the strokes
Das Imperium schlägt zurück
Der Wahnsinn geht weiter. Wenn dieser Tage mit 'Room On Fire' das meist erwartete Rockalbum der Saison erscheint, dann sind die Bleistifte der schreibenden Zunft schon gespitzt. Der NME kündigt ungehört das 'Album des Jahres' an, alle anderen sekundieren pflichtschuldig. Und zur Überbrückung bis zum Release gibt's auf nme.com einen hochnotpeinlichen 'welcher Strokes-Typ bist du-?'-Psychotest. Ebenso positioniert haben sich die Strokes-Gegner, denen die New Yorker schon immer ein bisschen zu sehr nach gecasteter Proto-Garagenrockband aussahen. Der alte Satz vom 'schwierigen zweiten Album', ist angesichts solcher Medien-Exzesse ein dramatisches Understatement. Und die Strokes? Die machen, was sie eigentlich immer schon gemacht haben: Sie beschwichtigen, wiegeln ab und überzeugen ein weiteres Mal mit einem großartigen Stück Musik.
In hype we trust!
Es gibt ja, die Mutter aller neuzeitlichen 'The-Bands' betreffend, eine sehr banale, wenngleich schöne Wahrheit: Julian Casablancas, Nikolai Fraiture, Fabrizio Moretti, Albert Hammond Jr. und Nick Valensi, das sind vor allem fünf Freunde aus New York, die miteinander aufwuchsen, irgendwann eine Band gründeten und mit dieser dann ein fulminantes Album aufnahmen: No big deal. Alles, was danach kam und auch jetzt wieder kommen wird, kann man diesen Jungs nicht wirklich ankreiden.
Trotzdem war es von Anfang an das durch die Band ausgelöste Phänomen, das den Blick auf die Musik verstellte und vielen, das ist das Ärgerliche daran, auch vermieste. Es war aber auch zu verlockend: Fünf gut aussehende Jungspunde in nur nach Second-Hand aussehendem Lotter-Streetwear aus dem Katalog für angewandte Coolness, lassen die Tradition der New Yorker Gitarren-Boheme aufleben. Das weckt Sehnsüchte, regt Phantasien an. Unter anderem die der Industrie: gesteuerte 'Underground-Bands'. Ein perfider Versuch der bösen Majors, den Indie-Rock zu infiltrieren. Na klar! Die wie Maß geschneidert wirkende Biografie der Strokes 'stützt' diese These durch die reichen, ja berühmten(!) Eltern von Casablancas und Hammond Jr., die sich ihrer aufsässigen (nur Casablancas) Söhne durch angeordnete Aufenthalte in teuren Schweizer Privatschulen entledigten (wieder beide).
Die Tatsache, dass Julian Casablancas' Vater mit der Agentur 'Elite' den Prototyp aller Supermodel-Schmieden gründete und Albert Hammond Sr. in den Siebzigern einen Hit mit dem AOR-Reißer 'It Never Rains In Southern California' hatte, geriet zum Hauptargument der puristischen Hüter der ach so krediblen Indie-Glückseligkeit. Ein Vorwurf, so erbärmlich, dass man ihn gar nicht kommentieren möchte: Man kann nämlich, lernten wir, als Rocker nur glaubwürdig sein, wenn man auf der Straße aufgewachsen ist und am besten noch im Knast war, oder mindestens von den eigenen Eltern misshandelt wurde. Der derart angefeindete Hammond Jr. ist sich dennoch nicht zu schade die Anschuldigungen zu entkräften: 'Weder Julian noch ich sind mit unseren Eltern im Ferrari durch die Gegend gekurvt oder haben mit 15 auf irgendwelchen Promi-Partys abgehangen, so ist das nicht gelaufen. Julian ist nicht einmal bei seinem Vater aufgewachsen, seine Eltern lebten getrennt. Ich finde es erstaunlich, dass das überhaupt diskutiert wird. Wir sind schließlich nicht die erste Band aus der gehobenen Mittelschicht. Wer uns nicht mag, pickt sich diese Dinge raus, was ich ehrlich gesagt sehr kindisch finde. Wenn ihr uns hasst, dann tut das wegen unserer Musik, aber doch bitte nicht unserer Herkunft wegen.'
