- Text: Timo Richard
- Fotograf: Erik Weiss
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Biffy Clyro
Das ganz normale Drama
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Prolog im Himmel
Der Herr:
Wie einst der Faust, so stehen auch sie an einem Scheideweg,
drei schott’sche Männer, bärtig, doch gepflegt.
Nicht Krümel wollen sie, sondern den ganzen Kuchen,
Und doch mit der Vergangenheit nicht brechen.
Mephisto: Hä?! Gott, was redest du denn da?
Der Herr:
Wenn wir uns schon an Hochkultur versuchen,
so sollten wir doch auch in Versen sprechen…
Mephisto:
Hör auf mit dem Scheiß, wer soll das denn verstehen?
Der Herr:
Von Biffy Clyro ist die Rede hier, die gerade durch die Decke gehen.
Mephisto:
… und hör auf, aus meinen Sätzen schlechte Reime zu machen.
Das ganz normale Drama
‘Only Revolutions’, das neue Opus aus der Feder von Biffy Clyro, ist zu einem Bombastwerk klassischer Ausmaße geraten. Nicht zufällig bildet ein Lied namens ‘God And Satan’ das Herzstück desselben, denn diesmal gilt es für das schottische Trio zu beweisen, dass sich vermeintliche Gegensätze wie Authentizität und Erfolg, Komplexität und Pop auch im Stadionformat nicht ausschließen. Wie der berühmte Doktor Faust sind Biffy Clyro gefangen zwischen Himmel und Hölle. Wetten um die Seele dieser Band werden ab jetzt angenommen...
„U2 sind gar nicht schlecht“, behauptet James Johnston. Das muss er wohl. Wenn sich die eigene Band anschickt, in die Premiere-League des britischen High End-Rock aufzusteigen, ist es durchaus sinnvoll, kulturelle Schönheit auch im sogenannten Mainstream zu entdecken und sich vom Indie-Starrsinn früherer Tage zu trennen. „Als Junge war ich überzeugt, dass so flächendeckend erfolgreiche Bands wie U2 prinzipiell Scheiße fabrizieren“, sinniert der wallelockige Biffy Clyro-Bassist mit einem schiefen Grinsen. „Ja, und jede Band, die mehr als hundert Platten verkauft hat, war sowieso Mainstream“, fügt Sänger und Gitarrist Simon Neil zur allgemeinen Erheiterung hinzu. „Schon während der Arbeit an unserem letzten Album habe ich ‘Joshua Tree’ rauf und runter gehört. Das ist echt eine coole Platte“, gesteht Johnston daraufhin.
Überraschend kommt dieses Eingeständnis für jene, die die Entwicklung von Ayrshire’s Finest in den zwei Jahren seit ihrem erfolgreichen Major-Debüt ‘Puzzles‘ mitverfolgt haben, sicher nicht. Berührungsängste mit den Big Playern des globalen Rock haben Biffy Clyro längst nicht mehr. Zuletzt teilte man die Bühne nicht nur mit Bands, die über alle Zweifel erhaben sind. Zu eher coolen Mehrzweckhallen-Füllern wie Muse oder Queens Of The Stone Age gesellte sich in den letzten zwei Jahren auch eine hübsch ausstaffierte Geisterbahn des megasellenden Rock-Establishments. Von den schrumpeligen Rolling Stones über die aufgedunsenen Linkin Park bis zu Bon Jovi – Biffy Clyro haben alles mitgenommen, was im Kontext einer ewigen Geheimtipp-Band aus dem Glasgower Untergrund-Umland irgendwie anrüchig wirkt. Sie haben die Geister aus den Untiefen des Musikgeschäfts beschworen, um ihnen dann ordentlich in den Hintern zu treten. Denn da sind ja auch noch U2. Die durften in Person von Bono und The Edge bei Biffy Clyros ‘Little Noise‘-Session in der Londoner Union Chapel immerhin noch als Vorgruppe ran. Wer macht hier eigentlich wem Komplimente?
