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  • Text: Martin Erfurt
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lostprophets
Die neue Bescheidenheit


Neben einem Rugby-Team, das in der Welsh Premier League spielt, erfüllt die Bewohner des walisischen Städtchens Pontypridd vor allem mit Stolz, dass ihr Ort schon mindestens drei waschechte Superstars auf die Musikszene losgelassen hat. Da wären zuerst einmal die beiden Komponisten der walisischen Nationalhymne 'Hen Wlad Fy Nhadau' namens Evan und James James, und zum anderen der weitaus bekanntere, sogar weltweit erfolgreiche 'Tiger' Tom Jones. Mit den Lostprophets wollen nun noch sechs weitere Musiker in die örtliche Rock'n'Roll-Hall of Fame einziehen.


Number Of The Beast
Etwas übernächtigt sitzt Lostprophets-Sänger Ian Watkins in seinem Kölner Hotelzimmer mit der Nummer 666. Vergeblich wartet er auf den Anruf zum Telefoninterview. Unmöglich, das Zimmer von außen anzuwählen. Warum, bleibt mysteriös. In der vorangegangenen Nacht hat Ian sich bloß hin- und hergewälzt im Bett. 'Ganz schön unheimlich, was? Ich habe gestern Nacht schon etwas Schiss gehabt und habe dann auch prompt verdammt schlecht geschlafen. Ich dachte, ich bekäme vielleicht doch Besuch vom Teufel', meint der sympatische Kerl, der unbedingt über das zweite Album seiner Band sprechen möchte. 'Start Something' heißt die Platte und bietet nahezu alles, was die Waliser in den Genres Metal, Punk, Rock oder Pop an Verwertbarem finden konnten.


Welsh Stew
Komplettiert wird das Propheten-Team von den Gitarristen Lee Gaze und Mike Lewis, Bassist Stuart Richardson, Drummer Mike Chiplin sowie Turntable-Rocker Jamie Oliver. Kann nicht passieren, dass man die Youngsters fälschlicherweise als US-Bande klassifiziert. Zu unkonventionell, zu eigen, wirkt der walisische Eintopf. Die Lostprophets bewegen sich mit gleicher Geschwindigkeit gleichzeitig in mehrere verschiedene Richtungen, aber ohne, dass das Ganze im Chaos endet. Ungewohnt schwer fällt dementsprechend ein Katagorisierungsversuch aus. Geradezu überrollt fühlt man sich manchmal angesichts der Vielfalt musikalischer Zitate aus denen die Band trotzdem etwas Eigenes macht. Poppig schmeichelt sich ein Song ins Ohr, um plötzlich und unerwartet eine Gitarren-Breitseite abzufeuern. Unüberhörbar ist dabei ein Achtziger- und Frühneunziger-Spirit.
'Ich glaube, die Musikszene ist mittlerweile sowieso da angekommen, wo viele Bands machen, was sie wollen und verschiedene Elemente kombinieren. Diese Einteilung in Genres und Sub-Genres hat mittlerweile einen lächerlichen Sättigungspunkt erreicht. Bis zu einem gewissen Grad ist es okay, wenn Bands klassifiziert werden', meint Sänger Ian Watkins auf den Stil angesprochen. 'Man kann immer Referenzen angeben, die Bands mit anderen vergleichen, um ihren Sound zu beschreiben. Müssen aber unbedingt Genres neu erfunden werden?' Mit Bands wie Faith No More, Megadeth oder Metallica sind die Sechs aufgewachsen, gleichzeitig zählen sie aber auch Eighties-Pop wie Duran Duran, Depeche Mode oder The Police zu ihren Haupteinflüssen. Und das hört man auch. 'Eine Menge unserer Fans hören Bands wie Glassjaw, Thrice, The Used oder auch Linkin Park und Muse. Der Lostprophets-Fan ist ziemlich open-minded', beschreibt Ian die Hörerschaft des Sextetts.