Außerdem habe man den Namen der Eltern auch nie benutzt. Das berühmte Demo, das ihnen den Deal mit (dem Indie-Label!) 'Rough Trade' verschaffte, wurde nicht, wie vielfach fälschlich kolportiert, durch Julians Vater an Labelboss Geoff Travis heran getragen, sondern durch einen Freund von Ryan Gentles, dem Manager der Band. Vor diesem Demo lagen freilich einige Jahre, die sich so oder ähnlich in jeder zweiten Bandbio finden und die alles andere als glamourös sind. Wie so viele andere brechen die Strokes die Schule ab, um sich ausschließlich der Musik zu widmen und dann die nächsten Jahre im Proberaum und bei erbärmlich schlecht besuchten Club-Gigs zu verbringen. Irgendwann hatten sie genug Selbstvertrauen, diese Songs aufzunehmen, weiterzugeben. Tausendmal gehört!
Geschichte wiederholt sich
Der von dem Demo begeisterte Travis bat die Fünf nach London, die EP 'The Modern Age' wurde eingespielt, die Lawine kam ins Rollen. Und vielleicht hat John Casablancas ja wirklich irgendeinem Reporter den Tipp gegeben, sich mal die Band seines Sohnes anzugucken. Und wenn? What's so fucking bad about that? 'Türen, die sich durch Beziehungen öffnen', weiß Hammond, 'schließen sich ganz schnell wieder, wenn die Musik nichts taugt.' Die aber hatte es in sich: Das schließlich zustande gekommene Album, 'Is This It' war ein simplizistischer Monolith. Ein Meisterwerk des schnöseligen Understatements. Ein so genannter Grower, der mit jedem Hören weitere Schichten der elf enthaltenen musikalischen Kleinoden entblätterte.
Am Anfang klangen die Strokes wie Velvet Underground, drei Monate später mussten die New Yorker schon selbst als Referenzgröße für ganze Armadas ähnlicher Bands herhalten. Von sämtlichen Titelblättern, nicht nur der Musikpresse, blickten einem bald ungepflegte junge Männer entgegen. Eine Etikettierung war - wie in solchen Fällen üblich - schnell gefunden: Die 'The-Bands' sollten es sein. Und irgendwann mochte man es dann gar nicht mehr hören: Die ewigen Verweise auf die Jubelperser von der englischen Presse, auf Retro-Style und musikalische Patenschaften der Stooges und von MC5. Dabei ist es ja wahr - jenseits von all dem Hype, haben uns die zwei Jahre seit 'Is This It' eine erstaunliche Menge an wirklich guter Musik gebracht. Weder die Libertines noch die - freilich vorher schon aktiven - Hives oder die Vines, B.R.M.C und YeahYeahYeahs, wären ohne den Erfolg der Strokes einem breiteren Publikum bekannt geworden. Die Verkaufszahlen all dieser Bands rechtfertigten ein solches Theater allerdings keineswegs. Auch hier sind die Strokes mit weltweit 2,5 Millionen verkauften Alben Vorreiter - im Vergleich zu Megasellern wie Nickelback ein Witz. Nein, es ging um die Haltung. Und (für den Mainstream) darum, sich mit den jungen Wilden zu schmücken. Der Auftritt der White Stripes bei den MTV-Awards ist der beste Coca Cola-Clip, den der Konzern nie gedreht hat.
Irgendwann kamen auch die durchschnittlichen, ja erbärmlich schlechten Bands daher. Und natürlich ist es scheisse, wenn die Musik, die man selber immer schon geliebt hat, zum Massenphänomen wird - samt Hives-Rezensionen in der Vogue. Aber können wir uns eine solch elitäre Haltung angesichts der eingefahrenen Situation im Rock des Jahres 2001 wirklich leisten? Sicher nicht, wir sollten den Strokes dankbar sein, sie haben die selbstgefälligen Trutzburgen der Limp Bizkits und Creeds dieser Welt sturmreif geschossen.
