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Bild: Smoke Blow
  • Text: Florian Hayler
  • Fotograf: Ben Wolf
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Smoke Blow
Im Streichelzoo of Death


So ist das mit über 30. Das Studium ist erfolgreich abgeschlossen, der Ratenkredit für das eigene Kampa-Häuschen am Dorfrand endet bei stabiler Wirtschaftslage schon im Herbst 2041 und unterm Dach üben die Kinder Geige. Klingt vertraut? Nun, ich als Strick würde ihnen Hornbach empfehlen.

Keine Sorge, Kids, es geht natürlich auch anders. Schaut euch zum Beispiel mal die bunt tätowierten Seebären von Smoke Blow an, die sich ihren Zwieback mit den hübschen Zicklein im Tierpark Gettorf teilen. Die Herren nullen auf Sicht zum vierten Mal, und im Gegensatz zu vielen ihrer Altersgenossen ist in deren Leben und Betten noch lange keine Eiszeit ausgebrochen. Zu verdanken haben das Stil-Ikone Jack Letten, der eloquente MC Straßenköter und ihre Bandkollegen vor allem drei Dingen. 1. Sie haben erfolgreich vermieden, zu früh die falsche Frau zu heiraten. 2. Sie verdienen sich ihre Brötchen nicht mit Jobs, die ihre Eltern für sie ausgesucht haben und 3. Sie treffen sich regelmäßig an den Instrumenten, um Druck aus dem Kessel zu lassen und den Alltag im Krach zu ersticken. Ein entscheidender Vorteil gegenüber ihren Pre-Midlifcrisis-geplagten Altersgenossen, denen aus Mangel an Lärm und Leidenschaft meist nur der Alkohol bleibt.

Im Grunde sind Smoke Blow also das, was es in jedem Ort ab 3.000 Einwohner aufwärts gibt: eine Feierabendkapelle, wenn auch eine nicht sonderlich trinkfeste. Gleichzeitig haben sich Smoke Blow aber trotz oder gerade wegen ihrer „Hobbythek-mäßigen“ Bandphilosophie vom obskuren Party-Schreck zu einer der heftigsten und kompromisslosesten Hardcore/Punk-Bands der Nation entwickelt. In ihrer sieben Alben umfassenden Karriere sind Smoke Blow nie auch nur einen halben Meter auf gut gemeinte Ratschläge oder Imagetipps eingegangen und vereinen nicht zuletzt deshalb Kult, Charakter und Charisma wie keine andere Combo – und zwar weltweit (um mal eben einen alten SB-Schlachtruf reanimiert und sich der wesentlichen Fakten entledigt zu haben)!

Aber was macht ihn aus, diesen „Charakter“? Wie wird ein vom Schönheitsgott als Basismodell ausgestattetes Ensemble zum Kult? Wer zum Henker sympathisiert mit sechs älteren Herren, die ihr Gehirn beim Besteigen eines Tourvehikels auf Autopilot schalten und als erste Amtshandlung den letzten Funken von Moral, Anstand und Manieren über Bord kippen? Die Antwort darauf ist so simpel wie einleuchtend: Smoke Blow haben es sich mit ihrer polarisierenden, kantigen Art und ihrer großen Fresse nicht nur mit diversen Bands, sondern auch mit sämtlichen Szenepolizisten und Mitläufern komplett verscherzt, was ihnen landesweit neben einigem Respekt auch ordentlich Sympathiepunkte bei der gut vernetzten Fraktion der Mainstream-Verweigerer einbringt: Wer sich der SB-Army anschließt, der tut das aus voller Überzeugung. Deshalb tanzt zu den akribisch auf Krawall gebürsteten Smoke Blow-Hymnen aus Punk, Hardcore, Metal und Doom auch keine trendgesteuerte Hipster-Mischpoke, sondern ausnahmslos ein lärmliebender Mob, der weiß, dass man nach einem Abend mit Smoke Blow meist leicht verbeult die Haustür aufschließt.

