- Text: Martin Erfurt
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the offspring
Trio mit zwei Fäusten
Lange nichts gehört aus Huntington Beach. Einerseits geleckte Surfer-Hochburg bei L.A. ist das schmucke Örtchen andererseits von je her auch die Heimat von The Offspring. Die eineinhalb Jahre nach Ende der letzten Tour waren im Lager der Pop-Punk-Institution geprägt von Burn-Out-bedingter Ruhepause, einer Schreibblockade, wenigen Auftritten und einem recht medienwirksamen Zwist mit Guns N'Roses. Nach dem Ausstieg des langjährigen Drummers Ron Welty, der mittlerweile andernorts sein Heil sucht, besteht das Trio The Offspring Ende 2003 aus Songwriter, Gitarrist und Sänger Dexter Holland, Bassist Greg K. und Gitarrist Noodles. Dieser Tage erscheint nun das neue, siebte Album 'Splinter', und damit fast ein Jahr später als ursprünglich angekündigt. Am Strand von Huntington plauderten wir mit Dexter Holland unter anderem über chinesische Demokratie, die hawaiianische Surf-Mafia und Molekularbiologie.
Mehrfachplatin, here we come!
'Presented to Dexter Holland in celebration of multiplatinum worldwide sales of over ten million copies of 'Americana'', steht unter der Platin-Scheibe, die in der Küche des bandeigenen Studios 'D-13' hängt. Den bis zum Bersten gefüllten Kühlschrank daneben ziert der 'MTV Europe Music Award - Best Rock Act'. Überall in den Studioräumen verteilt stehen Edelmetalle in der Form von Tonträgern. 30 Millionen weltweit verkaufte Platten bringen das ja so mit sich. Zusätzlich steht haufenweise irgendwelcher Firlefanz herum: Eine Figur des Hauptakteurs Ash aus dem Horrorkultfilm 'Evil Dead' oder die zu Wachs gewordenen Figuren aus dem Kinderbuch 'Wo die wilden Kerle wohnen', ein Weihnachtsgeschenk von Dexters Frau. Der Songwriter, Strippenzieher und Boss von 'Nitro Records' dekoriert seine Arbeitsumgebung gerne. Die 'D-13'-Parzelle in einem gesichtslosen, 100 Prozent Fußgänger-freien Industriegebiet mit fünfstelligen Hausnummern dient nicht nur als Demo-Studio für viele der 'Nitro'-Bands, sondern auch als Proberaum für The Offspring.
Eine Listening-Session zum neuen Album steht an. Eingeleitet wird das Ganze durch erwartungsgemäß salbungsvolle Worte des Promotionbeauftragten. Vokabeln wie 'amazing' oder 'absolutely fantastic' werden gezielt durch den Kontrollraum geschossen, während einige der Anwesenden sich wohl noch fragen, was Faksimile-Ölschinken von George Washington und von der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung an den Wänden zu suchen haben?! Was dann von Studiotechniker und Tour-Gitarrist Chris Higgins, der das Pseudonym X-13 trägt, in fast ohrenbetäubender Lautstärke dem andächtig lauschenden Grüppchen aus Presseleuten präsentiert wird, sind ein Dutzend Songs, die Dexter Holland beim Interview am nächsten Tag als 'mehr auf den Punkt' bezeichnet. Total abgefahren ist das ja nicht. Hört man oft. Doch damit ist die Frage, ob und was jetzt anders ist bei The Offspring schon einmal im Vorfeld geklärt. Denn mit den zwölf Nummern, die den musikalischen Bogen über schnelle Punk-Songs und Midtempo-Rock zu äußerst Chart-affinen Pop-Tracks spannen, hat man es ja eigentlich trotz klitzekleiner stilistischer Überraschungen mit den üblichen Verdächtigen zu tun - und das muss ja auf keinen Fall schlecht sein.
