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Bild: Wolfmother

Wolfmother
Der Mutterschutz-Instinkt


Das Debüt des australischen Dreiers war 2005 der lebendige und angenehm anachronistische Beweis dafür, dass Classic-Rock-Wurzelpflege nicht zwangsläufig allein von bärtigen Batik-Hemden auf Schallplattenbörsen betrieben werden muss. Vier Jahre später sind Wolfmother zwar nicht mehr dieselben, aber das versierte Verständnis für die Rock-Ursuppe ist auf dem Nachfolger ‘Cosmic Egg’ glücklicherweise mehr als erhalten geblieben.

Stockdale in langen engen schwarzen Röhrenjeans und mit noch längerer Hendrix-Gedenkfrise im obersten Geschoss des deutschen Mutterschiff-Komplexes seiner Plattenfirma. Vom Jet-Lag gezeichnet, wirkt der 33-jährige Leitwolf leicht neben der Spur, was sich im dezent verzögerten Frage-Antwort-Rhythmus des Gesprächs manifestiert. Aber so brennende Fragen wie die zum mittlerweile komplett ausgetauschten Line-Up seiner Band wollen schließlich wohlüberlegt und mit möglichst dezenter Dissdichte beantwortet werden.

Im August letzten Jahres traf alle Wolfies - so die halb-offizielle Fan-Spezies-Bezeichnung - ein mittlerer Schlag, als der Ausstieg von Bassist und Keyboarder Chris Ross sowie Drummer Myles Heskett bekannt gegeben wurde – auf Grund „künstlerischer und persönlicher Differenzen“ hieß es; eine in solchen Fällen immer gern bemühte Formulierung. Was für die meisten Bands am Anfang einer erfolgsversprechenden Karriere wohl das sichere Aus bedeutet hätte, verhält sich bei Wolfmother letzten Endes doch wohl etwas anders. „Als die Band auseinander gebrochen war, hat mir mein alter Manager direkt eine Woche später einen Flug nach L.A. gebucht. Ich sollte einfach weitermachen, als wäre nichts gewesen, wozu ich natürlich noch nicht in der Lage war. Die Plattenfirma hatte vor Ort schon eine Session mit möglichen Mitmusikern organisiert. Und ich stand bei all dem ziemlich fassungslos daneben“, reflektiert Andrew. „Man sollte nie etwas machen, was gegen seinen Instinkt geht. Die Lektion habe ich dabei gelernt. Nach einem Monat habe ich alles hingeschmissen und bin wieder allein nach Hause geflogen.“

Instinktiver Neuanfang

Im stillen Kämmerlein folgt Andrew somit besagten eigenen Instinkten und tut, was ein kreativer Wuschelkopf wie er zwangsläufig tun muss: Neue Songs schreiben und Demos skizzieren. Für den Komponisten und Multiinstrumentalisten, der gern alle Partituren selber schreibt und auch spielen kann, kein großes Ding. „Ich hatte für die Demoaufnahmen der Songs die Drums zunächst selbst aufgenommen. Aber um ihnen den richtigen Punch zu verleihen, ließ ich meinen Kumpel Dave (Atkins) das Schlagzeug noch einmal eintrommeln. Das war der Punkt, an dem ich sagte: ‘Hey Dave, hast du Bock, bei den neuen Wolfmother Schlagzeug zu spielen?‘ Dave hatte wiederum einen anderen Freund namens Ian Peres, der Bass und Keyboards spielt. Also hat er auch den angeschleppt und es funkte auf Anhieb zwischen uns. Kurz darauf stieß über dasselbe Wer-kennt-wen-Netzwerk dann noch Aidan Nemeth als zusätzlicher Rhythmus-Gitarrist zu uns. Das war letztlich der Startschuss für die Wolfmother Version 2.0.“ Und dieser führte nach einem ersten kleinen Club-Gig direkt unter dem Proberaum der Band im Handumdrehen zum Turmsprung ins kalte Wasser, genauer gesagt: zu einem Benefiz-Gig in Sydney zugunsten der Victoria-Buschbrand-Opfer im März dieses Jahres - vor schlappen 8.000 Zuschauern. Die Feuerprobe war bestanden, also ab nach L.A. zur Albumaufnahme.

