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  • Text: Moritz Honert
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deftones
Neue Geschenke an die Menschheit


In Los Angeles scheint mal wieder die Sonne. Die selbe Sonne wie ein paar Stunden zuvor in Bagdad. In Los Angeles bereitet man sich auf die Oscarverleihung vor, in Bagdad auf die nächsten Bombardements. Und wir sind live dabei, egal ob nun beim Filmpreis oder Golfkrieg, denn hier in Los Angeles, im Land der Freien, in der Stadt der Schönen und Reichen, versorgt uns rund ein Duzend Fernsehstationen 24 Stunden am Tag mit mehr oder weniger Nachrichten vom 'War on, in bzw. against Iraq'. Das sind so die einzigen Unterschiede, die es in der Berichterstattung gibt. Ansonsten ist Osama der Antichrist, hat laut CIA-Augenzeugen erst gestern noch mit Hussein kleine Kinder zu Mittag gegessen, wobei sie böse Ränke gegen die freie Welt schmiedeten, und zwischendurch laufen Werbespots der Armee, untermalt mit Musik von Godsmack. Wo kann ich unterschreiben?


Über Krieg und/oder Oscars will die Band, für die wir um den halben Globus geflogen sind, heute aber nicht reden. Schließlich gilt es, den Fans die neue Platte vorzustellen, die vierte der Bandgeschichte, und einige grundsätzliche Missverständnisse in Bezug auf die Deftones zu klären. Schließlich gingen wir lange Jahre davon aus, Chino & Co. würden nichts anderes machen, als Frust, Schmerz und Leiden in Akkorde und Musik zu gießen, diese dann auf Plastik pressen und an die blassen Nihilisten der Postmoderne verkaufen. Doch weit gefehlt. Was die Deftones selber über ihr Schaffen, ihre Aufgabe und ihr neues Album denken, erzählt uns die Band aus Sacramento im Interview.


Weit weg vom trüben Matsch-Frühling der Heimat, in einem dieser unmöglich klimatisierten Hotels nahe des Sunset Strip, die jeden Europäer trotz 30 Grad Außentemperatur mehrmals täglich gefährlich nahe an eine Erkältung bringen, sollen wir die extra für die Pressegespräche angereisten Chino Moreno (Gesang), Frank Delgado (Turntables), Stephen Carpenter (Gitarre), Chi Cheng (Bass) und Abe Cunningham (Drums) treffen. Doch noch ist keine Spur von ihnen zu sehen. Statt dessen werden wir von einer euphorischen Promoterin in Empfang genommen, die uns - die neue Platte, die Weisheit der fünf Musiker und deren Einfluss auf ihr ganz persönliches Leben in den höchsten Tönen lobend - in einen kleinen Konferenzsaal verfrachtet, in dem wir einen ersten Eindruck des neuen Deftones-Werks erhalten sollen. Im Ganzen werden es elf neue Tracks sein, die - soviel dürfen wir verkünden - als ganz großes Tennis bezeichnet werden müssen. Die Dame behielt also Recht.


