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black rebel motorcyle club
The Birth of the Anti-Star


Die britische Musikpresse nennt sie die wichtigste Rockband der Gegenwart. Für Noel Gallagher (Oasis) und Neil Young sind sie ?die Retter des Rock'n'Roll?. Ihr neues, zweites Album 'Take Them On, On Your Own' ist die richtige Platte zur richtigen Zeit - dunkler, wütender, psychedelischer Rock, dem man seine Güte auch ohne Strokes-ähnliche Hype-Hymnen anmerkt. Und die Band selber? Tut so, als ob sie der ganze Rummel nicht im geringsten interessiert. Gäbe es den Begriff Understatement nicht schon, man müsste ihn für Black Rebel Motorcyle Club erfinden.


'Rockstar' ist denn wahrscheinlich auch die unpassendste Bezeichnung, die man Robert Turner, Bassist und Co-Sänger von Black Rebel Motorcyle Club, verpassen kann. Den Blick nach unten gesenkt, zwängt er beim Interviewtermin im Berliner Büro seiner Plattenfirma leise nuschelnd kaum wahrnehmbare Sätze heraus, wirkt dabei unsicher, abwesend und wechselweise genervt oder unkonzentriert. Manchmal vergisst er mitten in seiner Antwort die Frage, schaut seinen Gegenüber entschuldigend lächelnd an, beginnt noch mal von vorne und verliert an derselben Stelle wie kurz zuvor den Faden. Nein, wirklich einfach ist ein Gespräch mit dem Mittzwanziger, der auch bei hochsommerlichen Temperaturen seine schwarze Lederjacke anbehält, nicht gerade.


Aber Black Rebel Motorcyle Club eilt ohnehin der Ruf voraus, schwierig zu sein. Extrem schwierig. Viele Journalisten, die bisher ein Gespräch mit dem Trio führen konnten, wünschten sich hinterher, sie hätten noch nie von den Jungs gehört. Dabei muss man es gar nicht unbedingt so übertreiben wie eine große britische Rockzeitung, die tatsächlich wissen wollte, ob die drei auch immer nur schwarze Unterwäsche tragen würden - in Anspielung auf ihre ewig düsteren Klamotten. Auch viele andere Fragen machen die Jungs wütend, lassen sie gleichgültig den Interviewer ignorieren oder sorgen sogar dafür, dass sie das Gespräch einfach ins Leere lenken.


Allerdings ist Robert auch so ehrlich, seine Abneigung gegenüber Terminen mit der Presse offen zuzugeben: 'Wenn ich wählen könnte wäre es mir lieber, keine Interviews geben zu müssen. Aber ich arbeite an mir und gebe mir Mühe, derartige Gespräche so gut wie möglich zu führen. Das ist allerdings ein ziemlich schwieriger Prozess - gerade in der Vergangenheit haben wir auch oft Interviews einfach abgebrochen, weil wir keine Lust mehr hatten und genervt waren. Wir haben uns auch oft über Schreiber lustig gemacht und waren manchmal wirklich fies. Derzeit passiert das aber nicht mehr so oft. Prinzipiell mag ich es eigentlich auch, über Musik an sich zu reden. Aber die ganzen anderen Dinge, die Journalisten ständig fragen - ich hasse das. Ich will nicht schon wieder beantworten müssen warum wir so klingen wie Jesus & Mary Chain. Oder wieso wir schwarze Jacken tragen. Oder weshalb wir uns B.R.M.C. nennen.?


Heart And Soul


Derartige Fragen müssen die Jungs im Grunde über sich ergehen lassen, seit sie sich 1998 in San Francisco gründeten. Peter Hayes, Gitarrist und Sänger, und Robert Turner, Bassist und zweite Stimme, lernten sich bereits in der High School kennen und begannen dort - noch unter dem Namen The Elements - gemeinsam Musik zu machen. Kurze Zeit später stieß der Brite Nick Jago als Drummer hinzu, und die Band nannte sich in Black Rebel Motorcycle Club um - in Anspielung auf Marlon Brandos Motorradgang aus dem in den Fünfzigerjahren entstandenen Film 'The Wild One'. Es folgte die Produktion des ersten Demos, der Plattenvertrag mit 'Virgin' und die Veröffentlichung des Debüt-Albums 'B.R.M.C.' - eine Platte, die - mal abgesehen vom eingängigen 'Whatever Happened To My Rock`n`Roll (Punk Song)' - kaum radiotaugliche Singles enthielt und somit nicht denselben Medienrummel erlebte wie die Strokes und diverse The-Bands, dafür im Rock-Untergrund schnell hohe Wellen schlug und der Band eine bis heute täglich wachsende und treue Fanschar bescherte. Wer Black Rebel Motorcyle Club hört, folgt nicht Trends - er folgt guter Rock-Musik. Da stört es auch wenig, dass die Vorbilder der Band sehr einfach auszumachen sind: Bob Dylan, Rolling Stones, Joy Division, Velvet Underground, die bereits angesprochenen Jesus And Mary Chain und die Stone Roses sind nur einige der offensichtlichen Impulsgeber. Trotzdem: Wer mit gerade mal Anfang 20 ein solches Debütalbum vorlegt, hat den Rock nicht nur gehört, sondern ihn auch verinnerlicht.


