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  • Text: Florian Hayler Bild: Alec Völkel
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korn
Hooray For The USA


Jonathan Davis ist seit sechs Jahren clean und hat trotzdem noch Spaß für Drei. Tagein tagaus cruist der Nu-Metal-Star mit seinem Range Rover durch die Berge seiner kalifornischen Heimat Bakersfield, knallt auf Jagdtrips in Florida mit seiner Großkalibrigen ein paar Wildschweine um und textet zum inneren Ausgleich seine traditionell paranoiden Lyrics. So auch auf der neuen Platte 'Take A Look In The Mirror', die nach Aussage Davis' 'so vibemäßig' direkt neben den Aggrowerken der Frühphase parkt und im Gegensatz zum letztjährigen Bombastflop 'Untouchables' tatsächlich verdammt spontan und ungeschliffen aus den Boxen pumpt. Musikalisch kann (und will) Davis auch heute kaum einer was vormachen, in Sachen Realitätsnähe und Bodenhaftung fehlen dem Guten aber zweifelsohne ein paar Latten am Zaun. Korn ist, wenn man trotzdem lacht.


Jonathan, warum ist 'Take A Look In The Mirror' das wichtigste Korn-Album aller Zeiten?
Es ist ein eindrucksvoller Beweis für die Entwicklung der Band und zeigt, dass wir auch nach so langer Zeit noch für Überraschungen gut sind. Es ist spontan, facettenreich und auf den Punkt. Einfach bang! Es hat echt Spaß gemacht, diese Platte aufzunehmen. 'Untouchables' war im Vergleich zu 'Take A Look...' eine schwere Geburt. Wir haben zu lange überlegt, zu viel in Frage gestellt, zu viel Geld verblasen. Für die neue Platte brauchten wir insgesamt nur vier Monate, dann war sie fertig.


Was macht dir mehr Spaß: ein Album zu produzieren oder die dazugehörigen Vocals einzusingen?
Der Gesang macht am wenigsten Spaß, das ist echte Arbeit. Ich mag es, die Musik zu schreiben, die Arrangements zusammen zu bauen, die richtigen Tonlagen zu finden, sowas. Meine Vocals kommen zum Schluss. Ich gehe einfach rein und mach' mein Ding.


Deine Texte entstehen meist komplett spontan, es heißt, beim neuen Werk hättest du für jeden Song kaum mehr als eine Stunde gebraucht.
Das stimmt. Man hört der neuen Platte auch meine jeweiligen Stimmungen an. Bei 'I'm Alive' fühlte ich mich extrem entspannt und ausgeglichen, bei 'Right Now' hatte ich das Gefühl, die ganze Welt sei gegen mich, also lief ich Amok. Ich kann von einer Sekunde auf die andere von extrem glücklich auf extrem depressiv umschalten, einfach so. Das ist zwar nicht immer von Vorteil, aber für die Platte definitiv hilfreich. Es macht sie spannender.


Vielleicht habe ich mich verhört, aber ich glaube, du hast das erste mal seit langem wieder gebrüllt...
Absolut. Zwei Alben ('Issues', 'Untouchables') lang habe ich nur depressiv vor mich hin gejammert, jetzt habe ich all die Aggression rausgelassen, die sich im Laufe der Produktion angestaut hatte. Ich hatte einen Arsch voll Probleme, mit Geschäftspartnern, meiner Sippe, meiner Freundin... Es gab eine Menge Ärger, und ich musste mir dringen Luft machen.


Ist dein privater und beruflicher Erfolg deine Rache an all jenen, die dir dein früheres Leben zur Hölle gemacht haben?
Definitiv. Das ist der ultimative Fuck-Finger an alle, die mir meine Kindheit versaut haben. Ob ehemalige Mitschüler oder Sandkastenbuddys, niemand hätte erwartet, dass ich oder meine Band eines Tages so unglaublich erfolgreich sein würde. Aber trotzdem: Mit meiner ganzen Kohle kann ich mir dennoch kein Glück kaufen. Es gibt immer noch so viel Scheisse, die mich beschäftigt und so massive Probleme, die mich überall hin begleiten, dass ich all meinen coolen Besitz gar nicht richtig genießen kann. Mein Erfolg ist also ein zweischneidiges Schwert.


Du bist also trotz deines Vermögens nicht wunschlos glücklich?
Keineswegs, Mann, im Gegenteil. Viel Geld bedeutet, einen Haufen zusätzlicher Probleme am Hacken zu haben. Man kann einfach kaum noch jemandem vertrauen. Ich weiß nie, aus welchen Gründen sich die Leute mit mir einlassen, ob sie mein Geld, meine Frau oder etwas von meinem Ruhm abhaben wollen. Freunde zu finden, ist wirklich schwer, deshalb sind die meisten Celebrities auch sehr einsame Menschen. Wegen all meiner Kohle habe ich jetzt Probleme, die ich ohne sie nicht hätte. Manchmal wünschte ich mir, völlig unerkannt in ein Restaurant zu gehen und einfach nur ungestört zu Abend essen zu können.