Eierlegende Wolfsmilchsau

In nur zwei Monaten haben hier die wiedergeborenen, neuen Wolfmother ihr ‘Cosmic Egg’ gelegt; ein opulentes, vielschichtiges Album ganz im Sinne von Songspender und federführendem Visions-Vater Andrew, der mit seiner nunmehr komplett autonomen musikalischen Arbeitgeberstellung kein Problem hat. Im Gegenteil. „Manche Leute finden das total uncool, weil sie die romantische Vorstellung von einer Band als einem eingeschworenen Haufen mit Team-Arbeit haben. Ich sehe das so: Wenn jemand die Musik für ein komplettes Orchester schreiben kann, warum sollte einer das nicht auch für eine Rock-Band machen können? In der alten Besetzung musste ich immer diesen ganzen diplomatischen Prozess durchwandern. Heute bringe ich die Songs zur Band und sie spielen sie. Punkt“, so Stockdale selbstsicher und bestimmt, jedoch ohne despotischen Sklaventreiber-Unterton, denn dafür ist der Junge dann doch einfach zu sympathisch.

Die ersehnte und nun gewonnene Generalhoheit lässt sich vielmehr als Schutzmechanismus einer kreativ kompromittierten Künstlerseele deuten. Zumindest sprudelt es aus Andrew nur so heraus, als über den Umweg bereits mit der alten Band live gespielter neuer Songs die Sprache auf den Titel ‘Violence Of The Sun’ kommt. „Der Song ist ein tolles Beispiel dafür, wie schwierig es war, mit der alten Besetzung zu arbeiten. Ich habe das Stück vor zwei Jahren so geschrieben, wie du es jetzt auf dem Album vorfindest, und es der damaligen Band vorgespielt. Sie haben gar nichts dazu gesagt, also weder positiv noch negativ darauf reagiert. Als wir dann an einem komplett anderen Riff gearbeitet haben, hatte der Bassist die tolle Idee, dieses neue Teil ‘Violence Of The Sun’ zu nennen, weil ihm der Titel so gefiel. Ich habe dummerweise aus diplomatischen Gründen auch noch eingewilligt. Jetzt gibt es zwei komplett verschiedene Wolfmother-Songs, die unter demselben Namen kursieren - nur weil ich damals solche Zugeständnisse gemacht habe. Ich bin froh, dass ich mit genau diesem typischen Band-Demokratie-Scheiß nichts mehr zu tun habe“, lacht Andrew befreit. „Viele Leute sagen, dass es eine Stärke sei, diplomatisch zu sein. Aber zu viele Zugeständnisse sind letztlich einfach unehrlich und man macht sich selbst etwas vor. Man ist besser dran, wenn man klipp und klar zu seinen eigenen Vorstellungen steht.“

Zurück in die Siebziger

Und diese eigenen Vorstellungen sind bei Wolfmother ganz klar im klassischen Riff-Rock mit leicht psychedelischem Anschlag verwurzelt. So wie ‘Cosmic Egg’ beim Hörer vorstellig wird, könnte man meinen, dass Andrews musikalisches Universum hier den produktionstechnischen Quanten-Sprung in die Siebziger vollzogen hat. War das Debüt noch von jener Garagen geschulten-Rauheit und Dichte beseelt, die man eher mit frühen Black Sabbath und Led Zeppelin Ende der Sechziger assoziiert, so schwelgt das zweite Wolfmother-Werk noch viel mehr in den transparenten Klangssphären sämiger Seventies-Soundflächigkeit. Dazu gesellt sich ein stilistisch noch breiter gefächertes Song-Spektrum aus klassischem Rock und psychedelischen Phantasien, das neben zuvor erwähnten musikalischen Kniefällen auch Beatles-Zwischentöne, Piano-Pomp und epischere Strukturen beinhaltet. Und über alledem thront Andrews polarisierend eigensinniges, irgendwo zwischen Jack White und Ozzy Osbourne oszillierendes Organ noch (selbst-)bewusstseinserweiterter als zuvor. Kurzum: ‘Cosmic Egg’ hat alles, um zu einem künftigen Mitglied in der starbesetzten Reihe ‘Zeitlose Rock-Klassiker’ zu werden. Kein Wunder, schaut man sich Andrews favorisierte Fach-Führungskräfte an:
„Ich höre meistens Bob Dylan, Led Zeppelin, die Beatles und die Stones. Die haben alle einen Haufen Platten gemacht und man kann allein damit schon den Rest seines Lebens verbringen, wenn man sich nur deren Backkatalog anhört. Ich höre also eine gewisse Auswahl an Künstlern, aber dafür konsistent und kontinuierlich. Erst kürzlich hatte ich wieder eine massive Neil Young-Phase.“ Darüber hinaus gehen aber sowohl aktuelle wie etwas abwegigere musikalische Strömungen an Andrew nicht spurlos vorbei. „Aktuell mag ich die Fleet Foxes sehr, und auch MGMT oder die neue Beck-Scheibe. Und ich stehe total auf Jim Steinman (u.a. Meat Loafs ehemaliger Haus- und Hofkomponist). Das war teilweise ein Einfluss bei manchen der neuen Songs. Ich liebe Stücke wie ‘Total Eclipse Of The Heart’, dieses Songwriting mit seinen Steigerungen, Tonartwechseln und der Vielschichtigkeit - einfach brillant.“

