billy talent
Don't mess with Rumpelstilzchen!
Benjamin Kowalewicz ist sauer. Er ringt nach Worten und schaut sich mit Feuer in den Augen nach einem Promoter oder sonstigem Ansprechpartner im Raum um. Soeben musste der kleine, schmächtige und durch seine gezupften Augenbrauen insgesamt etwas androgyn wirkende Frontmann erfahren, dass eines der ersten Deutschland-Konzerte seiner Band satte 15 Euro an der Abendkasse kosten soll. 'Zu so einem Preis kommt doch keiner rein!', wirbelt er aus seiner sympathischen, gesprächsfreudigen Ruhe hoch. Und plötzlich ist er wieder da, der wild entschlossene, zielgerichtete Blick, dem etwas rumpelstilzchenhaftes innewohnt. Etwas, das auch seiner aufstrebenden Band Billy Talent das gewisse Feuer im Arsch verpasst und sie zu einer der verheißungsvollsten Punk/Hardcore-Bands dieses Jahres macht.
Fünf Dollar würde Benjamin maximal ausgeben, um sich eine neue Band in seiner Stadt anzuschauen, und keinen Cent mehr. 'Wie sollen sich die Kids denn an uns rantrauen, oder an irgendeine andere neue Band, wenn sie schon an der Kasse von einem hohen Preis abgeschreckt werden?!', erklärt er. 'Ich denke, das ist auch das Dilemma der großen Musikindustrie: im Vorfeld, bevor überhaupt jemand irgendeinen ersten Ton von der Band gehört hat und von sich aus interessiert sein kann, wird bereits ein riesiges Brimborium veranstaltet. Das lockt die Leute aber heutzutage weniger an, denn einen neuen Hype gibt es quasi jede Woche. Diese ganze Vorab-Feier treibt aber auch die Werbekosten für die Plattenfirma in die Höhe, die die Band mit ihrer Platte dann wieder einspielen muss. So kosten am Ende dann die CDs mehr als die Leute bezahlen wollen. Und wer würde schon 15 Euro für eine kanadische Band ausgeben, deren Platte hier noch nicht mal veröffentlicht ist und deren Namen niemand zuvor gehört hat? Ich persönlich würde solche ein Konzert schon aus Prinzip boykottieren, egal wie gut die Gruppe ist...' Der Mann hat Ahnung und, was noch wichtiger ist, er kann mit Hilfe dieses Wissens und seines Engagements auch Sachen bewegen.
Nach The Weakerthans outet sich die kanadische Provinz-Großstadt Winnipeg also ein weiteres Mal als Schmiede einer ganz außergewöhnlichen Band. Billy Talent setzen wild, explosiv und - ihrem Namen alle Ehre machend - talentiert zum Tiefflug auf alternative Musikhörerschichten an. Hardcore, Punk, Indie, Screamo... hier kommt jeder auf seine Kosten. Vielleicht im Klang nicht unbedingt ganz neu, aber komplett erfrischend und durchwirbelnd allemale. Die letzten Platten von A.F.I., The Used und At The Drive-In haben hörbar Spuren hinterlassen. Drei ungenannte Einflüsse. Die hätten schlechter ausfallen können. Genauso wie der unabdingbare Wille, live in besonderem Maße aus sich rauszugehen und etwas selten Kreatives zu entwerfen. Benjamin, der Derwisch von weiter oben, gibt ein Faible für durchgeknallte Sachen wie die Blood Brothers und Mars Volta zu. 'Kannst auch noch gerne Fugazi dazuschreiben. Mich begeistert Musik, die mich persönlich herausfordert, textlich wie musikalisch. Je intensiver das Hörerlebnis ausfällt, desto besser. Ich liebe es kantig, ungeschliffen und extrem! Dinge, die mich privat zum Nachdenken bringen und mich bewegen, packe ich in unsere Band und lasse sie dort explodieren. Das ist meine Art, sie zu verarbeiten. Vielleicht nimmt jemand beim Konzert diese Energie auf und vollbringt seinerseits für sich wieder etwas Positives, mit dem er wiederum andere Menschen beeinflusst...' Das klingt dann in etwa so, als seien Jello Biafra oder Johnny Rotten frisch kastriert von einer Tarantel gestochen worden und würden sich nun furios den Jungs von At The Drive-In an den Hals werfen.