Alle Bandmitglieder sind gemeinsam aufgewachsen. Das scheint zumindest bei dieser Band ein Garant zu sein, dass die Bandchemie wunderbar funktioniert. Probleme, die aus einem derart großen Line-Up entstehen, kennt Ian nicht: 'Dass wir in unserer Band ein halbes Dutzend Mitglieder haben, war eigentlich nie ein Problem. Wenn dich bei sechs Leuten einer nervt, dann hängst du eben mit einem der anderen ab. Auch, was die verschiedenen Meinungen angeht, kommen wir gut klar. Jeder gibt einfach seinen Senf dazu, und dann entscheiden wir, was das Beste für den Song ist.' So einfach kann Banddemokratie sein. Trotzdem tut sich besonders Ian durch seine Aktivität hervor. 'If you want it done properly, do it yourself?, scheint sein Motto zu sein. Der Frühzwanziger kümmert sich nicht nur um den Gesang und die Lyrik, sondern bestreitet auch noch einen nicht unwesentlichen Teil der Pressearbeit, entwirft das Album-Layout, übernimmt die Pflege der Homepage und gestaltet das Merchandise. Ob einfach nur ein DIY-Maniac oder eher schon ein Control Freak, der nichts aus der Hand geben kann, bleibt offen.


Raus aus 'Ponty'
Dass Wales als ihr Heimatland den Bandsound unbedingt geprägt hat, denkt Ian nicht. Um so mehr aber wohl die Ambitionen und ihren Antrieb, der Kleinstadtidylle den Rücken zu kehren und die Welt erobern zu wollen. 'Wir haben eine wirklich starke Arbeitsauffassung und als Band einen immensen Antrieb. Und das kommt sicher davon, dass wir aus diesem kleinen Ort kommen. Zu einem gewissen Grad kann man unsere Herkunft wahrscheinlich schon hören. Wir versuchen aber nicht, großartig darüber nachzudenken. Wir machen einfach unser Ding.'
Wie schon im Album-Titel 'Start Something' angedeutet, geht es laut Ian auch inhaltlich auf der Platte 'in erster Linie darum, seinen Arsch hoch zu kriegen und etwas mit seinem Leben anzufangen. Das ist ein Thema, das sich durch das ganze Album hindurchzieht. Außerdem wollten wir eben nach dem Debüt nun auch sagen: 'Hey, we're back, so klingen wir wirklich, jetzt nehmt Notiz von uns!''


That was then...
1997 gegründet, gibt die Band 2001 ihren Einstand mit 'The Fake Sound Of Progress', einem mit einem Minimal-Budget von 4.000 Pfund produzierten Werk, das sich - hierzulande kaum wahrgenommen - im Vereinigten Königreich für die Band völlig überraschend 140.000 Mal verkauft und auch noch den 'Kerrang'-Award 'Best New British Band 2001' einfährt. Die Lostprophets touren drei Jahre mit dem Album in Europa mit so unterschiedlichen Acts wie Muse oder Linkin Park. Vor 5.000 Zuhörern spielt die Band Ende 2002 ihre bis dahin größte Headliner-Show. Aber auch in den USA kann man Achtungserfolge erzielen.
Das Debüt, das zunächst lediglich dazu bestimmt ist, auf Shows verkauft zu werden, war und ist laut Ian bei allem kommerziellen Erfolg 'nicht in vollem Maße repräsentativ. Wir waren sehr jung, alle so um die 19 damals, hatten nicht genug Zeit und nicht das Geld, um wirklich das zu realisieren, was uns vorschwebte. Im Großen und Ganzen wussten wir eigentlich nicht wirklich, was wir da taten, wir hatten einfach nur Spaß.'


