- Text: Caroline Frey
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a perfect circle
Weniger ist mehr
A Perfect Circle. Das waren schon beim ersten Album 'Mer De Noms´ vor allem zwei Namen: Maynard James Keenan, verantwortlich für die Texte und im Hauptberuf Frontmann von Tool, sowie das musikalische Mastermind Billy Howerdel. Während sich ersterer in den letzten zwei Jahren fast ausschließlich um Tool kümmerte, begann letzterer noch während der Tour zu 'Mer De Noms', an dessen Nachfolger zu werkeln. Damals ahnte noch niemand - und am allerwenigsten wohl Billy - dass Album Nummer zwei eine derartige Reise nach Jerusalem werden würde. Mitspieler waren neben den Mitgliedern von A Perfect Circle auch Teile von Marilyn Manson, den Smashing Pumpkins, Zwan, Nine Inch Nails und den Queens Of The Stone Age.
Trotz all der Turbulenzen liegt nun mit 'Thirteenth Step' ein erstaunlich homogenes Album vor; ein Stück wunderbarer Musik, die in ihrer auf den ersten Blick paradoxen Mischung aus Minimalismus und Größe nichts neben sich duldet. Das liegt zum einen an der absoluten Dominanz eines Maynard James Keenan, der schon und immer wieder mit Tool den Beweis führt, dass Musik mehr sein kann, als sie auf den ersten Ton scheint. Ein Meister der Ebenen, des Kontrastes und des Geheimnisses, das er dem Hörer erlaubt zu entdecken, das er sich weigert zu erklären. Und das hat zum anderen genauso viel mit Billy zu tun, dessen Herzblut für diese Band und diese Musik lebensnotwendig ist. Auch wenn es diesmal den ein oder anderen Aderlass gegeben hat.
Wir erinnern uns: Billys musikalische Karriere begann als Gitarrentechniker für Bands wie die Smashing Pumpkins, Nine Inch Nails und auch Tool. Während dieser Zeit bastelt er fleißig an eigenem Material, das eigentlich ein Soundtrack hätte werden sollen. Wurde es aber nicht. Denn während der Aufnahmen zu Tools 'Aenima', bekam deren Frontmann Maynard James Keenan Wind und Gehör davon und war so begeistert, dass er sich als Sänger anbot. Die beiden holten sich musikalische Unterstützung in Form von Josh Freese (Vandals) am Schlagzeug, Paz Lenchantin am Bass und Troy Van Leeuven (Failure) an der Gitarre, und veröffentlichten 'Mer du Noms' im Jahr 2000. Soweit die Fakten.
Als Billy den beschaulichen Innenhof des kleinen englischen Pubs mitten auf dem Sunset Boulevard in Los Angeles betritt, hat er das Telefon noch am Ohr. Am anderen Ende der Leitung ist Troy Van Leeuven, sein guter Freund und ehemaliger APC-Gitarrist. Der befindet sich glücklicher Weise gerade in der Stadt und kann so seinem noch etwas nervösen Nachfolger James Iha den ein oder anderen Tipp geben, bevor in ein paar Tagen die Lollapallooza-Tour losgeht. Billy lässt sich in einen der Stühle fallen, bestellt erst mal eine große Portion Fish and Chips und fängt an zu erzählen. 'Diesmal war es ein völlig neues Ding. Das lag nicht nur an all den neuen Leuten in der Band, sondern der komplette Entstehungsprozess war ein anderer. Und ich dachte, es wäre schon schwierig genug, wenn es so laufen würde wie beim ersten Album', grinst er.