Der Aufbau der Platte, die - nachdem die Namen '4', und 'Lovers' einige Zeit kursierten - nun schlicht selbstbetitelt in den Läden steht, ähnelt dem des Vorgängers 'White Pony' erheblich. Nicht nur die Anzahl der Stücke ist identisch, neben groß angelegtem, verquerem Lärm findet sich auch wieder ein an 'Teenager' erinnerndes Stück namens 'Lucky You', das zusätzlich im 'Matrix 2'-Soundtrack Verwendung finden wird. Soundtechnisch gibt es ebenfalls keine Überraschungen, die Stücke sind wuchtig und unverkennbar. Terry Date, mit dem die Band zum vierten Mal zusammenarbeitete, hat wieder ganze Arbeit geleistet. Die größte Veränderung aber hat sich in der Songstruktur vollzogen. Noch nie waren die Deftones so schnell, und noch nie waren die Strukturen so nah am Pop-Schema von Strophe/Refrain/Strophe/Refrain, was hier keineswegs als böser Vorwurf verstanden werden soll. Vielmehr entfalten die Stücke ihre Wirkung nun bereits nach zwei Durchgängen und brauchen nicht mehr eine gewissen Einarbeitungszeit, bis sie den Weg in die Hirnrinde gefunden haben. Catchy nennt man das. Trotz allem hat die Musik nichts von ihrer unterschwelligen Aggression und ihrer schwelenden Bosheit verloren, und auch das latent Obszöne ist noch vorhanden. Gerne würde man nach Stücken wie der ersten Single 'Minerva', die auch als 'The Last Great Planet Earth' angekündigt war, sagen, die Deftones hätten zu ihrem Stil gefunden, würde sich bei dieser Formulierung nicht heftiger Widerstand seitens der Band regen. So schreibt auch das neue Album keinen Abschluss der Geschichte, die 1989 begann.


Seinerzeit gründen die Twens Chino, Stephen, Chi und Abe in ihrer Heimatstadt Sacramento, Kalifornien, die Deftones. Nachdem sie über mehrere Jahre low budget und jenseits der Öffentlichkeit Demos aufnehmen, landen sie plötzlich den großen Wurf und unterschreiben bei Madonnas Label 'Maverick'. 1995 erscheint das erste Album 'Adrenaline', das aus heutiger Sicht zwar nicht als Meilenstein gilt, aber doch als wichtiger Grundstein für etwas, das knapp vier Jahre später zum Nu-Metal-Boom beitragen sollte. Der Nachfolger 'Around The Fur', auf dem Frank Delgado bereits bei einigen Stücken Sounds und Samples beisteuert, folgt 1997. Die Kritiker sind begeistert, doch während Nu-Metal-Combos wie Limp Bizkit und Korn mit ihrem vergleichbaren Sound Millionen einfahren, rollt der Deftones-Zug nur langsam an. Zu sperrig für die Massen, zu unterschwellig böse für die Charts, und aus dem Lager der Band erklingt vereinzeltes Murren ob des ausbleibenden Erfolges, was heute aber vehement bestritten wird. Das verwundert jedoch nicht wirklich, denn der Umstand des stetigen Wachstums könnte sich jetzt, da die Nu-Metal-Szene einen kräftigen Durchhänger hat, als wahrer Segen erweisen. Eine treue Fangemeinschaft lässt eine Band eben nicht so schnell fallen. Auch nicht, wenn sie nach 'White Pony' (dem Platin-Erfolg aus dem Jahre 2000) geschlagene drei Jahre auf ein neues Album warten muss. Drei Jahre, in denen die Deftones viel touren, sich Nebenprojekten widmen und schließlich ihr eigenes Studio fertigstellen, in dem sie einen Teil des neuen Werks vorproduzieren.


Nun liegt es vor, das neue, selbstbetitelte Album, und es gehört nicht viel hellseherische Gabe dazu, diesem vierten Deftones-Werk einen ähnlichen Erfolg wie 'White Pony' vorauszusagen. Nur als Abschluss einer Entwicklung sollte 'Deftones' nicht verstanden werden, wie Chino und Frank, die den ersten Teil des Interviews bestreiten, sehr deutlich klarmachen. Gemeinsam lümmeln sich die beiden auf einem tiefen Sofa und machen dank reichlich eingeatmetem THC einen ziemlich abgehangenen Eindruck. 'Wir haben sicher eine Identität als Band, aber wir sind nicht auf der Suche nach einem Stil, weshalb wir ihn auch nicht finden können. Solange wir uns verändern, verändert sich auch unsere Musik', erklärt Chino, der den Großteil der Unterhaltung bestreiten wird, während sein Kollege Frank aus seiner mehr liegenden als sitzenden Position zuhört. 'Wir haben die Band gegründet, als ich 16 war. Heute bin ich 29 und sicher nicht mehr dieselbe Person wie damals. Und in zehn Jahren werde ich nicht mehr dieselbe Person sein, die ich heute bin. Es gibt kein Ende der Entwicklung im Sound der Deftones, denn wir sind nicht auf der Suche nach irgendetwas. Ich genieße alles, was da kommt, aber wir planen nicht. Uns etwas vorzunehmen, würde uns nur behindern.' 'Kein Plan' lautet der Plan, und das ist durchaus legitim, schließlich wusste schon Shakespeare, dass derjenige, der nicht weiß, wohin er will, oft am weitesten kommt.