...and this is now!
Die Band, die für das Debüt das erste Mal ein professionelles Studio für eine Woche nutzen kann, hat bis dahin ihre Demos in Bruchbuden aufgenommen. Gänzlich andere Voraussetzungen dann beim zweiten Longplayer. Nachdem die Band mit Nine Inch Nails- und Smashing Pumpkins-Producer Alan Moulder ein paar Tracks aufnimmt, wird die Zusammenarbeit jedoch wegen anderweitigen Aktivitäten Moulders nicht fortgeführt, und das Sextett verbringt ein halbes Jahr mit dem Produzenten Eric Valentine in dessen Studio in Los Angeles. Zu Valentines Credits zählen unter anderem die Queens Of The Stone Age, Good Charlotte und Smash Mouth. Ian blickt auf die Studiozeit zurück: 'Der Rest der Band ging nach vier Monaten, aber ich und Jamie blieben noch zwei weitere Monate, um Vocals aufzunehmen und anderen Kram zu machen. Das war wunderbar. Wir konnten alles mögliche ausprobieren, mit Sounds experimentieren. Es gab weder Zeitdruck, noch irgendwelche Zwänge. Wir hatten die Freiheit, das Album zu machen, das wir machen wollten.' Als Newcomer derart aus dem Vollen schöpfen zu können, davon träumt so manche etablierte Band.


Kleine musikalische Brötchen zu backen, ist bei den Prophets indes nicht unbedingt angesagt. Möglichst groß und episch sollte das Album diesmal werden. 'Bei 'The Fake Sound...' hatten wir schon diese Vorstellung, aber wir konnten sie nicht wirklich realisieren. 'Start Something' klingt einfach wesentlich größer und ist nun auch weit homogener als der Vorgänger. Mittlerweile haben wir richtige Songs mit guten Refrains. Das ist ein großes Rockalbum, das von Kids gemacht wurde, die viel Thrash-Metal und Eighties-Pop gehört haben. Man findet große Ideen, große Ideale, und die Platte hat einen sehr epischen Touch. Trotzdem haben wir eine gewisse rauhe Kante erhalten.' Da meint man doch glatt, einen Mike Shinoda von Linkin Park schwärmen zu hören.


In der Gesamtheit zeichnet sich das Album dadurch aus, dass es eine durchaus eigene Note besitzt. Bei manchen musikalischen Zitaten scheint es aber auch bisweilen so, als hätten die sechs Waliser sich etwas zu offensichtlich von anderen Bands des härteren Genres inspirieren lassen. Ist das eine Gitarre von Blink 182, die da 'Last Train Home' ganz im Stil von 'What's My Age Again' einleitet? Oder ist der Anfang von 'Make A Move' schlichtweg von Linkin Park geklaut? Dreist ist das in gewisser Weise ja schon. Sorge, dass jemand die Band bei manchen Nummern als Kopie anderer Acts sehen oder andererseits die Mischung manchen Hörer überfordern könnte, hat Ian sowieso nicht. 'Wir schreiben die Songs, die wir mögen, egal welcher Sound oder Stil es ist. Ja, vielleicht fühlen sich die Hörer manchmal irgendwie in die Irre geführt, weil die Songs oft so unterschiedlich ausfallen, aber deswegen machen wir uns keine Gedanken. So sind wir eben. Das Album muss man sowieso als Ganzes hören. Wenn das jemand nicht mag, okay. Wir sind eben keine berechenbare Band, die zwölf Tracks lang den gleichen Scheiss spielt. Den roten Faden, der sich durch alle Songs zieht, haben wir allemal. Und zudem unseren eigenen Sound. Es ist uns wichtig, das zu machen, wonach uns der Sinn steht. Letzten Endes machen wir die Musik ja für uns.' Nicht beschönigen will Ian die Tatsache, dass der ehemalige Faith No More-Frontmann Mike Patton einen sehr deutlichen Einfluss auf seine Gesangsperformance gehabt hat. 'Definitiv ist das der Fall. Einfach schon deswegen, weil ich mit Faith No More aufgewachsen bin. Wenn ich jetzt Melodien entwerfe, dann kommen dabei ähnliche Harmonien heraus. Nicht mit Absicht, sondern eben unbewusst.'
Ob das Album nun bloß 'Epic' ist oder auch schon den Status 'The Real Thing' zu sein für sich beanspruchen darf, muss jeder selber für sich entscheiden.