Dabei fing alles so harmlos an. Nach der gemeinsamen Tour, also Ende 2001, kehrt Maynard zu Tool zurück, um deren nächstes Album 'Lateralus' in Angriff zu nehmen. Und Billy, Josh, Paz und Troy machen sich, wie sich das für eine Band gehört, auch an die Arbeit. 'Auf dem ersten Album habe ich ja noch alles allein geschrieben, diesmal waren eine Menge Leute involviert, und das gefiel mir. Ich hätte mir sogar noch viel mehr Kooperation gewünscht, aber es wurde irgendwann zu einem Terminproblem. Gerade, als es losging, als ich das Gefühl hatte, dass sich etwas aufzubauen begann... es war einfach nicht genug, um alle am Ball zu halten', stockt Billy und fährt nachdenklich fort: 'Es gab andere Projekte, und es dauerte einfach zu lang. Ich musste auf Maynard warten, der gerade schwer mit Tool beschäftigt war. Paz bekam das Angebot, bei Zwan einzusteigen. Ich konnte ihr einfach keine Zusage für einen dauerhaften Job machen, weil ich wusste, dass es noch eine Weile dauern konnte, bis Maynard wieder Zeit haben würde. Mit Troy war es ähnlich. Eigentlich plante er sogar zurückzukommen, aber dann wurden die Queens Of The Stone Age so unglaublich erfolgreich und wollten ihn fest in der Band. Sie setzten ihn von der einen Seite unter Druck und ich von der anderen. Aber auch ihm konnte ich zum damaligen Zeitpunkt kein konkretes Datum nennen, wann es wieder losgehen würde. Ich kann seine Entscheidung für die Queens verstehen, auch wenn wir beide sehr traurig waren.'
Zunächst ersetzt Danny Lohner (Nine Inch Nails) Paz am Bass. Bis Jeordie White, den meisten wohl besser bekannt als Twiggy Ramirez von Marilyn Manson, auf der Bildfläche bzw. auf einer Silvesterparty auftaucht. Obwohl seine Bewerbung bei Metallica noch läuft, rennt er dort mit den Worten 'Hey, ihr Typen sucht doch auch einen neuen Bassisten, oder?' in APC-Drummer Josh Freese. Billy ist zunächst skeptisch, 'Ich wusste nicht, ob Maynard das gefallen würde. Ein Typ, der unter Tonnen von Make-Up bei Manson gespielt hatte... Maynard fand die Idee aber gar nicht so abwegig und meinte nur: 'Lasst es uns ausprobieren.'' Es funktionierte: Jeordie übernimmt den Bass und Danny wechselt an die Gitarre. Das funktioniert nur bedingt, und so beschließt man, sich nach einem neuen Live-Gitarristen umzusehen.
Womit wir bei der jüngsten Neubesetzung wären. Zum Zeitpunkt des Interviews hatte Ex-Smashing Pumpkins Klampfer Iha kaum mehr als ein paar Tage Zeit gehabt, um mit seiner neuen Band zu proben, und in einer Woche sollte es auf Lollapalooza-Festival-Tour gehen. Ihas Nervosität ist also mehr als verständlich. 'Er ist unglaublich', schwärmt Billy. 'Unsere Musik ist zwar nicht besonders schwer zu spielen, aber sie enthält Unmengen an Informationen. Ich habe keine Ahnung, wie er es geschafft hat, das alles in elf Tagen zu lernen. Ich glaube, es gibt nicht viele Leute, die so etwas überhaupt auf die Reihe kriegen.' Natürlich nicht ganz ohne Hilfe. Wie wir wissen, steht Troy als Berater im Studio zur Verfügung, und auch Billy half auf ganz besondere Art und Weise aus: 'James war gerade in Schweden und produzierte dort eine Band für sein Label, als ich ihn anrief und ihm von den anstehenden Konzerten und der Idee, ihn dabei an der Gitarre sehen zu wollen, erzählte. Ihm gefiel die Idee so gut wie mir, aber wie zum Teufel sollte er die Songs lernen? Ich habe mich also mit meiner Gitarre vor eine Kamera gesetzt und die Songs gespielt. Das Ganze hab ich ihm auf eine DVD gepackt und nach Schweden geschickt', erzählt Billy und lacht plötzlich laut auf. 'Ich hoffe nur, dass dieses Video niemals das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Man sieht mein Gesicht zwar nicht, aber ich sitze in diesem schicken Schlafanzug auf meinem Bett, spiele Gitarre und erzähle mit einer unglaublich monotonen Stimme, welchen Akkord ich wann greife. James ist fast irre geworden.'
