- Text: Ben Foitzik
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Muse
Von Teignmouth zu den Sternen
Das Herz galoppiert. Die Armbehaarung stellt sich auf, Tränendrüsen pumpen. Es wird heiß. Und kalt. Und wieder heiß. Und dann brechen alle Dämme. Was geht? Sex mit Scarlett Johansson? Sommermärchen reloaded? Tokio Hotel ziehen blank?! Nein. Hier geht’s nicht um profanen Schnickschnack – hier wird das Portal in ein anderes Universum durchschritten. Das Universum von Muse.
Im Hochsicherheitstrakt eines Nobelhotels pumpt Gigantisches aus winzigen iPömps (Name verfremdet). ‘The Resistance’ heißt das Sound-Monster von Muse, und es wird Musikgeschichte schreiben. Warum? Nun, viele gute Rock-Bands veröffentlichen viele gute Alben – doch mit ihrem fünften Studioalbum packen die britischen Musikusse die sich selbst kopierende Rock-Musik-Szene bei den Eiern und drücken ganz fest zu. Heraus kommt mehr als nur saftiger Rock-Sud – ‘The Resistance’ ist der Schritt zu einer Form von Rock-Musik, deren epischen Impact vor einigen Dekaden bereits Bands wie Led Zeppelin oder The Who besaßen. Genau dort knüpfen Muse nun an – und zeigen damit der Konkurrenz, wie man es richtig macht.
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Keine Ahnung, wie andere während der Beschallung durch dieses Meisterwerk gelangweilt eine Zeitung lesen oder euphorisch den Kopf schwingen können, als würden sie damit Fliegen verscheuchen – doch das ist ja das Schöne an der Musik: Sie ist so herrlich subjektiv. Wir jedenfalls schließen andächtig die Äuglein und gehen mit Haut und Haar mit ‘The Resistance’ auf eine irre Reise durch die unendlichen Weiten des muse-ikalischen Kosmos.
The Re-Christance
Wie nach gutem Sex muss man auch nach ‘The Resistance’ erst wieder auf Normalpuls kommen. Als der Ganzkörperschweiß schließlich zur Salzkruste getrocknet ist, geht’s auf zur zweiten Station: In ein muffiges Hotelzimmer, das so riecht wie eine rußige Raucherlunge schmecken muss. Muse-Bassist Chris Wolstenholme hat hier ganze Arbeit geleistet, ist aber partout nicht aufzufinden. Das Fenster steht sperrangelweit offen, hat er den Pan gemacht? Ach, da ist er doch – wollte mal kurz frische Luft schnappen. Immer wieder lustig, diese Teerfresser.
Obwohl der bescheidene Chris bemüht ist, die Euphorie bezüglich ‘The Resistance’ zu bremsen, muss er doch zustimmen, dass die Platte ein ähnlich herrliches Musik-Sammelsurium geworden ist wie ihre vier Vorgänger. Muse zitieren auf ‘The Resistance‘ nicht nur tausend Jahre Musikgeschichte, von Klassik bis Jazz und von Punk bis Rave, sondern vor allem sich selbst: „Natürlich gibt es Parts in einigen Songs, die sich auf uns oder etwas beziehen, das es schon vorher gegeben hat. Je älter du wirst, desto größer ist doch der Fundus, aus dem du schöpfen kannst. Indem du etwas Altes mit etwas Neuem verbindest, kannst du deinen ganz neuen Sound kreieren.“ Daher hört man auf dem neuen Silberling Musikzitate en masse, die sich mit dem Muse-typischem Bombast-Sound, Orchesterelementen und Piano-Passagen zu einem irren Bastard paaren: ‘Resistance’ lässt The Who wiederauferstehen, ‘United States Of Eurasia’ wartet mit Queen-Flair und arabischen Harmonien auf, bei ‘Unnatural Selection’ gibt’s System Of A Down und Metal-Riffs; ‘I Belong To You’ scheint Madness zu zitieren. Alles Muse-mäßig aufbereitet, alles originell, nix einfach nur halbgar aufgebrüht, wie das bei vielen anderen Kapellen gang und gäbe ist. Wirklich außergewöhnlich – selbst im Musiversum – ist allerdings ‘Undisclosed Desires’, das sich irgendwo zwischen R’n’B und Dark-Wave in die Eingeweide bollert. „So einen Song haben wir noch nie gemacht“, verkündet der hünenhafte Schlot. „Abgesehen vom Bass gibt es darauf kein reales Instrument, das sind nur Samples, Loops, Synthesizer und Computer. Ein völlig neuer Ansatz für uns, bei dem wir unser Equipment viel besser kennen gelernt haben. Wenn man sein eigenes Studio hat (das man übrigens nicht im drögen England, sondern am Lago di Como findet – dem Wohnort von Bellamy) und sein eigener Produzent ist, muss man sich eben zwingen, in unbekannte Gefilde vorzudringen.“ Viele Bands behaupten ja gerne, ihr Credo bestünde darin, sich nicht selbst zu wiederholen, ironischerweise machen es genau jene dann aber am plakativsten. Dieses Problem stellt sich bei Muse nicht – der eigene künstlerische Anspruch verbietet so etwas. Und wenn Chris Wolstenholme sagt „bei einigen Bands ist es ja auch okay, wenn sie sich wiederholen – Vertrautheit kann sehr reizvoll sein“, dann klingt das schon sehr bitter. Bitter für die „einigen Bands“ jedenfalls.