Bescheidenheit war gestern, weshalb es auch nicht weiter verwundert, dass ‘Cosmic Egg’ zeitgleich in verschiedenen Formatvariationen erscheint. Neben der regulären Zwölf-Track-Version wird es zudem eine limitierte Edition mit 16 Tracks sowie ein standesgemäßes Vinyl-Doppelalbum mit ebenfalls 16 Songs geben. Diverse nicht-physische MP3-Formate noch obendrauf. „Als wir mit den Aufnahmen fertig waren, habe ich genau diese 16-Song-Tracklist des Doppelalbums an die Plattenfirma geschickt – das ist für mich das komplette Ding, die intendierte Form der Scheibe, auch genau mit dieser Songreihenfolge“, so Andrew. „Man wollte aber zusätzlich noch eine kompaktere Variante anbieten“, erläutert der Wolfmother-Vater und macht sich dabei sicherlich nicht aus rein monetären Gründen für den originären Oldschool-Ansatz des Director’s Cut stark. Alte Werte eben.


Retro vs. Retorte

keineswegs rückschrittlich sein. Insofern ist Andrew auch in der leidigen Retro-Rock-Diskussion nicht um eine triftige Spitze verlegen. „Wenn die Leute Wolfmother als Modern-Rock klassifizieren würden, wäre ich weitaus unglücklicher“, grinst der Australier bis über alle Haarspitzen seiner Afro-ähnlichen Lockenpracht hinaus. „Heute klingen viele Bands so, als könnten sie überhaupt nicht spielen. Und damit meine ich nicht so eine Art Punkrock-Spirit. Es fehlt ihnen vielmehr der Wille, es überhaupt zu wagen, Emotionen zu evozieren. Vielleicht macht das genau die klassische Ära der Rock-Musik aus: Die Leute damals sind risikobereiter an die Musik gegangen und haben sich intensiver damit auseinandergesetzt. Klar gibt es heute auch Bands, die diesen Ausdruck und einen zeitlosen Sound haben, aber vieles klingt einfach zu klinisch und konstruiert. Manche Bands sind so ausdruckslos, dass selbst elektronische Musik noch mehr Verve, Chaos und Charakter rüberbringt.“ Dabei muss der passionierte Rock-Fan nun gar nicht so weit gehen wie von Kollege Stockdale beschrieben und sich flott den Laptop mit Loops der hipsten Club-Hits zuknallen, will er lebendige Musik hören. ‘Cosmic Egg’ reicht auch in dieser Hinsicht vollkommen aus. „Mein Ansatz für das Album war, dass man die ganze Dynamik des Spiels hört, den Anschlag der Seiten, das stürmische Schlagzeug, singende Cymbals – einfach alles.“