Jeordie, formerly known as Twiggy Ramirez, hingegen ist die Ruhe selbst. Mit schwarzem Hemd, Jeans, Turnschuhen und den schwarzen Zottelhaaren über dem etwas schiefen Gesicht, sieht er aus wie der nette Junge von nebenan. Gestern hat er sich 'Terminator 3' im Kino angesehent, und freudig präsentiert er den gerade erstandenen 'Star Wars'-Comic. 'Meine Zeit bei Manson war einfach abgelaufen', erklärt White. 'Ich hatte alles gesagt und getan, was mir für diese Zeit meines Lebens wichtig war. Es wurde mehr und mehr zu einem Job und der Spaß blieb auf der Strecke.' Auch wenn er immer wieder betont, dass es sich bei der Trennung von Brian Warner (aka Marilyn Manson) um ein Auseinanderleben auf rein beruflicher Ebene handelt, verwundert es doch, dass er in das aktuelle Album seines Ex-Kollegen, 'The Golden Age Of Grotesque', noch nicht einmal reingehört hat, geschweige denn vorhat, ihm ein Album von APC zukommen zu lassen. 'Ich glaube, er würde es sich nicht anhören. Wir reden zwar nicht oft miteinander, aber ich zähle ihn auf jeden Fall zu meinem engsten Freundeskreis.' Aber all den anderen guten Freunden wird er das Album doch sicherlich vorstellen und gerade dem, mit dem er die Leidenschaft für die Musik teilt, enthält er es vor? Macht das Sinn? 'Vermutlich nicht - keine Ahnung. Vielleicht gebe ich ihm auch eins', windet sich Jeordie. 'Ich habe noch nicht wirklich darüber nachgedacht.' Und nach einer Pause fährt er nachdenklich fort: 'Vielleicht ist es dasselbe Gefühl, das einen seiner Ex-Freundin nicht unbedingt von der neuen vorschwärmen lässt.' Gut. Verständlich. Vermisst er seine Ex denn manchmal? 'Klar. Es war schließlich ein großer und wesentlicher Teil meines Lebens. Am meisten vermisse ich wohl die Gefahr - und es war verdammt gefährlich. Deshalb bin ich auf der anderen Seite auch wieder heilfroh, dass es vorbei ist.' Gefährlich im Sinne von 'Sex, Drugs and Rock`n`Roll'? 'Exakt. Es fing als Heidenspaß an und war irgendwie cool. Aber je älter ich wurde, um so trauriger wurde es. Versteh' mich nicht falsch - das ist meine Meinung über mein Leben und nicht über das von irgendjemand anderem', beugt er schnell irgendwelchen Missverständnissen vor. 'Ich bereue nichts von dem, was ich tat, aber ich fühle mich hier und jetzt an einem weitaus gesünderen Ort. Es ist wie ein neues Paar Schuhe, und es macht Spaß. Ich kann jedem da draußen, der Angst vor Veränderungen hat, nur sagen: Probiert es aus!' Das neue Paar Schuhe trägt er seit Februar diesen Jahres. Und wie das mit neuen Schuhen nun mal so ist, müssen sie eingelaufen werden. 'Als ich dazu kam, steckte der Rest schon Mitten in der Arbeit. Mein Beitrag war also eher gering, aber die Atmosphäre, mit vier oder fünf Leuten in einem Raum zusammen Musik zu machen, war großartig, auch wenn sie sich natürlich komplett von meiner vorherigen Arbeitsweise unterschied. Ich gewöhne mich immer noch. Außerdem ist es etwas anderes, Musik zu spielen und zu lernen, die man nicht selber geschrieben hat. Für die Tour muss ich ja auch das komplette erste Album beherrschen.' Das hatte er für Metallica allerdings auch getan. Wie ging diese Geschichte eigentlich aus? 'Es war schon verdammt cool, mit meinem Bass neben James Hetfield zu stehen und 'Master Of Puppets' zu spielen. Ein Kindheitstraum. Für Metallica war die Suche nach einem neuen Bassisten eine sehr wichtige Entscheidung, für die sie sich viel Zeit nahmen. APC war letztlich einfach schneller, und ich bin meinen Instinkten gefolgt. Jetzt bin ich verdammt froh, dass es so gelaufen ist. Ich fühle mich pudelwohl hier, und das Spannendste an einer Zusammenarbeit mit Metallica wäre wohl das Promofoto gewesen.'