Um die stilistische Mannigfaltigkeit von ‘The Resistance’ wissen wir nun. Worum es inhaltlich geht, noch nicht. „Es geht darum, Widerstand dagegen aufzubauen, wie die heutige Welt geleitet wird. Wir wollen Mitspracherecht haben, wir wollen unsere Meinung sagen, aber die Machthaber unterdrücken das.“ Ein guter Anfang, doch um die Geschichte von Grund auf zu eruieren, müssen wir wohl noch mal beim Großmeister nachfragen. Falsetto-Trällerknabe, Gitarrero und Texter Matt Bellamy.
The Matt Experience
Besagter Bub zieht das hoteleigene Café dem klaustrophobischen Hotelzimmer vor. Auch wenn man nicht wüsste, dass dieser Typ das Stimmchen von Muse ist, würde man doch sofort merken, dass er zumindest aus einem Paralleluniversum kommen muss: Matt Bellamy verströmt die Aura eines unter Verfolgungswahn leidenden Verschwörungstheoretikers und hat eine ansteckende Hibbeligkeit an sich. Spricht man den Maestro auf ‘The Resistance’ an, beweist er sofort, warum man uns vorher den Hinweis „der ist anders als andere“ mit auf den Weg gegeben hat: „Beim klassischen Filmemachen ist es so, dass der Film mit einem Gleichgewicht anfängt. Dann gerät er in ein Ungleichgewicht und kehrt wieder zu einem Gleichgewicht zurück. Wenn du aber einen Film machst, der im Gleichgewicht beginnt, dann in ein Ungleichgewicht übergeht und dort endet, muss der Zuschauer seine eigenen Schlüsse daraus ziehen. Das Album ist ähnlich aufgebaut: Es beginnt musikalisch und lyrisch ausgeglichen und ist zum Schluss ‘lost in space’: Die dreiteilige Symphonie ‘Exogenesis’ entfernt sich am Ende von der Realität und befasst sich mit dem Gedanken, dass die Menschheit oder unsere DNA etwas ist, das schon seit Millionen von Jahren im Weltall weitergetragen wird, und dass wir nur eine Wiederholung dessen sind, was schon einmal passiert ist.“ Na Mensch, wieder was dazugelernt!
Das erklärt also die ekstatischen Gefühlswallungen, die abnormen Herzrhythmusstörungen und die schmerzhafte Dauererektion, die ‘The Resistance’ hervorruft. Davon erzählen wir Matt aber lieber nichts, sonst bekommt er noch einen falschen Eindruck. Fragen wir lieber nach, was er unter „lyrisch ausgeglichen“ versteht. „Der Anfang ist sehr ‘down to earth’: Der erste Song handelt von der derzeitigen Situation in England – die Entfremdung zwischen Staat, Polizei, Regierung und Militär auf der einen und den Bürgern auf der anderen Seite wird immer größer. Der Wunsch nach einem konstitutionellen Wechsel ist da – wenn man mit den Leuten spricht, sagen alle das Gleiche: ‘Wir hassen die Regierung. Und das Bankensystem und die Unternehmer.’ Es gibt einen wachsenden Widerstand in England – man kann die Spannungen spüren, wenn es eine Demonstration gibt: Die Polizei pfercht dich ein wie eine Herde Vieh und lässt dich stundenlang nicht wieder raus. Das ist ein Aspekt englischen Lebens, der wie eine Miniatur-Version von ‘1984’ anmutet. Bald haben wir hier die Gedankenpolizei. Dann darfst du bestimmte Sachen nicht denken, sonst landest du im ‘Ministerium für Wahrheit’.“ Und da will ja keiner hin. In Zimmer 101 wird nämlich definitiv kein Muse gespielt!
Einmal in Fahrt, ist Wunderkind Matt kaum zu stoppen. Wenn der Mann nicht regelmäßig sein Hirn entleert, quillt es ihm wahrscheinlich aus den Ohren. Plötzlich ist er nämlich fort aus dem irdischen England und mitten im Weltall gelandet. Er erzählt von elektromagnetischen Feldern und dreidimensionaler Materie, kommt dann auf einmal auf Darwinismus, Evolution und Ökosysteme zu sprechen, um schließlich beim Aktienmarkt, den Regeln der Stochastik und gefährlichen Megakonzernen zu landen. Da kann das Gehirn des Zuhörers schon mal kurzzeitig tilten.