Sympathische Ehrlichkeit geht bei den Prophets auf jeden Fall Hand in Hand mit einer Unbekümmertheit, wie sie wahrscheinlich nur von der Insel kommen kann. Für die Single 'Burn Burn' coverte man eher zufällig die Strophe von der Seal/Adamski-Kooperation 'Killer'. 'Ich arbeitete gerade Melodien im Kopf aus, unter anderem auch diese. Der Rest der Jungs meinte, dass das irgendwie bekannt klingen würde. Irgendwann kamen wir dann darauf, dass das 'Killer' von Seal war.' Als eine Art Hommage an diese Zeit sieht die Band nun den Song, den alle Bandmembers noch gut aus ihrer Zeit als Kids kennen. Auf etwaige Copyright-Verstöße pfeift man erstmal. 'Das war uns egal. Wenn Seal uns anruft und Geld haben will, dann geben wir ihm eben, was wir damit verdient haben. Das sind dann vielleicht so ungefähr 50 Pence', sagt Ian.


Vokale Unterstützung für 'Last Train Home' holte die Band sich übrigens bei einigen Mitgliedern von Good Charlotte, die im Studio vorbeischauten, um ihrem Produzenten Eric Valentine kurz mal Hallo zu sagen. 'Wir kannten sie von mehreren Shows. An dem Tag waren wir gerade mit den Backing-Vocals beschäftigt und brauchten dafür so viele Leute wie möglich. Die Jungs halfen spontan aus. Das war keinesfalls geplant, bloßer Zufall', sagt der Sänger.


Das Rauschen im Blätterwald
Schon zum Debüt musste sich die Band einiges von der UK-Presse gefallen lassen. Mit Lob zunächst überschüttet, schoss sich ein Teil der Medien darauf ein, dass die Band doch einfach etwas zu gut aussehen würde, um das nötige Maß an Hartwurst-Kredibilität aufzuweisen. Hübsche Gitarrenschwinger ziehen eben nach wie vor nicht nur Sympathien auf sich. 'Ich denke, man wollte uns einfach ärgern. Sollte es nicht eigentlich egal sein, wie du aussiehst? Steht nicht die Musik im Mittelpunkt? Die Presse in Großbritannien kann sehr ekelhaft sein, wenn es darum geht, Bands groß zu machen, nur um sie dann später wieder nieder zu prügeln. So ist das eben da. Damit musst du als Band klarkommen.'


Wonder, what's next
Entspannt und geläutert sieht Ian dann auch jetzt die Zukunft der Band. Einerseits wolle man einfach mal abwarten, was in nächster Zeit so passiere, 'andererseits träume ich von dem, was ich gerade tue, nun schon fast mein ganzes Leben. Und ich würde echt verdammt gerne eine Platin-Scheibe haben und Millionen von Platten verkaufen. Jeder will das doch, oder? Wir haben immens viel Spaß momentan, so viel ist klar. Alles andere passiert, oder es passiert eben nicht.' Angenehm, dass sich mal jemand explizit traut, einzugestehen, dass Verkaufszahlen ihm eben nicht egal sind. Genau wie bei vielen europäischen Bands ist auch bei den Lostprophets die Tendenz auszumachen, die Dinge einfach 'gerade heraus' zu sagen. Eine Eigenschaft, die vielen US-Bands leider abzugehen scheint. 'Ich denke, dass europäische Bands definitiv ehrlicher sind mit dem, was sie tun und sagen als viele der amerikanischen Bands. Eine Menge von denen erzählt eben oft, was am besten klingt. Die Interviews sind immer gleich und sehr klinisch. Außerdem haben sie ihre vorgefertigten Antworten, und alles ist sehr Business-mäßig, wohingegen eine Menge der europäischen Bands einfach Spaß haben. They don't give a fuck! They're just like 'this is who we are and we'll say what we want!'?.


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