Mittlerweile sind die Jungs ein paar Jahre älter, geändert hat sich aber nur wenig.
Das neue Werk setzt den Weg des Debüt konsequent fort, ist einerseits hinsichtlich des Stils ähnlich konservativ, gleichzeitig aber beängstigend authentisch und beklemmend, mitreißend und aufregend, zweifellos Drogen-beeinflusst und ungemein inspiriert. Kurzum: Wer die erste Platte mochte, wird auch mit 'Take Them On, On Your Own' glücklich. Kein Wunder, schließlich war die Herangehensweise der drei diesmal nahezu identisch mit der des Debüts. Selbst Robert hat Probleme, Unterschiede zwischen den beiden Alben auszumachen: 'Ich weiß nicht... Ich denke, wir sind die neue Platte etwas fokussierter angegangen, einfach weil wir mittlerweile natürlich über mehr Erfahrung verfügen. Aber große Unterschiede zum vorherigen Album auszumachen fällt schwer - 'Take Them On' ist ganz einfach eine Black-Rebel-Platte, und die klingt eben wie eine Black-Rebel-Platte klingen muss.?


Die Band hat das Album übrigens auch diesmal wieder selber produziert - ein Umstand, der beim Debüt noch für Schweißausbrüche seitens des Labels sorgte, mittlerweile aber achselzuckend von der Plattenfirma akzeptiert wird - wie so viele andere Eigenheiten der Band auch. 'Klar, 'Virgin' wäre es seinerzeit natürlich lieber gewesen, wenn ein erfahrener Produzent mit großem Namen an unserer Platte mitgearbeitet hätte. Aber das wollten wir schon damals nicht, und heute wissen wir auch, dass wir es ohne Produzenten genauso gut hinbekommen. Ich glaube auch nicht, dass ein Produzent umsetzen könnte, was ich von ihm will. Die meisten Menschen verstehen mich nicht richtig, wenn ich mit ihnen rede. Mein Gott, noch nicht mal die anderen Leute in der Band verstehen mich wirklich - wie sollte da ein Produzent meinen Wünschen folgen können??


Klingt einleuchtend, auch wenn es schwer fällt zu glauben, dass Black Rebel Motorcyle Club nicht nur Probleme mit der Kommunikation nach außen, sondern auch untereinander haben. Aber anscheinend kann die Musik hier die bei anderen Bands üblichen kreativen Streitgespräche ersetzen: 'Songschreiben ist Magie und Arbeit zugleich. Es gibt oft diese Momente, in denen wir ungemein kreativ sind - wir kommunizieren dann nicht mit Worten, das funktioniert auch gar nicht, sondern machen einfach Musik, die Songs entstehen so fast von selbst.? Und was passiert, wenn sich die Magie mal nicht einstellen will? 'Diese Phasen gibt es natürlich auch - da gelingt uns dann kaum etwas Kreatives. Das ist dann die Zeit, in der die Arbeit losgeht, in der du die Songs verfeinerst, dich um die Technik kümmerst - also die Sachen machst, die du auch ohne Inspiration erledigen kannst.?


US Government


So lange man die Band ganz in Ruhe ihre Songs schreiben lässt, ist für sie die Welt auch in Ordnung. Unwohl fühlen sich die drei erst, wenn Außenstehende versuchen, ihre Musik zu interpretieren und dabei fast zwangsweise die eigentliche Intention der Band falsch deuten. Ein gutes Beispiel ist der seit Jahren bereits zum Live-Repertoire gehörende Song 'US Government' - textlich fast schon eine Hasstirade auf die amerikanische Regierung, die bei Konzerten auch von vielen lauthals mitgesungen wird und deren Text schon vor einer halben Ewigkeit im Internet auf diversen Fansites veröffentlicht wurde. Eigentlich sollte der Song auch auf dem Debütalbum veröffentlicht werden, nach den Ereignissen des 11. September 2001 wurde er aber von der Band wieder von der Platte genommen und ist nun auf dem zweiten Album vertreten. Man wollte mit diesem Schritt damals Missverständnisse vermeiden und nicht plötzlich als 'Vaterlandsverräter' abgestempelt werden. Typisch für die Band, dass sie aber trotzdem nicht ganz auf den Song verzichten konnte. 'Vorübergehend haben wir überlegt, das Lied nur als B-Seite zu veröffentlichen. Aber 'US Government' ist uns zu wichtig, als dass wir es unbemerkt irgendwo untergehen lassen können. Zudem ist es auch einer der ersten Songs, die wir je geschrieben haben. Und es geht in dem Text nicht um den 11.9., nicht um George Bush und nicht um den Terror. Der Text zu dem Lied war schon lange vor all diesen Dingen geschrieben. Es geht vielmehr darum, wie korrupt alles in den Staaten ist - die Politik, die Konzerne, eben die ganzen Fehler im System. Nach dem 11. September haben wir uns aber entschlossen, 'US Government' nicht auf die Platte zu packen, weil wir befürchteten, dass viele ihn falsch verstehen würden und sich vielleicht auf den Schlips getreten fühlen. Wir denken oft, dass Leute nicht wirklich mitbekommen, was wir eigentlich sagen wollen. Ich habe eine ziemlich negative Einstellung, was unsere Hörer angeht. Eigentlich hasse ich mich dafür - ich würde viel lieber glauben, dass alles Leute intelligent genug sind, um uns zu verstehen. Vielleicht tun sie es ja sogar, keine Ahnung, aber eine kleine Minderheit wird immer etwas in den falschen Hals kriegen und uns Vorwürfe machen?, sagt Robert - und versinkt einmal mehr in stille Lethargie. 'So was deprimiert mich immer', fügt er kurz darauf hinzu - 'ich finde es schade, dass man sich mit solchen Problemen herumschlagen muss, das ist einfach nicht meine Welt. Lass uns über was anderes reden, was mich nicht so deprimiert.'