Inmitten dieser wilden Hirngeburt aber, als er gerade von Inseln ohne und mit Vulkanen spricht, sagt Matt Bellamy etwas Bemerkenswertes: „Der größte Faktor in der Evolution ist nicht das Überleben des Stärkeren, sondern Glück. Auch im normalen Leben ist Glück die treibende Kraft: Der Unterschied zwischen dem Besitzer von Microsoft und einem sterbenden Kind in Afrika ist kein evolutionistischer, es ist nur Glück! Ein großer Prozentsatz bei Muse ist ebenfalls Glück – nicht alles, wir haben alle unsere speziellen Fähigkeiten. Ob die aber aufblühen können, ist einzig eine Frage des Glücks.“ Das muss man sich mal reinziehen – da sitzt hier dieser begnadete Rock-Musiker, der bald ein wegweisendes Album veröffentlichen wird, und der erzählt einem, dass alles nur eine Frage von Fortunas Gewogenheit ist. Nicht harte Arbeit, nicht Talent, sondern Glück. Am besten fragen wir gleich mal bei Trommler Dom Howard nach, ob der Bellamy eigentlich noch alle Latten am Zaun hat.
The Bore-Dom?
Im Gegensatz zu Zappel-Matt scheint Herr Howard die Schnauze voll zu haben vom Interviewtrubel und gibt sich zunächst etwas einsilbig. Über den künstlerischen Gesamtkontext, in dem ‘The Resistance’ verortet ist, hat er dann aber doch etwas zu sagen: „Der Sound auf dem Album ist Muse pur, weil wir alles selbst gemacht haben. Alles ist absolut repräsentativ für unsere Ideen, unsere Gefühle und unser Selbstverständnis als Musiker. Wir wollten die Essenz von Muse haben und unseren Sound stärker definieren.“
Und mit diesem Sound stehen die drei Herren aus dem schnuckeligen Küstenort Teignmouth nun allein auf weiter Flur – besonders in der britischen Musikszene. Während sich die ganzen Affen, Häuptlinge, Freidenker, Grünanlagenwärter oder sonstigen Verrückten selbst und gegenseitig kopieren, gucken sich Muse das Tohuwabohu lieber von außen an, winken freundlich und zeigen lachend mit dem Finger drauf.
„Es gibt immer diese eine Band – die ist neu, die ist gut, die ist cool und wird deswegen groß. Und dann werden ganz viele andere Bands gesignt, die genauso klingen, und das Ganze geht den Bach runter. Wir hatten Glück, dass wir nie in diesen Scheiß hineingezogen wurden. Vielleicht lag das daran, dass wir aus einer winzigen Stadt kommen. In Teignmouth gab es nichts, also musste man einfach sein eigenes Ding machen.“ Wahrscheinlich ist dieses Nichts, dieses schwarze kulturelle Loch namens Teignmouth letztlich dafür verantwortlich, dass Muse nun eine künstlerische Offenbarung wie ‘The Resistance’ aus dem Hochofen ziehen konnten. Höflich, wie sie sind, wollen sie sich dafür auch endlich mal artig bedanken.
„Im September spielen wir nach 15 Jahren zum ersten Mal wieder in Teignmouth“, verrät Dom. „Das wird auf dem Stück Gras passieren, auf dem ich damals Matt gefragt habe, ob er in meine Band kommen will. Wir haben immer gesagt: ‘Stell’ dir mal vor, wie geil das wäre, wenn wir dort vor 8.000 Leuten spielen würden!’ Das wird jetzt passieren, das wird richtig groß, wir müssen die ganze Stadt dichtmachen. Dann werden wir offiziell danke sagen – danke Teignmouth, für die ganze Langeweile! ‘Thank you very much, cheers, goodnight!’ Und dann steigen wir in einen Hubschrauber und fliegen davon, haha!“
Good Night And Good Luck
Wir sagen jetzt ebenfalls danke. Danke, Muse, dass ihr uns auf diesem sensationellen Stück Musik zeigt, dass der Rock von heute nicht zwangsläufig aus repetierter Scheiße bestehen muss. Auch wenn ihr total durchgeknallt seid, einen komischen Akzent habt, anderer Leute Mineralwasser klaut (ja, ich hab’ das bemerkt, Matt!) und von Dingen faselt, die man wohl nur im ‘Fear & Loathing‘-Delirium versteht. ’Thank you very much, cheers, goodnight!’ Wir allerdings steigen in die U-Bahn. Because of the environment, you know?
Text: Ben Foitzik
Fotos: Erik Weiss
Heimat: muse.mu