Mit der Aussage, die Strukturen der neuen Songs seien im Gegensatz zu 'White Pony' klarer geworden, will sich Chino jedoch trotzdem nicht recht anfreunden. 'Ich weiß nicht', überlegt er. 'Wahrscheinlich ist es ähnlich kompliziert aufgebaut, aber wer unser voriges Album schon kennt, der ist wahrscheinlich besser mit den Strukturen vertraut, weshalb er es als einfach und nachvollziehbar empfindet', sagt er. Plötzlich schaltet sich auch Frank ein, rollt sich aus seiner Ecke hoch und erklärt: 'Eigentlich wollen wir es uns mit jeder Platte etwas schwerer machen, damit es auch für uns interessant bleibt. 'White Pony' war zwar etwas außerhalb der Norm und unser größter Erfolg, trotzdem wäre es Blödsinn, würden wir dieselbe Formel wiederholen. Davon hätte niemand etwas', ergänzt er die Aussagen seines Frontmannes. Und wo wir schon mal dabei sind, Missverständnisse auszuräumen, stellt Chino klar, dass es der Band keinesfalls ausschließlich um die Vertonung von Schmerz, angetrieben durch Verlust, Angst, Leid, Trauer und Wut geht, sondern dass es sich in seinen Augen bei den Deftones um überaus positive Zeitgenossen handelt, deren Mission es sei, Glück in die Welt zu tragen: 'Ich spüre Hoffnung und Freude, wenn ich unsere Musik höre', erklärt er und schiebt als Beispiel den Song 'Minerva' in den Mittelpunkt: 'Ein beschwingter, warmer Song über die Schönheit der Bescheidenheit.' Nun, Ansichtssache. Schließlich ist besagter Track, auch wenn er mit den erwähnten Popstrukturen spielt, ein Brecher vor dem Herrn mit schrägem Gesang und eine Wand von Sound. Im Text, der aus Gründen verquerer Sicherheitspolitik seitens der Plattenfirma zwar ausgehändigt wurde, aber nicht vor Veröffentlichung des Albums zitiert werden darf, rutscht der Protagonist auf den Knien und beklagt eine ihn umhüllende Stumpfheit. Und dann ist Chino wieder ganz diplomatisch, denn ihm ist wichtig, niemandem mit seinen Texten etwas aufzudrängen. 'Texte sind bei den Deftones Auslegungssache', betont er. Seine Sicht der Dinge sei eben auch nur seine Sicht der Dinge, und er erklärt, dass es ihm nicht um die Verbreitung von Botschaften geht, sondern nur darum, die Leute emotional zu stimulieren. 'Die Texte sind keine Rätsel, durch die man durchsteigen kann oder sollte. Wenn die Leute sich an einer Zeile oder an einem meiner Songs festhalten können, dann reicht das.' Apropos Gesang. Nachdem sich Chino auf der vorigen Europa-Tour beinahe auf ewig stumm brüllte, ist er nach eine gelungenen Stimmband-Operation wieder ganz der Alte. Er kreischt, jault und jammert wieder wie gehabt und trifft mittlerweile auch mal den Ton, was sich jedoch nicht auf plötzlich wahrgenommenen Gesangsunterricht zurückführen lässt. 'Ich habe das zwar mal ausprobiert, aber das ist nichts für mich', kommentiert er Vermutungen in diese Richtung. 'Ich singe, wie ich singe, das zu ändern wäre nicht normal. Ich habe schließlich auch nie gelernt, Gitarre zu spielen oder Musik zu lesen. Würde ich das beherrschen, würde ich die Lust daran verlieren. Mir gefällt, dass ich nicht weiß, was ich da eigentlich tue. Das macht es in meinen Augen viel natürlicher.'