Hooklines sind auf dem neuen Album wahrlich keine Mangelware. Der Mann mit dem blonden Schopf hat größtenteils schwer erfolgsverdächtige Songs abgeliefert. 'Hit That' als erste Single haut mit blütenweich ins Ohr gehendem Pop-Refrain in Allianz mit recht penetrantem Analog-Synthie und oldschooligem Drumcomputer-Programming schon einmal mehr als gezielt in die im Titel bereits angeführte Kerbe. Eher peinlich berührt fühlt man sich dagegen beim unangenehmen 'The Worst Hangover Ever', einem überflüssigen, albernen Ska-Song.
Wie auf dem Vorgängeralbum wurde auch 'Splinter' von Produzent und Mixing-Papst Brendan O´Brien betreut. Erwartungsgemäß fett und transparent ist der Sound. Backing Vocals steuern als Gäste übrigens Jack Grisham (TSOL) und Jim Lindberg (Pennywise) bei, die auch schon auf der Single 'Pretty Fly (For A White Guy)' zu hören waren.
Noodles' Nest
Eine knappe halbe Stunde fährt man vom Studio über die großzügig angelegten Straßen von Huntington Beach zu einem am Strand gelegenen Haus, in dem die ersten Interviews zum neuen Album stattfinden sollen. Das Wohnmobil von Noodles steht schon vor der Tür. Die Bruchbude, deren Wände innen über und über mit handschriftlichem Gekrakel bedeckt sind, dient ihm als Ausgangspunkt zum Surfen. Bestimmt keine billige Gegend. Blickt man auf den Strand, so kann man einige ältere Ladies mit Goldschmuck beim Powerwalking beobachten. Bizarr.
Noodles, der ja eigentlich Kevin Wassermann heißt, ist wie Dexter professionell gut gelaunt. Greg Kriesel gibt sich eher etwas zurückhaltend. Für die Bandbefragung werden kurzerhand Schlafzimmer und Wohnzimmer zu Interviewsuiten umfunktioniert.
Long time no hear!
'Wenn drei Jahre ins Land ziehen, bis ein neues Album erscheint, dann klingt das so, als hätten wir in der Zwischenzeit faul in der Ecke gelegen', bemerkt Dexter und kommentiert die vergleichsweise lange Wartezeit auf die neue Platte. 'Okay, als wir von der letzten Tour zurückkamen, fühlte ich mich schon etwas ausgebrannt. Ich nahm mir erst einmal ein paar Monate frei und ging die Arbeit an neuen Songs ganz gemächlich an.' Ein Jahr Tour, im Anschluss sechs Monate Songwriting und dann noch mal ein halbes Jahr ins Studio wären nun einmal eine normale Zeit, meint Dexter. Darunter gehe fast nichts! 'Dieses Mal brauchte ich aber auch einfach etwas mehr Zeit für die Stücke. Manchmal kommt beim Schreiben und Rumjammen eben zunächst irgendwie nichts Cooles heraus, du steckst irgendwie fest, und dann muss man eben einfach etwas warten.' Holland in Not.
Mit einem von Anfang des Jahres auf Sommer verschobenen Veröffentlichungstermin im Hinterkopf, beginnt die Band im Januar 2003 mit den Aufnahmen. Doch auch die Studio-Sessions ziehen sich in die Länge, außerdem ist der Bandleader mit dem Resultat noch nicht zufrieden. Noch mehr Songs müssen geschrieben und aufgenommen werden, bis die Produktion schließlich im August abgeschlossen werden kann.