Leichter gesagt als getan - die anschließende Frage nach der Tour, die Black Rebel Motorcyle Club im Vorprogramm von Oasis absolvieren durften, ist jedenfalls kaum dazu geeignet, die Stimmung von Robert zu verbessern: 'Es war nett von Oasis, uns mit auf Tour zu nehmen. Aber es war nicht immer eine schöne Erfahrung, denn irgendwie sind Oasis-Shows wie riesige Football-Spiele. Das Publikum ist sehr ignorant und schert sich einen Dreck um die Vorband. Wir hatten oft das Problem, dass unsere Fans bei den Shows von den Massen angepöbelt oder mit Bier überschüttet wurden, weil die Oasis-Anhänger keinen Bock auf unsere Musik hatten und unsere Fans verarscht haben. Da fällt es zum Teil schwer, ganz normal sein Set runterzuspielen, wenn du merkst, dass der Großteil der Anwesenden ohnehin keinen Bock auf dich hat und die Leute, die extra deinetwegen auf diese Riesen-Konzerte gekommen sind, kaum eine Möglichkeit bekommen, die Show wirklich zu genießen.'


We're All In Love


Die Enttäuschung über die Oasis-Shows steht ihm auch jetzt noch im Gesicht geschrieben, ein weiteres mal wird man das Trio wohl kaum noch im Vorprogramm einer derart prominenten Band erleben dürfen. Aber wozu auch, die Jungs sind mittlerweile bekannt genug, um auch alleine die Massen zu den Konzerten zu ziehen. Die Vorfreude auf die anstehende Tour ist demnach auch groß, zumal man nach Jahren endlich auch wieder weltweit im kompletten Line-Up touren kann - bei den letzten US-Shows musste man auf einen Ersatzdrummer zurückgreifen, da der eigentliche Schlagzeuger Nick bei einer vorherigen US-Tour ohne Aufenthaltsgenehmigung in den Staaten weilte und demnach erstmal Einreiseverbot bekam. Robert und Peter waren zwischenzeitlich darüber so deprimiert, dass sie kurzerhand ihre Sachen packten und vorübergehend von San Francisco nach London umzogen - nur, um weiterhin als komplettes Trio proben und zusammen sein zu können. Mittlerweile sind die Green-Card-Probleme aber gelöst, und Robert ist darüber mehr als nur glücklich: 'Auf den letzten Touren konnten wir unseren Fans nicht zeigen, wer der Black Rebel Motorcycle Club wirklich ist. Diesmal werden wir so touren, wie es sein muss - und ich bin mir sicher, dass das Live-Erlebnis so auch ein ganz anderes sein wird, sowohl für uns als auch für das Publikum. Wir drei schreiben diese Songs, und wir drei müssen sie auch zusammen live spielen. Auch wenn unsere Ersatz-Drummer wirklich gute Musiker waren, Nick und die besondere Atmosphäre, die zwischen uns herrscht, können sie einfach nicht ersetzen.'


Stop


Die Anekdote um Nicks Einreiseprobleme zeigt ein weiteres mal, was den Black Rebel Motorcycle Club so besonders macht: Die Band weiß, was sie will, und lässt sich auf ihrem Weg auch von nichts und niemandem abbringen - weder von amerikanischen Behörden, noch von Wünschen der Plattenfirma oder Fehl-interpretationen der Presse. Hier gibt es keine Kompromisse, keine Posen und keine Allüren, sondern einfach nur den Wunsch, großartige Rockmusik zu schreiben - ohne Zugeständnisse an irgendwen. Eine beeindruckende Kompromisslosigkeit, die mit einer der Gründe sein dürfte, warum die Band noch nicht so viele Platten verkauft wie andere artverwandte Musiker, die sich medienwirksamer präsentieren können. Dafür ist man aber auch deutlich Hype-resistenter. Denn wenn die meisten Trend-Hörer, die bei jedem neuen Revival ihren Musikgeschmack ändern, kein Interesse mehr an den Strokes und Konsorten haben, werden auch die meisten The-Bands in der Versenkung verschwunden sein. Der Black Rebel Motorcycle Club wird aber auch dann weiterhin sein Ding machen - und somit wohl noch auf lange Sicht zu den wichtigsten Rockbands der Gegenwart zählen.


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