incubus
Friede, Freude, Eierkuchen
'Koffein und LSD', das sind die Lieblingsdrogen der Incubus-Mitglieder Brandon Boyd und Mike Einziger. Zumindest Letzteres dürfte derzeit tabu sein, schließlich gilt es mit 'A Crow Left Of The Murder' den Nachfolger des 2001er Mehrfach-Platin-Albums 'Morning View' zu promoten, und da machen sich kosmische Ausfallerscheinungen à la Albert Hoffmann doch eher schlecht. Zumal für Gesprächsstoff auch ohne neues Album schon reichlich gesorgt wäre: Bassist Dirk Lance hat die Band verlassen, und Brandon debütiert dieser Tage als Buchautor...
Eigentlich möchte man Brandon Boyd als Mann ja hassen. Es waren schließlich Typen wie Boyd, die in der Schule beim Sportlehrer einen Stein im Brett hatten und die Blondine aus der Parallelklasse dateten, von der man selbst nur (feucht) zu träumen wagte. Ja, genau so einer ist er, der Boyd. Normalerweise. Heute eher nicht so: Der Incubus Front-Beau trägt den Fuß in Gips, nachdem er sich 'auf eine unglaublich dumme und bizarre Weise' bei der Gartenarbeit die Achillessehne durchtrennt hat. Brandons von den Strapazen des wochenlangen Promo-Marathons gezeichnetes Gesicht und sein Outfit aus labberiger grüner Strickjacke und speckiger Jeans machen den Eindruck komplett - auch Supermänner haben schlechte Tage.
Außerdem ist es auch relativ schwer, jemanden zu hassen, der seinem Gegenüber so freundlich und allürenfrei entgegen tritt wie Brandon. Der Sänger strahlt die ruhige, sanfte Selbstsicherheit desjenigen aus, der sich und anderen nichts mehr beweisen muss, und entpuppt sich im Gespräch als aufmerksamer Gesprächspartner. Brandon Boyd - ein Sunnyboy mit Tiefgang. Side-kick Mike Einziger macht den leicht verhutzelten Eindruck eines zerstreuten Professors, ist ansonsten aber ganz der höfliche, zuvorkommende Ami. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Munter necken sie sich mit kleinen Frotzeleien, spielen sich die Bälle zu und sind wohl tatsächlich vor allem eines: sehr gute Freunde.
Überhaupt scheint Freundschaft das Schlüsselwort zum Verständnis der Band zu sein. Es liegt ein langer Weg mit einigen Besetzungswechseln hinter dem Fünfer aus dem beschaulichen San Fernando Valley (Kalifornien), seit die Schulfreunde Jose Pasillas (Drums) Alex Katunich aka Dirk Lance (Bass) und Mike Einziger (Gitarre) ihren Mitschüler Brandon Boyd baten, doch einmal bei einer ihrer gemeinsamen Sessions vorbeizukommen, zu denen sie sich seit einiger Zeit treffen. Boyd ist zunächst verwundert ob der ihm zugedachten Position des Sängers. Ein besonderes musikalisches Talent hat der 15-Jährige bisher noch nicht bei sich entdecken können. Nein, was den jungen Mann wirklich interessiert - und das seit seiner Kindheit - ist die Malerei. Trotzdem geht Brandon natürlich hin, schließlich sind Einziger und Pasillas seine besten Freunde.
Brandon Boyd: Niemals hätte ich gedacht, ich könnte Talent als Musiker haben. Mike hat damals schon hervorragend Gitarre gespielt, aber ich wollte immer Maler werden. Keine Ahnung, warum sie mich überhaupt in die Band aufgenommen haben, singen konnte ich auf jeden Fall nicht. Vielleicht mochten sie mein Haar (lacht).
Mike Einziger: Genau so war's: 'Hey, du hast coole Haare, komm doch mal zur Probe!' (lacht). Nein, in der Gegend, in der wir aufgewachsen sind, gab es außer Surfen und Skaten nicht viel zu tun, und in irgendeinem Sommer - die Wellen waren wohl gerade schlecht - begannen wir dann, Musik zu machen, statt zu surfen. Es war einfach eine andere Möglichkeit für uns als Freunde, miteinander abzuhängen, ohne uns zu langweilen. Deshalb spielte es auch keine Rolle, ob Brandon singen konnte oder nicht. Er gehörte einfach dazu. In Millionen Jahren hätten wir damals nicht gedacht, dass wir 13 Jahre später hier sitzen würden, um über unsere Musik zu sprechen. Und wenn ich darüber nachdenke, kommt es mir auch ganz schön verrückt vor.