Als ich den zweiten Raum betrete, in dem Stephen, Abe und Chi auf das Interview warten und sich ebenfalls fleißig dem Genuss von Sportzigaretten hingegeben haben, habe ich das Gefühl, einer komplett anderen Band zu begegnen. Lärmend, albernd und verpeilt sind die Jungs. Hier ist nicht nur der Lärmpegel ein Vielfaches höher, auch das Durcheinander beträgt das Zehnfache des Nebenraumes. 'Willkommen im Partyraum', begrüßt mich Chi und grinst vom einen Ohr zum anderen. 'Drüben ist das Langweilerzimmer, ich war auch für ein paar Interviews nebenan und das war echt lahm.' Dann lacht er und lässt sich neben Abe fallen, der zunächst sämtliche Getränkewünsche erfragt und sich anschließend am tütenbastelnden Stephen vorbei zur Minibar aufmacht. Bis überhaupt mal ein vernünftiges Wort fällt, und ich meine erste Frage stellen kann, vergehen einige Minuten, in denen eifrige Diskussionen über Bier, James Bonds Sexualpräferenzen und den dazugehörigen Soundtrack ihrer Labelchefin Madonna angehalten werden. Zu letzterer haben sie übrigens ein recht sonderliches Verhältnis. 'Madonna habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen', erzählt Abe, 'aber ich denke, sie mag unsere Musik', und Chi ist sich sogar sicher, dass die Deftones indirekt an der Produktion ihrer Kinder beteiligt waren, also rein akustisch versteht sich. Und obwohl sie bei 'Maverick' einen Vertrag über sieben Alben unterschrieben haben, hat man durchaus noch Ideen für alternative Arbeitsverhältnisse. 'Madonna ist zwar cool, aber sobald Kylie Minogue ein Label aufmacht, sind wir weg', blödelt Stephen und packt sich weg vor Lachen. Doch so sehr sich die drei auch anders geben als ihre Bandkollegen im Nachbarzimmer, so wenig unterscheiden sie sich in ihren Ansichten über die Band und ihre Musik. Selbst wenn Abe, der bei allem, was der schwergewichtige Stephen von seinem Stuhl aus von sich gibt, erst einmal 'Blödsinn' schreit, dann zu langen, verqueren Vorträgen über die Wichtigkeit von Geduld ansetzt, letztlich stimmt er doch immer zu. Auch dann, wenn Stephen, der Fülligste des ohnehin schon wohlgenährten Fünfers sagt: 'Die Deftones verfolgen kein Konzept und wir arbeiten nicht nach System', was ich ihm in seinem jetzigen Zustand sofort glaube. 'Alles verändert sich stetig.' 'Wenn wir uns bei der Gründung der Band auf irgendwas geeinigt haben', spinnt Chi die Frage nach einem Masterplan weiter, 'dann darauf, dass wir als Band nie irgendwelche politischen Statements von uns geben werden. Überhaupt, wer sind wir denn, dass unsere Stimmen irgendetwas bewegen würden?', sagt er und fasst zusammen, worum es den Deftones im Kern geht: 'Good times! Das ist es, und zwar für alle.' 'Exakt', stimmt Stephen zu. 'Musik ist unser Geschenk an die Menschheit.'






Deftones Diskografie:
Adrenaline - 1995
Around The Fur - 1997
White Pony - 2000
Deftones - 2003


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