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the weakerthans
Melancholie und musikalische Manifeste


Alle haben sie lieb gewonnen... Die kleinen, sympathischen Hobbits in 'Der Herr Der Ringe', die sich aus ihrer kleinen, beschaulichen Welt aufmachen, um den Rest von Mittelerde zu retten. Ausgerechnet diese nur mit einem possierlichen Dolch und einem großen Herzen bewaffneten Wesen sind für diese gefährliche Mission ausgewählt. Sie sollen in den Kampf gegen eine schier übermächtige, todbringende Macht ziehen. Durch zwei epische Teile größten Kinos hielten wir zuvor schon den Atem mit unseren neuen Freunden an, hielten die Daumen bis zum Blutstau gedrückt und knabberten Nägel bis zum Rand. Demnächst erscheint der dritte Teil des Fantasy Romans. Den dritten Streich auf Platte und von den Weakerthans gibt es dagegen bereits heute.


Die Parallelen zwischen JR Tolkiens 'Herr Der Ringe' und dem bisherigen Schaffen der kanadischen Weakerthans regt geradezu zu blühenden, Vergleichen an. Zugegeben, eine so sehr weltliche Band sollte man vielleicht nicht in eine autarke Märchenwelt übertragen und ihr damit den real existierenden sozio-kulturellen Kritik-Anspruch nehmen. Doch es bietet sich bei genauerer Betrachtung der einzelnen Persönlichkeiten einfach an. Unsere Titelhelden vermitteln in Ton und Text den Eindruck von herzensguten Wesen, die sich, statt in voller Rüstung in den Kampf zu ziehen, lieber mit ihrer unmittelbaren Umwelt in Einklang kommen wollen. Das bisschen heile - an den Bruchstellen sorgsam mit Klebeband fixierte - Welt wird mit Literatur, Konversation und Weiterbildung gehegt und gepflegt. Eine seltene Gabe in zerstörerischen Wegwerf-Zeiten wie diesen. Wir hören Songs über das Miteinander von Mensch, Natur und Tier, alles inmitten einer Welt, für die der Zug eh schon längst abgefahren ist. Die Weakerthans verstehen es, die große, tragische Schönheit des Lebens völlig unpathetisch in dreiminütige Pop-Songs zu stecken, und trotz dieser Magie und meines einleitenden Geschwafels völlig wirklichkeitsnah zu wirken. Genauso wie in Mittelerde und Mordor längst der Kampf zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Gut und Tiefböse, zwischen Tod, Verzweiflung, Liebe und Hoffnung entbrannt ist, sind wir wie die Weakerthans nicht aus einem merkwürdigen, alltäglichen Kampf zu leugnen. Es bedarf schon lange keiner klaren Fronten und keiner Kampfansage mehr, um genau zu wissen, dass die Scheisse am Dampfen ist. Im persönlichen wie auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich hat sich eine Konfusion breit gemacht, die jegliches klares Handeln lähmt.




'Ich versuche, mir ein eigenes Bild von den Dingen in der Welt zu machen. Sei es, dass ich schon lange nicht mehr glaube, was mir im Fernsehen vorgegaukelt wird, und stattdessen eigene, unabhängige Informations-quellen benutze.' (John K. Samson)




Auch John K. Samson, Gitarrist und Sänger der in Winnipeg beheimateten Weakerthans fühlt sich traumatisiert. Der bekennende Links-Aktivist versucht sich jedoch auf seine Weise zu wehren: 'Es ist eine wilde Zeit. Es gibt einige Menschen auf der Erde, speziell Mr. Bush und meine Nachbarn in den USA, die die weltweite Gemeinschaft mit Füßen treten. Sie geben einen Scheiss auf die Werte und Moral, die wir uns mühsam in den letzten Jahrhunderten aufgebaut haben. Es ist doch so: Sie stellen es so dumm und dreist an, dass man jedesmal zuschauen kann, wie etwas passiert. 'Hey, die haben einen illegalen Krieg angefangen!' Oder: 'Schau doch, wie sie bestehende Gesetze brechen!' Jeder sieht es, aber niemand kann etwas dagegen tun. Wen soll man in solch einem Fall auch fragen? Da gibt es keinen Lehrer, der Aufsicht hat und dem man sowas melden kann. Kein Polizist. Kein Richter. Es ist, als würden die Lehrer selber die Schule terrorisieren...' Hilflosigkeit schwingt in der Stimme des schmächtigen Sängers und man ahnt, dass er in seiner Jugend sicher vieles einstecken musste. Aber irgendwann daraus auch lernte: 'Ich versuche, mir ein eigenes Bild von den Dingen in der Welt zu machen. Sei es, dass ich schon lange nicht mehr glaube, was mir im Fernsehen vorgegaukelt wird, und stattdessen eigene, unabhängige Informationsquellen benutze. Auch durch das Konzerte-spielen in anderen Ländern erfahre ich mehr, was in der Welt wirklich passiert. Wir wollen wissen, was andere Menschen denken, deshalb suchen wir auch auf Tour immer den Kontakt zu politischen Gruppen und Fans. Langsam tut sich etwas, die Leute wachen auf und organisieren sich neu. Wie im Internet entsteht eine neue Gemeinschaft, ein Netzwerk von Gleichgesinnten, die sich weltweit unterstützen. Wenn wir auf globaler Ebene von den Obrigkeiten beschissen werden, dann können wir es uns auf diesem Wege auch wieder zurückholen.' Wer Weakerthans-Platten studiert, findet Adressen von Organisationen, Buchläden und Aktivisten. Die neue CD glänzt gar mit umfangreichen Zusatzmaterial.