Und so bläst die Fan-Gemeinde dem unkaputtbaren Holsteiner Wolfsrudel auch im zwölften Bandjahr noch gehörig Wind in die Segel, was die Herren dazu beflügelte, ihr neues, schlau betiteltes Album ‘The Record‘ anzugehen. Regel Nummer Eins war in diesem Fall - genauso wie bei den bisherigen sechs Alben auch - alles anders zu machen, sämtliche Erwartungshaltungen zu ignorieren und die totale stilistische Häutung einzuläuten. Entsprechend radikal verabschiedeten sich Smoke Blow vom Pop und Melancholie getränkten Vibe des Vorgängers ‘Colossus‘ und begannen einen heißen Flirt mit ihrer alten Liebe, dem hymnischen Hardcore – ungefähr so, wie sie ihn anno 2003 auf ihrem Klassiker ‘German Angst‘ verankert haben. Was seinerzeit ob der Haken schlagenden Tempowechsel und dem unwiderstehlichem Groove als Quantensprung im bandeigenen Klangkosmos bezeichnet werden musste, klingt heute – nach zwischenzeitlichen Ausflügen in die Welt des Wave und Party-Punk – wieder nach gut vernutetem Trademark-Core aus der Smoke Blow-Werft: Gedoppeltes Gekeife, auf der Rasierklinge tanzende Riffs und ein Trommelgewitter wie aus den finstersten Tiefen der Galaxis. Wenn irgendwas für ordentlich Seegang im Kleinhirn sorgt, dann das hier.

Grund für die Rückbesinnung auf alte Werte waren neben dem limitierten musikalischen Horizont („Unsere Songs sind immer nach Schema F gestrickt. Die Akkordfolgen sind immer die gleichen, da muss man gar nicht um den heißen Brei herumreden.“) auch die Erkenntnis, dass man mit ‘Colossus‘ das Ende der Fahnenstange erreicht hatte – musikalisch wie inhaltlich. Blieben also zwei Möglichkeiten: Aufhören oder einen radikalen Kurswechsel einläuten und das nächste SB-Kapitel aufschlagen. Für Jack Letten lag die Entscheidung klar auf der Hand: „Die Herausforderung war, es wieder spannend für uns zu machen. Und auf der Suche nach Inspiration haben wir unsere alte Metal- und Hardcore-Spielwiese wiederentdeckt“, erklärt der 39-Jährige. „Wir wussten gar nicht, dass wir das noch können – an heftigen Stücken feilen und dabei Aspekte wie Eingängigkeit und Pop-Appeal völlig auszublenden. Hätten wir versucht, das auch noch in das Album zu integrieren, wären wir gescheitert. Oder ich wäre mit einem Nervenzusammenbruch in der Klinik gelandet.“ Für die Fans von Alben wie ‘777 Bloodrock‘ oder natürlich ‘German Angst‘ dürfte die von Ex-Jingo De Luch-Gitarrist Tom Schwoll produzierte und von Alex Newport (At The Drive-In) in New York gemischte ‘The Record‘ somit die willkommene Rückbesinnung auf alte Werte darstellen, während die Party-Fraktion diesmal auf Hymnen wie ‘Hollywood Mystery‘ oder ‘Iron In My Soul‘ leider verzichten muss. Adieu Mainstream, altes Haus.