Über die Songs meint Dexter noch nicht so viel sagen zu können. Zum Zeitpunkt des Interviews läge das Ende der Produktion noch nicht weit genug zurück, um die nötige Distanz zu haben. 'Ich denke aber, dass eine Menge von diesem Album wie unser älteres Material klingt. Auf dem letzten Album haben wir ein paar Sachen gemacht wie 'Living In Chaos' oder 'Denial Revisited', die fast schon experimentell waren. Die neue Platte ist wieder etwas direkter geworden. Wir kommen einfach mehr auf den Punkt. Ich habe gleichzeitig etwas Zeit damit verbracht, ein paar der alten Platten anzuhören und wollte den Charme einiger alter Sachen einfangen und in die Gegenwart transportieren. Wie ein Album klingt, ist aber trotzdem keine bewusste Entscheidung. Die Songs sind eher eine Bestandsaufnahme dessen, wo man sich im Leben befindet', so seine Auffassung. Der Albumtitel nimmt dabei Bezug auf Dexters Texte: 'Alle Songs sind irgendwie in der ersten Person, aber derjenige, der da spricht, erscheint fast etwas gestört. Entweder ist er paranoid, deprimiert oder er denkt, die Welt bricht über ihm zusammen.' Nicht unbedingt autobiografisch zu sehen, wie Dexter beschwichtigt.
Wer schnarcht, verliert!
Für Irritationen sorgte die Ankündigung, dass der siebte Studio-Output zunächst als 'Chinese Democracy' angekündigt wurde, ein Titel, den ja auch das seit mehreren Jahren angekündigte Album von Guns N'Roses schmücken soll. Die Idee entstand übrigens, als The Offspring im Studio über relevante Albumtitel sinnierten. Angesprochen auf die Namengebung sagte Dexter damals nur: 'You snooze, you lose.' Und weiter: 'Axl ripped off my braids, so I ripped off his album title.' Die Gegenseite war gar nicht entzückt. In der Folge kursierten sogar Gerüchte, dass drohende Anwälte von Axl Rose sich vor Dexters Haustür ein Stelldichein gegeben hatten. 'Nein, so etwas ist nicht passiert. Es wurden lediglich ein paar Telefonate geführt. Guns N'Roses sagen seit fast zehn Jahren, dass ihr Album 'Chinese Democracy' heißen soll. Das ist doch allmählich echt ein Witz! Ist doch eine gute Idee, dann ihren Albumtitel zu klauen. Wir wollten uns einen Spaß machen. Man kann einen Titel nicht urheberrechtlich schützen. Es gibt so viele Songs, die 'I Love You' heißen. Wie willst du so was schützen lassen? Das Ganze war ein Scherz, wir wollten unser Album von vornherein nicht so nennen.' Bei der Bekanntgabe des richtigen Titels gab die Band dann vor, der Guns N'Roses-Slogan hätte die Produktion zum Erliegen gebracht. Schlechte Vibrationen.
Whatever happened to Ron Welty?
Nach 15 Jahren bei The Offspring nahm Ron Welty, der sich der Band 1987 als 16-jähriges Küken anschloss, seine Drum-Sticks und eröffnete den Mitgliedern, dass er sich zukünftig musikalisch nur noch um seine neue Band Steady Ground kümmern wolle. Heftiges Schlucken war bei den verbleibenden Mitgliedern die Folge. Holland redet jetzt lieber über andere Themen als den Split vom langjährigen Weggefährten. 'Das ist ein unangenehmes Gefühl, hier zu sehr ins Detail zu gehen. Ist eben ein etwas schwieriges Thema. 15 Jahre mit den gleichen Jungs, das ist echt eine lange Zeit. Als wir anfingen, waren wir eigentlich noch Kids und es ist einfach eine Tatsache im Leben, dass man - wenn man älter wird - sich auch auseinander entwickeln kann. Es war eine freundschaftliche Trennung und ohne einen konkreten Grund. Wir wünschen ihm nur das Beste.' Professionelles Handling. Kennt man.
Ersatz war schnell gefunden. Adam 'Atom' Willard. Der Mann trommelte zehn Jahre bei Rocket From The Crypt und hat nun den einst vakanten Posten inne. Erstmal aber nur für die ab Herbst anstehenden Tour-Dates. Auf dem Album kam sowieso kein geringerer als Josh Freese zum Einsatz. Den Hans Dampf in allen Gassen bringt man ja mittlerweile eher weniger mit seiner alten Band Vandals in Zusammenhang. Lässt man mal sein derzeitiges Hauptbetätigungsfeld A Perfect Circle außen vor, so hat Freese es von Mondo Generator und Good Charlotte über Evanescene oder Avril Lavigne bis hin zu fragwürdigen Acts wie O-Town krachen lassen. Freese war sogar bei den oben erwähnten Guns N'Roses zwei Jahre festes Bandmitglied. Das härtet ab.