Doch nicht nur das Politische liegt dem ehemaligen Propagandhi-Bassisten John schwer am Herzen. Besonders die gelungene Melange aus persönlichen Anekdoten, Märchen und allgemeingültigen, schwermütigen Schicksalsschlägen mit Working Class-Hintergrund kommen bei den Fans gut an. Die bei anderen politischen Bands übliche Faust nutzen John und seine Mitstreiter lieber zur leb- und bildhaften Darstellung von aus dem Leben stammenden Zusammenhängen. Denn Worte sind lauter als Bomben, wie wir spätestens seit The Smiths wissen. 'Propagandhi waren zwar laut und hatten auch knallharte, politische Texte, aber dieser straighte Punkrock war irgendwann nicht mehr mein cup of tea. Es war kein Platz für Dinge, die ich nun mit den Weakerthans umsetze. Aber wir hatten eine prima Zeit zusammen und sind immer noch gute Freunde...'




'Die neuen Lieder unterliegen einer starken Erzählstruktur, die sich natürlich besser in ein Country-Gewand packen lassen als in ein Rock- oder Pop-Outfit. Es sind aber keine traditionellen Songs, sondern recht typische Weakerthans-Stücke: mal glückliche Uptempo-Nummer, mal langsame und traurige Songs...' (John K. Samson)




Wenn die Weakerthans mal Singer/Songwriter-mäßig runtergedreht, mal euphorisch Pop-Punkend in die Vollen greifen, dann sind Interpretationen auf allen Ebenen möglich. Ein Auge sollte man aber auf jeden Fall immer auf die folkloresque Tradition von Woody Guthrie bis hin zu Billy Bragg haben, in der die Kanadier mit beiden Beinen stehen. 'Winnipeg ist eine Stadt umgeben von viel Natur. Man hört automatisch Country-Musik, denn sie spiegelt diese Landschaften und ihre Geschichten immer noch am bildhaftesten wider.'


Apropos Folk: ein guter Übergang zum neuen Album namens 'Reconstruction Site'. Das ist nicht nur auf den ersten Blick wesentlich Country-lastiger (im modernen Sinne) ausgefallen. Ein Umstand, der aber nicht absichtlich angestrebt wurde, sondern eher in der Natur der Songs lag, wie John unterstreicht. 'Die neuen Lieder unterliegen einer starken Erzählstruktur, die sich natürlich besser in ein Country-Gewand packen lassen als in ein Rock- oder Pop-Outfit. Es sind aber keine traditionellen Songs, sondern recht typische Weakerthans-Stücke: mal glückliche Uptempo-Nummern, mal langsame und traurige Songs. Es ist eine schöne, reife Weiterentwicklng, wenn du mich fragst. Man kann sehr gut hören, wie wir als Band gewachsen sind. Die schon auf den beiden ersten Alben 'Fallow' und 'Left And Leaving' erkennbaren Nuancen kommen durch das Mixing diesmal noch deutlicher zum Vorschein. Aber glaube mir, wir haben im Grunde nix anders gemacht, auch nicht mehr Geld ausgegeben, als vorher...' So entstand ein laut John rundes Album, in sich selber und zu den Vorgängern schlüssig. 'Und definitiv glücklicher! Die Songs strahlen mehr Sicherheit aus. Mir ist in meiner eigenen Melancholie erstmals die Einsamkeit und Traurigkeit anderer Menschen bewusst geworden. Dadurch fühlte ich mich gleich nicht mehr so allein wie vorher. Deshalb drehen sich sämtliche Stücke um andere Menschen und andere Spezies, und mal nicht nur um mich und meine Sorgen. So entstand eine Platte als ganze Geschichte...'