Einige Schreiber nahmen dies in ihrer Euphorie dann auch gleich zum Anlass, die 'The-Bands' zu einem historischen Ereignis in der Dimension der Punk-Revolution zu verklären. Der Vergleich mit '77 ist jedoch dumm und zu weit gegriffen. 'Is This It' war eine dringend benötigte Initialzündung in Zeiten musikalischer Stagnation, nicht mehr. So etwas passiert alle zehn Jahre, auf die Selbstheilungskräfte des Rock ist durchaus Verlass. Aber eins darf man nicht vergessen: Auch der Punk der frühen Jahre war nur eine Warholsche Viertelstunde lang aufregend, bevor er von der Industrie vereinnahmt wurde. Und auch die ersten Platten von The Clash, oder auch die eine von den Sex Pistols, erfanden ja keineswegs den Rock'n'Roll neu. Trotzdem, Punk hatte gesellschaftspolitische Relevanz; heute geht es 'nur' noch um Musik. Wer in Casablancas' Lyrics nach einem tieferen Sinn fahndet, wird dann auch nicht fündig werden zwischen all den nett aneinander gereihten Nichtigkeiten. So hat der Titel der aktuellen Single auch keine kryptische Bedeutung. Sie heißt einzig und allein '12:51', weil Julian beim Proben des noch namenlosen Songs einen Blick auf die Uhr warf und es, erraten, exakt 12:51 Uhr war. Ebensowenig taugt der Sänger zum neuen Cobain. So gerne das Musik-Boulevard auch versucht, ihn dazu hochzustilisieren. Das Zeug zum opinion-leader hat Casablancas (noch?) nicht.
Die Strokes befriedigen aber offensichtlich ein bei vielen Menschen vorhandenes Bedürfnis nach ursprünglichen Werten in unsicheren Zeiten. Als sie schließlich für die ersten Konzerte nach Europa kamen, wurden sie von einer taumelnden Masse empfangen wie der Heiland beim Einritt in Jerusalem. Die großen Hallen waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft und die enthusiasmierten Fans sangen jedes Wort mit. Das folgende Jahr verbrachte die Band mit unablässigen Tourneen, die sie bis an den Rand der Belastungsgrenze brachten und die Freundschaft der Fünf auf eine ernsthafte Probe stellten.
Danach haben sie erstmal gefeiert. Je nachdem, wen man fragt, 'exzessiv und mit Hollywood-Stars' (Na so was!), (NME) oder 'nie besonders ausschweifend, das sind doch nur Storys', (Hammond Jr.). Und nein, (die mit Fabrizio Moretti liierte) Drew Barrymore und Konsorten hätten ihnen nicht den Blick auf das Wesentliche verstellt, Erstere sei aber 'sehr nett.' Wie auch immer, irgendwann haben sie den Weg ins Studio wieder gefunden. Man braucht sich also keine Sorgen zu machen, dass die Band zu einer Bande von cheesy Hollywood-Säufern im Gefolge von Billy Idol und Mickey Rourke mutiert.
Die Hütte brennt
'I wanna be forgotten and I don't wanna be reminded', singt Julian Casablancas in der Eröffnungszeile von 'What Ever Happened', dem ersten Song auf 'Room On Fire'. Es wird ihm und den Strokes nicht gelingen, nicht mehr nach diesem Album. Wieder elf Songs aus der Feder von Casablancas, wieder eher kurz (33 Minuten, 13 Sekunden), präsentiert sich das Album als direkter Wiedergänger des Vorgängers - mit vorsichtiger Tendenz zur Weiterentwicklung. Jedenfalls ging der im Vorfeld der Aufnahmen angekündigte Veränderungswille nicht so weit, dass man bereit war, die Sessions mit Radiohead-Knöpfchendreher Nigel Goodrich wie geplant zu Ende zu führen. Nachdem es sich mit Goodrich 'einfach nicht richtig angefühlt hat' (Hammond Jr.), holte die Fünferbande den bewährten 'Is This It'-Producer Gordon Raphael zurück ins Boot. Mit Raphael, Bandguru JP (der als Vermittler zwischen Band und Produzent, Gitarrenlehrer und 'Helfer in allen Lebenslagen' fungiert) und Manager Ryan 'Wiz Kid' Gentles, war das Erfolgsteam also wieder komplett, der kreative Rahmen gesteckt.
Der Rückzug in den eigenen Mikrokosmos dürfte jedoch noch einen anderen Grund gehabt haben als den, die Produktionsbedingungen des ersten Albums so authentisch wie möglich wieder aufleben zu lassen: Der Druck muss enorm gewesen sein. 'Es ist frustrierend, dass wir auf diese ganze Hype-Geschichte keinerlei Einfluss nehmen können', bestätigt Hammond Jr. 'Die einzige Möglichkeit, sich davon nicht verrückt machen zu lassen, ist, einfach seinen Weg weiter zu verfolgen und nicht alles zu glauben, was die Leute schreiben. Wir klopfen uns jedenfalls nicht auf die Schultern und sagen: 'Klar, wir sind die Größten.' Wir finden das ganze Theater eher albern. Nichtsdestotrotz ist alles, was wir als Band tun, von einer gewissen Angst vor dem Scheitern begleitet. Das ist aber eher eine gesunde Angst, die uns nicht lähmt, sondern anspornt.'