Don't Fuck with Da Hui!
Zum Song 'Da Hui' hat die Band auf Hawaii einen Video-Clip gedreht. Der Song ist bei weitem der aggressivste des Albums und damit kaum für die normale MTV-Heavy-Rotation oder für das Rock-Radio bestimmt. Bei 'Da Hui' handelt es sich um eine Art Familie aus hawaiianischen Profi-Surfern, die die Nordküste kontrollieren. 'Wenn du nach Hawaii fährst, dann passt du besser mal auf, wo du surfst, denn wenn du in ihrem Gebiet deine Wellen reitest, dann mischen die dich auf', lacht Dexter. Eben das passiert im Video mit Noodles und Dexter als 'dumme, weiße mittelprächtige Surfer-Dudes' (Dexter). Das Video wird als CD-Extra auf 'Splinter' enthalten sein.
Holland Inc.
'Nitro Records', das Dexter und Kriesel 1995 gemeinsam ins Leben riefen, ist - nachdem sich Krisel nach und nach aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hatte - mittlerweile Dexters alleiniges Betätigungsfeld. Neben Rufio, die hierzulande noch als ein Geheimtipp gelten, gehören TSOL, Offsprings alten Helden, nun auch zum Roster des Labels. Bevor A.F.I. zu 'Dreamworks' wechselten, gehörten sie fünf Alben lang zum Aushängeschild von 'Nitro'. 'Es ist aufregend und sehr erfüllend, ein Label zu haben. A.F.I. zum Beispiel haben sich über Jahre zu dem entwickelt, was sie jetzt sind. Ich glaube nicht, dass ihnen das auf einem Major-Label möglich gewesen wäre. Ich konnte ihnen den nötigen Raum zur Entfaltung bieten.' Holland spricht nicht ohne eine gewisse Art von Genugtuung. 'Ich würde niemals sagen, 'oh Mann, das ist allein mein Verdienst, dass die Band gut läuft'. Die sind einfach gut. Natürlich bin ich wirklich glücklich, dass es mir möglich ist, in gewisser Weise ein Teil davon zu sein.'
Obwohl 2001 Gerüchte über einen möglichen Split kursierten, hat Holland nie daran gedacht, die Band aufzulösen. Sollte es dennoch irgendwann nicht mehr laufen, hat er neben der Arbeit für das Label auch noch die Möglichkeit, seinen Masters-Degree in Molekularbiologie zu einem Doktortitel aufzustocken. Um Geld braucht er sich sowieso schon längst nicht mehr zu sorgen. 'Mir geht es schon ganz gut. Das Gegenteil würde mir ja sowieso niemand glauben, oder? Geld ist aber nicht der Grund, warum ich das hier mache. Ich liebe es, in der Band zu sein, diese Musik zu spielen. Die Interaktion mit den Fans, wenn du merkst, dass die wirklich auf deine Musik abfahren, das ist wirklich das beste Gefühl. Das möchte ich weiter machen. Vielleicht noch ein paar Jahre?' Und dann? 'Ich weiß nicht. Wann muss ich aufhören? Es gibt keine Vorschriften diesbezüglich, oder?', so der fast 37-Jährige. 'Auf jeden Fall versuche ich dann, beschäftigt zu bleiben. Ich habe ein Label, vielleicht produziere ich Bands, vielleicht spiele ich auch nur Golf.' Watch it, Tiger Woods!
Diskografie:
The Offspring (1989) *** Ignition (1992) *** Smash (1994) *** The Offspring (1995, Debüt Re-Release) *** Ixnay On The Hombre (1997) *** Americana (1998) *** Conspiracy Of One (2000) *** Splinter (2003)
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