Würdest du dich als reich bezeichnen?
Nein. Dafür gebe ich zu viel Geld aus. Ich kenne Leute, die haben viel mehr Geld als ich. Die sind wirklich reich, unglaublich reich sogar! Ich meine, ich habe ein nettes Haus und mir geht's echt gut, aber ich lebe trotzdem immer noch von Paycheck zu Paycheck. Vielleicht sind meine Ausgaben höher als die von anderen, aber glaub' mir: Wenn das alles hier vorbei wäre, müsste ich mir 'nen Job suchen. Ausgesorgt habe ich noch lange nicht.
Spendest du für wohltätige Zwecke?
Klar, ständig. Ich spende für Einrichtungen, die sich um missbrauchte Kinder kümmern oder die 'Make A Wish'-Foundation, die todkranken Kindern ihren letzten Wunsch erfüllt. Ich war dort schon ein paar Mal, und es ist schon seltsam, jemanden gegenüber zu treten, dessen größter und letzter Wunsch es im Leben ist, mich zu treffen. 'Make A Wish' ist der beste aller wohltätigen Vereine. Meine Schwester hat Multiple Sklerose, und wir werden demnächst ein Benfizkonzert zu Gunsten einer MS-Forschungseinrichtung spielen. Ich versuche schon zu helfen, wo ich kann, und wo es mir sinnvoll erscheint.


Würdest du all dein Geld und den Ruhm für deinen inneren Frieden eintauschen?
Darüber sollte ich mal nachdenken... Ich meine, ich liebe das, was ich tue, von A bis Z, um das mal deutlich zu sagen. Aber ich glaube... Ja, ich würde alles für meinen inneren Frieden eintauschen. Ich habe mich mein Leben lang nach innerer Ausgeglichenheit gesehnt: Einfach den Kopf aufs Kissen legen und wegpennen zu können, den ganzen Kopfmüll zu vergessen... Das wäre das Größte!


Bist du dir bewusst, dass Nu-Metal nicht mehr so hip ist wie noch Ende der Neunziger? Macht dir das Angst? Ist die Halbwertzeit eures Genres überschritten?
Das ist mir scheissegal, darüber denke ich nicht nach. Ich bin der Meinung, dass das Genre 'Nu-Metal' nur erfunden wurde, um all die Bands zu kategorisieren, die nach uns kamen und genauso klingen wollten wie wir. Korn gehören diesem Genre nicht an, denn wir waren die Initialzündung dafür. Alle anderen Kapellen sind nur recycelte Korn und haben nichts besonderes oder eigenständiges, so sehr sie sich auch bemühen. Wir waren Nu-Metal, bevor der Sound populär wurde, und wir werden es auch bleiben. Alle anderen werden Pop, wir werden härter.


Wie groß ist der Unterschied zwischen Songs von Jonathan Davis und Korn-Stücken? Deine Soundtrackbeiträge zu 'Queen Of The Damned' oder das Neil Diamond-Cover 'Love On The Rocks' brechen aus dem Bandsound aus.
Das stimmt. Die Korn-Jungs sind individuell völlig unterschiedlich, und nur wenn wir gemeinsam Musik machen, kann das rauskommen, was unsere Band ausmacht. Ich persönlich stehe total auf unseren Sound, aber auch auf ganz andere Sachen, Duran Duran und so, oder eben Neil Diamond. Ich würde alles dafür geben, Duran Duran produzieren zu dürfen. Ich hing neulich mit Simon (Le Bon, Sänger) ab und wollte ihm einen Deal besorgen. Jetzt, da sie sich im Original-Line-Up wieder vereinigt haben, liebe ich sie abgöttisch. Ich bin eben mit diesem New Romantic-Zeug aufgewachsen, das ist meine wahre Leidenschaft. Ich höre den Heavy Shit erst seit Panteras 'Vulgar Display Of Power'.


Wie ist dein Verhältnis zu anderen Künstlern deines Kalibers? Gibt es Leute, die du respektierst und zu denen du aufschaust?
Sehr wenige. Ich respektiere Ozzy, Manowar oder Metallica. Die haben ihr Ding durchgezogen, egal aus welcher Ecke der Wind wehte. Für aktuelle Trends interessiere ich mich eigentlich überhaupt nicht. The Darkness sind momentan angesagt, oder? Ein Gimmick...


Ist der Streit zwischen dir und Chino (Moreno, Deftones-Frontmann) mittlerweile beigelegt? Chino äußerte sich ja noch vor wenigen Wochen wenig überzeugt von deinen Texten.
Ach weißt du, ich liebe die Deftones, ich liebe Chino, aber er ist einfach ein verbitterter Kerl. Er hat seine Meinung, ich habe meine, belassen wir's dabei.