Und mit dem Gesang hat es ja dann auch noch geklappt.
Brandon: Danke. Ich habe wirklich hart gearbeitet und viel gelernt. Wir alle haben viel zusammen und voneinander gelernt.
Dann hattest du also nie Unterricht?
Brandon: Nicht wirklich. Als ich 15 war, bin ich eine Zeit lang zu so einem Typen in Wooden Hill gegangen. Das war ein ziemlich abgefahrener Spinner mit einem riesigen weißen Afro.
Mike: Stimmt, der Typ war der Hammer! Die weißen Haare wuchsen ihm sogar büschelweise aus der Nase. Ich hatte ihn schon vergessen (lacht).
Brandon: Auf jeden Fall meinte er, ich sollte eines meiner Lieblings-Tapes begleiten. Ich also mit meinem Steve Miller-Band-Tape zum Unterricht und los. Er war ganz begeistert: 'Ja cool, du triffst die Töne, du hast den Beat! Jetzt sing noch so, als ob du scheissen müsstest. Stell dir vor, du sitzt auf dem verdammten Klo.' Das war das Einzige, was er mir beigebracht hat: Schließmuskeltraining (lacht). Auf unseren ersten Platten bin ich also hauptsächlich damit beschäftigt, mir vorzustellen, ich würde auf dem Klo sitzen und kacken (fällt fast vom Stuhl vor Lachen).
Normalerweise sind derart drastische Allegorien ja nicht eben nett, aber wenn man schon drauf gebracht wird, hat der Gedanke durchaus seinen Reiz: die unbeholfenen Rap-Versuche der Anfangstage als das Resultat einer simulierten Darmentleerung - nicht schlecht! Auf den ersten Platten nämlich ist Boyd lange noch nicht der überragende Sänger, als den wir ihn heute kennen. Erst mit dem '99er Album 'Make Yourself' und vor allem dem Nachfolger 'Morning View' gelingt es ihm, sich von seinem Vorbild Mike Patton zu emanzipieren. Bis dahin haben Incubus zwei LPs und eine EP lang bewiesen, dass den Großtaten der Chili Peppers oder von Faith No More im Genre Crossover nichts hinzuzufügen ist - musikalisch gut, künstlerisch belanglos.
Dann aber der Quantensprung mit einem Erfolgsrezept, das auch schon den Peppers den Weg aus der Sub-Genre-Sackgasse wies: Die Band entdeckt den Pop. Es sind schöne und eigenständige Songs wie die 'Make Yourself'-Auskopplung 'Drive', die der Band zwar die üblichen Vorwürfe der Basis, aber ansonsten ein Millionenpublikum einbringen. Incubus haben sich künstlerisch gefunden, die dezenten Scratches von DJ Chris Kilmore, Einzigers filigrane Gitarrenteppiche, vor allem aber die fein austarierten, emphatisch fließenden Wohlfühl-Melodien Boyds, werden zum Markenzeichen. Einziger Wermutstropfen: Im Incubus-Klanguniversum perlt alles so wunderbar lässig-elegant-gekonnt daher, dass die Truppe mitunter - vor allem live - hart an der Grenze zur Langeweile vorbei schrammt. Ecken und Kanten - Fehlanzeige. Das Gros der Alternative Rock-Fans kann sich aber mit der perfekten Benutzer-Oberfläche aus dem Sonnenstaat ganz hervorragend arrangieren, so dass Incubus zur allseits geliebten Konsens-Band mutieren. Heavy-Rotation allerorten ist angesagt.
Dass sich die Truppe auf der folgenden Endlos-Tour nicht in den bekannten Celebrity-Fallstricken verheddert, liegt, laut Brandon, vor allem daran, dass 'sich die Dinge für uns sehr langsam und natürlich entwickelt haben. Berühmt zu werden, war auch nie unsere Hauptmotivation. Wenn du Musik machst, um ein Rockstar zu werden, dann bist du aus den falschen Gründen im Geschäft. Die Herausforderung bestand für uns stets darin, zu lernen, besser an unseren Instrumenten zu werden. Dieser Spirit und unsere Freundschaft sind die Basis von allem, was wir tun. Sie tragen dazu bei, dass der Erfolg keinem zu Kopf steigt.' Und so wie er das sagt, klingt es gar nicht nach der Phrasendrescherei, die es auf dem Papier natürlich ist. Das zentrale Wort auch hier: Freundschaft.