Schon der wilde Opener namens 'This Is How It Goes' knallt mit einer Inbrunst aus den Boxen, so wie der erste Funke in einem verheerenden, hochsommerlichen Waldbrand. Es folgt eine Handvoll weiterer Knaller wie Öl ins Feuer, bevor man erstmal nach Luft ringen muss, um dieses enorme Hörerlebnis verarbeiten zu können. 'Man sollte sich Zeit für die Platte nehmen', gibt Drummer Aaron Solowoniuk offen zu. 'Die Songs sind auch für uns immer noch extrem und holen alles aus uns heraus. Wie muss es da erst sein, wenn man sie das allererste Mal hört...?!' Ein Sprichwort passt bei diesem Wechselspiel aus Aggression und Melodie wie die Faust aufs Auge: hier werden keine Gefangenen gemacht!
Benjamin und seine drei Mitmusiker schmissen vor Jahren kurzerhand ihre alten Prog-Rock-Bands über Bord, um einer Vision zu folgen, die von Flächenbrand und entfesselten Melodien handelt. Kennengelernt hatten sie sich bereits zu Highschool-Zeiten. Auf den ersten Blick, jenseits der Bühne, wirken die Mitglieder von Billy Talent handzahm, lieb und herzensgut. Drummer Aaron Solowoniuk etwa schwärmt sehnsuchtsvoll von seiner fünf Monate alten Tochter. Ian D'Sa (Gitarre) und Jon Gallant (Bass) sind bei der Begrüßung die Freundlichkeit in Person und völlig bei der Sache. Erst die Arbeit an der Pressefront, dann der sichtliche Spaß auf der Bühne. Auch Benjamin nimmt sich Zeit für jede noch so banale Frage und macht aus dem Interview eine offene Gesprächsrunde. 'Ich will auch etwas über meinen Gegenüber erfahren', lächelt er und ergänzt: 'So erfahre ich von den Geschichten, die ich metaphorisch in meine Texte einbaue. Es sind keine direkt adressierten Themen, wir sind keine politische Band. Vielmehr eine Band, die wissen will, was in den Köpfen der Menschen abgeht. Das sind manchmal die krassesten Erlebnisse. Ich finde es interessant zu erfahren, was für eine gewaltige Vorstellungskraft in unseren Köpfen liegt und zu was wir dadurch fähig sind. So verstehe ich die Leute um mich herum besser. Weißt du, die Menschen sind so verwirrt, ihr Handeln entbehrt oft jeglicher Logik. Dann stehe ich nur da und denke: Wie zum Teufel kann jemand so etwas tun? Wenn man sich mit den Hintergründen und Geschichten befasst, fällt das Verstehen etwas leichter.'
Billy Talent sind eine Band, die gerne die Initiative ergreift, die intuitiv und spontan handelt, um die Unzufriedenheit mit ihrer unmittelbaren Umgebung auszudrücken. Das bringt ihnen nicht nur Freunde und erfreute Unterstützer ein. In den USA etwa legte sich Benjamin mit der Polizei an, um einen Fan vor dem ungerechtfertigten Zugriff des Gesetzes zu schützen. Auch zu hohe Eintrittspreise bei ihren Shows erregen die Gemüter, wie zuvor eindrucksvoll bewiesen. Doch damit nicht genug. Die Themen auf dem neuen Album 'Billy Talent' wiegen schwer an Stories über heroinabhängige Prostituierte, tödlich endenden Teenager-Spott, die Überlebenschancen in einer verzweifelten Kindheit oder die Emotionen eines an Multiple Sklerose erkrankten Freundes. Schwerer Stoff, druckvoll vertont. Wie kommt man in einem Kaff im Nirgendwo wie Winnipeg auf solch tiefe Themen? 'Ich weiß nicht. So ist halt das Leben...' Sagt's und senkt den Blick. 'Nimm dir von den Texten was du magst und verstehst. Ansonsten lass' einfach die Musik sprechen.'
Themawechsel. Wie lebt es sich auf dem nordamerikanischen Kontinent neben einem Nachbarn, der das (Un)Wohl der restlichen Welt spontan in die eigenen Hände genommen hat? 'Ich hasse die USA', raunt Benjamin mit einem Lächeln und zusammengekniffenen Augen über den Tisch. 'Nicht irgendwelche Leute im Speziellen. Wir haben viele Freunde dort und Bands, die wir mögen. Es ist vielmehr diese landesweite Mentalität, die mich an meine Highschool-Zeit erinnert. Da gab es immer eine Gruppe von aufgeblasenen Gorillas, die arrogant und intolerant die ganze Schule terrorisierten. Footballer, Sport-Freaks und andere halbstarke Deppen. Sie pickten sich immer die Schwächeren raus, um zu glänzen. Nach der Schule wussten sie nix mehr mit ihrem Leben anzufangen, wurden drogensüchtig oder gingen klanglos unter. Mal sehen, was die USA nach ihrem Schulabschluss machen...' Doch Kowalewicz ist zum Glück nicht nachtragend.