Hast du immer noch Schiss, selbst Auto zu fahren?
Nein, Mann, überhaupt nicht. Seit ich vor sechs Jahren mit Drogen und Alkohol aufgehört habe und anfing, meine Medizin zu schlucken, fahre ich wie ein junger Gott. Früher hatte ich panische Angst, wenn ich hinterm Steuer saß, aber meine Süße hat mich dazu ermutigt, es nochmal zu versuchen. Ich liebe meine Autos. Ich habe einen Bentley, einen neuen Range Rover für die Berge und einen... ähm... Porsche. Ich liebe deutsche Karren, das sind die besten Autos. Die Deutschen machen sowieso alles am besten. Gibt es österreichische Autos?


Nein, nur österreichische Panzer.
Wow, I'm sure they make some Kick-Ass-Tanks. Die Heckler & Koch-Knarren kommen auch aus Österreich, oder? Das sind die besten. Ich liebe Waffen. Ich liebe Präzisionsschießen und Long-Distance-Shooting auf sich bewegende Ziele. Ich trage meine HK-Handgun immer mit mir rum. Hier allerdings nicht.


Bist du denn auch Mitglied in der NRA (National Rifle Association)?
Klar, seit meinem elften Lebensjahr. Und ich habe es nie bereut.


Teilst du also nicht Marilyn Mansons Bedenken aus 'Bowling For Columbine'?
Ich habe den Film nie gesehen, also kenne ich auch Mansons Einstellung zu Waffen nicht. Ich bin der Meinung, eine bewaffnete Bevölkerung ist eine friedliche Bevölkerung.


Dann sind dir sicher Ted Nugents Meinung und sein Hobby, die Jagd, näher...?
Klar. Neulich war ich das erste Mal zur Jagd, in Florida. Das war zu einer Zeit, als ich mit meinem Wohnmobil kreuz und quer durch die Staaten geheizt bin, um Inspiration und Zeit für die neuen Texte zu haben. Ich habe ein Wildschwein geschossen. Den Kopf habe ich ausstopfen lassen und ihn an meine Wand gehängt. Ich liebe die Jagd, ich liebe Knarren. Da bin ich leidenschaftlich bei der Sache.


Würdest du dich als Patriot bezeichnen?
Nicht unbedingt. Ich hätte aber für Arnold Schwarzenegger gestimmt, wenn ich dazu gekommen wäre. Ich musste aber im Studio sein und an den Songs arbeiten. Schwarzenegger is awesome.


Du bist mit der Ex-Pornodarstellerin Deven Davis verbandelt. Dein Nightliner ist von einer Pornofirma gesponsort. Du machst keinen Hehl daraus, dass du dir stundenlang Hardcore-Filme reinziehst. Du gehst sehr offen mit deiner Sexualität um. Das ist für einen Amerikaner bemerkenswert.
Ich stehe einfach auf den ganzen Porno-Kram, und mit meiner Freundin habe ich endlich eine Person gefunden, die diese Liebe teilt. Aber es stimmt: Ich gehe wirklich offen mit meinen Vorlieben oder Komplexen um und lasse die Fans auch daran teilhaben. Es wäre doch bescheuert, irgendwas verbergen zu wollen. Ich lasse ja auch jeden meine Meinung über Religion wissen, indem ich mir diese Motive hier (zeigt auf seinen rechten Arm) habe stechen lassen. Hier zwingt ein Priester eine Nonne zur Abtreibung, hier kriegt ein Ministrant vom Priester einen Blow Job und hier...


...Zeigen diese Bildchen lediglich deine Abneigung gegenüber dem Christentum oder hast du etwas gegen Religion im Allgemeinen?
Letzteres. Sämtliche Kriege der Menschheit waren oder sind in den verschiedenen religiösen Glaubensrichtungen begründet. Es ging immer nur um 'Mein Gott ist besser als dein Gott'-Fehden. Völliger Schwachsinn, sowas. Man sollte sich nicht von einer Religion leiten lassen, sondern von seinen inneren Bedürfnissen.


Welche dieser Tätowierungen hat Fred Durst...
Keine! Gott sei Dank. Ich habe gesehen, was er meinen Bandkollegen angetan hat. Das hat mir gereicht. Niemals würde ich den mit 'ner Nadel an mich ranlassen.


Der neue Song 'Y'all Want A Single' ist eine verbale Ohrfeige für eure Plattenfirma, oder?
Oh, yes it is! Mein Gott, wie uns deren Gewinsel nach einer passenden Single auf den Sack ging, das glaubst du nicht. Wir schickten sie nach Hause. Wir sind eben keine Single-Band, und wir werden es auch niemals sein. Am Anfang dachte ich, der Titel ist echt bescheuert, aber je mehr ich darüber nachdenke... Vielleicht sollten wir das Stück als Single auskoppeln.


Dank an: Carlos Oberlechner, Robert Zigmund, Jakob Kranz


Interview mit James 'Munky' Shaffer unter sallys.net


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