Allerdings sind die Fünf klug genug zu wissen, dass auch die beste Freundschaft durch zuviel Nähe überstrapaziert werden kann, und so gehen nach Tourende erst einmal alle ihrer eigenen Wege. Neben der üblichen 'Zeit, die nötig war, um wieder ins normale Leben mit Familie und Freunden zu finden', nutzen Mike und Brandon die Pause auch für kreative Seitensprünge. So spielt ersterer einige Parts auf dem zweiten Nelly Furtado-Album ein: 'Keine große Sache, sie ist eine liebe Freundin und fragte mich, ob ich Zeit hätte.' Ein weitaus ambitionierteres Projekt verfolgt derweil Brandon: Mit 'White Fluffy Clouds' legt der Sänger eine beeindruckende Sammlung aus Tour-Impressionen in Bild und Wort, Prosa und seinen besten Kunstwerken in Buchform vor. Hier wird klar, dass wir uns bei Einziger für seine Hartnäckigkeit, Brandon in die Band zu holen, bedanken dürfen - der Mann hätte es durchaus auch als Künstler zu etwas bringen können.
Insgesamt neun Monate verbringt die Band mit Hobbys und der Re-Organisation des Privatlebens, dann geht es wieder los.
Bei der letzten Scheibe hattet ihr dieses Haus am Strand gemietet, was später auch eine zentrale Rolle in der Berichterstattung spielte und dessen Atmosphäre euch offensichtlich stark beeinflusste. Gab es jetzt wieder so einen speziellen Ort?
Brandon: Mike hat auch ein schönes Haus, wir schrieben und probten die Songs in seinem Wohnzimmer. Zwischendurch machten wir eine Pause, spielten die 'Lollapallooza-Tour' - was eine gute Möglichkeit war, das neue Material zu testen, und feilten im Anschluss - wieder bei Mike - die letzten Feinheiten aus. Aufgenommen haben wir alles in Brendan O' Briens Studio in Georgia. Das dauerte noch einmal zwei Wochen.
Das ist verdammt schnell...
Mike: Es gibt eine Menge Gründe, warum wir diesmal so schnell waren. Der wichtigste ist, dass wir einen neuen Bassisten haben. Ben Kenney (Ex-The Roots) hat eine unglaubliche kreative Energie in die Band eingebracht. Eigentlich ist es ja eher etwas Traumatisches und Lähmendes, wenn du ein Mitglied verlierst. In diesem Fall hat sich durch Ben jedoch alles sehr schnell zum Positiven gewandelt. Und dann war da noch (Produzent) Brendan O'Brien, unser Traumkandidat.
Diese Wahl hat mich ein bisschen überrascht, weil Brendan ja eher für diesen dreckigen, grungy Rock-Sound bekannt ist und ihr ja bisher sehr clean und differenziert geklungen habt.
Mike: Deshalb haben wir ihn ausgewählt. Ich mag zwar unsere bisherigen Platten, aber wir haben es nie hinbekommen, im Studio die selbe rauhe Energie einzufangen, die wir haben, wenn wir im Proberaum stehen. Mit Brendan sind wir unserer Vorstellung des optimalen Incubus-Sounds so nah gekommen wie noch nie.
Diese Einschätzung ist allerdings nur bedingt nachzuvollziehen. 'A Crow Left Of The Murder' beinhaltet zwar einige wirklich schöne Songs, ist aber leider auch in Teilen die Band-typische Langeweile auf hohem Niveau. Vor allem aber ist das Album genauso clean und brav produziert wie alles Vorhergehende. Die von seinen Arbeiten mit etwa Pearl Jam bekannte rotzige Handschrift O'Briens ist quasi nicht existent. Trotzdem wird man Incubus nicht mit einer vorschnellen Weichspüler-Aburteilung gerecht. Dies gilt für die Musik und vor allem für die Menschen, wie sich im letzten Teil unseres Gesprächs herausstellt. Als Gesellschaftskritiker mit philosophischem Tiefgang waren Einziger und Boyd bisher ja eher weniger aufgefallen, und so ist es eine angenehme Überraschung, die beiden in einem Exkurs über psychologische Massenmanipulation durch US-Medien zu hören:
Einer der neuen Songs heißt 'Agorophobia'. Soweit ich weiß, wird damit die Angst bezeichnet, sich aus der gewohnten Umgebung zu entfernen. Müssen wir uns Sorgen um deine Psyche machen, Brandon?