Mit ihrer gleichnamigen, nun erhältlichen dritten Veröffentlichung sind Billy Talent dort angekommen, wo sie hin wollten. 'Watoosh', ein erstes Demo, das nach einigen hundert Einheiten schnell ausverkauft war, und die 'Try Honesty'-EP dienten zum Aufwärmen. Nun folgt der erste große Longplayer. 'Wir wollten immer von unserer Musik leben und unsere Familien ernähren können', strahlt Benjamin wieder und sieht trotz schweren Deals noch richtig entspannt aus. Nein, sie verkörpern wirklich nicht das Bild irgendwelcher Musiker, die mit allgemeingültiger Emotions-Rührerei, fetter Produktion und ein wenig Auf-der-Bühne-sterben auf das dicke Geld aus sind. Wenn bei ihren Konzerten der Saal droht, Passions-Feuer zu fangen und das Publikum komplett ausklinkt, dann ist jeder Funken, jeder Schweißtropfen echt. Kalkül und beabsichtigter Massen-Akzeptanz werden bereits mit den ersten launisch-aggressiven Riffs das Genick gebrochen. Jede kommerziell einstudierte Choreographie würde wie eine graue Maus in den Kampf gegen eine wild entfesselte Klapperschlange ziehen. Also vergiss es.
Umso mehr erstaunt, wie gut Billy Talent auf dem neuen Major-Zuhause 'Atlantic' funktionieren. Eigentlich müssten sich strikt tickende Vermarktungsmechanismen und das ungezügelte Temperament der Band geradezu beißen. Doch nix da. 'Wir sind zufrieden und können uns voll durchsetzten. Wer weiß, ob wir bei einem Indie überhaupt so weit gekommen wären...?! Man muss eben hellwach sein, wie man verkauft wird, denn alles lassen wir nicht mit uns machen. Es gibt uns aber die Möglichkeit, die Leute da draußen zu erreichen, die ihre Begeisterung wiederum in die Band fließen lassen.' Zwei Tage zuvor spielten die vier Kanadier ihre erste Deutschland-Show überhaupt, und sofort auf dem riesigen 'Terremoto'-Festival, als mehrere tausend Besucher spontan zum Talent'schen Blizzard austickten. 'Es war phänomenal! Das ist genau das, was ich mir von unserer Musik erhoffe: Dass sie andere Menschen von Null auf Hundert in ihren Bann zieht und sie aus sich herausgehen lässt...' Ohne Vorwarnung, straight in your face. Feuertaufe bestanden. Von klassischen amerikanischen Festivals wie der 'Vans Warped Tour' wenden sich Billy Talent allerdings ab, denn der zelebrierte Punkrock-Zirkus ist dann nicht unbedingt ihre Baustelle. 'Zu einseitig, zu sehr Szene', ist die knappe Antwort.
Wie würden Billy Talent ihre entfesselte Achterbahnfahrt dann selber einordnen? 'Wir sind keine Punkrock-Band, auch wenn wir ähnliche Intentionen und eine ähnliche Auffassung von gewissen Dingen haben. Genausowenig sind wir Hardcore. Ich mag mich nicht einbinden lassen. Können wir nicht einfach nur unser Ding machen und eine Rock'n'Roll-Band sein...?' Irgendwie hat er Recht, denn der kometenhafte Aufstieg erfolgte unerwartet an sämtlichen Szene-Connections vorbei. Billy Talent nisten sich nicht selbstgerecht nur in der Punk- und Hardcore-Szene ein, bzw spielen nicht nur mit deren typischen Vertretern. Sie legen überall Lunte, wo man sie lässt, und reißen spontan über jegliche Genre-Grenzen hinweg mit. Der Frontmann ergänzt: 'Die Menschen suchen nach etwas Greifbarem in der Musik. Oft scheint es so, als ob es für sie nichts Inspirierendes gibt, etwas, dem sie sich verbunden fühlen oder mit dem sie sich identifizieren können. Ich bin fest davon überzeugt, dass Inspiration existiert, man muss sie nur finden...' Und das lässt sich wohl gut mit dem nun anstehenden großen Durchbruch verbinden.
v. links: John Gallant, Ian D'Sa, Aaron Solowoniuk, Benjamin Kowalewicz
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