen, zeugt von Rückgrat. Obwohl die Band vor ein paar Jahren, als das Sub-Genre Nu-Metal noch in den Kinderschuhen steckte, stilistisch gar nicht so weit von diesem entfernt war, sind Sepultura ihren eigenen anderen Weg gegangen. 'Manche Bands haben eine Formel gefunden, schnell erfolgreich zu sein. Gib ihnen ein paar Jahre, und sie sind weg vom Fenster. Wir werden niemals die Art und Weise ändern, wie wir denken und Songs schreiben. Wir machen das, wovon wir meinen, dass es für uns zu dem jeweiligen Zeitpunkt das Richtige ist. Fast 20 Jahre sind wir schon dabei und haben eine Menge Gesichter kommen und gehen sehen. Wir haben uns stets von den angesagten Strömungen ferngehalten und ich denke, dass das immens wichtig war. So wahrst du deine eigene Identität und du bekommst den Respekt, den du verdienst, indem du deinen eigenen Weg gehst, was immer auch kommt.'
Sepultura Diskografie:
Bestial Devastation (Split-Album mit Overdose, 1985)
Morbid Visions (1986)
Schizophrenia (1987)
Beneath The Remains (1989)
Arise (1991)
Chaos A.D. (1993)
Roots (1996)
Against (1998)
Nation (2001)
Roorback (2003)
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