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust…
Heute können Biffy Clyro also einerseits nur froh sein, dass die allgemeine Definitionshoheit über ‘cool’ und ‘uncool’ selten in den Händen derer liegt, die den eigenen Hipness-Faktor durch den hochkomplizierten Erwerb vorderasiatischer Vinyl-Sonderpressungen der ersten Sonic Youth-Single begründen. Denn mit ‘Only Revolutions’ werfen sich Simon Neil und die Zwillingsbrüder James und Ben Johnston dem bösen Teufel ‘Corporate-Rock’ geradezu an den Hals. Dicke Produktion, Stargäste, Hochglanzvideos – alles dabei. Den mega-kredibilen aber leider notorisch unerfolgreichen Vorbildern der Neunziger – Braid, Lightning Bolt oder Sunny Day Real Estate – sind Biffy Clyro mittlerweile mehr als nur eine Nasenlänge voraus. ‘Puzzles’ verkaufte sich über 250.000 Mal und ‘Mountains’ und ‘That Golden Rule’, die Vorab-Singles zu ‘Only Revolutions’, schossen direkt in die britischen Top Ten. Deswegen muss sich heutzutage allerdings niemand mehr erschießen oder vor einem gestrengen Szene-Gericht verantworten, das mit selbstkopierten Fanzine-Ausgaben herumwedelt und irgendwas von ‘Ausverkauf!’ donnert. In jeder Bandkarriere drängt sich irgendwann die Frage auf, wie viel Erfolg eigentlich gut ist. Möchte ich für den Rest meines Lebens trockenes Toastbrot mit veganer Kniescheibenwurst frühstücken, um mir und anderen zu beweisen, dass ich immer noch total bodenständig bin? Wie lange macht mein Rücken noch die verdammten Feldbetten im Schlafraum des JUZ Döbeln Ost II mit? Wäre es nicht geil, wenn ich die schwere Bass-Box nicht alleine diese schmale Treppe hinauf hieven müsste? Wer hat in den Bus gekotzt? Existenzielle Fragen, die früher oder später beantwortet sein wollen.
Andererseits sind Biffy Clyro schon auf Grund ihrer knödelig elitären musikalischen Sozialisation eben tausendmal cooler als U2. Über den Köpfen der Dreifaltigkeit des Pop-Prog-Rock blinkt der Heiligenschein schottischer Bodenständigkeit. So richtig haben sich ‘The Biff’ nie auf den britischen Musikzirkus eingelassen, sondern hängen lieber mit den Glasgower Klassenkameraden von Aerogramme ab. Nach wie vor entstehen die Songs abseits der Londoner Hipster-Hölle in der Abgeschiedenheit der schottischen Provinz. Dort steht, stilecht von Hochlandnebel umwabert, ein kleines Bauernhaus, in das sich die Herren Clyro zum Proben zurückziehen. Der goldene Mittelweg zwischen Indie und Mainstream, den Biffy Clyro eingeschlagen haben, manifestiert sich nirgendwo deutlicher. Ein kleines Stück Himmel, in dem sämtliche höllischen Quälgeister von außen ihre Klappe zu halten haben und gleichzeitig ein gottverlassener Fleck auf der Landkarte. „Während wir Lieder schreiben, sind wir sehr akribisch und brauchen viel Zeit. Das ist der einzige Ort, an dem wir konzentriert Musik machen können, weil wir nur dort unter uns sind. Wenn wir touren, sieht uns ständig jemand zu. Im Studio ist es genau dasselbe. Das Haus steht mitten im Nirgendwo, dahin verirrt sich niemand so schnell. Zu viel Einfluss von außen würde sich negativ auf die Lieder auswirken, und das wollen wir auf jeden Fall vermeiden. Wir sind sehr selbstbewusst, wenn es um unsere Ideen geht, und wollen lieber mit fertigen Songs nach außen gehen“, erklärt Simon Neil den Hang der Band zur selbstverordneten Isolation. ‘That Golden Rule’, die goldene Regel der Band lautet wohl, dass Extreme nur musikalisch ausgelotet werden. Biffy Clyro wirken gefestigt und bereit für den großen Sprung. Selbst die große Melancholie, die Trauer über den Tod von Simon Neils Mutter, die sich als roter Faden durch die letzten beiden Alben ‘Infinity Land’ und eben ‘Puzzles’ zog, ist auf ‘Only Revolutions’ einem gesund großspurigen Wissen um die eigenen Stärken gewichen.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor
Dementsprechend einfach gestaltet sich für die Band offensichtlich die Antwort auf die Erfolgsfrage. Während sich so manche Indie-Hardliner in einen Keller verziehen, aus dem sie nie wieder auftauchen, um mal tief in sich reinzuhorchen, röhren Biffy Clyro dem sich anbahnenden Erfolg, den komfortablen Hotelbetten, den zugekoksten Fernsehauftritten ein lautes ‘JA!’ entgegen. 14 Jahre harte Arbeit, fünf Alben in sieben Jahren, ununterbrochenes Touren – da muss doch irgendwann was gehen:
„Natürlich haben sich im Laufe der Arbeit an ‘Only Revolutions' Hoffnungen und Erwartungen aufgebaut. Das kann den Prozess ziemlich erschweren, weil man sich anspannt. Insgesamt haben wir aber eine verdammt gute Zeit gehabt. Wir sind nach L.A. geflogen, haben die Sonne genossen und ein tolles Album aufgenommen“, berichtet James Johnston vom Aufenthalt in den Ocean Way Studios in Hollywood. Angesprochen auf die von Johnston ins Spiel gebrachten Erwartungen wird Simon Neil konkreter: „Wenn du unsere Plattenfirma fragst, erwartet die sicher eine ganze Menge Geld. Wir erwarten von uns ‘nur', ein zeitloses Album zu machen. Ob wir das schaffen, ist natürlich eine ganz andere Frage. Und außerdem erwarten wir, dass uns das Album zu Millionären macht.“
Großes Gelächter schüttelt die drei Bandmitglieder, nachdem Simon diese Worte ausgesprochen hat. Die Erkenntnis, dass sich ihre Erwartungen mit ‘Only Revolutions’ möglicherweise erfüllen könnten, scheint noch nicht den kompletten Weg durch die Hirnwindungen der drei Herren gekrochen zu sein. Als wären sie sich der wahren Länge ihrer Schatten nicht bewusst, ruckeln Neil, Johnston und Johnston auf ihren Interview-Hockern rum und amüsieren sich über jede Aussage, die ihre sonst so offensiv vorgetragene Bescheidenheit relativiert. Die dicke Hose passt irgendwie noch nicht richtig.
„Wir versuchen, Musik nach wie vor als Hobby anzusehen. Wenn das Musizieren Arbeit wird, verliert man schnell den Willen zum Weitermachen. Deshalb zwingen wir uns zu nichts. Wir wollen uns das zu erhalten, was uns schon mit 15 an Musik fasziniert hat. Dass eine Platte dir alles bedeuten kann, dass sie dich dazu bringt, dich großartig zu fühlen. Und außerdem geht es uns natürlich um den Spaß an der Sache“, berichtet Neil. Hätte seine Sitzgelegenheit eine Lehne, würde er sich jetzt wahrscheinlich entspannt nach hinten fallen lassen. Tatsächlich machen die drei Herren, die über ihr bislang größtes musikalisches Projekt erzählen sollen, den Eindruck, die gegenseitige Gesellschaft sehr zu genießen. Die Johnston-Zwillinge witzeln über ihre höchst unterschiedliche Haarpracht und Simon Neil erklärt nebenbei sein gespaltenes Verhältnis zu New York: „Einmal wäre ich dort fast ertrunken. Das war schon blöd genug, als japsender, käsiger Schottenjunge von einem Rettungsschwimmer aus dem Meer gezogen zu werden. Und als wir vor einem Jahr in New York gespielt haben, wurde ich im Half Nelson von der Bühne entfernt. Ein Typ zog mir dann noch eins mit dem Mikro über und ich weiß nicht mehr genau, wie wir letztendlich einen größeren Kampf vermieden haben. Aber insgesamt habe ich gewonnen. New York und ich werden einfach keine Freunde mehr.“
Ganz so lustig wie das klingt, gehen aber selbst Biffy Clyro die musikalische Karriere nicht an. Als die Band 1997 nach Glasgow umsiedelt, beginnen die Johnston-Zwillinge dort ein Tontechnik-Studium. „Das war aber ebenfalls ein Hobby“, meldet sich Schlagzeuger Ben Johnston zu Wort und erntet erneutes Gelächter. „Wir wollten einfach sicherstellen, dass wir unsere Platten auch aufnehmen können, wenn uns kein Label unter Vertrag nehmen will“, erklärt Simon Neil. Notfalls muss das persönliche Fortkommen eben auch ohne himmlischen Beistand oder Hilfe aus der Hölle organisiert werden.