Brandon: Die Kernzeile des Songs ist der Refrain, in dem ich immer wieder singe: 'I wanna stay inside, I wanna stay inside for good.' Ich kam auf die Idee zu diesem Text, als mir auffiel, dass die Berichterstattung - speziell in den amerikanischen Medien - immer mehr darauf basiert, die Angst der Leute zu schüren. Angst vor Terrorismus, Angst vor deinem Nachbarn, Angst vor ungesunden Lebensmitteln. Das hat, speziell seit dem 11. September, richtiggehend Methode.
Diese Tendenzen sind natürlich besonders gefährlich für eine Gesellschaft, deren Werte auf Freiheit basieren.
Mike: Ich will jetzt hier den Bogen nicht zu weit spannen, aber mein Eindruck ist, dass beinahe alle modernen Systeme auf Angst aufgebaut sind. 'Wenn du dies oder jenes tust, kommst du in die Hölle.' Ein Leben, in dem sich alles nur noch um Angst dreht, ist aber meiner Ansicht nach ein sinnloses.
Brandon: Ich würde nicht sagen, dass es sinnlos ist. Es ist aber Verschwendung und eine Quälerei. Ich meine: Hey, es gibt da draußen so viel zu erleben. Hängt nicht nur vor dem Computer und surft im Internet, geht raus, kauft eure Platten in Läden, und nicht bei Amazon. Trefft Leute, real time!
Leider bieten das Internet und moderne Computer, neben vielen Vorteilen, auch die Möglichkeit, Menschen zu kontrollieren, zu manipulieren und vor allem zu beschäftigen. So lassen sich ungestört repressive gesellschaftliche Veränderungen durchsetzen.
Brandon: Genau da liegt die Gefahr. Und dazu wird es kommen, wenn es so weiter geht. Deshalb ist es die Aufgabe von Künstlern und allen Personen des öffentlichen Lebens, klare Stellung zu beziehen. Die Leute müssen aufwachen, wenn sie ihre Zivilisationen schützen wollen. Diese Dinge sind zu wichtig, um sie der Politik zu überlassen.
Später am Abend, ein kleiner Club irgendwo in Köln. Die Plattenfirma hat einen dieser Fan-Abende mit Album-pre-listening und anschließender Fragestunde organisiert. Die Fans, so scheint es, mögen die neuen Songs. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass mehrere hundert Leute dicht aneinander gedrängt (tapfer) bis zum letzten Ton ausharren. Der Vorraum ist derweil wie leer gefegt. Im Anschluss kommen Einziger und Boyd auf die Bühne. Ein langer Tag neigt sich dem Ende, die beiden haben zehn Stunden Interviews hinter sich. Mit humorvoll-souveräner Gelassenheit stellen sie sich trotzdem den teilweise unglaublichen Fragen: 'Ihr seid ja sehr esoterische Menschen, was ist in spiritueller Hinsicht der Unterschied zwischen dem neuen und dem letzten Album?' Der Saal brüllt, die Fragestellerin ist sichtlich verunsichert. Brandon nimmt das Mikro: 'Hey, lacht sie nicht aus, das ist eine sehr gute Frage.' Ohne eine Spur Ironie. In diesen Momenten - Professionalität hin oder her - wünscht man sich, dass der Sänger nur einmal Zähne zeigen würde. Brandon wirkt dann sehr müde. Und irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass es ein Teil von ihm allen recht machen will. Eine Eigenschaft, die sich bisweilen auch in der Musik seiner Band widerspiegelt.
Brandon Boyd: 'White Fluffy Clouds', Hardcover, 96 Seiten, zu beziehen über www.brandonboydbooks.com (35 Dollar)
ANZEIGE