Nachdem es gelungen war, störende Einflüsse von außen auszusperren (von der Plattenfirma haben sich die Strokes 'künstlerische Freiheit' erbeten und auch bekommen), entwickelte sich in den New Yorker TMF-Studios eine aufgeladene kreative Athmosphäre, so dass der Albumtitel durchaus wörtlich zu nehmen ist. Wirklich gebrannt hat es aber nur einmal (fast): Der an Achtziger-New Wave-Keyboards angelehnte Gitarrensound auf '12:51' war zu viel für den Amp von Nick Valensi, das gute Stück hat sich zwei Mal aufgeraucht, ehe die Nummer im Kasten war. Soundexperimente dieser Art scheinen typisch für die Strokes. Akribische Studioarbeiter, die sie sind, haben sie auf 'Room On Fire' nichts dem Zufall überlassen. Mit viel Liebe zum Detail wurde noch an der kleinsten Gitarrenfigur so lange herumgetüftelt, bis alles so klang, wie man es haben wollte. Zeit wurde dabei zum relativen Begriff: 'Das Studio hatte keine Fenster. So merkten wir gar nicht, wie die Zeit vergangen ist. Wir begannen meist gegen 14.00 Uhr und auf einmal meinte wieder jemand: 'Jungs,schon wieder drei Uhr morgens, was zur Hölle machen wir hier eigentlich?''
Den Songs hört man die Arbeitswut glücklicherweise nicht an. Auch 2003 ist die typische Strokes-Komposition ein auf das Minimum eines Songs reduziertes, archaisches Klanggebilde, das seinen Reiz durch die Zutaten der Band typischen Ingredienzen erhält. All die verwobenen Details wie Hammonds sägende Achtelgitarren (mitunter hart an der Grenze zum Störgeräusch), Morettis polternde Moe Tucker (Velvet Underground)-Gedächtnis-Rhythmen, oder Julians herrlich nölige Kindermelodien und die schräg-minimalistischen Gitarrensprengsel; all diese Dinge definieren den Strokes-Sound, für dessen Genialität es keine verbale Entsprechung gibt. Gut, hier und da hat man vorsichtig Neues probiert. 'Under Control' lässt die Reggea-Leidenschaft der Band durchblicken, 'The Way It Is' ist - für Strokes-Verhältnisse - beinahe Metal. Das fantastische, bereits von den Konzerten bekannte und hier noch einmal umarrangierte 'Meet Me In The Bathroom' oder auch 'You Talk Way Too Much' , sind aufdringlicher, nicht ganz so lethargisch wie gewohnt. Insgesamt heißt die Erfolgsformel aber: so viel 'Is This It' wie möglich, so viel Weiterentwicklung wie nötig (oder umgekehrt).
Epilog
Die Strokes haben es also geschafft: Einerseits den immensen Erwartungen gerecht zu werden, andererseits sich gegen die ständig von allen Seiten drohende Vereinnahmung zu wehren. Auf ihre eigene, symphatische Weise und mit strikten Regeln: Werbung? 'Not yet'! Soundtrackbeiträge? Siehe oben. Videos oder klassische Singlepromotion? Ungern. ('12:51' stellte die Band bereits Wochen vor Veröffentlichung zum Download auf der Website bereit.)
Und der Hype? Den brüten doch sowieso nur frustrierte Generation-Xler in verantwortlicher Position aus, die in den think tanks der Trendagenturen ihrer Jugend in den Achtzigern nachheulen. In England sind sie gerade dabei, mit The Darkness das Spandex-Hair Metal-Revival zu proklamieren. Noch Fragen?
Bleibt die Musik. Frank Zappa hat einmal gesagt, es gäbe nur gute oder schlechte. Die Strokes, so viel steht spätestens mit 'Room On Fire' fest, sind die Guten. Und die Konkurrenz hat nun wieder Zeit, sich an ihrer Vorgabe abzurackern.
Bildbearbeitung: Alec Völkel
ANZEIGE