Ich fühle Mut, mich in die Welt zu wagen,
Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen
Tatsächlich sind Biffy Clyro allerdings nie in eine derartige Notlage geraten. Stattdessen lässt sich in der Arbeitsweise der Band eine fast schon spießbürgerliche Konstanz ausmachen, Farmhäuser in der schottischen Provinz sind da erst der Anfang. Nicht umsonst wählte man für die Aufnahmen zu ‘Only Revolutions’ dasselbe Setting, das auch schon für ‘Puzzles’ funktioniert hat. Erneut saß Erfolgsproduzent GGGarth Richardson am Pult, erneut wählte man die altehrwürdigen Ocean Way Studios in Hollywood als Arbeitsplatz. Der Wandel zwischen den Extremen setzt sich auch in der Wahl der Aufenthaltsorte fort. Von Kilmarnock nach Hollywood ist es nur ein Katzensprung. Trotzdem hat diese Konstellation für Biffy Clyro nur Gutes. „Für uns als Band hat es Vorteile, einen stabilen Rahmen zu haben. Es ist einfach Mist, erst nach drei Wochen im Studio zu merken, dass man aufs falsche Pferd gesetzt hat. Wenn du deinem Umfeld vertraust, ist alles viel einfacher“, wird die Entscheidung zur Wiederholung von Simon Neil kommentiert. Trotzdem ist auf ‘Only Revolutions’ nicht alles gleich geblieben. Die ohnehin griffigen Arrangements ließ sich die Band von niemand geringerem als David Campbell veredeln. Der gute Herr, auf dessen Kaminsims nicht nur mehrere Grammys, sondern seit ‘Brokeback Mountain’ auch ein Oscar verstauben, schraubte Streicher und Bläsersätze in einige der Songs. Darüber hinaus protzt man mit einem Gastauftritt von Queens Of The Stone Age-Frontlatte Josh Homme, der nach der Zusammenarbeit mit den Arctic Monkeys offensichtlich sein Herz für Bands von der britischen Insel entdeckt hat. Allem Promigedrängel im Studio zum Trotz sind es allerdings die exzellenten Lieder, die das neue Album der drei Schotten als ihr Opus Magnum ausweisen. Geradezu beängstigend präzise haben Biffy Clyro die Lücke zwischen komplexen Prog-Rock-Arrangements und purem Pop gefunden und es sich darin gemütlich gemacht. ‘Only Revolutions’ strotzt vor Selbstvertrauen. James Johnston findet das kaum verwunderlich: „Im Laufe der Jahre haben wir gemerkt, dass wir uns und niemand anderem vertrauen können, wenn es um die Band geht. Wir geben uns gegenseitig Mut, denn das ist unsere Band und nicht die von irgendjemand anderem.“ Da können Gott und Teufel noch so viele Wetten abschließen, um das Seelenheil des gutgelaunten Trios ist es vorerst blendend bestellt.
Text: Timo Richard
Heimat: biffyclyro.com
Gott, Satan und Simon Neil
„I talk to god as much as I talk to satan cause I want to hear both sides“, singt Simon Neil in „God And Satan“. Wir haben mal lustig gegen den Datenschutz verstoßen und eine dieser Konversationen per Richtmikrofon abgehört. Dabei waren die Johnston-Zwillinge so freundlich den Part von Gott (James) und den Part des Teufels (Ben) zu übernehmen, um etwaige atmosphärische Störgeräusche zu übertönen.
Gott und Satan über „Only Revolutions“:
Gott: „Jesus Christus! Was soll das denn sein?!“
Satan: „Ich finde die Hälfte der Platte gut.“
Gott und Satan über moderne Rock-Musik:
Gott: „Moderne Rock-Musik ist größtenteils leer, inhaltslos und hat keine Seele. Es gibt zu viele Bands, die einfach nur andere Bands kopieren und denken, sie könnten es auf diesem Wege schaffen. Nach ein paar Platten ist dann Schluss und man geht wieder nach Hause und arbeitet bei McDonald's. Aus Gottes Perspektive ist es manchmal hart zu sehen, dass man etwas so Langweiliges erschaffen hat.“
Satan: „Ich habe all diese Leute in Bands gefangen und jetzt lutschen sie mir den Schwanz. Ha!“
Simon Neil: „Gott kann einem auch etwas Leid tun, weil für ihn nur christliche Metal-Core Bands übrig bleiben.“
Gott und Satan über Biffy Clyros Leben auf Tour:
Gott: „Sie sündigen zwar, aber sind keine großen Sünder. Sie geben sich Mühe und sind nicht selbstgerecht. Man denkt ja oft, dass Gott nur mit denen ist, die nicht sündigen, aber das ist nicht richtig.“
Satan: „Keep up the good work!“
Simon Neil: „Meist sind christliche Bands die übelsten, weil sie nicht offen für andere Lebensstile sind. Es geht nicht um Dialog. Wenn Marilyn Manson angegriffen wird oder Gebetstreffen und Bibellesungen vor dem Eingang der Warped-Tour abgehalten werden, hat das wenig mit christlicher Nächstenliebe zu tun. Richte nicht über Menschen, die du nicht kennst.“
Gott und Satan über das Leben in Schottland:
Gott: „Außer in England wird Schottland eigentlich überall auf der Welt positiv bewertet. Das ist doch schon was.“
Satan: „Ich mag die schottische Schwermut und den überall vorhandenen Zynismus, aber es ist dort viel zu kalt.“
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