So heftig die neuen Stücke auch ausgefallen sein mögen, innerhalb der Band herrscht eine Harmonie wie selten zuvor. Dabei ist es ein nicht zu unterschätzender Kraftakt, sechs Männer plus Anhang plus völlig gegensätzlicher Job- und Familienplanung minus den leisesten Anflug von Kompromissbereitschaft auf Kurs zu halten, geschweige denn auf einen gemeinsamen Nenner zu eichen. Das Rezept von Smoke Blow, das den sympathischen Tante Emma-Laden am nimmermüden Laufen hält, ist in Anbetracht der offensichtlichen Planungshürden relativ simpel: Es gibt nur einen Boss! In diesem Fall heißt der Jack Letten und ist eigentlich ganz nett. Letten ist auch derjenige, der mit frischen Hits aus seiner pechschwarzen Feder die Kompassnadel auf den neuen, alten Kurs justierte und sich sowieso immer die meiste Arbeit aufhalst. Das dickste Stück vom Kuchen bekommt er trotzdem nicht. Bei Smoke Blow wird alles gerecht verteilt, jedenfalls manchmal. Und so kam es Letten diesmal sicher nicht ungelegen, dass sich ein anderes SB-Mitglied für ’The Record‘ kreativ einbringen wollte und vor allem: konnte!
Vorhang auf und Applaus für MC Straßenköter, der erstmals zwei Songs zu einem SB-Album beisteuerte und der auf Grund seiner Sozialisation mit Hardcore-Helden wie RKL, Bad Brains oder Poison Idea für diesen Job mehr als geeignet war: Letten musste die Stücke namens ’Lost Son Of The Ark‘ und ’Ice Wolf‘ also nur noch durchwinken.

Letten, fiel es dir leicht, die Songs deines Kollegen abzusegnen?
Letten: Diesmal war ich ganz glücklich darüber, nicht noch mehr Texte schreiben zu müssen. Außerdem bin ich froh für den Kleinen, dass er mal was für sein Ego tun konnte.
MC Straßenköter: Vielleicht habe ich die acht Jahre in der Band aber auch gebraucht, um so etwas überhaupt zu können. Ich bin ja kein gelernter Musiker, sondern mehr oder weniger Quereinsteiger.
Letten: Auf „Dark Angel“ und „Colossus“ hätten seine Stücke auch nicht wirklich gepasst, aber das neue Album war eine Steilvorlage für seinen Stil. Seine Songs haben so etwas Ungestümes, Unreflektiertes und sind angenehm spontan. Ich bringe das heute nicht mehr so locker wie der, dafür bin ich viel zu verkopft. Köter hat die Songs in einem Rutsch eingesungen, und ich saß da, rot vor Wut... Ich muss zugeben: Ich war schon ein bisschen neidisch.

Ist „The Record“ das Album, das der Band quasi den zweiten Frühling beschert? Einige hatten ja schon gehofft, dass ihr endlich mal abdankt.
Letten: Pech gehabt. Ich meine, natürlich hat man ab und zu die Schnauze voll und natürlich fragt man sich nach einem Konzertwochenende mit 50 Euro Reingewinn auch schon mal, was das alles soll. Aber nach zwei, drei Tagen ist das alles verflogen und man bekommt wieder Bock auf den Proberaum und darauf, an neuen Liedern zu schnitzen.
MC Straßenköter: Smoke Blow sind aber keine Band, die sich über die „nächsten Karriereschritte“ unterhält oder große Pläne schmiedet. Wir sind total bauchgesteuert und unreflektiert was unsere Musik oder unsere Zukunft angeht. Es gibt auch keine Ego-Probleme oder Machtkämpfe. Wenn wir mal miteinander reden, dann meistens nur Müll.
Letten: Ich weiß nur, dass wir seit „777 Bloodrock“ nicht mehr so viel Spaß an einer Platte hatten wie an „The Record“, deshalb schaue ich auch ziemlich optimistisch in die Zukunft. Was sollte ich sonst auch anderes machen? Eine Soloplatte? Mit Akustikgitarre auf Lesereise gehen? Das kann ich doch gar nicht! In dem Metier ist doch gar kein Platz mehr für den guten alten Letten. Das Terrain hat doch Thees Uhlmann schon abgegrast. Da bliebe mir wohl nur noch die Karriere als Rummeltätowierer.

Text: Florian Hayler
Heimat: smokeblow.de


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