Die Geschichte nennt sich 'Reconstruction Site' und wurde in Eigenregie vorfinanziert, um nicht in der Kreide anderer Leute zu stehen. Darin geht es um Fehler und Versagen, bezeihungsweise diese Fehler im Nachhinein auch zu erkennen und zu verstehen. Die verbliebenen Stücke aufzusammeln, und etwas Neues zu schaffen. 'Dies ist ein harter Moment: man steht vor einem Trümmerhaufen und muss weiterziehen, das Liebgewonnene zurücklassen, neue Schritte gehen, und es zudem verstehen lernen...'
In einem ähnlichen Sinne entschied man sich, nach 'Left And Leaving' den Freunden und Labelbetreibern 'B.A. Records' in Hamburg einvernehmlich Good bye zu sagen, und weiter zu ziehen. Man war an einen Punkt gekommen, wo die Belange der Weakerthans weltweite Ausmaße annahmen. Es dauerte gar nicht lange, bis 'Burning Heart' aus Schweden anriefen. So kommen die Weakerthans nun in den Genuss, auf dem Rest der Welt mit einem dicken 'Epitaph'-Logo in die Läden zu kommen. Zur Erinnerung: 'Epitaph' halten 51 Prozent an 'Burning Heart' und lassen auch sonst nix unversucht, zum größten Punkrock-Label der Welt zu mutieren. 'Solche Firmen müssten uns eigentlich den Angstschweiß auf die Stirn treiben, denn ich liebe es klein und übersichtlich. Doch die Jungs bei 'Epitaph' sind cool genug, dass wir ihnen vertrauen können. Hoffe ich. Immerhin ist auch Tom Waits auf 'Anti', einem Unterlabel von 'Epitaph,' und viele andere korrekte Bands, die wir schätzen. Wir konzentrieren uns einfach auf die Musik, alles andere regelt der Markt, so schwer es mir auch fällt...,' schlottern Sozialisten-John ein wenig die Knie beim Gedanken an seine Geldgeber.




'Ich verstehe meine Einstellung eher als eine gesunde Kritikfähigkeit, die mich Dinge hinterfragen lässt.'
(John K. Samson)




Sozialismus und linke Ideen sind bei den Weakerthans seit jeher groß geschrieben. Im Gespräch vermittelt John allerdings weniger den Eindruck eines feurigen Möchtegern-Überzeugers, der andauernd über seine Gesinnung quatschen und andere Leute gewinnen will. Vielmehr glänzt der kleine Kanadier als guter, aufmerksamer Zuhörer. 'In politischen Reden sind andere Leute besser als ich. Ich verstehe meine Einstellung eher als eine gesunde Kritikfähigkeit, die mich Dinge hinterfragen lässt. Es fällt mir auch nicht schwer, mich spontan für etwas zu interessieren. Ich kann auch Menschen zuhören, die eine völlig andere Meinung haben, und mit ihnen dann diskutieren.' Sehr angenehm.
Wie schon seine beiden Vorgänger glänzt der Drittling wieder mit einem exquisiten Cover-Artwork. Die CD kommt als schickes Digipack daher und ist umfangreich illustriert. Ein kleines Meisterwerk für sich, mit dem alleine man eine Menge Zeit beim Hören verbringen kann. John freut sich: 'Uns ist diese Gestaltung sehr wichtig, denn wir haben den Anspruch, auch über die Musik hinaus interessant zu sein. Dazu zählt auch, dass es zu den Songs auch eine optische Ebene gibt, über die man wiederum die Musik erschließen und verfolgen kann.' Für die Illustrationen zeichnet sich diesmal ein befreundeter Künstler namens Marcel Dzama verantwortlich. 'Er hat es normalerweise nicht mehr nötig, sich mit einer kleinen Band wie uns abzugeben, denn er ist recht bekannt. Wir gaben ihm die CD und eine Woche später meldete er sich begeistert mit seinen Entwürfen zurück. Er hatte freie Hand bei den Ideen und traf genau unsere Vorstellungen, nur über das Hören der Musik! Auf dem Cover sieht man Bären, die Marcel mit Coca Cola malte. Also eigentlich ein Wiederspruch: Coca Cola zerstören eigentlich im großen Stile die Natur, es ist zudem ein ungesundes Getränk. Daraus entstanden dann aber die Bären, eins der stärksten und majestätischsten Tiere in der Natur...'


'Reconstruction Site' wird wieder wie eine Bombe einschlagen, das ist sicher. Denn kaum eine Band strahlt so viel Zuversicht inmitten knietiefer Melancholie aus wie die Weakerthans. Auf Konzerten verwandeln sich selbst beinharte Quasselstrippen in aufmerksame Zuhörer, wenn John K. Samson als sozialistischer Singer/Songwriter durch Emo, Post-Punk und Country zieht. Gänsehaut garantiert. Dank seiner aufmerksamen Mitmusiker Stephen Carroll, John P. Sutton und Jason Tait halten diesmal neben den Standart- selbst so exotische Instrumente wie Steel-Gitarren, Piano, Keyboard, Glockenspiel und Vibraphon unbekümmert Einzug ins musikalische Manifest. 'Es ist wunderbar ausgeschmückt, denn ich sehe unsere Musik weniger als das Spiel einer Band für ihre Fans an. Es ist eher Kommunikation zwischen uns und dem Hörer, voller Zwischentöne und Laute. Wenn es klappt, dann wird daraus eine Konversation...' Und eine fürwahr echte Liebe, das kann ich euch versichern, Freunde.


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