Das Ergebnis seiner Arbeit mit APC findet sich neben dem Bass-Spiel in der musikalischen Mitgestaltung von 'The Package' und 'Crimes' - letzteres ist neben 'Lullaby' eines der merkwürdigsten Stücke der Platte. Vor einem alles bestimmenden Schlagzeug und psychedelischen Soundcollagen wird bis zehn gezählt, während man im Hintergrund Leute lachen und reden hört... 'Ich glaube, so ein Song entsteht, wenn man stundenlang Ali G. im Fernsehen guckt', grinst Jeordie verschmitzt. Und auch Billy verweigert strikt die Aussage, sobald es um inhaltliche Fragen geht. 'Ich kann und will nichts dazu sagen, das muss Maynard tun oder der Hörer selbst für sich herausfinden. Nur so viel kann ich verraten: 'Thirteenth Step' stammt aus der Terminologie der Anonymen Alkoholiker, deren Therapie ja eigentlich nur zwölf Schritte kennt. Der 13. meint den sexuellen Missbrauch eines verwundbaren Neulings durch jemanden, der schon erfahrener, weiter und länger dabei ist.' Darauf macht euch jetzt mal einen Reim - oder lasst es einfach. Denn manchmal ist weniger eben doch mehr, was diese Platte in mehrfacher Hinsicht beweist - wenn man sich denn darauf einlässt.
Einlassen musste sich auch Billy und zwar auf Maynard, der dieses Mal auch musikalisch eine weitaus tragendere Rolle und damit zahlreiche Kompromisse forderte. 'Beim ersten Album schickte ich im 13 Songs, und er sang auf zwölf. Dieses Mal schickte ich ihm acht und er akzeptierte drei. Er hatte wesentlich klarere Vorstellungen als zuvor, der eine Song war ihm zu schwer, der andere zu leicht und der nächste zu optimistisch. Er hatte meist das letzte Wort und deshalb taucht er auch als 'Executive Producer' auf der Platte auf.'
Wie frustrierend ist das denn? Da arbeitet man fast zwei Jahre an neuem Material, verliert die Hälfte der Band, und dann wird einem auch noch der Großteil der Arbeit um die Ohren gehauen? 'Ja, es war nicht ganz einfach', gesteht Billy. 'Es gab einige Songs, die ich in einer komplett anderen Richtung sah. Und wir sind beide sehr leidenschaftlich, wenn es um unsere Musik geht. Trotzdem muss man - wie in jeder guten Beziehung - auch kompromissfähig sein. Es ist ein Geben und Nehmen. Hier wie da. Manchmal ist es schwer, die Balance zu finden, Leidenschaft macht ja auch hin und wieder betriebsblind - aber irgendwie haben wir es geschafft, und ich bin mit dem Ergebnis mehr als glücklich.' Das nimmt man ihm sogar ab, auch wenn zwischen seinen Zeilen immer wieder durchblitzt, dass es hier und da alles andere als leicht gefallen ist. Sei es bei der aktuellen Single 'Weak And Powerless' ('Das war der erste Song, den ich in meinem Leben geschrieben hatte. Vor ca. zwei Monaten wurde er noch mal komplett überarbeitet. Maynard wollte unbedingt diesen einen Drumbeat, der das Stück komplett auf den Kopf stellte.') oder sei es die Tatsache, dass Billys Wahl für die erste Single auf 'The Outsider' - neben 'Pet' einer der etwas krachigeren Titel - gefallen wäre.
Er kann dem Ganzen noch einen weiteren und ganz anderen positiven Aspekt abgewinnen: 'Viele der Songs, die nicht passten und es nicht auf das Album geschafft haben, hebe ich mir entweder für ein nächstes APC-Album oder für ein eigenes neues Projekt auf.' Nachtigall, ick hör' dir trapsen...? 'Ja. Wenn wir mit dieser Tour fertig sind, habe ich mir fest vorgenommen, etwas Neues auf die Beine zu stellen. Vielleicht werde ich singen, oder mir einen Sänger suchen. Auf jeden Fall will ich arbeiten, während Maynard wieder mit Tool beschäftigt ist. Ich habe acht Songs, die gut zusammen passen und es gibt auch schon einige Leute, mit denen ich gerne zusammenarbeiten würde. Es gibt da zum Beispiel diese Schlagzeugerin namens Sam Maloney. Ich glaube, sie spielte eine Weile bei Hole und Mötley Crüe. Ich mag sie und ihr Spiel - sie weiß allerdings noch nichts davon.' Na, warten wir es ab. Jetzt, da sich Zwan aufgelöst haben, stünde ja auch Paz wieder zur Verfügung. Wie auch immer das Projekt heißt, und wer auch immer an den Instrumenten steht - so lange so großartige Musik dabei herauskommt, ist das, gelinde gesagt, verdammt egal.
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