Solo für Vier

Womit dann auch bewiesen wäre, dass Andrew seine Bandkollegen trotz ihres kreativen Stiefmütterchendaseins keinesfalls zu Statisten in einer Begleitband degradieren möchte, die nur brav kaum hörbar im Hintergrund die Sound-Staffage mimt. Ein Eindruck, der sich ein paar Tage später beim erneuten Wiedersehen, diesmal mit vollständiger Band, bestätigt. Grund für das längere Hauptstadt-Verweilen der Jungs ist nebst aktueller Album-Aktivitäten die Zusammenarbeit mit Musik-Fotograf Danny Clinch im Rahmen einer neuen Kampagne für eine große schwedische Wodka-Firma. Voll legitim, traditionelle musikalische Werte schließen neue Verbreitungswege und –formen ja nicht aus. Und während Danny und die Band so über ihre zweitägige Fotosession in L.A. referieren, die auch als Wanderausstellung zu begutachten sein wird, wird noch stärker klar, dass Wolfmother doch mehr sind als ein spleeniges Ein-Mann-Projekt mit marionettenhaften Aushilfskräften. Denn wie jede andere gute Band wollen auch Wolfmother letztlich nichts anderes als spielen, egal wo, wann oder unter welchen Bedingungen – aber am liebsten spontan und improvisiert. Eine Konstante bleibt aber: Im Wolfmother‘schen Rock-Regelwerk hat Andrew das alleinige Sagen.


Text: Frank Thiessies
Auf sallys.net: sally*sTV!
Tortenschlacht mit Wolfmother
Heimat: wolfmother.com



Entweder/Oder mit ANDREW STOCKDALE

Lennon oder McCartney?
Lennon. Der versuchte erst gar nicht, zu experimentieren. Seine Musik war immer ein Ausdruck dessen, was er gerade fühlte, was ihn zu einem sehr verletzlichen Typen machte. McCartney schien mir immer sehr berechnend, er hatte immer einen Plan. Bei Lennon kam alles aus dem Bauch.

AC/DC oder KISS?
AC/DC! Ich komme aus Australien, verstehst du.

Bier oder Wein?
Das kommt darauf an. Zurzeit definitiv Bier.

Gras oder Koks?
Schwierig, aber wenn ich mich entscheiden muss: Gras.

Jungs oder Mädchen?
Das fällt mir schon leichter: Mädchen.

Katzen oder Hunde?
Hunde. Mit Katzen kann ich irgendwie nichts anfangen…

Strand oder Berge?
Strand, ganz klar. Ich hasse Wandern.

Flugzeug oder Schiff?
Flugzeuge, die sind einfach schneller. Mein Vater ist früher zur See gefahren, er hat auf der Queen Mary gearbeitet und war deshalb nie zu Hause. Ich würde mir in die Hose scheißen, wenn ich monatelang auf einem Dampfer gefangen wäre. Wenn man einmal drauf ist, kommt man so leicht nicht mehr runter.
Fleisch oder Gemüse?
Steaks.

Disco oder Techno?
Disco. Ich war mit 17 mal in so einem Techno-Club. Ich habe mich noch nie so unglücklich und depressiv gefühlt wie an diesem Abend. Also war’s für mich die erste und letzte Begegnung mit Techno.

Sonne oder Mond?
Sonne! Ich bin ein totaler Tag-Typ. Wenn ich zu Hause bin, gehe ich früh ins Bett und stehe sehr früh auf. Meine besten Songs schreibe ich in der Morgendämmerung.

Moralisten oder Aktivisten?
Aktivisten. Es ist definitiv besser, etwas zu tun, als immer nur darüber zu labern.

Boss oder Angestellter?
Boss! Erstens verdient man mehr und zweitens war ich noch nie gut darin, für andere Leute zu arbeiten. Ich habe nie wirklich den Sinn darin gesehen und war nie ein zuverlässiger Mitarbeiter. In der Musik oder Fotografie ist das anders, hier bin ich Perfektionist. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich diese Disziplinen mit Leidenschaft und Hingabe betreibe. Es gibt keinen größeren Kick, als zu wissen, dass Leute für etwas bezahlen, das ich kreiert habe.



Stylecheck
mit ANDREW STOCKDALE

Mit Anfang 20 war ich völlig geflasht von T. Rex: Seine Haare, das Make-Up, die Klamotten, die Bühenperformance – das hat übel auf mich abgefärbt. Heute hat sich das etwas gelegt, nur die Frisur ist geblieben. Mich beeindrucken in jüngster Zeit vor allem Leute, die so aussehen, als würden sie NICHT auf der Bühne stehen: David Bowie, Iggy Pop, Henry Rollins. Sie sind der lebende Beweis, dass es immer besser ist, es nicht zu übertreiben, sondern seine eigene Persönlichkeit auf die Bühne zu übertragen. Nichts ist magischer als das.


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